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Fortbildung

52. Bodenseetagung 2017 der BZK Tübingen in Konstanz

 

Implantattherapie ist individualisierte Zahnmedizin

Ausgabe 11, 2017

Am 16. und 17. September hatten sich wieder rund 500 Zahnärztinnen und Zahnärzte im historischen Konzilgebäude in Konstanz zu einer umfassenden Standortbestimmung eingefunden. Das Kongressthema „Erfolgskonzepte für die Implantattherapie – sicher implantieren, kompetent versorgen“ wurde von zehn namhaften Referenten umfassend und praxisnah aufbereitet. Der wissenschaftliche Leiter der Bodenseetagung, Prof. Dr. Bernd Haller, und der Vorsitzende der Bezirkszahnärztekammer Tübingen, Dr. Wilfried Forschner, betonten bereits im Vorfeld, dass sich der Kongress nicht in erster Linie an Spezialisten richtet, sondern an Hauszahnärzte, die sich eine ausgezeichnete Beratung und kompetente Versorgung zur Aufgabe gemacht haben.

Konstanz, das noch bis 2018 an 600 Jahre Konzil erinnert, hat eine lange Tradition als Tagungsort. Auch in diesem Jahr zeigte sich die Stadt von ihrer gastlichen Seite. Dennoch wird 2018 der gewohnte Standort, die umfassend renovierte Inselhalle in Lindau, wieder zum Treffpunkt für die Besucher der Bodensee-Tagung. Mit dieser Nachricht wartete Dr. Wilfried Forschner zu Beginn des Kongresses auf, danach gab es viel Lob, einen großen Blumenstrauß und einen kräftigen Applaus für Dr. Bernd Stoll, der seit 25 Jahren als Referent für Zahnmedizinische Mitarbeiter/innen amtiert.

Lebensqualität beachten. Zu Beginn des wissenschaftlichen Programms, das die Gesamtheit aller Maßnahmen im Rahmen einer implantatgestützten oralen Rehabilitation umfasste, stand der Vortrag von Prof. Dr. Dr. Knut A. Grötz, Wiesbaden, zum Thema „Implantate bei kompromittierten Patienten“. Er machte klar, dass frühere Indikationseinschränkungen für Patienten mit bestimmten chronischen Erkrankungen heute nicht mehr gelten. In seinem Plädoyer für eine individuelle und persönliche dentale Medizin riet er den „Mundhöhlen-Betreuenden“, in „Freiheit und Verantwortung“ die Therapieentscheidung zusammen mit den Patienten zu treffen, denn selbst „schwer kompromittierte Patienten können mit Implantaten versorgt werden“. Für viele Risiko-Patienten wie Diabetiker, Antiresorptiva-Patienten und Patienten nach einer Strahlentherapie oder unter einer Langzeit-Cortisontherapie kann festsitzender Zahnersatz zur Erhöhung der Lebensqualität beitragen. Dennoch ist der Zahnerhalt bei multimorbiden Patienten die wichtigste Therapie. Das gilt auch für Parodontitispatienten, bei denen ein erhöhtes Risiko für Periimplantitis besteht. Wie PD Dr. Moritz Kebschull, Bonn erläuterte, ähneln periimplantäre Erkrankungen im klinischen Erscheinungsbild oft den parodontalen Erkrankungen, zeigen jedoch charakteristische Unterschiede in der Progression und sind weitaus schwieriger zu therapieren. Daher gilt es, der Vermeidung mittels ausgefeilter Prophylaxeprogramme sowie regenerativen Therapien besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

