Zahnaerzteblatt.de

 

Prophylaxe

Frühkindliche Karies

 

Folgen und potenzielle Spätfolgen

Ausgabe 11, 2017

Frühkindliche Karies, auch als Nuckelflaschenkaries bzw. Early Childhood Caries (ECC) bezeichnet, ist auch heutzutage nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch in Industrieländern wie Deutschland eine der häufigsten chronischen Erkrankungen im Kleinkind- und Vorschulalter. Die American Academy of Pediatric Dentistry (AAPD) definiert die frühkindliche Karies als eine Erkrankung bei Kindern unter 71 Monaten, bei denen mindestens ein Zahn eine Dentinkaries aufweist, bzw. wegen Karies gefüllt oder extrahiert wurde [AAPD 2008].

Hauptursachen von ECC sind eine mangelhafte Zahnpflege beim Kleinkind in Kombination mit einem hochfrequenten Konsum zuckerhaltiger Getränke zwischendurch und/oder nachts. Dies bedeutet, dass meist kein (Nach)Putzen durch die Eltern erfolgt, und die Kleinkinder erhalten die Nuckelflasche gefüllt mit z. B. Apfelschorle, Eistee oder speziellen zuckerhaltigen „Kindertees“ zur freien Verfügung.

Klassifikation. In der bekanntesten Klassifikation von ECC [Wyne 1999] werden drei Typen unterschieden. Bei jedem Typ sind jeweils das klinische Bild, die wahrscheinlichste Ursache und die Altersgruppe, bei dem die Kinder meist betroffen sind, aufgeführt.

Typ I. ECC Typ I (leicht bis mittelschwer) beschreibt das isolierte Auftreten kariöser Läsionen an Milchmolaren oder Milchschneidezähnen (Abb. 1). Die Ursache ist in der Regel eine Kombination von kariogenen halbfesten oder festen Speisen und ein Mangel an Mundhygiene [Hinds et al. 1995]. Die Anzahl der betroffenen Zähne nimmt gewöhnlich zu, wenn die kariogene Ernährung anhält. Diese Art von ECC ist in der Regel bei Kindern, die zwei bis fünf Jahre alt sind, vorzufinden, was im engeren Sinne nicht mehr ein Kleinkind ist.

Typ II. ECC Typ II (mittel bis schwer) bezeichnet das Auftreten labio-oraler kariöser Läsionen, die die Oberkiefer-Schneidezähne betreffen (Abb. 2). Dies kann je nach Alter des Kindes und Stadium der Erkrankung mit oder ohne Karies an den Milchmolaren einhergehen. Die Schneidezähne im Unterkiefer sind (noch) nicht betroffen. Die Ursache ist in der Regel eine unangemessen häufige Verwendung der Nuckelflasche und/ oder ein Dauerstillen (auf Verlangen) in Kombination mit suboptimaler Mundhygiene [Ripa et al. 1988]. Diese Art von ECC kann bereits zeitnah nach Durchbruch der ersten Zähne auftreten, ist damit echte frühkindliche Karies, und kann sich bei Fortschreiten zu ECC Typ III weiter entwickeln.

Typ III. ECC Typ III (schwer) beschreibt ein Gebiss mit kariösen Läsionen, in dem alle Zähne einschließlich der unteren Schneidezähne (also sowohl im Oberkiefer als auch im Unterkiefer) betroffen sein können (Abb. 3a und b). Die Ursache ist in der Regel eine Kombination von kariogenen Lebensmitteln und schlechter Mundhygiene [Al Ghanim et al. 1998]. Diese schwere Form findet sich gewöhnlich bei Kindern im Alter zwischen drei und fünf Jahren. Der Gebisszustand ist beunruhigend desolat, denn es sind auch viele Zahnoberflächen, die in der Regel nicht von Karies betroffen sind, kariös.

