Zahnaerzteblatt.de

 

Berufspolitik

Vertreterversammlung der KZV BW

 

Drastische Einschnitte für Patienten und Zahnärzte

Ausgabe 8-9, 2017

Eine Bürgerversicherung wird gravierende Folgen für die Bürgerinnen und Bürger sowie die Zahnärztinnen und Zahnärzte in Baden-Württemberg haben: Im ländlichen Raum würden bis zu 534 Zahnärzte und 2.350 Arbeitsplätze für Zahnarzthelferinnen und -helfer und Praxispersonal in den nächsten zehn Jahren wegfallen. Zu diesem Ergebnis kommt der Sachverständige Prof. Dr. Wolfgang Merk in seinem Gutachten zu den Auswirkungen der Einführung einer Bürgerversicherung für die zahnmedizinische Versorgung. Das Gutachten wurde in der Vertreterversammlung der KZV BW Ende Juni in Stuttgart vorgestellt. Die Delegierten erteilten einstimmig „jeglichen Überlegungen zur Einführung einer Bürgerversicherung bzw. einer einheitlichen Gebührenordnung eine definitive Absage“.

Weiter legte die VV fest, dass sich die KZV BW mit diesem Anliegen an die politischen Akteure in Baden- Württemberg und auf Bundesebene wenden wird. Aktuell gibt es bereits zahlreiche Initiativen, u. a. ist die Bürgerversicherung immer Thema in den politischen Gesprächen. In einem Schreiben an Ministerpräsident Winfried Kretschmann (B‘90/Die Grünen) betonte Vorstandsvorsitzende Dr. Ute Maier, dass die Einführung der Bürgerversicherung unter Berücksichtigung der dargestellten Gesichtspunkte dem Landeswohl widerspreche. Auch stv. Ministerpräsident Thomas Strobl (CDU) und die Vorsitzenden der Landtagsfraktionen von Bündnis 90/Die Grünen, SPD, CDU und FDP wurden informiert. „Wir sind jetzt gespannt auf die Stellungnahmen“, sagte Maier in der Vertreterversammlung.

Delegierter Dr. Rainer-Udo Steck: „Ein großes Lob dafür, dass das Thema von uns in die Öffentlichkeit gebracht wurde.“

Tragweite. Das Gutachten von Prof. Dr. Merk benennt konkret die Tragweite der Einführung einer Bürgerversicherung: Bis zu 534 Zahnärzte und zusätzlich bis zu 2.350 Arbeitsplätze für Zahnarzthelferinnen und -helfer und Praxispersonal fallen in Kommunen bis zu 10.000 Einwohner weg. Dies würde eine Ausdünnung der örtlichen Strukturen in den Gemeinden mit gravierenden Folgen nicht nur für die gesundheitliche Versorgung der Menschen, sondern auch für die gesamte Infrastruktur bedeuten. „Das Experiment eines Systemumstiegs wird gerade Baden- Württemberg als großes Flächenland mit einer Vielzahl von ländlich geprägten Strukturen ins Mark treffen“, betonte Maier. Bedrohte Arbeitsplätze in den Zahnarztpraxen (Arztpraxen) sind in überwiegender Mehrheit von Frauen besetzt, in einem großen Maße sind es Teilzeitbeschäftigte. Vor allem in den ländlichen Gemeinden ist es zudem deutlich beschwerlicher gleichwertige Arbeitsplätze zu finden.

Die Delegierten waren mit der Kommunikationslinie des Vorstandes sehr einverstanden – u. a. berichtete der SWR am ersten Tag der VV im Rundfunk und auf der Website. Dr. Eberhard Montigel sagte: „Es ist richtig, dass man mit dem Schwerpunktthema Einheitsversicherung in die Öffentlichkeit geht.“ Dr. Dr. Heinrich Schneider entschieden: „Jetzt ist Wahlkampf, jetzt muss man das Thema machen!“

Termine. Zur Herbst-VV kommen die Delegierten am 24. und 25. November in Leinfelden-Echterdingen zusammen. Die Frühjahrs-VV 2018 findet am 29. und 30. Juni wiederum in Leinfelden-Echterdingen statt.