Weichgewebe überwachen. Erhöhte Wachsamkeit ist auch dem periimplantären Weichgewebe gegenüber geboten, auf das sich Prof. Dr. Ralph G. Luthardt, Ulm, in seinem Vortrag konzentrierte. In Form einer systematischen Literaturübersicht wog er verschiedene Versorgungsformen gegeneinander ab und stellte beispielsweise fest, dass hinsichtlich des Attachmentverlusts kein signifikanter Unterschied zwischen Zementieren oder Verschrauben der Suprakonstruktion besteht. Hilfreich für den Praktiker waren seine zielführenden Therapie- bzw. Präventionsansätze, was Hart- und Weichgewebemanagement betrifft. Aus der Sicht eines Klinikers berichtete Prof. Dr. Dr. Alexander Schramm, Ulm, über Techniken und die ausgezeichneten Erfolgsraten der präimplantären Augmentation in seiner Klinik auf der Basis von rund 3000 Patientenfällen. Außerdem demonstrierte er eindrucksvoll die DVT-basierte 3-D-Planung und die Möglichkeiten, jeden dreidimensionalen Datensatz in ein dreidimensional geführtes Augmentations- und Insertionssystem umzusetzen. Für Aufklärung über mögliche Komplikationen in der zahnärztlichen Chirurgie und Implantologie sorgte der Vortrag von Dr. Puria Parvini, Frankfurt, anhand von Falldokumentationen und eindrucksvollen Videos, auch über Weichgewebskorrekturen nach Implantation im ästhetisch sensiblen Bereich.

Diagnostik erweitern. Über den aktuellen Stand und die Perspektiven der Digitalen Volumentomografie (DVT) in der zahnärztlichen Chirurgie und Implantologie informierte Prof. Dr. Dr. Stefan Haßfeld, Witten, wobei er einen „stetig steigenden Bedarf an dreidimensionaler Bilddiagnostik“ im Gesichtsschädelbereich konstatierte. Anzuraten ist eine erweiterte Diagnostik seiner Ansicht nach bei Diskrepanzen zwischen klinischer Symptomatik und konventioneller Röntgendiagnostik und immer dann, wenn es gilt, Strukturen wie den Sinus maxillaris oder den Nervus alveolaris inferior oder auch die periapikale Region eindeutig darzustellen.

Kommunikation durchleuchten. Beendet wurde der inhaltsreiche Fortbildungstag durch den traditionellen „Besonderen Vortrag“ durch Prof. Dr. Wolfgang Schweiger, Hohenheim. Der Kommunikationswissenschaftler, der sich insbesondere mit interaktiver Medien- und Onlinekommunikation auseinandersetzt, widmete sich im Vorfeld der Bundestagswahl dem „(des)informierte Bürger im Netz“ und zeigte Risiken und Nebenwirkungen der sozialen Medien auf.

Zukunft planen. Weitere wichtige Themen standen am Folgetag an. Dazu gehörte auch die Frage nach neuen restaurativen und ästhetischen Werkstoffen für die Implantatversorgung, die Prof. Dr. Peter Pospiech, Berlin, zu beantworten hatte. Er gab zu bedenken, dass es sich nicht immer lohnt, Bewährtes zu verlassen und nahm besonders Hochleistungskunststoffe und sog. Hybridwerkstoffe unter die Lupe, die inzwischen nicht mehr nur für den temporären Einsatz, sondern auch als definitive Lösung angedacht werden. Ein Ansatz mit Zukunftspotenzial ist wohl das „Tissue Master Concept“, das Dr. Stefan Neumeyer, Eschlkam, vorstellte und das durch Replantation, Extrusion und Translation von Zähnen und Wurzelsegmenten Wege zur biologischen Regeneration ebnen und beispielsweise der Resorption der bukkalen Lamelle entgegenwirken soll.

Übertherapie vermeiden. Zu ganz individuellen und bisweilen sehr konservativen Lösungen riet Prof. Dr. Martin Schimmel, Bern, der Überlegungen zur Gero-Implantologie anstellte. Da auch betagte Patienten durch eine Implantattherapie sehr an Lebensqualität gewinnen können, müssen alters- und funktionsgerechte Strategien zur Anwendung kommen. Bei der Implantatchirurgie riet er dazu, die Belastung für die Patienten gering zu halten, insbesondere durch die Vermeidung umfangreicher Augmentationen. Die Standardimplantation sollte möglichst ohne Aufklappung durchgeführt werden und kurzen oder durchmesser-reduzierten Implantaten der Vorzug gegeben werden. Prädiktoren für eine erfolgreiche gero-implantologische Therapie zu finden, wird seiner Ansicht nach eine wichtige Aufgabe der nächsten Jahre sein. Funktionelle Aspekte bei der Implantatversorgung beleuchtete Prof. Dr. Marc Schmitter, Würzburg. Da viele Patienten mit arthrogenen Funktionsstörungen von Implantaten und der daraus resultierenden festsitzenden Versorgung durch die Entlastung der Kiefergelenke profitieren würden, muss die Auswahl der geeigneten Patienten besonders sorgfältig erfolgen. Bruxismus, der bei CMD-Patienten in 71 Prozent der Fälle auftritt, ist mit einem hohen Risiko für Implantatversagen und Implantatkomplikationen behaftet.