Epidemiologie von ECC in Deutschland. Das Vorkommen von ECC ist in Deutschland regional verschieden, stellt jedoch bei 3-Jährigen mit einer Prävalenz von rund 10 bis 15 Prozent ein relevantes Problem dar [Treuner und Splieth 2013, Basner et al. 2017, Abb. 4]. Aktuelle nationale repräsentative Daten zur Kariesprävalenz und -erfahrung beim Kleinkind auf Basis von insgesamt über 95000 untersuchten 3-Jährigen in Kindertagesstätten existieren aus verschiedenen Bundesländern [Basner et al. 2017]: Der jeweilige mittlere dmft-Wert in den 10 Regionen/ Bundesländern, die an der aktuellen DAJ-Studie teilnahmen, liegt zwischen 0,38 und 0,58. Im Alter von 3 Jahren haben bereits ca. 14 Prozent der Kinder kariöse Defekte im Milchgebiss, was sich unter Einschluss der Initialläsionen auf ca. 19 Prozent erhöht. Zudem war auch nur ca. ein Viertel der kariösen Zähne in dieser Altersgruppe versorgt [Basner et al. 2017]. Wegen der meist hohen Anzahl der betroffenen Milchzähne, des Schweregrads der Zerstörung, des geringen Alters der Kinder und folglich der geringen Kooperationsfähigkeit stellt die frühkindliche Karies eine der größten Herausforderungen in der Kinderzahnheilkunde dar.

Folgen unbehandelter frühkindlicher Karies

Lebensqualität. Die Lebensqualität der Kinder kann insbesondere aufgrund von Schmerzen und Unannehmlichkeiten als Folge schwerer Formen der frühkindlichen Karies ernsthaft beeinträchtigt werden, denn Mundgesundheit bedeutet mehr als „nur“ gesunde Zähne. Die Mundgesundheit beeinflusst die Menschen körperlich und psychisch und beeinflusst, wie sie wachsen, schauen, sprechen, kauen, schmecken, sich sozialisieren, aber auch die Gefühle und das soziale Wohlbefinden [Locker et al. 1997].

Akute und chronische Infektionen als Folge frühkindlicher Karies können zu veränderten Ess- und Schlafgewohnheiten führen. Zudem besteht dann stets das Risiko von Krankenhausaufenthalten, was neben gesundheitlichen Beeinträchtigungen mit hohem Aufwand und hohen Behandlungskosten einhergeht [Sheller et al. 1997, Schwartz et al. 1994, Low et al. 1999, Griffin et al. 2000]. Oftmals können bei ECC auch geplante Zahnbehandlungen nur in Vollnarkose durchgeführt werden. Nicht selten werden dabei die meist sehr tief kariös zerstörten OK-Frontzähne, die vielfach über eine lange Zeit hinweg Zahnschmerzen und mitunter auch Abszesse verursacht haben (Abb. 3a), extrahiert.

Ein damit einhergehendes Verpassen von Tagen in Kindergarten bzw. Vorschule oder später auch von Schultagen kann einen negativen Einfluss auf das Wissen und folglich auf das Bildungsniveau haben [Petersen et al. 2005]. Bei den meisten kleinen Kindern ist ECC mit einem verringerten Wachstum und Gewichtszunahme aufgrund eines unzureichenden Nahrungsmittelverbrauchs verbunden. Denn die Nahrungsaufnahme übersteigt meist den Stoffwechsel- und Wachstumsbedarf bei Kindern unter 2 Jahren [Petersen et al. 2005].

Kindeswohlgefährdung. Auf der Ebene des Sozialen ist eine beunruhigende Assoziation zwischen ECC und Kindeswohlgefährdung bekannt, aber erst seit wenigen Jahren haben Experten auf dem Gebiet der Kindesmisshandlung Karies/ECC auf ihrer Liste der gesundheitlichen Indikatoren für Kindeswohlgefährdung [Friedlaender et al. 2005, Valencia-Rojas et al. 2008]. Dazu gehört die Vernachlässigung ebenso wie die körperliche und seelische Misshandlung. ECC stellt also einen frühen Marker für Kindeswohlgefährdung dar. Insbesondere bei schweren Formen gilt es die familiäre und soziale Situation gut einzuschätzen um Hilfsangebote auszusprechen oder ggf. das lokale Jugendamt mit einzuschalten. Eine dysfunktionale familiäre oder soziale Situation kann zu einem Wiederauftreten von ECC führen, oft ist dies mit emotionalen Ausbrüchen und Bedrohung oder tatsächlicher Gewalt assoziiert [Sheller et al. 2003, Casamassimo et al. 2009].

Spätfolgen von frühkindlicher Karies

Kariesmanagement & Kariesrisiko. Bei Kindern mit ECC, also Karieserfahrung im Milchgebiss, liegt ein deutlich erhöhtes Kariesrisiko auch für die permanente Dentition vor [Grindefjord et al. 1995, Schmoeckel et al. 2014]. Die Entwicklung neuer kariöser Läsionen sowohl im Milchgebiss als auch im bleibenden Gebiss gilt es bei diesen Kindern durch ein funktionierendes Präventionskonzept zu vermeiden. Dabei sind eine ausreichende Mundhygiene und Fluoridnutzung, das Abstellen der hochfrequenten Gabe zuckerhaltiger Getränke, ein risikogerechter Recall zur Motivation/ Instruktion und Fluoridapplikation essenziell [Weintraub et al. 2006]. Ein frühzeitiges Erkennen von Risikopatienten ist sehr wichtig, dazu sind sichtbare Plaque auf den Frontzähnen und aktive kariöse Läsionen (Abb. 5) sehr gute Marker.