guido.reiter@kzvbw.de

 

Vertreterversammlung der KZBV

 

Delegierte beschließen Agenda Mundgesundheit

Ausgabe 8-9, 2017

Die „Agenda Mundgesundheit 2017 – 2021“ ist beschlossene Sache: Die Delegierten der KZBV-VV haben damit in ihrer Versammlung Mitte Juni in Köln die Vertragszahnärzteschaft vor der Bundestagswahl positioniert. „Die Agenda umfasst die gesundheitspolitischen Positionen der Vertragszahnärzteschaft zur Sicherstellung und Weiterentwicklung der zahnmedizinischen Versorgung in Deutschland“, so die KZBV. In aller Deutlichkeit haben sich die Delegierten gegen die Einrichtung eines Patientenentschädigungs- und Härtefallfonds ausgesprochen. Der von der AG KZVen eingebrachte Antrag wurde einstimmig beschlossen.

Mit der Agenda „zeigen wir, wo in den nächsten Jahren zentrale Handlungs- und Aufgabenfelder der vertragszahnärztlichen Versorgung liegen“, betonte Vorstandsvorsitzender Dr. Wolfgang Eßer. Im Zentrum stehen dabei „die drei großen D: Demografischer Wandel, Digitalisierung und Datensicherheit“. Eßer: „Wir müssen den demografischen Wandel bewältigen, die Chancen der Digitalisierung konsequent nutzen und zugleich Datensicherheit für Patienten und Zahnärztinnen und Zahnärzte gewährleisten.“

Oberstes Ziel der Vertragszahnärzteschaft sei die Verbesserung der Mundgesundheit der Bevölkerung, aber auch die Sicherstellung einer wohnortnahen, flächendeckenden und qualitativ hochwertigen Versorgung. Wichtig für die bedarfsgerechte Weiterentwicklung der Versorgung sei zudem ein pluralistisches Gesundheitswesen mit freiberuflichen Strukturen, freier Zahnarztwahl, einer handlungsfähigen, starken Selbstverwaltung sowie einer Honorierung, die den Praxen ein betriebswirtschaftliches Arbeiten ermöglicht.

Einstimmig. Die Delegierten sprachen sich in aller Deutlichkeit gegen die Einrichtung eines Patientenentschädigungs- und Härtefallfonds aus. Bei Behandlungsverträgen „gelten grundsätzlich die gleichen Haftungsvoraussetzungen wie für alle anderen Haftungsansprüche nach dem BGB“, heißt es in dem von der AG KZVen eingebrachten und einstimmig beschlossenen Antrag. Gründe dafür, im Bereich möglicher Medizinschäden „eine Privilegierung gegenüber anderen Bereichen vorzunehmen, sind nicht erkennbar.“

Problematisch wäre die „verschuldensunabhängige, zweite Haftungsebene“, auf die Ass. jur. Christian Finster, stv. Vorstandsvorsitzender der KZV BW und Delegierter der KZBV-VV, verweist. Fraglich ist, ob und inwieweit auf einer solchen Ebene Ansprüche zugestanden werden sollen, wenn ein Zivilgericht das Vorliegen eines Behandlungsfehlers verneint. Sogar die Bundesregierung hatte sich im Gesetzgebungsverfahren zum Patientenrechtegesetz so geäußert, dass der Entschädigungsfonds dem deutschen Haftungssystem – mit individueller Haftung des Schädigers – widersprechen würde (alle Beschlüsse der VV: siehe Infokasten mit QR-Code).

guido.reiter@kzvbw.de

 

„Sommertour“ von KZV BW und LZK BW

 

Drängende Themen im politischen Dialog

Ausgabe 8-9, 2017

Die „Sommertour“ von KZV BW und LZK BW läuft: Zum Auftakt in Südbaden – in Laufenburg und Steinen – und in Stuttgart drehte sich der politische Dialog live in Zahnarztpraxen um drängende Themen wie Versorgung im ländlichen und städtischen Raum, Auswirkungen der Bürgerversicherung sowie bürokratische Hürden und Verwaltungsaufwand.

