Zahnaerzteblatt.de

 

Berufspolitik

Dialog-Begegnung mit Michael Hennrich MdB in Nürtingen

 

Reformierte Dualität im Fokus

Ausgabe 7, 2017

Die Dialog-Begegnungen mit politischen Opinionleaders im Gesundheitsund Sozialbereich auf Bundes- und Landesebene wurden im Mai dieses Jahres im Büro des Bundestagsabgeordneten Michael Hennrich MdB in Nürtingen fortgeführt. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass Michael Hennrich jüngst seine Überlegungen zu einer Neu- und Umgestaltung der gesetzlichen Krankenversicherung öffentlich machte.

Die Diskussionen über die von Michael Hennrich ins Spiel gebrachte Überlegung einer einheitlichen Gebührenordnung in der Krankenversicherung bestärkte den Verwaltungsrat des Informationszentrums Zahngesundheit, Dr. Ute Maier, Vorsitzende der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, und Dr. Torsten Tomppert, Präsident der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg, das Gespräch mit Michael Hennrich zu suchen. So kam es in der vorletzten Maiwoche zum Dialog über seine Vorstellungen von einer einheitlichen Gebührenordnung für Ärzte und Zahnärzte.

Einheitliche Gebührenordnung. Seiner Meinung nach müsse es eine einheitliche Gebührenordnung geben, die „nach oben offen“ gestaltet sein sollte. So könnten zum Beispiel Selektivverträge mit Ärzten und Zahnarztgruppen und/oder kassenärztlichen und -zahnärztlichen Vereinigungen abgeschlossen werden. In diesem Zusammenhang sprach Michael Hennrich von „Kollektiven Selektivverträgen“, die bereits im ärztlichen Bereich z. B. mit dem Hausärzteverband erfolgreich umgesetzt wurden. Allerdings spricht er sich deutlich dafür aus, „Gebührenordnungen nach unten nicht zu öffnen“.

Demografie. Dr. Tomppert verwies auf die demografischen Entwicklungen, die Zahnärzte, Ärzte und Patienten in den kommenden Jahren vor enorme Herausforderungen stellten. Diese Herausforderungen stellten sowohl die PKV als auch die GKV vor Finanzierungsfragen. Eine Bürgerversicherung von SPD und Bündnis 90/Die Grünen – da waren sich Dr. Tomppert und Michael Hennrich einig – könne keine Lösung sein. Einig waren sich Michael Hennrich und Dr. Tomppert auch darin, dass sich „PKV und GKV verändern müssen“. Dr. Tomppert: „Wir setzen auf eine reformierte Dualität von PKV und GKV“. Die PKV müsse erhalten werden, betonte Dr. Tomppert, denn die PKV sei der „Innovationsträger“ in der Krankenversicherung. Michael Hennrich pflichtete dem LZK-Präsidenten bei, indem er sich sowohl für die Beibehaltung der PKV aussprach als auch das Ziel einer reformierten Dualität in der Krankenversicherung unterstützte.

Präventionserfolge. Wichtig war es Dr. Torsten Tomppert herauszustellen, wie sich die Zahnund Mundgesundheit bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in den letzten Jahrzehnten verbessert hat. Ob in der Kariesvermeidung oder bei der Parodontitis – auf allen Gebieten habe es sehr erfreuliche Entwicklungen und Erfolge gegeben. Kinder verfügten heute in der Mehrzahl – über 70 Prozent – über kariesfreie Zähne.

Fazit. Die Dialog-Begegnung war sehr konstruktiv und von gegenseitigem Vertrauen geprägt. Dabei wurde deutlich, dass beide Seiten sehr gut die derzeitige und die künftige Situation der gesetzlichen und privaten Krankenversicherung kennen und die Herausforderungen meistern wollen. Michael Hennrich verwies z. B. auf das von Schwarz- Gelb auf den Weg gebrachte Gesetz zur Neuordnung der Arzneimittelversorgung (Amnog), das sich in der Praxis sehr bewähre. Deswegen sei er zuversichtlich, dass den verantwortlichen Politikern im Dialog mit den Akteuren im Gesundheitswesen eine zukunftsweisende Reform des Gesundheitswesens gelinge.

