Zahnaerzteblatt.de

 

Fortbildung

Karlsruher Konferenz 2017

 

Bessere Entscheidungen treffen

Ausgabe 5, 2017

Diagnose leitet sich aus dem Griechischen ab und meint Unterscheidung und Entscheidung. Im medizinischen Sinn ist eine Diagnose die Feststellung oder Bestimmung einer Krankheit. „Für uns Zahnärzte gehört die Diagnostik zum Alltagsinventar“, sagte Akademie-Direktor Prof. Winfried Walther in seiner Begrüßung zur Karlsruher Konferenz 2017. Die diesjährige Karlsruher Konferenz stellte die zahnärztliche Diagnostik auf den Prüfstand – vier Experten nahmen aktuelle diagnostische Verfahren aus ihrem Fachbereich unter die Lupe und leisteten damit wertvolle Hilfestellung, damit die zahnärztlichen Kolleginnen und Kollegen künftig bessere Entscheidungen treffen.

Die Parodontitis ist eine multifaktorielle Erkrankung, sowohl genetisch bedingte als auch umweltbedingte und erworbene Faktoren verursachen die Erkrankung. Pathogene Keime vermehren sich überproportional – die parodontale Behandlung besteht darin, das ökologische Gleichgewicht wieder herzustellen. Auch bei einer parodontalen Erkrankung ist die Diagnostik der Einstieg in die Behandlung – mit weitreichenden therapeutischen Konsequenzen. Priv.-Doz. Dr. Dirk Ziebolz aus Leipzig rief in seinem Vortrag über die erweiterte parodontologische Diagnostik dazu auf „Bewährtes neu zu denken“.

Bewertungsparameter. Zur bewährten parodontologischen Diagnostik gehören die bekannten klinischen Parameter wie Sondierungstiefen oder der Attachmentverlust. Ein objektiver Entzündungsparameter ist das „Bluten auf Sondieren“ (BOP). Auch der Röntgenbefund ist ein wichtiges diagnostisches Mittel, unterstrich Dr. Ziebolz, „allerdings ist die Indikation entscheidend“. Eine Alternative zum Röntgenbefund könne die optische Kohärenztomografie (OCT) sein, mit der in Leipzig gearbeitet wird, so Dr. Ziebolz weiter. Grundsätzlich sei die klinische Diagnostik unverzichtbar und „essenziell“.

Entscheidend für den Behandlungserfolg ist es jedoch, „über welche klinischen Indikatoren wir den Erfolg definieren“, betonte Dr. Ziebolz in seiner abschließenden Bewertung.

Aber welche diagnostischen Tests sind sinnvolle Ergänzungen? Dr. Ziebolz stellte eine Reihe von Biomarkern vor, die allerdings als alleiniges diagnostisches Mittel nicht in Frage kommen, lediglich ergänzend Sinn machen. Dem Polymorphismus- Test fehle die Evidenz, ebenso sei der klinische Nutzen fraglich beim aMMP8-Test.

Die Evidenz für den Einsatz einer Vielzahl von Antibiotika sei ebenfalls schlecht, so Ziebolz, lediglich bei einer aggressiven und chronischen Parodontitis könne die Antibiotika-Gabe empfohlen werden. „Lieber in Nachsorge investieren als in Tests“, fasste Dr. Ziebolz in der abschließenden Diskussion nochmals zusammen.

Endodontologie. Welchen Einfluss das DVT auf die Diagnose hat, beantwortete im Anschluss an die Aufnahme der neuen Mitglieder der Karlsruher Konferenz, Dr. Shanon Patel. Der auf Englisch gehaltene Vortrag des Londoner Experten zeigte, wie man mit dem DVT arbeitet, welche Grenzen der Diagnostik mit dem DVT gesetzt sind und bei welcher Indikation die sein kann. Anhand eindrucksvoller Fallbeispiele verdeutlichte Dr. Patel, dass insbesondere in der Endodontie sowohl in der Diagnostik als auch bei der Behandlung deutlich verbesserte Erkenntnisse durch den Einsatz eines DVTs zu gewinnen sind.