Besonders vor der Bundestagswahl wird der Kontakt zu Politikern und Bundestagskandidaten, zu Bürgermeistern vor Ort und weiteren Multiplikatoren hergestellt, um im konstruktiven Gespräch auf drängende Fragen aufmerksam zu machen und diese zu diskutieren. Zur Sommertour kamen in Laufenburg Bürgermeister Ulrich Krieger und Daniel Poznanski (FDP), in Stuttgart war der Europaabgeordnete Michael Theurer zu Gast, in Steinen nahmen Dr. Christoph Hoffmann (FDP) und Bürgermeister Gunther Braun die Gelegenheit zur Information vor Ort war.

Baden-Württemberg. Station macht die Sommertour in den Sommerwochen in allen vier Regierungsbezirken Baden-Württembergs.

guido.reiter@kzvbw.de

 

Gutachterwesen

 

Vom Wert des Gutachtens

Ausgabe 8-9, 2017

Die Kollegin oder der Kollege, die bereits als Beteiligte von einem für sie ungünstigen Gutachten betroffen waren, werden sich bei dieser Überschrift fragen, welchen „Wert“ dieses Gutachten für sie wohl hatte. Losgelöst von dieser, in der Tat für jeden von uns Zahnärzten als äußerst unangenehm empfundenen Situation, ist das Gutachterwesen und damit auch jedes einzelne Gutachten ein Fenster für die allgemeine Öffentlichkeit in unsere Profession. Die Gutachter leisten somit einen wesentlichen Beitrag sowohl für die Zahnärzteschaft als auch für die Gesellschaft.

Ein (zahn-)ärztlicher Sachverständiger (Gutachter) ist ein Mediziner, der für einen Auftraggeber (z. B. Gerichte, Versicherer, Rechtsanwälte, Privatpersonen) zu Fragen des Gesundheitszustandes, zu Erkrankungen, Fehlbehandlungen (Behandlungsfehler) und der Körperschädigung von Patienten Stellung nimmt. Was sich hier als Definition so leicht liest, ist jedoch in der Realität schwer. Gilt es doch, sich als Gutachter in die Situation der Kollegin oder des Kollegen ex ante hineinzuversetzen und abzuwägen, ob es sich bei dem beklagten, zunächst vermeintlichen Schaden um eine Komplikation des Eingriffes an sich oder um einen tatsächlichen Regelverstoß (Behandlungsfehler) gehandelt hat.

Somit sind an den Sachverständigen, der ja dem Auftraggeber, einem medizinischen Laien, die Sachlage verständlich darlegen soll, hohe Anforderungen gestellt. Letztlich dient ein Gutachten stets als Beweismittel, welches dem Nichtmediziner (meist dem Richter) erlauben soll, den Sachverhalt einschätzen zu können. Der Sachverständige muss also, über seine professionelle (zahn-)ärztliche Grundausbildung hinaus, postgradual zusätzliches Wissen im Hinblick auf die Erstellung von Gutachten erwerben.

Gut aufgestellt. Hier sind wir in Baden-Württemberg sehr gut aufgestellt. An der Akademie für zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe wird seit zwanzig Jahren das „Curriculum Gutachtertraining“ angeboten, dessen Teilnahme jedem Gutachter in Baden-Württemberg empfohlen und von den Körperschaften auch finanziell unterstützt wird. Darüberhinaus finden auf Bezirks- und Landesebene mindestens einmal pro Jahr Gutachterfortbildungen mit speziell dafür aufbereiteten Themen statt. Des Weiteren sollten die gutachterlich tätigen Kollegen über eine überdurchschnittliche soziale Kompetenz und hohe Abstraktionsfähigkeit verfügen sowie in der Lage sein, lesbare und verständliche Schriftstücke anzufertigen. Zu guter Letzt muss der Gutachter auch stets über neue Entwicklungen in der (Zahn-) Heilkunde informiert sein und sich mit der Fortentwicklung von Leitlinien, Richtlinien und Empfehlungen beschäftigen.

Dies alles ist notwendig, um den Anforderungen, die an die Gutachten gestellt werden, gerecht zu werden.

