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Fortbildung

Umgang mit MRSA-infizierten Patienten in der Zahnarztpraxis

 

Sanierung der Rachen- und Mundschleimhaut

Ausgabe 3, 2017

Methicillin-resistente Staphylococcus aureus-Keime stellen deutsche Krankenhäuser zunehmend vor größere Herausforderungen. Dabei ist die Zahl der übermittelten MRSA-Infektionen 2013 im Vergleich zu 2012 zwar leicht gesunken, es ist jedoch auffällig, dass die Universitätskliniken kein einheitliches Konzept in der Bekämpfung des Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus-Keimes führen1. Daneben sind die zahnärztlichen Kollegen in der täglichen Praxis mit der Frage konfrontiert, wie man mit MRSA-infizierten Patienten am besten umgeht.

Staphylococcus aureus (Staph. aureus) und vor allem seine Methicillin-resistente Form (MRSA) stellen eine Gefahr für betroffene Patienten dar. Beide Formen sind Problemkeime bei nosokomialen Infektionen. Unter dem Begriff nosokomiale Infektionen versteht man Erkrankungen, die zum Zeitpunkt der Aufnahme ins Krankenhaus noch nicht vorhanden waren. Diese Krankenhausinfektionen verlängern den Aufenthalt im Krankenhaus, belasten den Patienten und können sogar zum Tod führen.

20 bis 30 Prozent der Bevölkerung tragen das Bakterium Staphylococcus aureus auf der Haut oder im nasalen und oropharyngealen Bereich. Der Hals-Rachen-Raum gilt dabei als typische Kolonisationsnische des Menschen, weshalb Abstriche in diesem Bereich genommen werden. Hierbei löst es keinerlei Beschwerden aus, sondern kolonisiert lediglich den Patienten3. Diese Träger sind also nicht akut erkrankt und müssen daher nicht mit einer Intensivversorgung (etwa mit Antibiotika) therapiert werden.

Auch wenn solche Keimträger selbst nicht erkrankt sind, sind sie durch die Übertragung eine Gefahr für Dritte. Da die Bakterien manchmal bereits Resistenzen gegen wichtige Antibiotika entwickelt haben könnten, ist es schwierig, die Keimträger keimfrei oder zumindest keimarm zu machen.

Dagegen kann das Bakterium bei Patienten mit einem generell schwachen Immunsystem oder zum Beispiel nach operativen Eingriffen schwerwiegende Komplikationen und Infektionen hervorrufen. Auch Patienten, die dialysepflichtig sind oder an Diabetes mellitus leiden, sind für Staphylococcus aureus-Infektionen prädisponiert.

Implantate als Besiedlungsnische? Neuere Studien geben Hinweise darauf, dass Bakterien und möglicherweise auch Staph. aureus zu Titanoberflächen, wie zum Beispiel bei oralen Implantaten, eine besondere Affinität aufweisen. Diese hohe Affinität entsteht aufgrund der rauen Oberfläche des Titans5. Aus diesem Grund stellen neben den parodontalen Taschen auch die immer häufiger in der Mundhöhle vorkommenden Implantate sowie die periimplantären Taschen eine optimale Brutstätte für solche Bakterien dar. Bisher beziehen sich jedoch alle Untersuchungen auf den Nasen-Rachen-Raum. Parodontale Taschen, die prinzipiell ebenfalls eine ideale Brutstätte für Keime und Mikrobiome darstellen, sind – nach Wissen der Autoren – bisher nicht bei Staph. aureus-Trägern explizit auf die Kolonisation mit Staph. aureus untersucht worden.

Sanierungskonzepte. Jeder Patient fürchtet sich vor MRSA, weitläufig bezeichnet als Krankenhauskeim. Allerdings ist nur wenigen bewusst, dass es sich dabei um die Methicillin-resistente Form des Staphylococcus aureus handelt. Theoretisch müsste man Staph. aureus, wenn er in zu hohen Mengen vorhanden ist, bereits bekämpfen, bevor er resistent wird. Dies ist prinzipiell bei den erwähnten Brutstätten auch mit antiseptischen Lösungen möglich, welche auch bei den Sanierungskonzepten zur Dekolonisierung von MRSA genutzt werden.