D. Kallenberg info@zahnaerzteblatt.de

 

46. Tagung für Zahnmedizinische Mitarbeiter/innen der BZK Tübingen

 

Ein Praxistag in Konstanz

Ausgabe 11, 2017

Ein typischer Tag in der Praxis: Eine Mutter kommt mit ihrer Tochter zur Kariesprophylaxe. Im Prophylaxe-Zimmer sind bei Prophylaxe-Assistentin drei Patienten zur Professionellen Zahnreinigung angemeldet – die neue Auszubildende schaut zu, wie es geht. Im Behandlungszimmer 1 erscheint der Parodontitis-Patient mit Implantat zum Recall-Termin während im Behandlungszimmer nebenan die Periimplantitis des langjährigen Patienten behandelt wird. Endlich, es ist 18 Uhr, die Praxis schließt … aber Stress lass nach, es kommt ein Notfallpatient. Diesen Praxistag erlebten über 250 Zahnmedizinische Mitarbeiterinnen am 15. September gemeinsam mit Dr. Bernd Stoll – und erhielten Handlungsempfehlungen für die einzelnen Behandlungssituationen.

In schwarzem Tee, in Ölsardinen oder in Haselnüssen findet es sich – die Rede ist von Fluor. Fluor ist eigentlich ein giftiges Gas, das durch chemische Verbindungen entsteht. Verbindet sich Fluor mit einem anderen Element, bildet sich Fluorid. Über die Nahrung nehmen wir Fluoride auf, sie werden im Blutplasma abgelagert, nach Absorption im Magen-Darm-Trakt werden 50 Prozent in Zähnen und Knochen gespeichert.

Fluoridhaltige Produkte kommen seit über einem Jahrhundert in der Kariesprophylaxe zum Einsatz – deshalb nehmen wir auch am meisten Fluorid über die Zahnpasta auf. Doch Fluoride haben auch Nebenwirkungen – Zähne verfärben sich oder bekommen bei Langzeitwirkung während der Zahnentwicklung eine weißlich-gelbe Streifenform auf der Zahnoberfläche. Ab einer gewissen Menge hat Fluorid eine gesundheitsschädigende Wirkung: Ein 5-Jähriger, der eine Tube Erwachsenenzahnpasta isst, hat die toxische Dosis von 5 mg pro Kilogramm Körpergewicht deutlich überschritten. OA Dr. Daniel Klein versorgte die zahnmedizinischen Mitarbeiterinnen mit diesen und vielen weiteren wissenschaftlichen Fakten rund um Fluoride. Und er machte deutlich, dass Fluoride die „zentrale Säule“ in der Kariesprävention sind. „Wir haben Erfolg bei Jung und Alt, weil es für alle Altersgruppen das passende Präventionskonzept gibt“. Im zweiten Teil seines Vortrags ging Dr. Klein auf die verschiedenen fluoridhaltigen Mundhygiene-Produkte und ihre korrekte Dosierung entsprechend des Kariesrisikos ein.

Wer darf was? Eigentlich kann doch die Auszubildende den Zahnstein bei der Patientin entfernen, sie hat schon oft genug zugeschaut! Zulässig? Selbstverständlich nicht! Denn eine Delegation an Azubis ist grundsätzlich nicht möglich. Delegieren kann der Zahnarzt nur an qualifiziertes, fortgebildetes Personal. Die Zahnreinigung durchführen, darf hingegen die fortgebildete Mitarbeiterin – wenn der Chef dies angeordnet hat, sie instruiert hat und für Nachfragen im Falle von Komplikationen zur Verfügung steht. Den wackeligen Zahn im Frontzahnbereich des jungen Unfall-Patienten kann die Dentalhygienikerin ziehen, sie ist schließlich ausreichend qualifiziert?