Zum Thema Dienstleistungspaket der Europäischen Kommission merkte Michael Hennrich an, dass die Zahnärzte- und die Ärzteschaft nicht betroffen seien. Die Gesundheitspolitik falle in die Hoheit der Mitgliedstaaten der Europäischen Union.

johannes.clausen@izz-online.de

 

Politische Kräfte für Beweislastumkehr bei Behandlungsfehlern

 

Droht „verschuldensunabhängige Haftung“?

Ausgabe 7, 2017

Auch nach Inkrafttreten des Patientenrechtegesetzes vor vier Jahren hängt die Beweislastumkehr wie ein Damoklesschwert über den Heilberufen – jetzt scheint es eine Allparteienkoalition für „Nachjustierungen“ am Gesetz und – Grüne und Linke offenbar gleichauf mit gemeinsamem Wunsch – eine teilweise oder vollständige Beweislastumkehr zu geben. Zumindest ist dies der Eindruck nach einer Diskussionsveranstaltung des GKV-Spitzenverbandes. „Was man mit dem Patientenrechtegesetz nicht geschafft hat, könnte auf dem Wege eines Patientenentschädigungs- und Härtefallfonds Realität werden“, sagt Christian Finster, stv. Vorstandsvorsitzender der KZV BW. Für den Fonds gibt es politisch „breite Sympathien“.

Das Patientenrechtegesetz ist seit Jahren ein Megathema in der berufspolitischen Debatte auf Bundes- und Landesebene. Das unter Schwarz-Gelb verabschiedete Gesetz „verstärkte die Informationsund Aufklärungspflichten“, erläutert der Ärztenachrichtendienst (änd) in seinem Hintergrundbericht über die Veranstaltung des GKVSpitzenverbandes. Und weiter: „Im Zuge der Änderungen verstärkten Krankenkassen ihre Kapazitäten, Versicherte bei Behandlungsfehlern zu beraten.“ Dies gerade auch deshalb, um nicht für die Folgen von Behandlungsfehlern aufkommen zu müssen.

Die KZV BW als zahnärztliche Berufsorganisation nimmt ihren Auftrag, die Zahnärztinnen und Zahnärzte zu informieren und zu beraten, insbesondere beim Komplex Patientenrechte sehr ernst. Seminare, persönliche Beratung, der Sonderband „Das neue Patientenrechtegesetz“, detaillierte Praxistipps auf der Website – „das Thema ist wichtig und bedeutsam für die Praxisinhaberin und den Praxisinhaber, sie müssen die Gefahren und wichtige Anforderungen an das zahnärztliche Risikomanagement kennen“, sagt stv. Vorstandsvorsitzender Christian Finster.

Misstrauenskultur. Mit Sorge betrachtet wird indessen, dass, wie der „änd“ schreibt, „manche Mitglieder des Gesundheitsausschusses im Bundestag vielen Ärzten offenbar nahezu kriminelle Energie zuschreiben“ (weitere Ausführungen im Bericht: „Mediziner verzögerten bewusst Verfahren“ und „manche würden sogar Dokumente fälschen“). „Hier zeigt sich offen eine generelle Misstrauenskultur der Politik gegenüber den Heilberufen, die konkret durch nichts gerechtfertigt ist“, so Finster. Allerdings könnte nun davon die Konsequenz sein: die teilweise oder ganze Beweislastumkehr bei Behandlungsfehlern und die Einführung eines sog. Patientenentschädigungs- und Härtefallfonds, für den offenbar parteiübergreifend große Sympathien gehegt werden.

„Nach meiner Auffassung ist das eine geschickte strategische Tarnung, um das zu erreichen, was man beim Patientenrechtegesetz damals wollte, also von einer verschuldensabhängigen zu einer verschuldensunabhängigen Haftung zu gelangen“, so Finster.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer und Olaf Scholz, Erster Bürgermeister der Stadt Hamburg, hatten letztes Jahr einen Entschließungsantrag in den Bundesrat eingebracht, der sich damit befasst, dass die Länder die Bundesregierung auffordern, diesen Fonds im Zusammenhang mit Behandlungsfehlern einzurichten.