Ahnungslos bis vorbereitet. Ahnungslosigkeit schützt nicht vor Strafe. Das hat der Bundesgerichtshof in seiner Definition einer fehlerhaften Behandlung hervorgehoben. Bei Patienten mit psychosomatischen Einflussfaktoren kann von bewusster Ahnungslosigkeit des Behandlers gesprochen werden, wenn er versucht, „den Patienten zu überreden, wenn er alles somatisch heilen will oder wenn er mit einem flotten Spruch die beschriebenen Beschwerden der Patienten quittiert“, sagt eine Koryphäe im Bereich der psychosomatischen Medizin und der Psychologie in der Zahnheilkunde, Priv.-Doz. Dr. Anne Wolowski von der Universität Münster. Was Zahnärzte angesichts psychosomatischer Einflussfaktoren stattdessen in der Diagnostik leisten müssen, darüber informierte Dr. Wolowski das Karlsruher Auditorium. Zunächst räumte die Expertin mit einer weitverbreiteten Einschätzung auf, „diese Patienten sind keine Simulanten – sie leiden und wollen Hilfe, sie wollen uns nicht ärgern“. Dr. Wolowski gab den Kolleginnen und Kollegen, unterstützt durch zahlreiche einprägsame Beispiele aus ihrem Praxisalltag in Münster, ein detailliertes Vorgehen an die Hand: „Zunächst sollten wir sicher organische Ursachen ausschließen“. Im nächsten Schritt gehe es darum, psychosoziale Einflussfaktoren anhand der beschriebenen Qualität der körperlichen Beschwerden zu ermitteln. Danach gelte es Vertrauen zu schaffen, die Eigenverantwortung des Patienten zu fördern und Zielvereinbarungen mit ihnen zu schließen und die interdisziplinäre Kooperation zu suchen. „Es gibt keinen Grund ahnungslos zu bleiben“, schloss Dr. Wolowski. In der sich anschließenden Diskussion gab die Expertin den Kollegen noch einen wichtigen Tipp mit auf den Weg in die Praxis: „Der Schlüssel zum Befinden des Patienten ist das eigene Befinden!“

Bisher unterschätzt. Im abschließenden Vortrag der diesjährigen Karlsruher Konferenz lenkte Prof. Dr. Marc Schmitter aus Würzburg den diagnostischen Blick auf Gelenk und Kaumuskulatur und prüfte in diesem Fachbereich, ob sich durch neue Methoden wissenschaftliche Fortschritte erzielen lassen.

Die Darstellung des Kiefergelenks erfolgt in der Regel über MRT, Ultraschall, CT, DVT oder die Achsiografie. Prof. Schmitter brachte ein weiteres bislang in der Funktionsdiagnostik und -therapie unterschätztes Verfahren ins Gespräch und empfahl die Elektromyografie. „Die Geräte sind kostengünstig und leicht zu bedienen und sollten in Zukunft häufiger eingesetzt werden“. Prof. Schmitter stellte kabelgebundene Geräte wie Myostaeb, Bruxoff oder Grindcare ebenso wie kabellose Geräte wie Bitestrip oder Grindcare V2 vor, die zur Diagnose von beispielsweise Schlafbruxismus eingesetzt werden können. „Allerdings müssen Sie über einen längeren Zeitraum, mindestens eine Woche, messen und kontrollieren“, empfahl er.

Nicht nur in der Diagnose, sondern auch in der Therapie erweist sich die Elektromyografie als sinnvolles Verfahren. „Die elektromyografische Okklusionskontrolle ermöglicht eine Optimierung der Muskelfunktion“. 60 Prozent der Kiefergelenksbeschwerden lassen sich auf muskuläre Beschwerden zurückführen.

Den Fortbildungstag beschloss ein frühlingshafter kulinarischer Ausklang mit Bowle, Spargel, Limo und Bärlauch, den die zahnärztlichen Kolleginnen und Kollegen gemeinsam mit ihren Mitarbeiterinnen genossen.

mader@lzk-bw.de

 

Karlsruher Tag der Zahnmedizinischen Fachangestellten

 

Praxisteams bilden sich fort

Ausgabe 5, 2017

Der Karlsruher Tag der Zahnmedizinischen Fachangestellten, ein fest etabliertes Fortbildungskonzept, bietet alljährlich zahlreichen Praxisteams neue, spannende und zukunftsorientierte Themen. In diesem Jahr ging es um wichtige Kernbereiche der ZFA-Arbeit: Bissnahme, Umgang mit Kindern, Abrechnung, Praxishygiene und die Zukunft der parodontalen Betreuung. Eines der Veranstaltungshighlights war die Ehrung von verdienten Zahnmedizinischen Fachangestellten, bei der Dr. Robert Heiden und Dr. Bernd Stoll Urkunden und Geschenke verteilten.