Nein, auch dies ist nicht erlaubt, denn Diagnose, Therapieplanung oder invasive Tätigkeiten fallen unter den Arztvorbehalt. Dr. Peter Riedel beleuchtete die rechtlichen Aspekte einer ordnungsgemäßen Delegation anhand zahlreicher praktischer Beispiele und vergaß nicht, auf den Delegationsrahmen im PRAXIS-Handbuch der LZK hinzuweisen.

Zahnerhalt im Vordergrund. Implantate sind ein Segen, denn sie erlauben es, fehlende Zähne zu ersetzen. Und Karies gibt’s auch keine! Schön wär‘s, aber leider stellt die Periimplantitis die Praxen vor ebenso große Herausforderungen wie parodontale Erkrankungen. PD Dr. Moritz Kebschull behauptet sogar, dass es sich um „dieselbe Erkrankung in verschiedener Ausprägung“ handelt. Wie eine gezielte Prävention der Periimplantitis aussieht, darüber informierte DH Karolin Staudt. Vorstufe der Periimplantitis ist die periimplantäre Mukositis, eine Entzündung noch ohne Knochenverlust. Sie gilt es durch Primärprävention – einer unterstützenden PAR-Therapie mit engem Recall – und unterstützende häusliche Maßnahmen zu vermeiden. „Vor allem um den Zahnerhalt“ müsse man sich bemühen, betonte Dr. Kebschull, „die Implantation ist erst der zweite Schritt“.

Stress lass nach. Die Zahnarztpraxis ist keine Ausnahme – Stress gibt es auch hier. Wann der Stress gesundheitsschädigend ist und mit welchen Hebeln und Instrumenten ich meinen Stress in den Griff bekommen kann, darüber informierte Stephanie Beck. „Erholung besteht nicht unbedingt im Nichtstun, sondern in dem, was wir sonst nicht tun“ (Paul Hörbinger).

mader@lzk-bw.de

 

Herbstkonferenz am 22. September in Baden-Baden

 

No risk – no fun

Ausgabe 11, 2017

Das Risiko, dass das Wetter bei der Herbstkonferenz von Akademie Karlsruhe und Bezirkszahnärztekammer Karlsruhe in Baden-Baden regnerisch und trüb ist, ist relativ gering. Entsprechend viele Zahnärztinnen und Zahnärzte reisen daher jedes Jahr mit ihren zahnmedizinischen Mitarbeiterinnen nach Baden-Baden. In diesem Jahr stand ein ernstes Thema auf der Agenda: Die Sicherheit in der zahnärztlichen Praxis. „Hier sind wir existenziell gefordert und müssen nachdenken, bevor etwas passiert“, sagte Akademie-Direktor Prof. Winfried Walther in seiner Begrüßung. Wie die Gefahren in der Praxis erkannt und gebannt werden, das zeigten Experten aus Wissenschaft und Praxis.

„Grundsätzlich ist ein Risiko nichts Negatives, sondern etwas Positives. Sie wollen zufriedene Patienten in der Praxis oder eine Dienstleistung anbieten – Risikomanagement hilft, dass Sie dieses Ziel erreichen.“ Das sagte Prof. Dr. Bruno Brühwiler aus Zürich, der nicht als Papst des Risikomanagement bezeichnet werden will: „bin mit Erzbischof zufrieden“. „Risikomanagement ist eine Chance für die Praxis“.