Gerechtigkeitslücke. Seehofer und Scholz seien der Auffassung, dass die Durchsetzung arzthaftungsrechtlicher Schadensansprüche häufig an der fehlenden Möglichkeit scheitere, nachzuweisen, dass der Gesundheitsschaden durch eine fehlerhafte Behandlung verursacht worden sei. Auch wenn das Vorliegen eines ärztlichen Fehlers naheliege, müssen Patienten die schwerwiegenden gesundheitlichen und finanziellen Folgen der Behandlung tragen, wenn sie die für die Arzthaftung erforderlichen Voraussetzungen nicht zur Überzeugung des Gerichtes nachweisen können. „Diese Gerechtigkeitslücke will man jetzt offenbar beseitigen, auch wenn das Patientenrechtegesetz alles neu geordnet hat“, so der stv. Vorstandsvorsitzende. Es solle gehaftet werden bei überwiegend wahrscheinlichen Behandlungs- und Organisationsfehlern.

Finster: „Für uns bedeutet das konkret: Wir sind in den zahnärztlichen Körperschaften aufgefordert, uns gemeinsam umgehend der Angelegenheit anzunehmen, uns entsprechend zu positionieren, zu informieren und darauf zu drängen, dass die Beweislastumkehr nicht kommt.“

guido.reiter@kzvbw.de

 

Enge Kooperation von Hauptamt und Ehrenamt in der KZV BW

 

Denkwerkstatt: Zukunftsprojekte werden konkret

Ausgabe 7, 2017

Haben Sie sich schon mal verwählt? Bei einer Bundestagswahl? Bestimmt mit dem Ergebnis, dass nach der Wahl Erwartungen nicht erfüllt wurden. Der WahlCheck Gesundheit, ein neues Online-Angebot der KZV BW (verfügbar ab Ende Juli), wird helfen, dass man die Partei findet, die in Sachen Gesundheitspolitik und Gesundheitsversorgung am meisten übereinstimmt mit den eigenen Vorstellungen. Die Umsetzung des WahlCheck ist ein konkretes Ergebnis der Denkwerkstatt der KZV BW. Weitere Zukunftsthemen: die Erstellung der „Zukunftsstrategie KZV 4.0“ und die Digitalisierung des Rundschreibens. In den Projektgruppen, in denen ehrenamtliche Vertreter – Landesbeirat und VV-Vorsitzende – und der hauptamtliche Vorstand gemeinsam wirken, werden die Zukunftsprojekte der KZV BW angepackt.

Zu Beginn des Jahres hat der Vorstand auf der gemeinsamen Klausur mit dem Landesbeirat und dem Vorsitzenden der Vertreterversammlung die Einrichtung einer gemeinsamen KZV-Denkwerkstatt (KDW) beschlossen. Ziel dieser Denkwerkstatt ist die frühzeitige Einbeziehung der Mitglieder des Landesbeirates und des Vorsitzenden der Vertreterversammlung bzw. dessen Stellvertreters in Zukunftsprojekte der Kassenzahnärztlichen Vereinigung. „Für den Vorstand war es ein wichtiges Anliegen VV-Vorsitzende und Landesbeirat frühzeitig und eng beratend in die zukunftsorientierte Ausrichtung der KZV BW einzubinden“, betont Dr. Ute Maier. „Diese Mitwirkung ist ein großer Gewinn für die Arbeit der KZV BW“, so die Vorstandsvorsitzende. Momentan gibt es drei verschiedene Projektgruppen, die jeweils von einem Vorstandsmitglied verantwortet werden.

KDW-Projektgruppe 1. Die KDW-Projektgruppe 1 wird von Ass. jur. Christian Finster zusammen mit den Landesbeiratsmitgliedern Dr. Wilfried Forschner, Dr. Uwe Lückgen und Dr. Hans Hugo Wilms unter Mitberatung durch den stellvertretenden Vorsitzenden der Vertreterversammlung Dr. Ulrich Jeggle gebildet. Diese KDW-Projektgruppe verantwortet die Aktivitäten der KZV BW zur Bundestagswahl.

Die KDW-P1 hat sich für eine gute Vertretung der Zahnärzteschaft im Vorfeld der Bundestagswahl auf zwei Hauptaktivitäten konzentriert, welche in Kooperation mit der AG KZVen (bestehend aus den KZVen Bayerns, Baden-Württemberg, Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein) entwickelt und vorangetrieben werden.