Qualitätssicherung. Ein Gutachten soll natürlich zuallererst die Fragen des Auftraggebers beantworten. Gleichzeitig sind Gutachten innerprofessionell Instrumente der Qualitätssicherung, definieren indirekt den medizinischen Standard und zeigen den jeweiligen Stand der Wissenschaft. Außerhalb unserer Profession dienen die Gutachten als Spiegel dessen, was die Zahnheilkunde zu leisten vermag und was nicht. Hierbei müssen sich die Gutachten mit Standards auseinandersetzen, die die verschiedenen möglichen Qualitäten bei der Behandlung beschreiben. Es ist meiner Meinung nach wichtig, dass der Gutachter den Standard zugrunde legt, der in der täglichen Praxis geleistet werden kann. „Best practice-“Qualitäten dürfen nur in Ausnahmefällen als Standard herangezogen werden.

Nachwuchs gesucht. Aus all dem Gesagten ist erkennbar, dass die Anfertigung von Gutachten eine schwere und verantwortungsvolle Aufgabe ist. Daher gebührt all den Kolleginnen und Kollegen, die sich bereitgefunden haben, sich dieser Herausforderung zu stellen, mein allergrößter Dank. Es ist wichtig, dass in ihrer Praxis tätige Kolleginnen und Kollegen weiterhin bereit sind, Gutachten zu erstellen. Wäre dies nicht der Fall, würden andere („Berufsgutachter“) die Gutachten erstellen. Ob die Gutachten dann besser wären, darf bezweifelt werden, da diesen Gutachtern das „Regulativ“ der eigenen praktischen Arbeit fehlen würde.

Im Hinblick auf die Notwendigkeit, das Gutachterwesen in unseren Händen zu behalten, bedarf es natürlich auch der Nachwuchsgewinnung. Ich möchte hiermit auch jüngere Kolleginnen und Kollegen ermuntern, über ein entsprechendes Engagement nachzudenken. Gutachter sein heißt ja nicht nur Arbeit. Es dient meiner Meinung nach auch der Persönlichkeitsentwicklung, weitet den Blickwinkel und hilft, Fehler in der eigenen praktischen Tätigkeit zu minimieren.

Dr. Bert Bauder, Gutachterreferent der LZK BW

 

Training zum Zahnärztlichen Sachverständigen an der Akademie Karlsruhe

 

Die Professionalisierung des Gutachters

Ausgabe 8-9, 2017

Zum zwanzigsten Mal werden am 13. und 14. Oktober Absolventen des Karlsruher Gutachtertrainings eigene Gutachterfälle vorstellen und zeigen, was sie während des Curriculums gelernt haben. Der erste Durchgang startete im Jahr 1996 und war damals die erste Initiative, erfahrenen Gutachtern sowie interessierten Kolleginnen und Kollegen ein strukturiertes Training zum zahnärztlichen Sachverständigen anzubieten. Diese Initiative hat bundesweit Schule gemacht.

Am Anfang stand die Feststellung von Michael Heners: „So geht es nicht weiter!“ Im Rahmen seiner Tätigkeit als Gerichts- und Obergutachter war er immer wieder mit gutachterlichen Bewertungen zahnärztlicher Leistungen konfrontiert, die seine Qualitätsansprüche nicht erfüllten. Das war zunächst einmal nicht sonderlich überraschend, da man zum Gutachter berufen werden konnte, ohne eine besondere Qualifikation vorweisen zu müssen. Formal ausgewiesen war nur die Forderung nach ausreichender Behandlungserfahrung. Dabei unterscheiden sich die im Gutachteramt erforderlichen Kompetenzen ganz erheblich von denen, die in der praktischen Ausübung der Zahnheilkunde von Bedeutung sind. Der Gutachter muss mit dem geschriebenen Wort umgehen, das in Form der Gerichtsakte oder der Unterlagen für eine Bewertung im Auftrag von Krankenkasse und KZV auf seinem Schreibtisch landet. Hier findet er die Dokumente, aus denen er sich den Fallverlauf – oft mühsam – zusammensetzen muss. Und er muss natürlich schreiben und eine schlüssige Argumentationskette vorlegen können.