Ästhetik & Sprache. Neben einem verspäteten Zahndurchbruch der permanenten Nachfolger und einer eingeschränkten Ästhetik, kann ein Fehlen der OK-Frontzähne auch die Sprachentwicklung beeinträchtigen (Abb. 6). Als möglichen Lösungsansatz bietet sich dafür, sofern Kind und Eltern dies wünschen, die Anfertigung einer Kinderprothese an (Abb. 7) und indikationsgerecht kann auch eine begleitende logopädische Therapie hilfreich sein. Der „verspätete Zahndurchbruch“ der permanenten Nachfolger tritt bei sehr frühzeitiger Extraktion eines Milchzahnes häufig auf [Sander et al. 2011]. Dies ist jedoch, wie hier bei den Frontzähnen nicht direkt zu beeinflussen. Falls jedoch die permanenten Zähne nicht phyiologisch durchbrechen sollten, könnte eine kombinierte chirurgisch-kieferorthopädische Unterstützung nötig sein.

Lückeneinengung. Nach frühzeitiger Extraktion der Milchmolaren kann eine Lückeneinengung und folglich Platzmangel für die bleibenden Zähne (Abb. 8a, b, c) entstehen. Deshalb ist zur Vermeidung von zukünftigen Zahnbehandlungen wie z. B. der Extraktion von Prämolaren aufgrund von Platzmangel, das Einsetzen eines Lückenhalters zeitnah nach Extraktion des Milchzahnes sehr empfehlenswert. Dafür bieten sich zwei Möglichkeiten an: (A) festsitzende Lückenhalter (Abb. 9) oder (B) herausnehmbare Lückenhalter (Abb. 10) [AAPD 2002].

Dabei haben beide Varianten ihre Vor- und Nachteile. Vorteilhaft beim festsitzenden Lückenhalter ist die Möglichkeit des Einsetzens direkt nach der Extraktion (also auch in Narkose) und das Problem des „Nichttragens“ wird umgangen. Zudem kann an den festen Lückenhalter ein „distal shoe“ angefügt werden, so dass bei einer frühzeitigen Entfernung eines 2. Milchmolaren vor Durchbruch des 1. permanenten Molaren der Platz erhalten bleiben kann (Abb. 11a/b). Nachteilhaft ist, dass die Kosten i. d. R. privat getragen werden müssen, und die festen Lückenhalter mitunter herausfallen oder verrutschen bzw. sogar ins Zahnfleisch einwachsen können.

Vorteilhaft beim herausnehmbaren Lückenhalter ist die Möglichkeit der Versorgung mehrerer Lücken mit einer Apparatur (Abb. 10) und auch großer Lücken, wenn 1. und 2. Milchmolar in einem Quadranten entfernt wurden (Abb. 12). Vorteilhaft ist, dass der Lückenhalter zum Reinigen herausgenommen werden kann. Zugleich ist es nachteilhaft, dass er herausgenommen werden kann, denn so wird der Lückenhalter häufig vergessen und nicht getragen. Folglich verbleibt er oftmals lange Zeit (Wochen/ Monate) außerhalb des Mundes und passt dann unter Umständen nicht mehr. Außerdem ist ein 2. Termin fürs Einsetzen erforderlich, da zur Anfertigung eine Abformung nötig ist und die Apparatur im Labor gefertigt wird.

Fazit. ECC hat nicht nur einen Einfluss auf das Milchgebiss, sondern kann auch weitreichende negative Folgen für die Lebensqualität und die weitere Gebissentwicklung bedeuten. Folglich ist zusätzlich zur Zahnbehandlung in Narkose, wie es bei schweren Formen der ECC häufig der Fall ist, ein langfristig funktionierendes Präventions- und Managementkonzept sehr wichtig.

- ECC ist ein früher Marker für Kindeswohlgefährdung, insbesondere bei schweren Formen gilt es die familiäre und soziale Situation gut einzuschätzen.

- Kinder mit Karies im Milchgebiss unterliegen einem deutlich erhöhten Risiko der Entwicklung von Karies in der permanenten Dentition.