WahlCheck Gesundheit. Der WahlCheck Gesundheit ist eine Online-Plattform nach dem Vorbild des Wahl-O-Mat. Der Benutzer kann auf dieser Seite seine gesundheitspolitischen Positionen mit denen der Parteien abgleichen, die für die Bundestagswahl antreten. Nach der Beantwortung der etwa 15 Fragen zeigt sich, mit welcher Partei der jeweilige Benutzer die größte Übereinstimmung hat. Der WahlCheck Gesundheit wird nach der Veröffentlichung aller Parteiprogramme ab Ende Juli online sein und durch eine Social- Media-Kampagne beworben werden.

Kampagne. „Versorgungssicherheit statt Bürgerversicherung“, das ist die Headline und die Botschaft der Kampagne der AG KZVen, die unter der Federführung der KZV BW entwickelt wird. Mit Hilfe einer Studie, die in Auftrag gegeben worden ist, wird man darlegen, welche gravierenden Folgen die Einführung der Bürgerversicherung für die Versorgungssicherheit in Baden-Württemberg haben könnte (s. separaten Beitrag in dieser Ausgabe). Ab Juli wird hierfür Infomaterial für Patientinnen und Patienten, politische Entscheidungsträger, die Zahnarztpraxen u. v. m. zur Verfügung gestellt werden.

KDW-Projektgruppe 2. Die KDW-Projektgruppe 2 wird von Dr. Ute Maier zusammen mit den Landesbeiratsmitgliedern Dr. Uwe Lückgen, Dr. Dr. Heiner Schneider und Dr. Hans Hugo Wilms und dem Vorsitzenden der Vertreterversammlung Dr. Dr. Alexander Raff verantwortet. Diese KDWProjektgruppe befasst sich mit den Aktivitäten der KZV BW zum Thema interne und externe Öffentlichkeitsarbeit, sowie mit der Einbindung und der Darstellung des Ehrenamts.

Was wurde bisher erreicht? In den zwei Sitzungen wurde zum einen das Thema interne Öffentlichkeitsarbeit und Social-Media- Aktivitäten der KZV beleuchtet, sowie die externe Öffentlichkeitsarbeit der KZV BW. Dazu wurden jeweils externe Impulsgeber eingeladen, eine Social-Media-Analyse für die KZV BW in Auftrag gegeben und die Öffentlichkeitsarbeit der KZV BW auch mit dem Blick von außen mit Optimierungsmöglichkeiten unter die Lupe genommen.

Ein erster wichtiger Beschluss wurde gefällt: zum 1. Januar 2018 wird das Rundschreiben komplett digitalisiert und die Printversion abgeschafft. Vertragszahnärztinnen und Vertragszahnärzte in Baden-Württemberg, die das digitale Rundschreiben noch nicht erhalten, können sich jederzeit zur Nutzung anmelden (s. Anzeige mit QR-Code; bitte beachten: Wer das digitale Rundschreiben bereits nutzt, muss sich nicht mehr erneut anmelden). In den Printpublikationen der KZV BW, online auf der Website www.kzvbw.de und im Zahnärzteblatt Baden- Württemberg wird dauerhaft auf die Anmeldemöglichkeit und die Umstellung zum Jahreswechsel hingewiesen. Anmeldefrist ist der 31.08.2017.

KDW-Projektgruppe 3. Der KDW-Projektgruppe 3 gehören Dipl.-Volkswirt Christoph Besters sowie die Mitglieder des Landesbeirats Dr. Bert Bauder, Dr. Gudrun Kaps-Richter und Dr. Uwe Rieger an. Hier wird diskutiert und vorbereitet, wie der digitale Wandel für die Zahnärzteschaft gewinnbringend sowohl für die Zahnarztpraxen als auch für die KZV BW gestaltet werden kann.

