Zahnaerzteblatt.de

 

Karlsruher Konferenz am 31. März 2017

Analytischer Blick auf den Patienten

Die Karlsruher Konferenz markiert traditionell den Beginn eines neuen Fortbildungsjahres an der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung und unterstreicht ihren exzellente Ruf weit über Baden-Württemberg hinaus. In diesem Jahr fanden sich am 31. März rund 460 Teilnehmer in der Karlsruher Stadthalle ein: Zahnärztinnen und Zahnärzten zum Kongress „Zahnärztliche Diagnostik auf dem Prüfstand" sowie Mitglieder des Praxisteams zum Tag der Zahnmedizinischen Fachangestellten. Professor Dr. Winfried Walther, Direktor der Akademie, konnte unter dem Applaus des Auditoriums nicht nur die gesamte zahnärztliche Prominenz aus Baden-Württemberg begrüßen, auch die Kollegen aus Hessen und der Pfalz wurden mit Beifall willkommen geheißen. Das galt auch für die Themenstellung, die wie Prof. Walther betonte, den „analytischer Blick auf den Patienten" schärfen und „das Erkennen und das Bestimmen des körperlichen oder geistigen Zustand eines Menschen" erleichtern soll. Vier Experten aus den unterschiedlichen Bereichen der Zahnheilkunde trugen mit ihren wissenschaftlich fundierten und dennoch praxisnahen Referaten zum Erkenntnisgewinn bei.

Besser mehr Nachsorge und weniger Tests
Der „erweiterten parodontologischen Diagnostik“ mittels verschiedener Tests wandte sich Priv.-Doz. Dr. Dirk Ziebolz, Leipzig zu, der erwähnte, dass er bereits zum zweiten Mal als erster Redner bei der Karlsruher Konferenz auftreten dürfe. Der Oberarzt an der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie der Universitätsmedizin Leipzig widmet sich der Frage, welche klinischen Werte unbedingt erhoben werden müssen, um eine sichere parodontale Diagnose zu stellen. Dabei erläuterte er mit zahlreichen eindrucksvollen Schaubildern, dass neben der Erfassung von Sondierungstiefe und Sondierungsblutung (BOP) sowie der röntgenologischen Beurteilung des Knochenabbaus ergänzende diagnostische Möglichkeiten wie z.B. mikrobiologische Tests sowie der aMMP-8-Nachweis oder die Bestimmung eines möglichen Interleukin-Polymorphismus sich etabliert haben. Er machte deutlich, dass essenziell für Diagnose und Prognose nach wie vor die klinische Diagnostik (Taschentiefe und BOP) ist, die durch Biomarker ergänzt werden kann. Viele der als zukunftsweisend angesehenen Test können seiner Ansicht nach zwar die Aktivität einer parodontalen Erkrankung anzeigen, aber nicht die zukünftige Destruktion vorhersagen. Seine Take-Home-Message: Lieber  mehr in Nachsorge investieren als in Testsysteme.


Priv.-Doz. Dr. Dirk Ziebolz, Leipzig

Nach einer erholsamen Kaffeepause, die zum Besuch der rund 20 Aussteller-Stände genutzt wurde, ging es um die Aufnahme von elf neuen Mitgliedern in den exklusiven Kreis der Karlsruher Konferenz. Außerdem verabschiedeten 
Dr. Norbert Engel, Vorsitzender des Verwaltungsrates und Professor Walther zwei verdiente Verwaltungsrats-Mitglieder, die maßgeblich an der Konzeption des Neubaus der Akademie beteiligt waren: Dr. Bernhard Jäger und Dr. Hendrik Putze. Das pointierte Schlusswort des ehemalige Vizepräsidenten der LZK BW: „Standespolitiker kommen und gehen, die Akademie aber bleibt bestehen!"

DVT soll Standard werden Den Akademie-Interna folgte ein international gefragter Referent: Dr. Shanon Patel. Der Endodontie-Spezialist praktiziert zusammen mit neun Kollegen in London, lehrt und forscht außerdem an einem Tag der Woche am renommierten King's College. Bereits vor zehn Jahren hat er den routinemäßigen Einsatz der digitalen Volumentomographie (DVT) bei Problemen in der Wurzelkanalbehandlung beschrieben und propagiert. In seinem auf Englisch gehaltenen Referat beleuchtete er den Einfluss des CBCT (Cone beam  computed tomography) auf die zahnärztliche Diagnose. Anhand eindrucksvoller Fallbeispiele aus der Endodontie, aber auch bei einem Frontzahntrauma nach Fahrradunfall machte er deutlich, wieviel mehr Erkenntnisse für die Behandlung man durch den Einsatz eines DVTs gewinnen kann. Wertvoll für die versammelte Zahnärzteschaft war auch sein Ausflug in die Praxishygiene und seine Beispiele für die Vermeidung nosokomialer Infekte bei der Endodontie.