- Ein Lückenmanagement mit festsitzenden oder herausnehmbaren Lückenhaltern ist im Seitenzahngebiet bei frühzeitiger Extraktion von Milchzähnen stets in Betracht zu ziehen.

- Nach frühzeitiger Frontzahnextraktion im Oberkiefer, kann durch die Anfertigung einer Kinderprothese mit begleitender logopädischer Therapie mitunter neben der Ästhetik auch die Sprache verbessert werden.

ZA Mhd Said Mourad, Dr. Julian Schmoeckel, Prof. Dr. Christian H. Splieth, Abt. für Präventive Zahnmedizin und Kinderzahnheilkunde, Universitätsmedizin Greifswald

 

Tag der Zahngesundheit 2017 in Esslingen am Neckar

 

Zahngesundheit soll spitze bleiben

Ausgabe 11, 2017

Esslingen am Neckar bot bei der landeszentralen Auftaktveranstaltung zum Tag der Zahngesundheit am 20. September ideale Bedingungen, um die Bevölkerung auf die Bedeutung der Zahnprophylaxe aufmerksam zu machen: Mitten auf dem Hafenmarkt, umgeben von malerischen Gebäuden aus dem Mittelalter, leuchtete das weiße Pagodenzelt des Erlebnisforums Zahngesundheit im Sonnenlicht des Spätsommers besonders hell und lockte zahlreiche Kinder, Jugendliche und Erwachsene an. Das diesjährige Motto „Gesund beginnt im Mund. Baden-Württembergs Kinderzähne sind spitze“ wurde durch aktuelle Zahlen zur Zahngesundheit untermauert. Denn wieder einmal zeigt sich: Nirgendwo in Deutschland sind die Zähne der Kinder und Jugendlichen so gesund und kariesfrei wie hierzulande.

Ursprünglich sollte die landeszentrale Auftaktveranstaltung zum Tag der Zahngesundheit in diesem Jahr in Tübingen stattfinden, doch der prominente Marktplatz am Rathaus war am gewünschten Termin nicht verfügbar. Das Informationszentrum Zahngesundheit Baden-Württemberg (IZZ) hatte aber mit Esslingen am Neckar dank der Unterstützung durch Dr. Torsten Tomppert schnell eine passende Alternative parat. Der Präsident der Landeszahnärztekammer BW und zugleich Vorsitzender des Vorstands der Landesarbeitsgemeinschaft für Zahngesundheit e. V. (LAGZ) ist mit Familie und Praxis hier heimisch und konnte bei der Stadtverwaltung eine Genehmigung zur Ausrichtung der Veranstaltung in der Altstadt erreichen. Da sich die örtliche Arbeitsgemeinschaft Zahngesundheit aus personellen und finanziellen Gründen nicht in der Lage sah mitzuwirken, mussten die Veranstalter, LAGZ und das IZZ, nicht nur das gesamte Programm auf die Beine stellen, sondern auch mit Kindergärten, Kindertagesstätten, Lehrerinnen und Lehrern den Kontakt suchen, um Gruppen und Klassen einladen zu können.

Spitzenplatz. Einmal im Jahr präsentieren sich die wichtigsten Protagonisten der Zahnprophylaxe im Rahmen einer Pressekonferenz. Vor der feierlichen Eröffnungsveranstaltung auf dem Hafenmarkt wurden die Vertreter der Medien im ehrwürdigen Alten Rathaus ausführlich über den aktuellen Zahngesundheitsstatus der Kinder und Jugendlichen in Baden- Württemberg informiert. Da in Baden-Württemberg in Sachen Zahngesundheit bei den Kindern seit vielen Jahren eine echte Erfolgsgeschichte geschrieben wird, wurde als diesjähriges Motto „Gesund beginnt im Mund. Baden- Württembergs Kinderzähne sind spitze“ ausgewählt. Der neue Vorsitzende des Vorstands der LAGZ, Dr. Torsten Tomppert, lieferte in seinem Statement die Grundlagen für diese selbstbewusste Botschaft: „Im Schnitt hat nur jedes dritte zwölfjährige Kind in Baden- Württemberg einen kariösen, gefüllten oder fehlenden Zahn.“ Dies entspricht einem DMF-T-Wert von 0,32. Der DMF-T-Wert gibt die Anzahl der zerstörten, fehlenden oder gefüllten Zähne an. Zum Vergleich: Im Bundesdurchschnitt liegt der DMFT-Index bei 0,5. Das bedeutet, es teilen sich derzeit durchschnittlich zwei Zwölfjährige einen kaputten Zahn. Bundesweit hat sich der DMF-T-Wert seit Beginn der Studie im Jahr 1989 für die Zwölfjährigen von 4,9 auf rund 0,5 reduziert – das ist ein enormer Rückgang der Karies um 90 Prozent. Da sich in Baden-Württemberg zusammengefasst sogar nur drei Zwölfjährige einen kranken Zahn teilen, ist dies nicht nur der Spitzenplatz in Deutschland, sondern sogar europaweit. Dr. Tomppert machte darauf aufmerksam, dass die Zahnärzte mit diesem Ergebnis zur erfolgreichsten Gruppe in der Medizin gehörten, denn alleine durch Prävention konnte auf keinem anderen Gebiet ein solch aufsehenerregender Rückgang einer Krankheit erzielt werden.