Was wurde bisher erreicht? Die KDW-P3 hat sich darauf verständigt bis zur Vertreterversammlung im Sommer 2018 eine „Zukunftsstrategie KZV 4.0“ vorzulegen. Hierfür sind auch die Mitglieder der KZV BW eingebunden worden. Ein entsprechender Fragebogen wurde online angeboten und vielfach zur Nutzung und zum Ausfüllen beworben. Für die Vertragszahnärztinnen und -zahnärzte in Baden-Württemberg bestand die Gelegenheit, Wünsche, Nöte und Erfahrungen zu äußern. „Es ist uns sehr wichtig, Ihre Meinung zu erfahren und diese in die Arbeit und Ausrichtung der KZV BW einfließen zu lassen“, hieß es in der direkten Ansprache an die Mitglieder im Gesundheitstelegramm (Ausgabe 23-2017). Vorstand, Landesbeirat und die VV-Vorsitzenden betonten, dass die gewonnenen Informationen als Grundlage für die weitere Arbeit der KDW-P3 dienen sollen.

Zwischenstand. Dass die Mitwirkungsmöglichkeit sehr gut angenommen wird, zeigte die Zahl von mehr als 120 Teilnehmern, die – nach Veröffentlichung der Info und des Links im „Gesundheitstelegramm“ – die Umfrage innerhalb von knapp zwei Wochen beantwortet haben (Stand Mitte Juni). Die Erhebung lief bis zum 26.06.2017. Zu den Umfrageergebnissen, zur „Zukunftsstrategie KZV 4.0“, zu Denkwerkstatt und Zukunftsthemen der KZV BW: Fortsetzung folgt!

florian.wahl@kzvbw.de
guido.reiter@kzvbw.de

 

12. Europatag der BZÄK

 

Heimspiel in Brüssel

Ausgabe 7, 2017

Für LZK-Präsident Dr. Torsten Tomppert war der 12. Europatag der BZÄK in Brüssel ein echtes Heimspiel: Diskutanten beider Panels, die sich mit dem Dienstleistungspaket der Europäischen Kommission beschäftigten, waren baden-württembergische Abgeordnete des Europäischen Parlaments, die Dr. Tomppert erst jüngst zu Dialoggesprächen getroffen hat.

Auf der Agenda des 12. Europatages der BZÄK in Brüssel am 7. Juni stand das Dienstleistungspaket und die Frage, ob es der Europäischen Kommission mit ihrer Gesetzgebungsinitiative gelingt, durch weniger Regulierung mehr Wachstum zu generieren.

Den Impuls für das erste Panel, das die Auswirkungen des Verhältnismäßigkeitstests auf die Freien Heilberufe erörterte, setzte Prof. Dr. Anne Schäfer von der Hochschule Fulda: Sie machte die Evidenzbasierung des Verhältnismäßigkeitstests als zentrales Problem aus und stellte der Kommission auch ein denkbar schlechtes Zeugnis bei der Fragengestaltung aus.

Dem Heilberuf nicht gerecht. Diskutanten des ersten Panels waren der CDU-Abgeordnete im Europäischen Parlament und Mitglied des EU-Ausschusses für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Norbert Lins, BZÄK-Präsident Dr. Peter Engel, Ortwin Schulte, Referatsleiter Gesundheit der Ständigen Vertretung der BRD bei der EU, Prof. Dr. Anne Schäfer und der von Moderator Hendrik Kafsack spontan auf das Podium gebetene Vertreter der Europäischen Kommission, Bernhard Zaglmayer, zuständig für Berufliche Qualifikationen und Fähigkeiten.

Norbert Lins bescheinigte Deutschland nochmals bei der Transparenzinitiative sehr gut abgeschnitten zu haben. Vor dem Hintergrund der teilweise bedenklichen Entwicklung in vielen osteuropäischen Ländern befürwortete er grundsätzlich den Gesetzesvorstoß der Kommission – kritisierte allerdings den Zeitpunkt.

Bernhard Zaglmayer betonte, die Kommission würde keine Deregulierung per se verlangen, sondern nur eine Auflistung von Kriterien – wenn diese in den Mitgliedsstaaten angewendet würden, müssten sie lediglich ordnungsgemäß begründet werden.

BZÄK-Präsident Dr. Peter Engel konnte der Aussage von Bernhard Zaglmayer, bei der Formulierung „Hindernisse der Freizügigkeit“ handele es sich um einen neutralen Terminus, keinen Glauben schenken, zumal die Freien Heilberufe dann in die Situation einer Beweislastumkehr kommen würden, denn sie müssten mit hohem bürokratischen und finanziellen Aufwand die Vorwürfe entkräften – das sei die falsche Reihenfolge.