Dr. Shanon Patel, London

Im Anschluss an die Mittagspause, in der nach einem reichbestückten Büffet die wärmende Frühlingssonne zu einem Aufenthalt im Freien einlud, ging es strahlend weiter: Mit der Verleihung des Walther-Engel-Preises an Dr. Ingwert Tschürtz durch Dr. Torsten Tomppert, Präsident der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg. Der Kammerpräsident würdigte die Verdienste des niedergelassenen Zahnarztes und Hypnosespezialisten bei der Einführung der zahnärztlichen Hypnose in den Lehrkanon der Karlsruher Akademie. Nach einem Bericht des letztjährigen Preisträgers Prof. Dr. Stefan Rupf über seinen durch das Preisgeld ermöglichten Aufenthalt an der State University in Buffalo wandte man sich wieder der Mühe der täglichen Praxis zu.



Verleihung Walther-Engel-Preis 2017

Besondere Problemstellungen
Über besondere Problempatienten sprach Priv.-Doz. Dr. Anne Wolowski, Münster, die psychosomatische Einflussfaktoren bei der Diagnosefindung in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen rückte. Sie machte deutlich, dass Angst- und Suchterkrankungen, Depressionen und Burnout zu den häufigsten Krankheiten in unserer Gesellschaft zählen und daher auch den Patienten jedes Zahnarztes zu schaffen machen. Wechselwirkungen zwischen seelischen Störungen und oralen Erkrankungen sind nicht selten und müssen, um den Patienten und den Zahnarzt vor Fehlbehandlungen zu schützen, rasch diagnostiziert werden. Sie gab Fragebögen an die Hand, mit deren Hilfe es leichter wird, zwischen zahnmedizinischen und psychosomatischen Ursachen für Beschwerden zu unterscheiden und empfahl den Kollegen auf ihren Bauch zu hören. Wegweisende Anhaltspunkte für die Verdachtsdiagnose einer psychosomatischen Störung seien auch eine ungewöhnliche Mitbeteiligung des Patienten am Krankheitsgeschehen und Diskrepanzen zwischen Beschreibung der Beschwerden und anatomischen Grenzen sowie zwischen Chronologie der Beschwerden und den aus der Erfahrung bekannten Verläufen. 


Priv.-Doz. Dr. Anne Wolowski, Münster


Prof. Dr. Marc Schmitter, Würzburg
(alle Fotos: Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe/Markus Lehr)

Auch bei Diagnose und Behandlung von Schmerzen im Kiefer- und Gesichtsbereich ist im wahrsten Sinne des Wortes viel Fingerspitzengefühl nötig. Das demonstrierte Prof. Dr. Marc Schmitter, Würzburg, der von Prof. Walther als „jüngster Professor auf einem prothetischen Lehrstuhl“ angekündigt wurde. Prof. Schmitter hatte die „Gelenk- und Kaumuskulatur im diagnostischen Blick" und sah vor allem bei der Elektromyografie neue diagnostische Optionen. Unter anderem stellte er den Palpeter vor, der die systematische Palpation erleichtern soll. Neuen diagnostischen Tools, die zusammen mit Handys und geeigneten Apps ein umfangreiches Monitoring der Muskelaktivität auch außerhalb eines Schlaflabors ermöglichen, gehört seiner Ansicht nach die Zukunft. Interessant auch seine Einschätzung zu einer neue Generation von Biofeedback-Geräten, die bei Bruxismus zur Anwendung kommen können: Sobald eine Anspannung festgestellt wird, verhindert ein stimulierender Impuls weiteres Knirschen und Pressen. In der Nacht angewandt, sollen die kleinen Sensoren, die einseitig aufgeklebt werden, die Schlafqualität nicht beeinträchtigen. Auch können sie eventuell dazu beitragen, die ungesunde Angewohnheit schrittweise zu reduzieren. Ob sie geeignet sind, gängige Behandlungsmethoden wie Schienen, Physio- und Verhaltenstherapie sowie die in einigen Fällen verordneten muskelentspannendes Mittel zu ersetzen, muss sich erst zeigen.

Dorothea Kallenberg