Für den Praxiserfolg ist frisches Wissen und lebenslange Weiterbildung essenziell. Aus diesem Grund folgten zahlreiche ZFAs und Auszubildende der Einladung der Karlsruher Akademie für Zahnärztliche Fortbildung und trafen am 31. März in der Stadthalle Karlsruhe zusammen. Dr. Robert Heiden begrüßte das Publikum und stellte die Fortbildungsagenda vor. Darüber hinaus erwähnte er die aktuelle Deutsche Mundgesundheitsstudie, laut der Deutschland mit fast kariesfreien Gebissen bei Kindern weltweit Spitzenreiter ist. Auch im Bereich der Parodontitis-Erkrankungen wurde ein positiver Trend beobachtet. Dr. Heiden dankte bei dieser Gelegenheit den anwesenden ZFAs für ihre gute Arbeit, effiziente Patientenmotivation sowie professionelle Aufklärung, die zu diesen positiven Entwicklungen beigetragen haben.

Agenda 2017. Die diesjährige Fortbildungsveranstaltung beleuchtete fünf zentrale Themen aus dem Arbeitsbereich der ZFA.

Zuerst referierte Prof. Dr. Marc Schmitter über die schwierigste Leistung in der Prothetik – die Bissnahme. Da die Kieferrelationsbestimmung einen entscheidenden Einfluss auf Ästhetik, Sprache sowie Kaumuskulatur hat, ist die Auseinandersetzung mit diesem Thema für das komplette Praxisteam wichtig. Prof. Schmitter erklärte Techniken und Materialien sowie Situationen, in denen diese verwendet werden und schaffte es, das wissenschaftliche Thema verständlich darzustellen.

Svenja Somers, ZFA, Spezialistin auf dem Gebiet der Kinderbehandlung und des Umgangs mit kleinen Patienten, demonstrierte den Teilnehmer/ innen anhand von Beispielen und Videos moderne Methoden der Arbeit mit Kindern wie die Desensibilisierungstechnik, ein spielerisches Heranführen an die Behandlung.

Unter anderem mit der zunehmenden Überalterung der Gesellschaft wird das Thema Parodontalerkrankungen immer präsenter. Dr. Sarah Kristin Sonnenschein zeigte diese Tendenz und betonte die zunehmende Bedeutung der fortgebildeten ZFA in diesem Bereich. Nach der Mittagspause rundeten die Themen Abrechnung und Praxishygiene den Tag ab.

ZA Ulrich Hoppe, Referent für Abrechnungs- und Prüfwesen der KZV BW der Bezirksdirektion Karlsruhe, sprach über das Thema „Gesichtsbogen & Co. – Wie können besondere prothetische Leistungen abgerechnet werden?“ und zeigte Unterschiede zwischen BEMA und GOZ.

Im Anschluss trat Marco Wagner auf, Experte aus dem Bereich Praxisführung und -hygiene, und referierte über die Frage „Bekommt man Hygiene-Anforderungen und Praxis unter einen Hut?“. Nach dem KISSPrinzip (Keep It Short and Simple) reduzierte Wagner das umfangreiche Thema auf die Grundlagen und brachte somit dem Publikum auf anschauliche Weise neue Impulse und Anregungen. Darüber hinaus gab er interessante Tipps für die behördlichen Hygienebegehungen.

Interaktionsmöglichkeiten. Den Ausklang der Fortbildung bildete ein „Get together“, bei dem die Teilnehmer/innen die Gelegenheit hatten, sich untereinander sowie mit den Referenten auszutauschen und somit Kontakte für die Zukunft zu knüpfen.

radu@lzk-bw.de

 

Hall-Technik

 

Kariesbehandlung an Milchmolaren ohne Kariesexkavation

Ausgabe 5, 2017

Zur Kariestherapie bei Kindern rückt heutzutage die sogenannte Hall-Technik aufgrund neuer Erkenntnisse im Verständnis von Karies immer mehr in den Fokus. Bei dieser Technik wird eine Stahlkrone ohne vorherige Kariesexkavation auf einen Milchmolaren zementiert. Eine sorgfältige Indikationsstellung ist essenziell für den hohen Erfolg dieser Technik, welche die Erfolgsraten der konventionellen Füllungstherapie deutlich übertrifft.