Darüber hinaus bekräftigte Dr. Engel seine Auffassung, dass das Paket dem Freien Heilberuf nicht gerecht werde und die derzeitigen Regulierungen des Berufs kein Wettbewerbshindernis darstellten. Die Freien Heilberufe müssten wie bei der Dienstleistungsrichtlinie ausgeklammert werden, forderte Dr. Engel. Eine Auffassung, die auch Prof. Schäfer unterstrich – das Gut Gesundheit unterscheide sich von einer Steuerberatung. „Ein Gesundheitsschaden ist etwas anderes als ein Vermögensschaden“.

Auf eine Zusage zur Herausnahme der Heilberufe aus dem Geltungsbereich des Gesetzes, ließ sich Norbert Lins allerdings nicht festlegen: „Wir sind am Anfang eines Diskussionsprozesses innerhalb der CDU und wir müssen die Offenheit behalten“.

Das erste Panel abschließend, stellte BZÄK-Präsident Dr. Peter Engel die Frage, wieviel Regulierung Sinn mache, um das Haus Europa zusammenzuhalten? „Es gibt drängendere Probleme in Europa!“

Fehlendes Vertrauen. Im zweiten Panel diskutierten die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments und Mitglied des für das Dienstleistungspaket nun zuständigen federführenden Binnenmarktausschusses, Evelyne Gebhardt von der SPD, Martin Frohn, Leiter des Referats Berufsqualifikationen und Fertigkeiten der Generaldirektion Binnenmarkt, Industrie und KMU der Europäischen Kommission, die Hauptgeschäftsführerin des BFB, Dr. Stephanie Bauer und Arno Metzler, Vizepräsident der Gruppe III des Europäischen Wirtschaftsund Sozialausschusses, was das Dienstleistungspaket für unternehmensbezogene Dienstleistungen bedeutet.

Dr. Stephanie Bauer stellte die Ergebnisse der vom BFB an der Universität Düsseldorf bei Prof. Haucap in Auftrag gegebenen Düsseldorfer Studie vor, die keinen Zusammenhang zwischen Deregulierung und Wirtschaftswachstum ermitteln konnte, weil ein anderer Markt fokussiert werde, der Vertrauensmarkt.

Evelyne Gebhardt gestand, gegenüber Studien inzwischen eine gewisse Skepsis entwickelt zu haben und mahnte an, tatsächliche Probleme zu lösen. „Mir geht es um die Qualität der Dienstleistung und bei grenzüberschreitenden Dienstleistungen stellt die Sprache ein weitaus größeres Hindernis dar als die Regulierungen der Freien Berufe“. Sie stelle nun eine Unruhe in den Mitgliedstaaten durch den neuerlichen Vorstoß der Kommission fest, die nicht förderlich für den europäischen Gedanken sei, so Evelyne Gebhardt.

Arno Metzler sah die Problematik im fehlenden Vertrauen zwischen der Kommission und den Freien Berufen begründet.

Martin Frohn betonte, es gehe um das richtige Maß der Reglementierung und die Folgen. Derzeit laufen die Beratungen über das Dienstleistungspaket im federführenden Binnenmarktausschuss des Europäischen Parlaments und innerhalb der im Rat versammelten EU-Mitgliedstaaten. „Wir werden uns Kompromissvorschlägen nicht verschließen“, sagte Martin Frohn zu und gab mit der Aussage „die Kommission sieht sich immer dem Vorwurf ausgesetzt, sich nicht gegen Deutschland und Frankreich durchsetzen zu können“ einen möglichen Hinweis auf die Beweggründe einiger Kommission- Initiativen.