Ziel Professionalisierung. Für Michael Heners war deswegen klar, dass ein Training für den zahnärztlichen Sachverständigen ein erster wichtiger Schritt in Richtung der Professionalisierung des zahnärztlichen Gutachterwesens sein würde. Dies war für ihn ein Anspruch an die zahnärztliche Versorgung, der aus verschiedenen Gründen dringend erfüllt werden musste. Zunächst ist es ein essenzielles Merkmal einer autonomen Profession wie der Zahnheilkunde, dass auch im Konfliktfall aus den eigenen Reihen der Sachverstand angeboten wird, mit dessen Hilfe der Fall gelöst oder zumindest entschieden werden kann. Dies geschieht gemäß dem Grundsatz: Nur ein Zahnarzt kann die Arbeit eines Zahnarztes beurteilen. Ferner hat der Gutachter eine wichtige Position innerhalb des Berufsstandes. Seine im Gutachten niedergelegte Expertise ist die ständige Selbstversicherung der Profession hinsichtlich der für sie geltenden Regeln. Deswegen ist in Bezug auf die gutachterlichen Entscheidungsgründe Transparenz zu fordern. Der primäre Auftrag des Gutachters ist natürlich die Beantwortung von entscheidungserheblichen Fragen für den Auftraggeber des Gutachtens. Daneben bestehen aber auch gesellschaftliche und professionspolitische Aufgaben, nämlich die Autonomie der Zahnärzteschaft zu stärken und für die vom Fall Betroffenen Handlungssicherheit zu schaffen. Dies bezieht sich sowohl auf die Regeln zur sachgerechten Durchführung des zahnärztlichen Eingriffs wie auch auf den Anspruch des Patienten in Bezug auf Durchführung und Ergebnis der Behandlung. Auch diese Ansprüche werden im Gutachten reflektiert, festgelegt und müssen ggf. zurückgewiesen werden, wenn sie unrealistisch sind.

Eine nicht-triviale Zielsetzung. In der ersten Beschreibung des Curriculums, die im Programm 1995/1996 erschien, wurde das Ziel der Kursreihe so beschrieben: „Ziel des Karlsruher Aufbautrainings zum Sachverständigen ist es, den Teilnehmer vom Zahnarzt zum Sachverständigen fortzubilden und ihm die fachlichen Grundlagen für die sachverständige Beurteilung eines zahnärztlichen Behandlungsfalles zu vermitteln“. Das klingt sehr eingängig, stellt aber keine leichte Aufgabe dar. Immer wieder gibt es Kursteilnehmer, die die Vorstellung haben, es gebe eine „Liste der Behandlungsfehler“, die es jetzt zu lernen gelte, um eine hinreichende Vorgabe zur Bewertung von Behandlungsfällen an die Hand zu bekommen. Eine solche Liste gibt es aber nicht. Jeder Gutachterfall stellt einen einmaligen Fall dar. Der Sachverständige muss den individuellen Fall umfassend evaluieren und dann über den kausalen Zusammenhang zwischen den geklagten Beschwerden des Patienten und der Vorgehensweise des Zahnarztes entscheiden, denn danach wird im gutachterlichen Auftrag zumeist gefragt. Es muss unterschieden werden zwischen Komplikationen und Behandlungsfehlern. Dabei ist eine breit gefächerte Wissensbasis einzusetzen, die sowohl die eigene Erfahrung wie auch Regeln aus zahnmedizinischer Lehre und Wissenschaft umfasst. Da dieses Wissen explizit eingesetzt werden sollte, muss der Gutachter in der Lage sein, direkten Bezug auf seine Entscheidungsgründe zu nehmen. Um diese Fertigkeiten zu trainieren, sah das Konzept der Kursreihe fünf Module vor, zwei einführende Kurse zur Vermittlung der prinzipiellen Anforderungen an den Gutachter, zwei fachspezifische Kurse und eine „Synopse“ am Ende der Kursreihe. Die Kurse waren von Anfang an für alle interessierten Kolleginnen und Kollegen offen, unabhängig davon, ob sie bereits ein gutachterliches Amt innehatten oder nicht.