Historie. Die Hall-Technik ist eine alternative Methode zur Behandlung kariöser Milchmolaren. Dabei erfolgt im Rahmen der Hall-Technik im Gegensatz zur konventionellen Stahlkronenversorgung keine Lokalanästhesie, keine Präparation und keine Kariesentfernung, sondern lediglich eine Zementierung einer vorgefertigten Stahlkrone über den Milchmolaren. Diese Technik wurde nach der Begründerin Dr. Norna Hall benannt. Sie war eine Allgemeinzahnärztin aus Aberdeen/Schottland, die eine außergewöhnlich hohe Anzahl von Zähnen (n= 978) im Zeitraum von 1988 bis 2011 auf diese Art mit Stahlkronen versorgte. Im Rahmen einer retrospektiven Analyse wurden dabei hohe Erfolgsraten der Hall-Technik von 86 Prozent nach drei Jahren und nach fünf Jahren von 80,5 Prozent ermittelt (Innes et al., 2006). Daraufhin wurden hochwertige klinisch randomisierte Longitudinalstudien initiiert, bei denen ebenfalls signifikant höhere Erfolgsraten bei Anwendung der Hall-Technik im Vergleich zur konventionellen Füllungstherapie registriert wurden (Innes et al., 2007, 2011; Santamaria et al., 2014).

Die Restauration kariöser Milchzähne mittels Stahlkronen an sich ist keine innovative Therapiemethode; bereits seit dem letzten Jahrhundert gelangte ein derartiges Verfahren global zur Anwendung (Randall et al., 2000; Kinderlan et al., 2008), jedoch nach vorheriger kompletter Kariesexkavation und i. d. R. mit vorheriger Lokalanästhesie. Momentan existieren drei Arten von Stahlkronen: nicht-präkonfektionierte, präkonfektionierte und verblendete Stahlkronen. Global werden präkonfektionierte Stahlkronen am häufigsten appliziert, wobei sich diese durch eine optimale Passform und die vorgeformte Kronenwölbung auszeichnen und am besten in einem Set (Abb. 1) zur Verfügung stehen sollten. Nahezu automatisch wird bei präkonfektionierten Stahlkronen eine Kronenanpassung ermöglicht, ansonsten gelingt dies meist mit Hilfe spezieller Instrumente (Abb. 2). Präkonfektionierte Stahlkronen sind somit für die Hall-Technik bestens geeignet. Ungeachtet der Kronenart bestehen die wichtigsten Vorteile von Stahlkronen in einem längeren Erhalt erkrankter Zähne und einem nahezu inexistenten Sekundärkariesrisiko.

Kariöse Zahnhartsubstanz an einem Zahn belassen? Traditionell galt die vollständige Entfernung kariöser Zahnhartsubstanz mit anschließender restaurativer Versorgung als Standardbehandlung kariöser Zähne. In den vergangenen Jahren kam es im Verständnis von Karies zu einem Paradigmenwechsel. Karies wird nicht mehr als Infektionserkrankung verstanden, sondern als Resultat eines ökologischen Ungleichgewichtes (Schwendicke et al., 2015), das beispielsweise durch den häufigen Konsum fermentierbarer Kohlenhydrate ausgelöst wird. Im Biofilm werden unter anderem Kohlenhydrate zu Säuren metabolisiert, wodurch eine Demineralisation der Zahnhartsubstanz hervorgerufen wird.

Die zentrale Zielsetzung der Kariestherapie besteht darin, das chronische Ungleichgewicht durch eine Reduktion der Demineralisationsfaktoren und eine Maximierung der Remineralisation zu korrigieren (Ekstrand et al., 2007). In diesem Sinne handelt es sich bei der Hall-Technik um eine prognostisch vorhersehbare Versorgungsoption. Denn dabei wird durch die Stahlkronenzementierung ein dichter Verschluss gewährleistet, sodass kein weiteres Substrat zu einem an der Zahnhartsubstanz lokalisierten Biofilm gelangen kann und folglich der kariöse Prozess unterhalb der Krone arretiert wird.

Im aktuellen Verständnis von Karies als Prozess werden weitere weniger invasive Exkavationskonzepte ebenfalls praktiziert. Zum Beispiel werden heutzutage anstelle einer kompletten Kariesexkavation Maßnahmen empfohlen, in deren Rahmen eine selektive Kariesexkavation (wie die schrittweise oder die partielle Kariesexkavationstechnik) sowie die erwähnte Hall-Technik (als Therapieoption ohne Kariesexkavation) präferiert werden (Ricketts et al., 2013; Bjørndal, 2011; Innes und Evans, 2013; Schwendicke et al., 2017).