Es sollte hier beachtet werden, dass der Keim – auch wenn er gegen Antibiotika resistent ist – durchaus durch Antiseptika, die einen anderen Wirkmechanismus haben, abgetötet werden kann. Das gilt natürlich nur für solche Besiedlungsorte, die lokal, also mit antiseptischen Lösungen oder Salben zu erreichen sind.

Antibiotikaresistenzen. Um Staphylococcus aureus systemisch abzutöten, wird in der Regel ein ?-Lactamase-festes Penicillin (z. B. Methicillin) eingesetzt. Einige Bakterien sind allerdings aufgrund einer chromosomal kodierten Resistenz immun gegen diese Antibiotika, sodass die Antibiotika nicht die gewünschte Wirkung erzielen. Staphylococcus aureus mit dieser Resistenz werden als Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA) bezeichnet. Hinsichtlich der Infektionsprävention ist daher schon die lokale Dekolonisierung von MRSA-infizierten Patienten von großer Bedeutung. Allerdings gibt es immer wieder Unklarheiten bezüglich geeigneter Sanierungskonzepte. In Deutschland sind vor allem die Behandler an den Kliniken mit der Frage konfrontiert, welches Vorgehen gegen MRSA am geeignetsten ist.

Übertragung verhindern. Des Weiteren besteht vor allem bei reinen Trägern (also Nicht-Erkrankten) das Ziel, die Übertragung des Keims auf andere – auch das Praxisteam – zu verhindern. Zum Standardverfahren der Sanierung einer MRSA-Besiedlung in Kliniken gehören Maßnahmen im nasopharyngealen Bereich und auf der Haut. Zusätzlich sollte eine Isolation der mit MRSA infizierten Patienten in Einzelzimmern erfolgen.

Bei nasalen Besiedlungen wird in der Regel das topische Antibiotikum Mupirocin als Nasensalbe genutzt. Mupirocin ist das am besten untersuchte topische Antibiotikum. Zur Reduktion oder Eradikation des Keims auf der Haut werden antiseptische Ganzkörperwaschungen durchgeführt. Bei Befall des Rachens und der Mundhöhle wird der Gebrauch von desinfizierenden Mundspülungen empfohlen.

Gerade dieser Bereich ist für das zahnärztliche Behandlungsteam von großer Bedeutung. Es liegen jedoch zurzeit keine In vivo-Studien vor, die sich mit der Wirksamkeit von Dekolonisierungsmaßnahmen für den oralen und pharyngealen Bereich beschäftigt haben, obwohl es sich bei diesem Bereich um einen häufigen MRSA-Kolonisationsort handelt. Auch dem Thema Implantate und deren Taschen, die sich möglicherweise auch als Kolonisationsorte herausstellen, muss man immer mehr Beachtung schenken.

Mundspülungen. Angesichts der sehr dürftigen Datenlage werden häufig Produkte eingesetzt, die in das Portfolio von Kliniken gehören, die aber höchstens auf In vitro-Studien basieren oder es werden Wirkstoffe herangezogen, die nur prinzipiell antibakteriell oder bakterizid wirken. Im praktischen Gebrauch kommen zur Dekolonisierung Mundspüllösungen mit Wirkstoffen wie Octenidin, Triclosan oder Chlorhexidin zur Anwendung, wobei in der Literatur kein direkter klinischer Vergleich bezüglich der Effektivität zu finden ist. Interessant ist die Tatsache, dass in neueren Studien auch in bestimmten ätherischen Ölen (z. B. Teebaumöl) ein vielversprechender Wirkstoff gegen MRSA gesehen wird, deren Effektivität sich allerdings bisher nur in vitro nachweisen ließ9. Im Rahmen der Recherche wurden die Sanierungskonzepte verschiedener Universitätskliniken mit antiseptischen Mundspüllösungen im Mund-Rachen- Bereich gezielter untersucht und gegenübergestellt. Im Folgenden sind diese in Tabelle 1 dargestellt.