Fallorientierter Unterricht. Da jeder Fall, der durch einen Gutachter bewertet wird, als individuell und einzigartig betrachtet werden muss, ist neben der theoretischen Instruktion die Diskussion realer Fallbeispiele ausschlaggebend für den Lernerfolg. Alle Referenten erhielten deswegen die Aufgabe, fallbasierten Unterricht zu leisten. In der ersten Beschreibung des Curriculums wird hierzu ausgeführt: „Jeder Abschnitt besteht aus einer theoretischen Einführung des Referenten. Im Anschluss daran erarbeiten die Teilnehmer unter der Mitwirkung von Moderatoren in Gruppen exemplarische Begutachtungsfälle aus der täglichen Wirklichkeit.“

Neue didaktische Ansätze. Diese Beschreibung verdeutlicht, dass die Akademie höchsten Wert auf die aktive Teilnahme der Absolventen legte. Die kleinen Moderationsgruppen von höchstens zehn Kolleginnen und Kollegen stellten sicher, dass jeder Teilnehmer zu Wort kam und herausgefordert war, seine Expertise in Bezug auf den exemplarischen Lehrfall zur Diskussion zu stellen. Die Gruppenergebnisse wurden im Plenum vorgestellt und diskutiert. Die gemeinsame Reflektion über einen Konflikt zwischen Patient und Zahnarzt schulte sowohl das Beobachtungsvermögen wie auch die Systematik der Einschätzung von Konfliktursachen. Dieser innovative Ansatz aus dem Jahr 1996 bewährt sich bis heute.

Der Start. Am 3. Mai 1996 startete die erste Staffel des Curriculums „Aufbautraining zum Sachverständigen“. Drei Moderatoren standen Michael Heners zur Seite. Der Titel des ersten Moduls lautete: „Der sachgerechte Aufbau des Gutachtens als Spiegel der Abstraktionsfähigkeit“. Ein wesentlicher Schwerpunkt war die Klärung der Begriffe „Regel“, „Kunstfehler“, „Misserfolg“ und „Komplikation“. Als Leiter der folgenden vier Module traten Winfried Walther, Thomas Kerschbaum, Rolf Singer und Gunnar Carlsson auf.

20 Jahre Gutachtertraining. Das Karlsruher Training zum Sachverständigen wurde bundesweit beachtet und in Anspruch genommen. Seit der ersten Kursreihe haben Kolleginnen und Kollegen aus fast allen Bundesländern an diesem Curriculum teilgenommen. Viele Kolleginnen und Kollegen in leitenden Positionen von Kammern und KZVen wurden durch ihr Training in Karlsruhe angeregt, eigene Ansätze zur Professionalisierung des Gutachterwesens zu verfolgen. Das Curriculum wurde seit seiner Einführung mehrfach an geänderte Ansprüche und neue Entwicklungen angepasst. So wurde im Jahr 2007 ein Modul zur gutachterlichen Entscheidungsfindung bei Verfahren im Auftrag von KZV und Krankenkassen eingeführt, das von Manfred Lieken und Christian Haase betreut wird. Mit Henning Schliephake und Anne Wolowski wurden zwei Modulleiter mit herausragendem Wissen in den Bereichen „Orale Chirurgie“ und „Psychosomatische Beteiligung bei restaurativer Therapie“ in das Programm aufgenommen.

Wissenschaft. Eine besondere Entwicklung setzte im Jahr 2005 ein, als das Gutachtertraining Bestandteil des Masterstudienganges „Integrated Dentistry“ wurde. Es entstanden seither mehrere Masterarbeiten und eine Dissertation, die sich wissenschaftlich mit verschiedenen Aspekten der Begutachtung und des Aufbaus des Gutachterwesens beschäftigten. So wurde beispielsweise von Wolfram Uhrig untersucht, welches Anforderungsprofil an das Gutachten im Arzthaftungsprozess von Seiten der Richter besteht. Hans Ulrich Brauer beschäftigte sich in seiner Dissertation „Professionsentwicklung durch systematische Bearbeitung von Konfliktfällen“ mit der Bedeutung des Gutachterwesens für die Entwicklung der Profession.