Indikationsstellung. Bei allgemeinmedizinisch gesunden Kindern wird die Indikationsstellung durch die klinische und röntgenologische Untersuchung bestimmt. Da für diese Technik keine Kariesexkavation erforderlich ist, sollten vor der Therapie klinische und röntgenologische Verdachtsmomente auf Pulpabeteiligung ausgeschlossen werden. Dazu zählen klinisch der Ausschluss pulpitischer Beschwerden, insbesondere eine irreversible Pulpitis, sowie ein Anhalt auf Fisteln und/oder Abszesse. Im Röntgenbild sollte eine Dentinbrücke zwischen der kariösen Läsion und der Pulpa sichtbar sein (Abb. 3a und 3b).

Besonders geeignet erweist sich die Hall-Technik bei Kindern mit hoher Kariesaktivität und auch bei ängstlichen Kindern, die unter spezifischen Ängsten vor Spritzen oder Bohrern leiden. Zudem ist diese Therapieoption bei Vorliegen einer mäßigen Kooperation oder im Rahmen einer angestrebten Kooperationsverbesserung zu empfehlen.

In Tabelle 1 sind die generellen Indikationen und Kontraindikationen der Hall-Technik dargestellt.

Klinische Durchführung. Im Anschluss an die Diagnose und die Indikationsstellung ist es erforderlich, Eltern und Kinder wie bei jeder Therapiemaßnahme umfänglich zu informieren. Zur Vorbereitung der Kinder auf die Therapie können Lexeme wie „Prinzessinnenzähne“, „Ritterzähne“ oder „Königskronen“ benutzt werden. Dadurch kann das Kooperationsniveau optimiert werden, denn die Kronen erscheinen u. a. als „Ritterzähne“ in den Augen der Kinder attraktiver.

Bei der Hall-Technik werden keine Kariesentfernung, Lokalanästhesie oder Zahnpräparationen durchgeführt. Demnach muss mit einer temporären Bisserhöhung von bis zu 3 mm gerechnet werden, die in den ersten Wochen nach Applikation wieder vollständig verschwindet (van der Zee und van Amerongen, 2010). Bei einem engen Approximalraum empfiehlt sich die Anwendung eines Separiergummis, das mithilfe von zwei Zahnseidefäden oder einer Zange für Kofferdammklammern eingebracht werden kann (Abb. 5). Die Separiergummis sollten über einen Zeitraum von ein bis drei Tagen in situ belassen werden, um den erforderlichen Abstand zwischen den Zähnen zu erreichen (Abb. 6a).

Bei ausreichendem approximalem Abstand wird eine geeignete konfektionierte Stahlkrone aus dem Kronenset (Abb. 1) ausgewählt. In der Regel erweisen sich Kronen in den Größen 4, 5 oder 6 für die meisten Milchmolaren als adäquat. In diesem Zusammenhang sollte nach Möglichkeit die kleinste noch passende Stahlkrone ausgewählt werden, die den Zahn komplett bedeckt. Erst kurz vor dem Einsetzen der Stahlkrone sollten die Separiergummis entfernt werden (Abb. 6b). Eine Kronenanpassung kann, wenn erforderlich mittels spezieller Zangen oder ggf. einer Schere realisiert werden (Abb. 2). Bevor die Krone eingesetzt wird, sollte der Zahn gründlich mit einem rotierenden Bürstchen oder mit einer Handzahnbürste gereinigt werden. Die Krone wird zur Zementierung mit einem dünnfließenden Glasionomerzement befüllt (Abb. 7). Für diese Therapie werden in der Regel nur die Basisinstrumente (zahnärztlicher Spiegel, Sonde und Pinzette), ggf. ein Exkavator (zur Entfernung der Krone nach der Einpassung), ein GIZ-Applikator und einige Watterollen benötigt. Denn die mit Glasionomerzement befüllte Stahlkrone wird dann einfach auf den Zahn gestülpt und in richtiger Position festgedrückt (Abb. 8). Ein festes Zusammenbeißen des Kindes dazu kann hilfreich sein (Abb. 9). Abschließend sollte die Passung final geprüft werden und alle verbliebenen Zementreste entfernt werden (Abb. 10).

Info

Weitere überaus detaillierte Informationen über die Hall-Technik finden sich in der originalen Instruktionsdokumentation auf Englisch, die online frei verfügbar ist: https://dentistry.dundee.ac.uk/ sites/dentistry.dundee.ac.uk/files/3M_93C%20 HallTechGuide2191110.pdf.