Erfolgreiches Zusammenspiel. Dass die Zähne der Kinder und Jugendlichen in Baden-Württemberg seit Jahren spitze sind, ist in der Struktur und Organisation der Gruppenprophylaxe begründet. Unter dem Dach der LAGZ setzen sich 37 Regionale Arbeitsgemeinschaften Zahngesundheit flächendeckend für die Erhaltung und Förderung der Zahngesundheit bei Kindern und Jugendlichen ein. Während im Hintergrund die Verantwortlichen der gesetzlichen Krankenkassen und der Ersatzkassen, des Sozialministeriums, der Landeszahnärztekammer, der Kassenzahnärztlichen Vereinigung und des Landkreis- und Städtetags die Rahmenbedingungen sicherstellen, sind vor Ort über 170 Prophylaxefachkräfte in den einzelnen Arbeitsgemeinschaften, zahlreiche Mitarbeiter des Öffentlichen Gesundheitsdienstes sowie über 1400 niedergelassene Zahnärztinnen und Zahnärzte, die als Patenzahnärzte den regionalen Arbeitsgemeinschaften angehören, engagiert für die Gesundhaltung der Kinderzähne im Einsatz.

Die breitenwirksamen Maßnahmen kommen in Baden-Württemberg jährlich rund 600.000 Kindern im Alter bis zu zwölf Jahren in Kindergärten, Kindertageseinrichtungen und Schulen zugute. Im Rahmen dieser Gruppenprophylaxe wird dabei die Mundhöhle untersucht, der Zahnstatus erhoben und eine Fluoridierung der Zähne durchgeführt. Zusätzlich wird das richtige Zähneputzen eingeübt sowie über zahngesunde Ernährung und zahnschädliche Verhaltensweisen aufgeklärt. Hierbei wird auf die Unterstützung von Erzieherinnen und Erziehern, Lehrerinnen und Lehrern sowie von Eltern gezählt.

Fissurenversiegelung. Der Rückgang der Karies ist auch der Versiegelung der Backenzahnfissuren geschuldet. Dr. Ute Maier, Vorsitzende des Vorstands der Kassenzahnärztlichen Vereinigung BW, nannte bei der Pressekonferenz beeindruckende Zahlen: „Acht von zehn 12-Jährigen in Deutschland sind heute vollkommen kariesfrei. Außerdem weisen 70,3 Prozent der 12-Jährigen inzwischen Fissurenversiegelungen auf“. Kinder mit Backenzahnversiegelung seien gut gegen Karies geschützt, ohne diese Versiegelung hätten sie eine dreifach erhöhte Karieserfahrung, so Dr. Ute Maier. Die Fissurenversiegelung der ersten und zweiten bleibenden Backenzähne sei im Rahmen des Individualprophylaxe-Programms bei 6- bis 18-Jährigen eine kassenzahnärztliche Leistung und stehe gesetzlich versicherten Kindern kostenfrei zur Verfügung. Dr. Ute Maier machte die Medienvertreter darauf aufmerksam, dass die Fissurenversiegelung letztendlich kein Freibrief für nachlässiges Zähneputzen sei, da ja nur die obere Fläche des Backenzahns versiegelt wird, während die vier weiteren Flächen trotzdem sauber gehalten und geschützt werden müssten.