Dabei wird deutlich, dass es vor allem bei der Auswahl und Anwendungsfrequenz der Mundspülprodukte Unterschiede gibt. Einige Universitätskliniken veröffentlichen keine eigenen Sanierungskonzepte, andere wiederum verweisen auf MRSA-Portale (MRSA-net. de, eursafety.eu) oder Empfehlungen des jeweiligen Bundeslands. Nur wenige publizieren ein eindeutiges Schema, wie sie bei MRSA-besiedelten Patienten vorgehen. Möglicherweise existieren auch nur über Intranet abfragbare Konzepte.

Konkretes Konzept. Das Augenmerk der Recherche lag speziell auf Universitätskliniken, die ein konkretes Konzept vorweisen. Auf eine Anfrage bei 35 Unikliniken in Deutschland erhielten wir von nur zwölf eine Rückmeldung oder konnten Verweise auf ein Sanierungskonzept auf der jeweiligen Internetseite entdecken. Alle Universitätskliniken favorisieren folgende antiseptische Mundspüllösungen: chlorhexidinhaltige wie z. B. Chlorhexamed ® oder Octenidol®, ProntOral® oder Betaisodona ®.

Die Unikliniken Frankfurt, Lübeck, Heidelberg, Magdeburg, Rostock und Tübingen verweisen in ihren Sanierungskonzepten auf chlorhexidinhaltige Mundspüllösungen. Octenidol® wird in den Unikliniken Bonn, Homburg, Essen, Frankfurt, Greifswald, Köln, Lübeck, Marburg, Rostock und Tübingen zur Bekämpfung gegen MRSA vorgeschlagen. Auffallend ist, dass viele Unikliniken eine Auswahl an Antiseptika zur Sanierung der Mundhöhle aufzählen und sich auf keine Mundspüllösung festlegen.

Chlorhexidin, der Wirkstoff verschiedener Präparate, besitzt eine bakterizide und bakteriostatische Wirkung. CHX ist noch bis zu zwölf Stunden nach Anwendung in der Mundhöhle gegen Bakterien wirksam und gilt daher in seiner 0,1- bis 0,2-prozentigen Konzentration als der Goldstandard der antibakteriellen Mundspülprodukte in der Zahnmedizin10. Der Speichel selbst hat nach der Anwendung fünf Stunden lang eine antibakterielle Wirkung. Durch die elektrostatische Anziehung zwischen dem kationischen Chlorhexidin-Molekül und der anionischen Oberfläche der Bakterienzelle kommt es durch Austritt des Zytoplasmas zum Zelltod. Die Mundspüllösung ist gegen verschiedene gramnegative und grampositive Bakterien wirksam, sodass sie auch gut bei MRSA als Antiseptikum genutzt werden kann. 97 Prozent der Bakterien sind kurz nach der Anwendung von chlorhexidinhaltigen Antiseptika in der Mundhöhle nachweislich eliminiert.

Octenidol® besitzt den Wirkstoff Octenidin, welches zu der Substanzgruppe der quartären Ammoniumverbindungen gehört. Es verfügt über eine bakterizide und fungistatische Wirkung. Die erstgenannte Eigenschaft trifft sowohl auf grampositive als auch auf gramnegative Bakterien zu. Auch Viren werden durch Octenidin abgetötet. Octenidin wird für den Gebrauch auf der Haut und der Schleimhaut genutzt.

Sowohl Chlorhexidin als auch Octenidin konnten in vitro gegenüber MRSA oder anderen nosokomialen Keimen antibakterielle Wirkung zeigen. Es handelt sich dabei aber um In vitro-Studien, die keine einheitlichen Hinweise auf eine einwandfreie Wirkung in der In vivo- Anwendung geben würden.