Kariesmanagementstrategie. Im Rahmen moderner Methoden der Kariestherapie wird der Fokus auf weniger invasive Maßnahmen gelegt. Dies sind u. a. die Biofilmkontrolle und Kariesinaktivierung durch Zähneputzen mit Fluoriden auch als „Non-Restorative Caries Therapy“ (NRCT) bezeichnet (Santamaria et al., 2014), und selektive oder schrittweise Kariesexkavationstechniken mit anschließender Füllung (Schwendicke et al., 2017). Die Hall-Technik stellt eine minimalinvasive Therapieoption dar, da ein dichter Verschluss mittels einer Stahlkrone ohne jegliche vorherige Kariesexkavation erfolgt (Innes et al., 2011; Santamaria et al., 2014) und eine Inaktivierung der kariösen Läsion realisiert wird. Zugleich wird das Risiko der Pulpaexposition bei Exkavation vermieden, da keine Kariesexkavation durchgeführt wird (Ricketts et al., 2013) und folglich mehr Zähne ohne Pulpabehandlung erhalten werden können.

Diese konservativere Kariesmanagementstrategie mag manchen Zahnärzten noch befremdlich erscheinen, sofern noch die Ansicht existiert, dass stets, um weitere Kariesentwicklung zu vermeiden, eine komplette Kariesexkavation vorzunehmen ist und anschließend eine konventionelle Füllung z. B. mit Kompositmaterialien erfolgen sollte.

Therapieerfolg. Die überlegene Therapieeffektivität der Hall-Technik ist mit einem hohen Evidenzgrad in der wissenschaftlich vorliegenden Literatur belegt (Innes et al., 2015). Im Rahmen einer „Split-mouth-Studie“ eruierten Innes et al. (2011) die Erfolgsraten der Hall- Technik im Vergleich zu Glasionomerzementfüllungen bei 264 kariösen Milchzähnen bei drei- bis zehnjährigen Kindern. Dabei wurden Misserfolge als „minor failure” eingestuft (reversible Pulpitis, Füllungsverlust/-fraktur, Sekundärkaries etc.), was besagt, dass der Zahn erfolgreich erhalten werden konnte, jedoch erneut behandelt werden musste. Eine Klassifizierung als „major failure“ erfolgte sofern ein irreversibles Problem vorlag wie u. a. eine irreversible Pulpitis, ein Verlust der Vitalität, Abszess oder ein nicht mehr restaurierbarer Zahn.

Nach fünf Jahren wies die Hall-Technik eine außerordentliche Erfolgsrate von 92 Prozent auf (drei Prozent irreversible Probleme, fünf Prozent reversible Probleme). Im Vergleich zu einer Erfolgsrate von nur 43 Prozent in der Füllungsgruppe (15 Prozent irreversible Probleme, 42 Prozent reversible Probleme) war dies nicht nur statistisch hochsignifikant (p < 0.001) sondern auch klinisch höchst relevant. Es sollte jedoch bedacht werden, dass sich im Rahmen dieser Studie die Differenz zwischen den Erfolgsraten beider Gruppen vermutlich nicht als derartig gravierend dargestellt hätte, wenn Kunststoffe oder Kompomere als Füllungsmaterial anstelle von Glasionomerzement verwendet worden wären. So wurde in einer weiteren klinischen Longitudinalstudie (Santamaria et al., 2014) die klinische Effektivität von drei verschiedenen Kariesbehandlungsmethoden (NRCT, Hall-Technik und Kompomerfüllungen) bei Approximalkaries an Milchmolaren verglichen. In dieser Studie lag die 2-Jahres-Erfolgsrate für die Hall- Technik bei 93 Prozent, bei Kompomerfüllungen hingegen nur bei 67 Prozent und 72 Prozent bei NRCT (Santamaria et al., 2016).

Eine Praktizierung der Hall-Technik als erfolgreiche Alternative auch zur Kompomerfüllung wird somit nahegelegt.

Akzeptanz. Die langfristig erfolgreiche Behandlung mehrflächiger kariöser Molaren bei Kindern stellt bekannterweise eine Herausforderung dar. Im Gegensatz zur Behandlung Erwachsener muss der Zahnarzt beispielsweise Faktoren wie die kognitive Entwicklung, Schmerzempfindlichkeit, Kooperation des Kindes und seiner Eltern, sowie die Wünsche und Erwartungen der Eltern berücksichtigen. Im Hinblick auf die Auswahl und die Durchführung zahnärztlicher Maßnahmen bei Kindern sind diese Faktoren von zentraler Bedeutung (Goumans et al., 2004; van Bochove und van Amerongen, 2006). Innes et al. (2007) berichteten, dass 77 Prozent der Kinder, 83 Prozent der Eltern und 81 Prozent der Zahnärzte die Hall-Technik im Vergleich zu konventionellen Füllungen präferierten. Ferner wurde in einer Studie von Santamaria et al. (2015) verifiziert, dass Zahnärzte bei der Applikation konventioneller Füllungen signifikant häufiger über negatives Verhalten der Kinder berichteten als bei der Anwendung der Hall-Technik (37 Prozent vs. 13 Prozent). Zudem konnte ermittelt werden, dass Zahnärzte die Hall-Technik-Versorgungen zu 77 Prozent als sehr unkompliziert einschätzten, während dies nur bei 50 Prozent der konventionellen Füllungstherapien mit Kompomer zutraf.

