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Wissenschaft

Neues Lehrangebot an der Mund-Zahn-Kieferklinik des Universitätsklinikums Heidelberg

 

Facettenreiches Kommunikationstraining

Ausgabe 8-9, 2017

Die Bedeutung der Kommunikation zwischen Zahnarzt und Patient wird zunehmend anerkannt und an den Universitäten des Landes werden bereits verschiedene Unterrichtsangebote in den Kerncurricula umgesetzt. Darüber hinaus soll in der Medizinischen Fakultät Heidelberg ein innovatives Lehrkonzept ergänzende Inhalte vermitteln, mit deren Hilfe Studierende der Zahnmedizin in einem fortgeschrittenen Studienabschnitt das eigene Kommunikationsverhalten reflektieren und weiterentwickeln können.

Die rasante Entwicklung in der Zahnmedizin macht sich auch in der Lehre bemerkbar und führt zu vollen Stundenplänen sowie einer hohen Gesamtbelastung im Studium. Umso spannender war es zu beobachten, wie im Wintersemester 2016/17 an der Medizinischen Fakultät Heidelberg ein neues freiwilliges Lehrangebot zum Thema „Kommunikation im Zahnarztberuf“ bei den Studierenden ankommen würde. Das Heidelberger Kommunikationsmodul Zahnmedizin soll Studierende die Bedeutung guter Kommunikation im beruflichen Alltag erleben lassen. Die Lehrenden orientierten sich bei Konzeptentwicklung und Durchführung an den Lernbedürfnissen der Studierenden und vermittelten das Angebot praxisorientiert. Die positiven Evaluationsergebnisse des ersten Durchlaufs zeigten, dass die Studierenden sich für „weiche“ Themen interessieren, was wiederum die Lehrenden zu einer kontinuierlichen Verbesserung des Lehrangebotes motiviert.

Lernziele und Themenauswahl. Das neue Unterrichtsmodul sollte anwendungsnah und entwicklungsfördernd vermittelt werden. In einem ersten Überblick erkannten die Studierenden grundsätzliche Zusammenhänge in der Kommunikation (Abb. 1) und erlebten mit Hilfe von Übungen zur Wahrnehmung, wie Erfahrungen und aktuelle Gedanken die Informationsaufnahme beeinflussen. Vertrautes wird leichter aufgenommen. Fehlt ein unmittelbarer Bezug zu Bekanntem, werden die Informationslücken durch entsprechende Interpretationen gefüllt (Abb. 2

Auf diese Weise kann es auch im klinischen Gespräch mit Patienten leicht zu Missverständnissen kommen. Fragt ein Behandler bei der Aussage des Patienten „Ich spüre die neue Brücke noch beim Kauen“ nicht explizit nach der Art der Empfindung, wird eventuell vorschnell gemäß der eigenen Interpretation ‚Ist wohl zu hoch‘ gehandelt und eingeschliffen. Andere Ursachen, wie ein zunächst ungewohntes Kauerleben bei keramischem Zahnersatz, bleiben unberücksichtigt.

Die Studierenden erhielten im weiteren Verlauf die Gelegenheit, die Interaktion mit Mitmenschen bewusster zu erleben. Dazu lernten sie verschiedene Persönlichkeitsmodelle kennen und konnten anhand eines Tests eigene typische Denk- und Verhaltensmuster entdecken. Ziel dieser Lehreinheit war es, sich die Vielfalt menschlichen Verhaltens vor Augen zu führen. Dieses Wissen ist auch für die Zusammenarbeit im zahnärztlichen Team hilfreich, da heterogene Teams ein beachtliches Leistungspotenzial entfalten können. Dabei ist es allerdings wichtig, individuelle Stärken und Schwächen erkennen, annehmen und nutzen zu lernen. Überhaupt kommt im Alltag einer zahnärztlichen Praxis dem Thema „Mitarbeiterführung“ – wie gehe ich als Chef mit meinem Personal um – eine zentrale Bedeutung für die Arbeitsfähigkeit des gesamten Praxisteams zu. Grundlagen zu diesem Wissen werden in Heidelberg nun bereits im Studium angeboten.