Daneben gibt es – auch gemäß der Herstellerempfehlung – keine klaren Konzepte, was die Häufigkeit des täglichen Gebrauchs betrifft. Es gibt einen Spielraum zwischen einer einmaligen bis dreimaligen Anwendung pro Tag. Die Konzentrationen der Wirkstoffe der Mundspüllösungen variieren ebenso. Dabei liegen keine verifizierten Angaben von wissenschaftlichen Studien vor, die den größten Erfolg einer bestimmten Vorgehensweise bestätigen.

Zeiträume. Auch über den Zeitraum der Sanierung gibt es unterschiedliche Ansichten. Hierbei bestehen Zeitspannen von fünf bis sieben Tagen. Leider gibt es auch hier keine Studien, die den besten Effekt bei einem der Zeiträume belegen könnten. Eine Studie, die das Potenzial verschiedener kommerzieller Mundspülprodukte in vitro aus oral entnommenen MRSA-Isolaten untersuchte, schlussfolgerte, dass keines der untersuchten kommerziellen Mundspülprodukte in der Lage sei, MRSA-Biofilme abzutöten. Interessanterweise wird nur in zwei Klinik-Konzepten (Magdeburg, Essen) Povidon- Jod empfohlen, ein antibakterieller Wirkstoff, der häufig bezüglich Wirkung gegen Staph. aureus/MRSA untersucht wurde und in mehreren Studien seine Wirkung bei der Reduktion oder Eradikation des Keimes zeigen konnte. Es ist zu vermuten, dass aufgrund von möglichen Allergien bzw. von Verfärbungen bei der oralen Bekämpfung des Keimes in verschiedenen Kliniken keine jodhaltigen Produkte, sondern entweder Chlorhexidin- oder auch Octenidin-Mundspüllösungen empfohlen werden.

MRSA in der Zahnarztpraxis. Bisher wurden die Vorgehensweisen der Unikliniken erläutert, aber wie sollte der Ablauf mit MRSA-infizierten Patienten in den Zahnarztpraxen aussehen? Hier kommen immer wieder Fragen der niedergelassenen Kollegen auf, was nun bei einem MRSA-Patienten zu beachten sei oder ob eine Infektionsgefahr bestehe. Meist sind Patienten, die wirklich an einer MRSA-Infektion erkrankt sind, stationär im Krankenhaus oder nicht in der Lage, zahnmedizinisch behandelt zu werden. Wahleingriffe sollten dann erst nach überstandener Infektion und bakterieller Sanierung durchgeführt werden. Patienten mit bekannter Kolonisation oder einer Infektion mit MRSA sollten möglichst direkt und ohne Aufenthalt im Wartezimmer behandelt werden. Ebenso wäre es empfehlenswert, diese Patienten am Ende eines Behandlungstags einzubestellen, um im Anschluss alle Flächen und Gegenstände in Ruhe desinfizieren zu können.

Basishygiene. Zu Anfang jeder Behandlung soll eine antiseptische Mundspülung erfolgen. Für die Wahl der Mundspüllösung wären – wie zuvor diskutiert – für den zahnmedizinischen Bereich weitere Studien über Antiseptika notwendig, um diese auch wissenschaftlich fundiert empfehlen zu können. Unter Beachtung der Basishygiene besteht für das Personal und weitere Patienten keine besondere Infektionsgefahr. Hier gilt das Prinzip, dass alle Patienten mit dem gleichen Hygienekonzept behandelt werden, da von allen Patienten ein Infektionsrisiko (ob bekannt oder nicht bekannt) ausgehen könnte. Die Maßnahmen einer Basishygiene sollten in jeder Zahnarztpraxis bekannt sein, werden aber im Folgenden noch einmal erläutert.