Kosteneffizienz. In einer weiteren hochinteressanten Studie wurde die Kosteneffizienz in Bezug auf Kariestherapie- Optionen bei Kindern analysiert, wobei neben der konventionellen Füllung auch die Hall-Technik Gegenstand der Untersuchung war. Die Resultate dieser Studie zeigten, dass sich die Anwendung der Hall- Technik bei einem fünfjährigen Kind mit einem kariösen Milchmolaren ohne Pulpasymptomatik als kosteneffizienteste Therapieform erweist, wobei die jährlichen Kosten 9,77 Euro betragen, während bei einer konventionellen Füllungstherapie jährlich 13,31 Euro und bei sofortiger Pulpotomie 11,75 Euro anfallen (Schwendicke et al., 2015).

Insgesamt konnte im Rahmen der vorliegenden wissenschaftlichen Literatur verifiziert werden, dass die Hall-Technik signifikant höhere Erfolgsraten aufweist als die konventionelle Füllungstherapie oder andere Kariestherapien und gleichzeitig über eine bessere Kosteneffizienz verfügt. Des Weiteren ist die Hall-Technik klinisch gut praktikabel. Insbesondere auch bei hohem Kariesrisiko, hoher Kariesaktivität, ängstlichen oder mäßig kooperativen Kindern erweist sich die Hall-Technik als sehr gute Versorgungsoption.

Fazit. Die Hall-Technik stellt eine erfolgreiche Therapieoption von kariösen Milchmolaren dar. Die wesentlichen Aspekte sind in Tabelle 2 zusammengefasst. Karies ist als chronischer Demineralisationsprozess zu verstehen. Der Zahnarzt sollte sich bewusst sein und unterscheiden können, dass es sich bei Karies um einen Prozess chronischer Demineralisation und bei der Kavitation um eine Spätfolge, also um ein Erkrankungssymptom dieses Prozesses handelt. Ferner gilt, dass der herausragende Erfolg der Hall-Technik auch darauf zu basieren scheint, dass der komplette Zahn durch die Stahlkrone bedeckt wird, also eine prophylaktische „Versiegelung“ der restlichen Zahnhartsubstanz darstellt. Im Gegensatz zur Füllungstherapie funktioniert die Hall-Technik dadurch auch bei Kindern mit hohem Kariesrisiko bzw. hoher Kariesaktivität, da das Risiko von „Sekundärkaries“ dadurch ausgeschaltet wird. Auch bei mäßig kooperativen Kindern ist diese Technik in der Regel gut durchführbar und daher bei entsprechender Indikationsstellung zu empfehlen.

Das Literaturverzeichnis finden Sie hier als PDF.
Bestellen können Sie es auch beim IZZ unter Tel.: 0711/222966-14, Fax: 0711/222966-21 oder EMail: info@zahnaerzteblatt.de

Dr. Ruth M. Santamaría S.1),
Prof. Dr. Christian H. Splieth1),
Dr. Marina A. Petrou 2),
Dr. Julian Schmoeckel 1)

1) Abt. für Präventive Zahnmedizin und Kinderzahnheilkunde, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

2) Klinik für Zahnerhaltung, Parodontologie und Präventive Zahnheilkunde, RWTH Universität Aachen

 

15 Jahre Strukturierte Fortbildung

 

Ein lohnendes Kursangebot

Ausgabe 5, 2017

Die Kenntnisse auf dem Gebiet der Parodontologie zu aktualisieren und zu vertiefen: Diese Gelegenheit nutzten 17 Zahnärztinnen und Zahnärzte von November 2016 bis Februar 2017 im Fortbildungsforum Zahnärzte (FFZ) der KZV BW in Freiburg. Diese Fortbildungsreihe findet bereits seit 15 Jahren statt und stand auch diesmal unter der bewährten wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Petra Ratka-Krüger. „Ganz gleich, ob Berufsanfänger oder ob das Studium schon etwas länger zurückliegt – es lohnt sich“, so das überaus positive Feedback.

