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Kolumne

Big Data – Freund oder Feind?

Ausgabe 3, 2017

Nutzen Sie das Internet? Haben Sie ein Smartphone und tragen es immer bei sich? Kommunizieren Sie über WhatsApp? Haben Sie einen Google-Account? Liken Sie auf Facebook? Oder twittern Sie in die Welt? Nutzen Sie eine Kreditkarte oder eine Kundenkarte?

Herzlich willkommen in der schönen neuen Big- Data-Welt. Seit geraumer Zeit taucht allgegenwärtig der Begriff Big Data auf. Gibt man ihn in Suchmaschinen ein, erscheint auf der ersten Seite die Frage „Was ist Big Data?“ Bei Wikipedia liest man: „Der aus dem englischen Sprachraum stammende Begriff Big Data bezeichnet Datenmengen, welche zu groß, zu komplex und zu schnelllebig strukturiert sind, um sie mit manuellen und herkömmlichen Methoden der Datenverarbeitung auszuwerten“. Was steckt tatsächlich hinter dem Begriff Big Data? Google kennt Ihre Sorgen, Ihre Interessen und Ihr nächstes Urlaubsziel. WhatsApp weiß, mit wem Sie kommunizieren. YouTube weiß, welche Videos Sie betrachten und Instagram kennt Ihr gepostetes Leben. Über „Hello Barbie“ weiß Mattel, was im Kinderzimmer gesprochen wird und der smarte Fernseher blickt in Ihr Schlafzimmer. Facebook kennt Sie besser als Ihre Freunde und Amazon weiß schon heute, was Sie morgen kaufen werden. Das System Big Data registriert unser Leben in allen seinen Verästelungen. Erhoben werden persönliche und private Daten permanent, immer und überall. Doch wozu? Wir alle, die Nutzer des Internets, die Verbraucher und Konsumenten, sind die Quelle des kostenlosen Daten-Rohstoffs für einen neuartigen Produktionsprozess: die Vorhersage unseres menschlichen Verhaltens. Die Big-Data-Industrie strebt deshalb nach einem Echtzeitmodell unseres täglichen Lebens. Dafür braucht und nutzt die Big-Data-Industrie einen gänzlich neuen Rohstoff: unsere Daten. Die daraus resultierenden Geschäftsmodelle und Kommerzialisierungsprozesse sind risikoarm und schaffen Milliardengewinne. Nicht umsonst sind die Konzerne aus dem Silicon Valley die weltweit wertvollsten Unternehmen an den Börsen. Hinter Big Data verbirgt sich ein milliardenschwerer Markt, der im überwiegend rechtsfreien Raum wurzelt und gedeiht. Wir erleben eine neue Form der Überwachung, eine Form, die kommerziell motiviert ist, weniger politisch. Oder etwa doch? Automatisierte Twitternachrichten von eigens dafür programmierten Social- Media-Accounts, sog. Chatbots, haben im Vorfeld der Brexit-Abstimmung massiv Stimmung für einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union gemacht.

Das von Trump engagierte Datenauswertungsunternehmen Cambridge Analytica rühmt sich, an seinem Wahlerfolg maßgeblich beteiligt gewesen zu sein. Wurden mithilfe der Big Data, durch sogenanntes Nudging (deutsch: „schubsen“), hunderttausender personalisierter Facebook-Newsfeeds die Wähler der US-Wahlen gezielt beeinflusst? Eine Überprüfung ist schwierig, der Erfolg aber sichtbar. Plötzlich findet ein schon seit den 1930er-Jahren bewährtes Modell der Persönlichkeitsanalyse neue, bisher ungeahnte Einsatzmöglichkeiten. Der Psychologe Michal Kosinski hat ein verifiziertes Verfahren entwickelt, das eine Anwendung des Ocean- Modells an Facebook-Konten ermöglicht. Cambridge Analytica hat sich seiner Erkenntnisse bedient. Ab 70 Likes sagt die Software die Persönlichkeit eines Nutzers besser voraus als dessen Freund, nach 150 Likes ist der Computer besser als Eltern oder Geschwister in der Persönlichkeitsprognose, nach 300 Likes liefert die Software eine prägnantere Persönlichkeitsanalyse als der Partner. Der durchschnittliche Facebook-Nutzer hat 227 Likes. Weltweit gibt es 1,79 Milliarden aktive Facebook-Nutzer. Mark Zuckerberg hat es offen ausgesprochen: „Privacy is obsolete“. Müssen wir nun auch mit Meinungsbeeinflussung über die sozialen Medien bei den Bundestagswahlen 2017 rechnen? Vermutlich ja. Unter den Followern deutscher Spitzenpolitiker tummeln sich bereits eine Masse an Social Bots und Fake-Accounts. Das Auseinanderhalten von echten und falschen Informationen gestaltet sich immer schwieriger. Durch die konstante technische Weiterentwicklung der Bots sind auch diese oft kaum noch von menschlichen Usern zu unterscheiden. Als Meinungsroboter verfälschten sie in wichtigen Wahlkampfmomenten das tatsächliche Stimmungsbild.

Was wir heute erleben, ist die vollkommene Transparenz unseres privaten Lebens. Big Data stellt die Prinzipien der Selbstbestimmung über psychisches und soziales Leben in Frage, ebenso unser Verständnis vom politischen System. Unsere Privatsphäre und unser Selbstverständnis von Freiheit stehen vor der völligen Auflösung, indem die Geschäftsmodelle der Big Data die Souveränität des Menschen angreift.

Die digitale Welt, das Internet, ist rechtlich gesehen ein privatwirtschaftlich organisierter öffentlicher Raum. Es ist deshalb schwierig, nach einer kurzfristigen staatlichen Regulierung zu rufen, aber es ist höchste Zeit, die Würde des Menschen, den Wert und das Recht auf Privatsphäre gerade in der schönen und bequemen Big- Data-Welt zu verteidigen.