Diese Chance für ihre Praxen haben 20 Praxisinhaber erkannt, die bei der Akademie Karlsruhe einen Kurs zum Risikomanagement belegt und über eine Gefahrenliste 86 Risiken identifiziert haben. An erster Stelle die Anamnese, gefolgt von der Dokumentation, der IT-Sicherheit, Informationsverlusten innerhalb des Teams, Infektionen und Hygiene. „Identifizieren Sie fünf Schlüssel-Risiken und ermitteln Sie Ursachen und Auswirkungen dieser Risiken in einem Risikoszenario.“ So können die Ursachen einer Informationsquelfehlenden Anamnese zum Beispiel die vergessene Brille des Patienten oder sein Unwille, den Anamnesebogen auszufüllen sein. Dies kann dazu führen, dass ein alltäglicher Eingriff auf eine kaum zu beherrschende Blutung hinausläuft, weil keine Kenntnis einer Marcumar- Medikation vorliegt. Durch so einen Zwischenfall kann eine Praxis ihren guten Ruf verlieren. Sind die fünf Schlüssel-Risiken ausreichend beschrieben, müssen sie bewertet werden, am besten über eine sogenannte Risikomatrix.

Die Überprüfung und Überwachung der Risiken ist abhängig vom Führungsstil des Chefs: laissezfaire, hierarchisch, kooperativ oder „ist nicht mein Problem“. Am besten funktioniert’s, wenn der Chef mit gutem Beispiel vorangeht, die Kommunikation im Praxisteam stimmt, die Verantwortlichkeiten klar verteilt sind und die Maßnahmen auch machbar und sinnvoll sind. „Und wichtig – keep it short and simple.“ Zweimal im Jahr sollte das Risikomanagement in der Praxis auf jeden Fall besprochen und angepasst werden.

Baustein für Patientensicherheit. Als Risikofaktor Nr. 1 in der Praxis haben die Kursteilnehmer bei Prof. Brühwiler und Dr. Norbert Engel die Anamnese ermittelt. Wie sich bei der Anamnese Gefahren vermeiden lassen, darauf gingen im Vortrag des Netzwerks Integrated Dentistry, Dr. Dr. Simone Ulbricht und Dr. Florentine Carow ein.

Die Problematik kennen alle aus ihren Praxen: Die Patienten haben heute umfangreiche Medikamenten- und Verordnungspläne. Bei älteren Patienten ist die Polypharmazie besonders ausgeprägt. Über den Anamnesebogen sollte versucht werden, eine vollständige Medikation der Patienten zu ermitteln. „Problematisch sind die selbstverordneten Medikamente, von denen weder der Arzt etwas weiß noch der Patient sich im Detail erinnert“, betonte Dr. Florentine Carow, „die Kombination Selbstmedikation mit verordneten Medikamenten ist besonders problematisch“. Sind die Medikamente und ihre Dosierung über den Patienten ermittelt, gilt es Fachinformationen über zahnärztlich relevante Nebenwirkungen und unerwünschte Arzneimittelwirkungen einzuholen. Hierfür gaben die Referentinnen zahlreiche Tipps für Recherche- und Informationsquelen. Besonders geeignet ist das Programm MIZ, die Medikamenten- Information für Zahnärzte. Für das Curriculum „Alterszahnheilkunde“ hat Ulrich Pauls dieses digitale Instrument für die Kollegenschaft entwickelt, mit dessen Hilfe sich Wissen fallorientiert organisieren lässt.

Sicherheitsrisiko Patient. Fünf Männer, die während des Notdienstes an der Praxis klingeln, von denen aber nur einer eine Notfallbehandlung benötigt, ein unter Drogen- und Alkoholeinfluss stehender Notfallpatient, ein vor Eifersucht rasender Ehemann, der die Praxis stürmt oder ein Patient, der die Mitarbeiterin begrabscht und stalkt. Auch Patienten können ein Sicherheitsrisiko darstellen. Um welche Patienten es sich dabei konkret handelt und wie aggressiven und problematischen Patienten begegnet werden sollte, darüber informierte das Auditorium Martin Hoffmann, Polizist und Kampfsportler. Aggressive Patienten lassen sich an Körpersprache, Mimik, Gestik, der Sprache, vor allem aber durch das Bauchgefühl erkennen. Ihre Aggression schaukelt sich langsam hoch, weil sie Schmerzen haben oder lange auf einen Termin warten müssen. „Wichtig für die Mitarbeiter ist es, Distanz zu halten und klare Grenzen zu setzen“, rät Martin Hoffmann, „widersprechen Sie nicht, bieten Sie keine Bühne und zeigen Sie Auswege auf“. Konfliktbewältigungsstrategien und die richtige Kommunikation lassen sich erlernen – Martin Hoffmann riet den Praxen zu einer Teamfortbildung. Andere Präventionsmöglichkeiten können baulicher Art sein, indem Behandlungszimmer keine Sackgassen bilden und eine Sprechanlage und ausreichende Beleuchtung in der Praxis vorhanden sind. „Im absoluten Notfall rufen Sie die Polizei!“