Hilfe bei der täglichen Arbeit. Die wichtigste Aufgabe des Curriculums ist jedoch, eine effiziente Hilfestellung bei der Abfassung von Gutachten zu leisten. „Begutachten“ ist eine komplexe und schwierige Arbeit. Wer die Kursserie durchläuft, hat in vielen praktisch orientierten Unterrichtsstunden ein genaues Bild von dieser Tätigkeit erworben und an Beispielen gelernt, wie der Sachverständige zu einer abgewogenen und gut begründeten Entscheidung kommt, die er ggf. auch in der mündlichen Anhörung verteidigen kann. Für den Kursleiter ist es die schönste Bestätigung seiner Mühe, wenn ein Kollege oder eine Kollegin sagt: „Sie haben mir geholfen.“

Prof. Dr. Winfried Walther

 

Sommerempfang der Ärzte, Zahnärzte und Psychotherapeuten

 

Gemeinsam für die Freien Berufe

Beim Sommerempfang der Ärzte, Zahnärzte und Psychotherapeuten Baden-Württembergs kamen 333 Gäste aus Politik, Berufspolitik, Gesundheit und Wirtschaft im Ärztehaus zusammen, um sich unter dem Motto „Gemeinsam für gute Gesundheit“ auszutauschen. Diesmal begrüßte Dr. Torsten Tomppert als neuer Präsident der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg im Namen der Veranstaltergemeinschaft die Gäste. Er wies darauf hin, dass alle Gesundheitsakteure im Land ein gemeinsames Ziel verfolgten: die nachhaltige Sicherung einer flächendeckenden medizinischen Versorgung der Bevölkerung auf qualitativ hohem Niveau. Nur mit der effizienten Zusammenarbeit aller Beteiligten sei es möglich, diesen Anspruch in die Praxis umzusetzen. In diesem Zusammenhang lobte Dr. Tomppert neben der Digitalisierungsstrategie der Landesregierung auch das Modellprojekt „DocDirect“ der Ärzteschaft sowie das Kommunalportal der Kassenzahnärztlichen Vereinigung BW. Er stellte die Freiberuflichkeit als unverzichtbares Element für eine flächendeckende medizinische Versorgung und hohe Behandlungsqualität in den Vordergrund. Mit Blick auf die bevorstehende Bundestagswahl solle der Staat liberale gesundheitspolitische Rahmenbedingungen gewährleisten und die Gestaltungsspielräume durch Über- oder Doppelregulierungen nicht weiter einengen. Die berufliche Selbstverwaltung soll gestärkt werden. Eine Bürgerversicherung sei der falsche Weg. Der Minister für Soziales und Integration, Manfred Lucha MdL, bedankte sich in seinem Grußwort für das große Engagement der Ärzte- und Zahnärzteschaft in allen Bereichen der Versorgung sowie für die loyale Zusammenarbeit aller Akteure im Gesundheitswesen. Im Anschluss führte der Sozialminister Gespräche mit den Gastgebern des Sommerempfangs Dr. Ute Maier, Vorsitzende des Vorstands der KZV BW, Dr. Ulrich Clever, Präsident der Landesärztekammer BW, Dr. Norbert Metke, Vorsitzender des Vorstands der Kassenärztlichen Vereinigung BW, Dr. Dietrich Munz, Präsident der Landespsychotherapeutenkammer BW, Dr. Torsten Tomppert und weiteren Gästen. Aus der Landes- und Bundespolitik waren u. a. dabei: Staatsekrektärin Friedlinde Gurr-Hirsch MdL, CDU-Landtagsfraktion, Jochen Haußmann MdL, stv. Fraktionsvorsitzender und Gesundheitspolitischer Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, Rainer Hinderer MdL, Sprecher für Sozial- und Gesundheitspolitik der SPD-Landtagsfraktion, Petra Krebs MdL, Gesundheitspolitische Sprecherin der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Karin Maag MdB (CDU), Bärbl Mielich MdL, Staatssekretärin im Ministerium für Soziales und Integration (Bündnis 90/Die Grünen) sowie Sabine Wölfle MdL (SPD).

claudia.richter@izz-online.de

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