Zahnaerzteblatt.de

 

Leitartikel

Gender-Medizin als unverzichtbare Vorstufe zur „modernen“ individualisierten Zahn-Medizin

Ausgabe 10, 2017

Der „moderne“ Ansatz der Gender-Medizin ist einerseits enger als der traditionelle Medizin-Ansatz, weil er geschlechtsspezifische Unterschiede akzeptiert. Andererseits greift er aber auch viel weiter, indem er neben dem biologischen („sex“) auch das soziale Geschlecht („gender“) zwangsläufig mit einbezieht („ganzheitlicher Ansatz“). Gender-Medizin ist selbstverständlich nicht allein „Frauenmedizin“, sondern der wissenschaftliche Blick auf beide Geschlechter, Mann und Frau.

Bereits in den 1980er Jahren hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gefordert, sich in allen medizinischen Fachbereichen auch mit den Unterschieden zwischen den Geschlechtern zu beschäftigen. Ziel ist es, so zu einer besseren Gesundheit von Männern und Frauen durch Gesundheitsforschung, -programme und -politik beizutragen und dem Genderaspekt die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken

Wo muss die Forschung in der „modernen“ Zahnmedizin heute ansetzen? In einer Zahnmedizin, die sich zunehmend am Wunsch nach immer stärkerer Individualisierung und patientenzentrierten Entscheidungen orientiert, muss der Blick auf geschlechtsspezifische Besonderheiten selbstverständlich werden. Die biologischen und physiologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau sind in der Humanmedizin weitgehend erkannt und akzeptiert. Identische Krankheitsbilder führen bei Männern und Frauen zu unterschiedlichen Symptomen und Auswirkungen. Gleiches gilt für die Reaktion auf Wirkstoffe und Medikamente. In der Zahnmedizin sind es vor allem hormonmodulierte Entzündungsreaktionen wie z. B. Parodontitis oder auch der hormonmodulierte Knochenaufund -umbau, die bei knöchernen Regenerationen in der Implantologie oder auch Oralchirurgie von Bedeutung sind. Hier ist der geschlechtersensible Blick auf den Patienten für Behandlung und Prognose zukunftsweisend, vor allem wenn es um präventive Maßnahmen und deren Erfolg geht.

Krankheitsbilder wie CMD oder auch der Bereich der Mundschleimhauterkrankungen belegen dies und verbessern auch die Therapie. Vor allem Studierende und auch Post-doc-Studierende sind dankbar für die gezielte Filterung des Wissens auch unter diesem Gesichtspunkt. Nur ein Beispiel aus der aktuellen Gender-Diskussion: Postmenopausale Frauen mit einer Parodontose erkranken dreimal häufiger an einem Ösophaguskarzinom als Frauen mit gesundem Zahnfleisch. Dies geht aus einer prospektiven Studie in „Cancer Epidemiology, Biomarkers & Prevention“ hervor. Und das ist nicht die erste epidemiologische Studie, die für Menschen mit einer schlechten Mundhygiene ein erhöhtes Krebsrisiko nachweist. Es ist ein Manko, dass Patientenstudien diesen Gesichtspunkt nicht systematisch auswerten.

Vielversprechend ist auch die genderspezifische Patientenkommunikation. Schon das Patientenrechtegesetz schreibt eindeutig vor, dass jeder Patient einen Anspruch auf angemessene Aufklärung und Beratung hat. Diagnostische und therapeutische Maßnahmen sind unter Wahrung von Würde und Integrität mit ihm abzusprechen. Geht man davon aus, dass die ärztliche Kommunikation ein wichtiger Einflussfaktor auf den Krankheitsverlauf und die Patienten-Zufriedenheit ist, empfiehlt sich ein Curriculum, das in die Arzt- Patienten-Kommunikation geschlechtsspezifische Aspekte mit einbezieht. Die mangelnde Beachtung der Geschlechterunterschiede erhöht sonst zwangsläufig die Gefahr von Fehldiagnosen und entsprechenden Behandlungsfehlern.

Das Postulat einer individualisierten Zahnmedizin setzt für die Zukunft neue Maßstäbe. Vor diesem Hintergrund ist das Post-doc-Masterstudium „Frauenzahnheilkunde“ ab Ende 2018 an der Danube Private University (DPU) ein erster konsequenter Schritt in die individualisierte Gender-Zahnmedizin.

Univ.-Prof. Dr. Margrit-Ann Geibel
Klinik für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie Universitätsklinikum Ulm