Hygienische Risikominimierung. Bei der Infektionsprävention geht es um die eigene Sicherheit und um die Sicherheit der Patienten. Für den Staat steht der Schutz und die Sicherheit der Patienten im Vordergrund – aus diesem Grund begeben sich die Kontrolleure der Regierungspräsidien auf ihre Hygienegänge durch die Praxen. „Die absolute Sicherheit gibt es nicht.“ Das musste sogar Marco Wagner, in der Kammer zuständig für den Bereich der Praxisführung, zugeben. Wer jedoch seine vorgetragenen Hygieneempfehlungen konsequent umsetzt, wird in der Praxis ein Gefühl der Sicherheit gewinnen. Basic-Tool ist der Anamnesebogen, um infektionsrelevante Risiken überhaupt einmal zu erfassen. Im PRAXISHandbuch der LZK stehen sie in 15 Sprachen zur Verfügung. Zum Basic Hygiene gehören die Händehygiene, der Schutz vor Kontamination und der Arbeitsschutz. Risikominimierung lässt sich auch im Behandlungszimmer, bei der Absauganlage, den wasserführenden Systemen, der Wasserqualität und der Wassersicherungstechnik erreichen. Die Aufbereitung von Medizinprodukten ist der Bereich, in dem die Risiken im Sinne des Patienten- und Mitarbeiterschutzes am effektivsten minimiert werden können. Marco Wagner gab nur einige Stichworte: Sachkenntnis der Mitarbeiter, Hygiene-Dokumente, Prozessvalidierung oder die Trennung in einen reinen und unreinen Bereich im Aufbereitungsraum. „Fangen Sie an, QS geht nicht in zwei Wochen. Von der Kammer erhalten Sie jede erdenkliche Hilfestellung!“

Algorithmen entscheiden. Haushaltsgeräte, Smart Meter, WLAN-Router, Spielzeuge, Auto, Smart Speaker, Smart TV, Kundenkarten, Smart Phone Apps … Die Aufzählung der Geräte, über die wir überwacht werden, ließe sich beliebig fortsetzen. Wir wissen das, verdrängen es aber. Wohin diese ständige Überwachung führen kann, dafür sensibilisierte der Vortrag „Big Data und der algorithmische Mensch“ von Florian Mehnert. Heute ist die per App aufgezeichnete Überwachung des Fahrverhaltens der Allianz Versicherung noch freiwillig und wird als Bonus-Modell verkauft. Morgen müssen möglicherweise all diejenigen, die dem nicht zustimmen, mit höheren Versicherungsbeiträgen rechnen. Gleiches ist bei der Krankenversicherung denkbar. „Die Idee von Big Data ist ein Echtzeitmodell des Lebens und die Vorhersage menschlichen Verhaltens“, behauptet Florian Mehnert und appelliert: „Das widerspricht der im Grundgesetz postulierten Würde des Menschen und der freien Persönlichkeitsentfaltung!“

Risikofreie Kommunikation. Ein ironisches Resümee des Tages und der wichtigsten Inhalte aller Vorträge per Flipchart-Skizze gab abschließend Albrecht Kresse – und bettete sein sicheres und risikofreies Kommunikationswissen und einige „Schmollereien“ dabei geschickt ein. Am Ende blieb als Botschaft des Tages: „Es lauert überall Gefahr, aber es kann auch Spaß machen, sich damit zu beschäftigen“.

mader@lzk-bw.de