Bei medizinischem Kontakt zu MRSA-Patienten werden Schutzkittel und -brille, Einmalhandschuhe und Mund-Nasen-Schutz angelegt, welche nach Abschluss der Behandlung sachgerecht entsorgt oder aufbereitet werden sollen. Eine konsequente Händedesinfektion nach jedem Patientenkontakt ist ebenso wichtig. Die Arbeitsflächen müssen zu Anfang einer Behandlung von desinfektionsbehindernden Gegenständen freigehalten und sofort im Anschluss einer Behandlung mit geeigneten Produkten desinfiziert werden. Auch zahntechnische Arbeiten und verwendete Hilfsmittel sollen unmittelbar nach Gebrauch mit geeigneten Produkten desinfiziert werden. Die Aufbereitung der Medizinprodukte erfolgt nach der RKI-/KRINKO-Empfehlung. Werden diese Hygienepunkte in den Zahnarztpraxen eingehalten, ist die Behandlung von MRSA-infizierten Patienten in Zahnarztpraxen unbedenklich und es kann zu keiner Weitergabe des Erregers kommen20, 21, wobei eine klassische MRSA-Sanierung des Patienten, am besten mit Rücksprache des Hausarztes, dennoch angeraten wäre.

Fazit. Zur Orientierung für alle Universitätskliniken und Zahnarztpraxen wären Studien notwendig, die sich mit der Effektivität und dem Vergleich von Mundspüllösungen in vivo beschäftigen sowie die Besiedlung von parodontalen/periimplantären Taschen und deren Sanierung zu untersuchen. Die Ergebnisse dieser Studien könnten den Kliniken deutschlandweit zur Anfertigung eines einheitlichen Sanierungskonzepts dienen. In diesem Sanierungskonzept müsste dazu festgehalten werden, welches Produkt in den medizinischen Einrichtungen zur Dekolonisierung sich als das Effektivste herausgestellt hat, sowie ggf. intraorale, parodontologische Maßnahmen empfohlen werden. Außerdem in welcher Konzentration, für welchen Zeitraum und wie häufig die ausgewählte Mundspüllösung Anwendung finden sollte.

Da es Hinweise gibt, dass der Staphylococcus aureus bzw. MRSA nicht nur bevorzugt die Rachenschleimhaut besiedelt, sondern vor allem in parodontalen Taschen oder an Implantaten eine Nische findet, wäre eine Parodontitis- Therapie oder Oberflächen-Reinigung an Implantaten sinnvoll und müsste in klassischen Sanierungskonzepten als Therapiemaßnahme aufgenommen werden.

Zum jetzigen Zeitpunkt kann man sich bei der Bekämpfung des Staphylococcus aureus und seiner resistenten Form (MRSA) am besten an den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts orientieren. Für die Zukunft wäre es wünschenswert, wenn bundesweit und womöglich auf internationaler Ebene ein konkretes Sanierungskonzept für MRSA existieren würde, um eine weitere Übertragung der Resistenz zu verhindern.

Das Literaturverzeichnis finden Sie hier oder kann beim IZZ bestellt werden unter Tel: 0711/222966-14, Fax: 0711/222966-21 oder EMail: info@zahnaerzteblatt.de.

ZÄ Kathrin Chmiela, Michelle Bender, Prof. Dr. Nicole Arweiler

 

Winterakademie 2017 des ZFZ Stuttgart

 

Wann ist in der Zahnheilkunde weniger mehr?

Ausgabe 3, 2017

Die Winterakademie des Zahnmedizinischen Fortbildungszentrums Stuttgart (ZFZ) hat Ende Januar 2017 mit dem Thema „Minimalinvasive Zahnheilkunde – Ein Win-Win-Modell für alle Beteiligten“ rund 500 Zahnärztinnen und Zahnärzte ins Stuttgarter Mövenpick Airport Hotel gelockt. Der Praxisalltag zeigt: Die Zahnmedizin befindet sich in einem stetigen Wandel. Durch moderne Diagnoseverfahren können Zahnschäden inzwischen frühzeitig erkannt werden. Dies hat entsprechende therapeutische Konsequenzen: Die Behandlungstechniken ändern sich ebenfalls. Vieles, was gestern Standard war, ist heute „old school“. Die Winterakademie bot ihren Teilnehmern die Möglichkeit, sich auf den neuesten Stand zu bringen.