Ein weiteres Thema war, wie körpersprachliche Signale aufmerksam in die Kommunikation integriert werden können. Die Studierenden beobachteten den Zahnarztbesuch einer ängstlichen Patientin bei einem diesbezüglich unerfahrenen Zahnarzt mit Hilfe einer Foto-Geschichte mit Sprech- und Gedankenblasen. Deutlich war zu sehen, wie sich die gesprochenen Worte von den körpersprachlich gezeigten Botschaften und den zugrunde liegenden Haltungen in Form von unausgesprochenen Gedanken unterscheiden. Manche Signale wurden für den Zahnarzt-Patienten-Kontakt genutzt, andere ignoriert und verpufften. Am Ende nahmen die Studierenden mit, dass es für eine dauerhafte, vertrauensvolle Kooperation mit Patienten nicht ausreicht, nur auf deren Worte zu reagieren. Erst die Einbeziehung körpersprachlicher Botschaften in die Kommunikation („Sie sind nicht wirklich entspannt, wenn Sie hier auf dem Stuhl sitzen, stimmt‘s?“) ermöglicht eine gute Verständigung als Basis einer belastbaren Zahnarzt- Patienten-Beziehung.

Im folgenden Unterricht bauten die Studierenden auf dieser Erfahrung auf und erlebten die Not einer Patientin mit Somatisierungsverhalten: Die frisch geschiedene Frau mittleren Alters wurde von der Vorstellung geplagt, schiefe und locker werdende Frontzähne zu besitzen. Diese Tatsache beeinträchtigte ihr Wohlbefinden, hinderte sie an der Suche nach einem neuen Partner und führte sie zum neuen Zahnarzt, dem sie mit großer Erwartungshaltung gegenübertrat. Der subjektive Patienteneindruck konnte in der klinischen Untersuchung nicht bestätigt werden, ein klassischer Fall einer „schwierigen“ Patientin. Nachdem die Studierenden zunächst eine gut gemeinte, aber unzureichende Gesprächsführung zu diesem Fall beobachten konnten, erarbeiteten sie im Anschluss konkrete Verhaltensempfehlungen mit dem erfahrenen Psychosomatiker Priv.-Doz. Dr. Jobst-Hendrik Schultz (Abb. 3). Er zeigte auf, wie wichtig die Zusammenarbeit mit verschiedenen medizinischen Disziplinen (z. B. Schmerzambulanz oder psychotherapeutische Angebote) bei bestimmten Patienten sein kann und legte parallel dazu besonderen Wert auf eine annehmende und konsequente Betreuung durch das zahnärztliche Team. Das Gefühl, abgeschoben zu werden, sollte in solchen Fällen unbedingt vermieden werden. Gleichzeitig ist es für die Studierenden der Zahnmedizin wichtig zu erkennen, dass es Patienten geben kann, die auf zahnärztlicher Ebene allein nicht ausreichend therapiert werden können.

Im vierten und letzten Unterricht setzten sich die Studierenden mit dem Thema „Konflikte im Zahnarztberuf“ auseinander. Der niedergelassene Kollege Prof. Dr. Alexander Hassel berichtete authentisch von den Konfliktfeldern im Praxisalltag und demonstrierte eine Gesprächssituation mit einer fordernden Patientin (Abb. 4). Anhand dieses Beispiels konnten sich die Studierenden mit Hilfe des Kommunikationsmodells „Das Innere Team“ nach Friedemann Schulz von Thun mit verschiedenen Handlungsmotiven in der Rolle als Zahnarzt/Zahnärztin auseinandersetzen. Das Innere Team steht als Metapher für unterschiedliche, mitunter widersprüchliche Bedürfnisse innerhalb einer Person. Es setzt sich als innere „Mannschaft“ aus mehreren „Mitspielern“ mit jeweils deutlicher Botschaft zusammen und macht das Gefühl der inneren Zerrissenheit bei intrapersonellen Konflikten anschaulich. Ähnlich wie ein tatsächliches Team muss auch das Innere Team geführt werden, wenn es konfliktfrei arbeiten soll und ähnlich wie bei tatsächlichen Teams ist dazu ein Klärungsprozess notwendig. Die Erkenntnis, dass innere Klarheit die Voraussetzung für einen überzeugenden Auftritt nach außen ist, machte deutlich, warum es in einer Konfliktsituation so schwer ist, Patentrezepte auszusprechen (Abb. 5).