In drei Blöcken mit insgesamt 101 Fortbildungsstunden wurden anschaulich und fundiert die theoretischen Kenntnisse und klinischen Fertigkeiten vermittelt, die man braucht, um in der täglichen Praxis Patienten mit Parodontitis bzw. Periimplantitis erfolgreich behandeln und betreuen zu können.

Im ersten Teil der Kursreihe gewannen die TeilnehmerInnen vertiefende Einblicke in Entstehung und Verlauf parodontaler Erkrankungen und lernten mögliche Zusammenhänge mit systemischen Erkrankungen sowie diagnostische, prophylaktische und therapeutische Maßnahmen der nichtchirurgischen Parodontitistherapie kennen.

Dr. Beate Schacher von der Poliklinik für Parodontologie in Frankfurt a. M. gab einen Überblick über die Antibiotikaprophylaxe und bot einen guten Einblick in das Frankfurter Therapiekonzept und die Erhaltungstherapie.

Fachwissen. Das vermittelte Fachwissen entsprach einerseits dem Stand der wissenschaftlichen Literatur und den Stellungnahmen/ Leitlinien der Fachgesellschaften, andererseits kann es wegen des engen Praxisbezugs unmittelbar in den täglichen Praxisablauf integriert werden.

Ein interessanter Exkurs war der Vortrag von Dr. Johan Wölber vom Uniklinikum Freiburg über die motivierende Gesprächsführung. Er machte deutlich, dass die beste Prophylaxe und Parodontitis-Therapie ohne die Mitarbeit des aufgeklärten Patienten langfristig von wenig Erfolg gekrönt ist.

Grenzen. Im zweiten Teil der Kursreihe wurden die Grenzen der chirurgischen bzw. nicht-chirurgischen PA-Therapie aufgezeigt. Der Schwerpunkt lag dabei auf dem Gebiet der chirurgischen Parodontitistherapie mit praktischen Übungen am Schweinekiefer.

Dabei wurden die vom Kursleiter durchgeführten Schritte live auf eine Leinwand übertragen. Anschließend hatten die TeilnehmerInnen die Gelegenheit, die verschiedenen regenerativen und resektiven Techniken sowie Verfahren der parodontal-plastischen Chirurgie eigenhändig zu üben und sich dabei mit den Kursleitern und KollegInnen auszutauschen.

Supervision. Die Supervision erfolgte sowohl durch Prof. Dr. Petra Ratka-Krüger als auch durch Dr. Matthias Meyer, der im theoretischen Teil interessante Einblicke in komplexe Behandlungsfälle aus seiner Privatpraxis in Frankfurt a. M. bot.

Das spezielle Instrumentarium wurde von verschiedenen Firmen zur Verfügung gestellt. Außerdem konnten die TeilnehmerInnen spezielle Geräte namhafter Hersteller zum Biofilmmanagement testen.

Am ersten Tag des letzten Moduls präsentierten die TeilnehmerInnen einen eigenhändig dokumentierten Behandlungsfall und stellten sich im Anschluss den Fragen der Kursleiterin bzw. der Kursteilnehmer. Zum Ausklang dieses Kurstages wurde abends in geselliger Runde mit einem Glas Prosecco beim Lieblingsitaliener angestoßen.

Am letzten Kurstag bot Prof. Dr. Petra Ratka-Krüger einen Überblick über die drei Kursblöcke und ging insbesondere auf Grenzen, Komplikationen und Misserfolge ein. Anschließend erhielten die KursteilnehmerInnen ihr Zertifikat.

Wissensvermittlung. Dieses Kursangebot – eine gute Mischung aus fundierter Wissensvermittlung und praktischen Übungen – richtet sich an alle Zahnärztinnen und Zahnärzte, die ihre Kenntnisse auf dem Gebiet der Parodontologie auffrischen und vertiefen und sich über den aktuellen Stand der Forschung informieren möchten.

Ganz gleich, ob Berufsanfänger oder ob das Studium schon etwas länger zurückliegt – es lohnt sich!

Großer Dank gebührt dem großartigen Team des Zahnärztehauses Freiburg, den unterstützenden Herstellerfirmen, den Referenten und besonders Prof. Dr. Petra Ratka-Krüger für ihr Engagement im Vorfeld und während des Kurses.

Die nächste Strukturierte Fortbildung: „Parodontologie und periimplantäre Therapie“ findet in einer leicht veränderten Weise statt: Teil 1: 29.11. bis 2.12.2017, Teil 2: 31.1. bis 3.2.2018, Teil 3: 2.3. bis 3.3.2018.

Dr. Julia Ditschek, Vevey