Aktiver Verbraucherschutz. Die Aufgabe, ein Fazit des 12. Europatages zu ziehen, fiel dem Gastgeber zu: Dr. Peter Engel sieht die Freien Berufe in einem richtungsweisenden Prozess, der offen ist. Er betonte, „die Vertiefung des Binnenmarktes findet unsere volle Sympathie – die rein ökonomische Betrachtungsweise von beruflicher Regulierung lehnen wir hingegen ab“. Regulierung sei kein Selbstzweck, sondern „aktiver Verbraucherschutz“!

mader@lzk-bw.de

 

Gemeinsame Gutachtertagung der BD Tübingen der KZV BW und der BZK Tübingen

 

Chronische Gesichtsschmerzen

Ausgabe 7, 2017

Am 12. und 13. Mai 2017 trafen sich die Gutachter der Bezirksdirektion Tübingen der KZV BW und der Bezirkszahnärztekammer Tübingen zu ihrer ersten gemeinsamen Tagung in Überlingen.

Das Phänomen „Schmerz“, sei es ein atypischer Gesichtsschmerz, Schmerzen in Zusammenhang mit einer Craniomandibulären Dysfunktion (CMD) oder ein Schmerzgeschehen anderer Genese, hat Einfluss auf die gutachterliche Stellungnahme, insbesondere bei Mängelgutachten. Schließlich ist eine unklare Schmerzsymptomatik oft der Auslöser für die gutachterliche Überprüfung einer eingegliederten Versorgung. Aber auch bei Planungsgutachten spielt die CMD zunehmend eine Rolle.

Dr. Wolfram Widmaier, Gutachterreferent der KZV BW, Bezirksdirektion Tübingen, und Dr. Herbert Martin, Gutachterreferent der BZK Tübingen, wollten die Thematik aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven beleuchten und hatten deshalb fachkundige Referenten eingeladen.

Psychosoziale Einflussfaktoren. Professor Dr. med. Ulrich T. Egle, Freiburg, Facharzt für Psychiatrie, psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie spezielle Schmerztherapie, referierte am Freitagnachmittag über psychosoziale Einflussfaktoren bei chronischen Gesichtsschmerzen. Die Begutachtung chronischer Schmerzen sei eine interdisziplinäre Aufgabe und erfordere Kompetenz sowohl bei der Beurteilung körperlicher als auch psychischer Störungen. In einer der nächsten Ausgaben des Zahnärzteblattes Baden-Württemberg soll hierzu ein Fortbildungsbeitrag von Professor Egle erscheinen.

Vorbehandlung bei CMD. Am Samstagmorgen gab Dr. Wolfram Widmaier im Dialog mit dem Auditorium Anregungen zu Möglichkeiten der Vorbehandlung bei CMD, die im Rahmen einer Begutachtung gewürdigt werden müssen. Die Evidenz von CMD-Behandlungen beleuchtete Dr. Fabian Hüttig, Oberarzt und Leiter der Studienzentrale „Medizinprodukte“, Poliklinik für zahnärztliche Prothetik der Universitätszahnklinik Tübingen. Seiner Auffassung nach ist CMD differenziert und evidenzbasiert diagnostizierbar. Den zahnärztlichen Diagnosen folgen die etablierten, evidenzbasierten Therapien wie Aufklärung, Schienenbehandlungen, Selbstanwendung und Physiotherapie. Hochkomplex, da interdisziplinär, bedarf es eines gut abgestimmten Behandlungskonzeptes, bei welchem der Zahnarzt als Behandlungspartner auftrete. Eine bessere Datenlage zur Therapie werde es jedoch erst in den nächsten fünf bis zehn Jahren geben.

Fallbeispiele. Dr. Barbara Schlisio, Leiterin des interdisziplinären Schmerzzentrums, Universitätsklinikum Tübingen, trug zum Abschluss anhand von Fallbeispielen Aspekte des atypischen Gesichtsschmerzes vor und machte deutlich, dass Schmerzphänomene begrifflich und aus der Entwicklung heraus differenziert zu betrachten seien. Ein Perspektivenwechsel während der Betrachtung des gesamten Prozesses würde die biologischen Chronifizierungsmechanismen in der Begutachtung würdigen. Der idiopathische Gesichtsschmerz sei in diesen Kontext zu rücken und zu bewerten.

Das Thema „Chronischer Gesichtsschmerz“ wurde auf dieser Tagung aus den unterschiedlichen fachlichen Perspektiven eingehend beleuchtet und die Gutachter nahmen wertvolle Anregungen über den klassischen zahnmedizinischen Hintergrund hinaus mit nach Hause.

Dr. Wolfram Widmaier, Beate Müller-Partsch