Freiwilligkeit. Das fakultative Lehrangebot ließ von Anfang an ein positives Lernklima entstehen. Die Studierenden brachten Interesse mit und gestalteten die Lernsituation mit ihren Fragen und Beiträgen dynamisch und qualitativ anspruchsvoll. Freiwilligkeit galt natürlich auch für die Dozierenden. Ihre Motivation war ein Motor der Veranstaltungsreihe. Die Module wurden in intensiver Kooperation zwischen Zahnärztin und Kommunikationsberaterin Doris Roller, dem Studiendekan Zahnmedizin Prof. Dr. Christopher Lux, den Lehrkoordinatorinnen Dr. Simona Schick und Dr. Lydia Eberhard (Abb. 6) sowie den beiden beteiligten Dozierenden Priv.-Doz. Dr. Schultz (Abb. 3) und Prof. Dr. Alexander Hassel (Abb. 4) entwickelt. Gerade in der Lehre von Schlüsselqualifikationen wie Kommunikation und Teamarbeit sind engagierte Lehrende wirksame Vorbilder, an deren Denken und Handeln sich die Lernenden orientieren.

Fazit. Die Evaluation der Pilotveranstaltungsreihe aus dem WS 2016/17 zeigte erfreuliche Ergebnisse. 50 Prozent der Studierenden des 9. Fachsemesters nahmen an den normalerweise unterrichtsfreien Freitagnachmittagen teil, 38 Prozent erfüllten alle Anforderungen und erhielten ein Zertifikat. Die aktuelle Generation der Zahnmedizin-Studierenden zeigt also nach wie vor hohe Leistungsbereitschaft und Interesse für Neues.

Die Studierenden schätzten die angenehme Seminaratmosphäre und die Möglichkeit, mehr über das Thema „Kommunikation“ und sich selbst zu erfahren („Ich fand den Test zur Menschenkenntnis gut, um mal zu sehen, was man selbst für ein Typ ist“). Auch die praxisnahe Einbindung des niedergelassenen Kollegen wurde begrüßt.

Viele Studierende erwarteten von einem Kommunikationsmodul konkrete Hinweise zur Optimierung ihres Verhaltens („praktisch anwendbares Wissen“, „Verhaltenstipps“, „Verbesserung meiner kommunikativen Kompetenz“) und sahen vor allem das Betrachten und Analysieren von Beispielsituationen als methodisch geeignet dafür an. Eine Auseinandersetzung mit Grundlagen von Interaktionsverhalten bewerteten sie ambivalent (Wunsch nach „Thematiken zwischenmenschlicher Natur“ „Mehr Beispiele, weniger Modelle“). Um dem Wunsch nach anschaulichen Beispielen nahe am unmittelbaren Bedarf der Studierenden nachzukommen, werden in Zukunft auch herausfordernde Gesprächssituationen aus den klinischen Behandlungskursen genutzt. Die selbst erlebten Beispiele werden von den Studierenden dokumentiert und können in die folgenden Unterrichte einfließen.

Für die kommenden Semester gibt es also konkrete Ansätze, das Angebot noch attraktiver zu gestalten und dabei die Inhalte noch stärker an den Lernbedürfnissen auszurichten. Trotzdem muss bei aller Praxisnähe – ungeachtet der Evaluation – ein für die universitäre Ausbildung notwendiges Maß aus theoretischem Grundanspruch erhalten bleiben. Diese Balance zu finden, wird weiterhin eine Herausforderung bleiben.

Insgesamt macht die positive Rückmeldung zum neuen Kommunikationsmodul Mut, trotz bzw. gerade wegen der bestehenden Fülle an Lehrinhalten im Zahnmedizinstudium weiterhin an innovativen Lehrkonzepten in der Zahnmedizin zu arbeiten. Dass hierfür auch auf freiwilliger Basis eine hohe Akzeptanz erreicht werden kann, zeigt die ungebrochen hohe Leistungsbereitschaft der Studierenden der Zahnmedizin und das Interesse an der Thematik „Kommunikation“.

Das Literaturverzeichnis finden Sie hier oder kann beim IZZ bestellt werden unter Tel: 0711/222966-14 oder EMail: info@zahnaerzteblatt.de.

ZÄ Doris Roller M.A.
Dr. med. dent. Lydia Eberhard
Dr. med. dent. Simona Schick
Prof. Dr. med. dent. Christopher J. Lux