Die neuen Zauberworte heißen „atraumatisch“ oder „minimalinvasive Behandlung,“ d. h. sie erfolgen ohne oder mit nur sehr geringer Verletzung von Körpergewebe. So versucht die moderne Füllungstherapie nur irreversibel erkranktes Gewebe zu entfernen. Eine moderne Parodontitistherapie zeichnet sich in erster Linie durch konservatives, geschlossenes Vorgehen und nicht durch chirurgische Maßnahmen aus. Beim Zahnersatz kommen substanzschonende, moderne Klebetechniken zum Einsatz und selbst bei der Implantologie kann weniger manchmal mehr Erfolg versprechen.

Bevor die fünf Referenten der Winterakademie diese Bereiche beispielhaft vorstellten, kam zuerst die Standespolitik zu Wort. Dr. Konrad Bühler, der die Bezirkszahnärztekammer Stuttgart (BZK) 16 Jahre lang als Vorsitzender geprägt hatte, war gleichzeitig als Vorsitzender des Verwaltungsrats des ZFZ an der Entwicklung der zahnmedizinischen Fortbildungslandschaft beteiligt. Für seine Verdienste im ZFZ wurde er von Prof. Dr. Johannes Einwag geehrt. Anschließend bekam Dr. Eberhard Montigel, der Dr. Bühler in beiden Ämtern nachfolgte, von seinem Vorgänger symbolisch den Staffelstab überreicht.

Kariestherapie. Prof. Dr. Hendrik Meyer-Lückel, Aachen, stellte in seinem Vortrag die Fragen: Muss alle Karies entfernt werden? Wann sollte man weniger bohren? Auf der Grundlage, dass Karies keine Infektion, sondern eine „ökologische Katastrophe“ sei, rät er zuerst zu einem defensiven Verhalten, gestützt durch Aufklärung und Compliance. Heal & Seal lautet anschließend die Devise, die mit Basisprophylaxe, Fissuren-/Approximalversiegelung und Kariesinfiltration zuerst alle non-invasiven Möglichkeiten ausschöpft. Dies funktioniert z. B. gut bei Läsionen im Schmelz. Ansonsten rät Prof. Meyer-Lückel, einkratzbares Dentin pulpennah zu belassen, ansonsten sondenhart zu exkavieren. Eine „Überkappung“ sei nur bei sehr geringer Dentinrestdicke angesagt. Ansonsten zuerst einzeitiges Vorgehen und abwarten, ob der Zahn es überlebt. Bei rasch voranschreitenden Defekten kann ein zweizeitiges Vorgehen ratsam sein. „Wenn aber eine Kavität vorliegt, muss letztendlich auch gebohrt werden“, so Prof. Meyer-Lückel. Wie invasiv die Therapie sein soll, sei immer ein Abwägungsprozess und hänge auch vom Kariesrisiko des Patienten ab.

Füllungstherapie. PD Dr. Tobias Tauböck, Zürich, versuchte anhand der Fragestellung „Sind Inlays/Onlays noch zeitgemäß?“ die Grenzen der direkten Füllungstherapie aufzuzeigen. Durch stetige Verbesserung der Kompositmateralien sowie Fortschritte in der Adhäsivtechnologie sei das Indikationsspektrum zunehmend erweitert worden. Ausgedehnte Zahnhartsubstanzdefekte ließen sich inzwischen mit direkter Adhäsivtechnik über lange Zeit versorgen. Auch bei Höcker- und Kauflächenersatz sei Komposit zumindest mittelfristig eine Alternative zu indirekten Restaurationen. Nach Dr. Tauböck gebe es keine wirklichen Grenzen bei der Therapie, aber je größer die Kavität, desto höher sei auch das Risiko. Komposit sei letztendlich das Mittel der Wahl bei maximaler Erhaltung der gesunden Zahnhartsubstanz, guter Reparierbarkeit und verhältnismäßig geringen Behandlungskosten.

