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Gemeinsame Veranstaltung von ZFZ und LÄK Baden-Württemberg (Langfassung)

Weitreichende Folgen für den Gesamtorganismus

Parodontitis ist nicht nur ein Thema für Zahnmediziner – dieser Tatsache trug eine äußerst erfolgreiche Veranstaltung des Zahnmedizinischen Fortbildungszentrums Stuttgart und der Landesärztekammer Baden-Württemberg Rechnung. 140 Teilnehmer fanden sich im Haus der Bezirksärztekammer Nordwürttemberg unter dem Motto „Zahnmedizin meets Allgemeinmedizin" ein, darunter rund 40 Ärzte. Sie alle folgten gespannt den Ausführungen renommierter Referenten, die über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnis im Zusammenhang von Parodontal- und Allgemeinerkrankungen sprachen. 

Angesichts der Tatsache, dass eine chronische Entzündung des Parodonts u.a. Diabetes mellitus, rheumatoide Arthritis sowie kardiovaskuläre Schädigungen und Autoimmunerkrankungen begünstigen kann, rief der Präsident der Landesärztekammer, Dr. Ulrich Clever, in seiner Begrüßung zu einer verstärkten Zusammenarbeit von Ärzten und Zahnärzten auf. Er erinnerte an die Möglichkeiten der Kooperationsgemeinschaft, die die Berufsordnung der Ärzte in Baden-Württemberg unter Paragraf 23 b bietet. Und er wies darauf hin, dass die Idee zur verstärkten Kooperation und zu einer gemeinsamen Fortbildung mit „weitgereisten Referenten" von Prof. Dr. Johannes Einwag stammt, dem Spiritus rector dieser wegweisenden Veranstaltung.

Voneinander lernen. Prof. Einwag, der großen Wert darauf legt, dass Ärzte und Zahnärzte voneinander lernen, strebt eine Fortsetzung der von allen Teilnehmern als überaus hilfreich bezeichneten Meetings an. Der Direktor des Zahnmedizinischen Fortbildungsinstituts, der auch rund 20 Dentalhygienikerinnen zu diesem besonderen Event eingeladen hatte, erinnerte das Auditorium daran, dass an jedem Zahn ein Mensch hängt. Vor allem den Ärzten unter den Teilnehmern machte er klar, dass Zahnärzte längst von der durch die Prothetik geprägten mechanistische Denkweise abgekommen sind und biologisch-ganzheitlichen Aspekten den Vorrang bei der Patientenbehandlung geben. Diese Sichtweise unterstrich auch Prof. Dr. Christof Dörfer, der mit  einer Tour d'horizon zuerst einmal gesicherte von ungesicherten Erkenntnissen trennte und verstärkt auf die antibiotische Abschirmung von Endokarditis-Patienten einging.
Kurzvorträge DG Paro Jahrestagung 2016

Vorsicht geboten. Demnach ist eine Antibiotikaprophylaxe, auch wegen der zahlreichen unerwünschten Folgen wie beispielsweise der Entwicklung von multiresistenten Keimen, nur noch bei Patienten mit einem erhöhten Risiko für einen schwersten und potenziell tödlichen Verlauf einer Endokarditis angezeigt.
Das Robert-Koch-Institut  (RKI) zum Thema Antibiotikaresistenz

Der Kieler Parodontologe machte deutlich, dass Zahnmedizin integraler Bestandteil der Medizin ist und Zähne nicht isoliert vom Rest des Körpers zu betrachten sind. Zum Erstaunen mancher Mediziner wies er darauf hin, dass die höchste Biodiversität an Keimen nicht etwa, wie erwartet, im Darm anzutreffen ist, sondern in der Mundhöhle. 

Wichtige Zusammenarbeit. Die Wechselwirkungen von Parodontitis und Diabetes mellitus waren Gegenstand des Vortrags von Prof. Dr. Dr. Diethelm Tschöpe, Direktor des Diabeteszentrums an der Ruhr-Universität Bochum. Er legte dar, dass Diabetes die Entstehung, Progression und den Schweregrad von Parodontitis begünstigt. So haben Diabetiker im Vergleich zu Stoffwechselgesunden ein 15-fach erhöhtes Risiko für Zahnverlust. Umgekehrt hat die Parodontitis Konsequenzen für den Diabetes. Sie führt zu einem steigenden HbA1c-Wert und verschlechtert damit die metabolische Einstellung. Prof. Tschöpe hält die Zusammenarbeit zwischen Zahn- und Stoffwechselmedizinern für unabdingbar, denn für die entzündlichen Erkrankungen des Parodonts und den gestörtem Glukosestoffwechsel sind die gleichen inflammatorischen Prozesse verantwortlich. Seiner Ansicht nach können durch Prävention und rechtzeitige Therapie Entzündungsprozesse, Insulinresistenz und daraus resultierende Probleme aufgehalten werden. 
Interdisziplinäre Behandlungschancen bei Parodontitis und Diabetes mellitus

Genetisch bedingt? Der nächste prominente Referent war Prof. Dr. James Deschner, der an der Bonner Poliklinik für Parodontologie, Zahnerhalt und Präventive Zahnheilkunde eine klinische Forschungsgruppe über den Zusammenhang von Parodontitis und kardiovaskulären Erkrankungen leitet. Seiner Erkenntnis nach haben Patienten mit Entzündungen im Zahnhalteapparat ein erhöhtes Risiko für koronare Herzkrankheit (KHK) und Myokardinfarkt. Umgekehrt haben Menschen mit einer KHK überproportional häufig auch eine Parodontitis. Obwohl dies auch durch eine genetische Disposition bedingt sein kann, ist eine Assoziation zwischen kardialen Erkrankungen und der Parodontitis unstrittig. 
Forschung zu genetischen Risikofaktoren der Parodontitis an der Berliner Charité

Tierexperimentelle Untersuchungen, die sich auf den Menschen übertragen lassen, zeigen, dass die Ausprägung der Parodontitis mit der Intima-Media-Dicke der Koronargefäße korreliert. Umgekehrt verbessert sich die endotheliale Dysfunktion, die als Marker für Arteriosklerose gilt, wenn eine Parodontitis konsequent therapiert wird. Laut Prof. Deschner muss geklärt werden, ob sich durch eine konsequente Behandlung der Parodontitis die Rate an Herzinfarkten und Schlaganfällen senken lässt und ob durch die Behandlung der Parodontitis eine effektive Sekundärprophylaxe betrieben werden kann.

Lebhafte Diskussion. Den hochkarätigen Vorträgen schlossen sich intensive Fragerunden an, die moderiert durch Matthias Felsenstein, Leiter der Abteilung Fortbildung der LÄK, und Prof. Einwag für weitere interessante Erkenntnisse sorgten. Fragen nach Patienten unter Chemotherapie, nach Schwangerschaftsdiabetes und nach den Auswirkungen von bestimmten Medikamenten auf die Mundgesundheit zeigten, wie weitgespannt das Interesse der Anwesenden war. Sie alle schlossen sich dem Dank an den gastfreundlichen Hausherrn, die BZÄK Nordwürttemberg, die Referenten und die Veranstalter an – in der Hoffnung auf weitere Meetings dieser Art.
Dorothea Kallenberg

Zum Weitersurfen
Video-Interview mit Prof. Dr. Christof Dörfer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie (DG PARO), zum Vorbericht des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) 

Empfehlungen zur  zahnärztlich-chirurgischen Sanierung  
vor Herzklappenersatz 

Angemeldetes Leitlinienvorhaben _„Diabetes und Parodontitis“
Geplante Fertigstellung: 30.07.2017