Parodontitistherapie. Dr. Wolfgang Westermann, Emsdetten, stellte die Frage „Geht‘s in der Parodontologie auch ohne Chirurgie?“ und beantwortete sie sofort mit einem „Ja“. Wenn man die Patienten von Beginn an richtig einordne, könne man bei der Therapie nicht viel falsch machen. Eine Parodontitis mit horizontal verlaufendem Knochenabbau sei leicht zu behandeln, im Gegensatz zu Fällen mit Knochenabbau, die im Röntgenbild eine Zickzack-Linie aufweisen. Aggressive Parodontitisfälle zeichneten sich oft ohne großartige Symptomatik aus, oder anders: wenig Plaque, viel Krankheit. Hier seien letztendlich die zehn Prozent aller Fälle zu finden, die man chirurgisch behandeln müsse.

Grundsätzlich seien 90 Prozent der Parodontitispatienten langfristig aber erfolgreich behandelbar. Je nach Schweregrad müsse der Patient regelmäßig alle drei bis zwölf Monate die Plaque entfernen lassen. In der Praxis behandelt Dr. Westermann alle Fälle mit einer Sondierungstiefe bis zu vier Millimeter mit Deep Scaling und Root Planing, ab sechs Millimeter Taschentiefe werden bei engmaschiger Kontrolle zusätzlich Antibiotika gegeben. „Biofilmmanagement“ heißt bei der PAR-Therapie das Zauberwort.

Zahnersatz. Prof. Dr. Matthias Kern, Kiel, präsentierte sich als Fachmann des minimalinvasiven Zahnersatzes. Er stellte Möglichkeiten vor, um fehlende Zähne ohne Substanzverlust der Nachbarzähne zu ersetzen. So seien einflügelige Adhäsivbrücken zum Einzelzahnersatz von Frontzähnen und Prämolaren sowie Adhäsivattachments zur Verankerung von Teilprothesen besonders innovativ. Voraussetzung für eine Adhäsivbrücke sei ein kariesfreier Nachbarzahn mit intaktem Zahnschmelz. Die Klebefläche gelte als sehr stabil und könne sehr hohe Belastung aushalten. In der Regel halten Klebeprothesen nicht ganz so lang wie herkömmliche Brücken. Sie haben aber den entscheidenden Vorteil, dass sie sich problemlos immer wieder ankleben lassen.

Implantologie. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Implantologie, Prof. Dr. Frank Schwarz, Düsseldorf, stellte die Frage: „Wieviel Implantate braucht der Mensch?“ Er beantwortete sie unter Bezugnahme auf die S3-Leitlinie „Periimplantäre Infektionen an Zahnimplantaten, Behandlung“. Je mehr Implantate, desto stabiler sei die Versorgung, so Prof. Dr. Schwarz. Im Oberkiefer empfahl er bei festsitzendem Zahnersatz mindestens sechs Implantate, bei herausnehmbarem mindestens vier. Im Unterkiefer seien bei festsitzendem Zahnersatz vier bis sechs Implantate empfehlenswert, bei herausnehmbarem zwei bis vier. Hier müsse man auf anantomische Beschränkungen durch sensible Nervenbahnen wie den anterioren Loop des Nervus mentalis Rücksicht nehmen.

Fazit. Mit ihrer inzwischen 24. Auflage ist die Winterakademie des ZFZ eine echte Institution im Fortbildungskalender. ZFZ-Direktor Prof. Dr. Johannes Einwag und sein Team hatten erneut eine informative und kurzweilige Veranstaltung auf die Beine gestellt, die den Teilnehmern konkrete Tipps zur Umsetzung in der Zahnarztpraxis mit auf den Weg gab.

claudia.richter@izz-online.de