Frühkindliche Karies. Weniger erfreulich ist dagegen, dass die Milchzahnkaries bei Kleinkindern wieder zunimmt. Dr. Bernd Krämer, Vorsitzender des Prophylaxeausschusses und Prophylaxereferent der Landeszahnärztekammer BW, nannte neueste Zahlen: „10 bis 15 Prozent der Kleinkinder weisen Symptome einer frühkindlichen Karies auf. In sozialen Brennpunkten steigt die Prävalenz auf bis zu 40 Prozent.“ Aufgrund der Migration werden in Zukunft immer mehr Kinder mit Milchzahnkaries einer Behandlung bedürfen, weil in den Herkunftsländern das Problembewusstsein geringer ist und weniger leicht auf zuckerhaltige Nahrungsmittel zugegriffen werden konnte. Dr. Krämer machte deutlich, dass es sich bei der Milchzahnkaries um eine sozial bedingte Erkrankung handele, der nur mit geeigneten Prophylaxe- Programmen entgegengewirkt werden könne. Ein wichtiger Ansatz zur Kariesvermeidung sei der „Zahnärztliche Kinderpass“, da er bereits während der Schwangerschaft bei den Eltern das Bewusstsein zur Gesundhaltung der Kinderzähne schärfe. Wichtig sei außerdem, dass die Kinder frühzeitig das Zähneputzen als soziale Norm erfahren. „Es sollte zum Leben dazu gehören, wie Bitte und Danke zu sagen. Kinder mit gesunden Milchzähnen haben eine 90-prozentige Chance, ihre Zahngesundheit ein Leben lang zu behalten“ so Dr. Krämer.

Setting-Ansatz. Problematisch ist auch, dass die Karieslast ungleich verteilt ist und wenige Kinder viele kariöse Zähne haben, wie Dr. Anne Würz vom Ministerium für Soziales und Integration bei der Pressekonferenz anmerkte. Hier sei das Konzept der Regionalen Arbeitsgemeinschaften Zahngesundheit mit einer flächendeckenden aufsuchenden Betreuung in Kindertagesstätten und Grundschulen sehr wichtig. Alle Menschen in Baden-Württemberg sollten einen gleichberechtigten Zugang zu einer bedarfsgerechten, gesundheitlichen Versorgung haben. Dr Würz betonte, dass es notwendig sei, „gerade mit solchen Bevölkerungsgruppen in Kontakt zu kommen, die nur schwer Zugang zu unserem Gesundheitssystem finden.“ Hierbei sei der Setting-Ansatz sehr wichtig. Die Arbeitsgemeinschaften erreichen die Kinder auf mehreren Wegen. Zum einen bekommen alle Kinder nach der Untersuchung einen Befund und falls notwendig, eine Aufforderung, zum Zahnarzt zu gehen. Zum anderen betreuen die Prophylaxefachkräfte die Kinder in ihrem Setting und vermitteln die richtige Zahnhygiene sowie zahngesunde Gewohnheiten. Beides diene der gesundheitlichen Chancengleichheit.

Zukünftige Stellschrauben. Dr. Tomppert betrachtet es als wichtiges Ziel, den Spitzenplatz beim Zahnstatus der Kinder in Baden-Württemberg weiterhin zu verteidigen, auch wenn dieses Vorhaben durch die Migration schwierig wird. Eines ist jedoch klar: Je eher man mit den Prophylaxebemühungen ansetzt, desto besser können die Milchzähne bleiben und desto besser sind später auch die bleibenden Zähne. Die LAGZ hat bereits seit 2014 die 0- bis 3-Jährigen im Fokus und ist damit befasst, ein effizientes Prophylaxe- Programm für diese Altersgruppe zusammenzustellen, das den Regionalen Arbeitsgemeinschaften Zahngesundheit als Betreuungsgrundlage dienen soll.

Kostenrahmen. Die Finanzierung der Gruppenprophylaxe erfolgt alleine durch die gesetzlichen Krankenkassen. Eberhard Brenner, AOK Baden-Württemberg und Mitglied im Vorstand der LAGZ, sowie Winfried Plötze, Barmer Baden-Württemberg und ebenfalls Mitglied im Vorstand der LAGZ, berichten bei der Pressekonferenz, dass die gesetzlichen Krankenkassen in Baden-Württemberg im Jahr 2017 einen Betrag von 8,5 Mio Euro für die Gruppenprophylaxe zur Verfügung stellen. Von den privaten Krankenkassen gab es hierzu noch nie einen Zuschuss, obwohl auch die Kinder von privat Versicherten sowie die privaten Krankenkassen selbst von den gruppenprophylaktischen Maßnahmen profitieren. Am Ende der Pressekonferenz waren sich alle einig: Auch die PKV sollte ihrer Verantwortung nachkommen.

Feierliche Eröffnung. Bei sonnigem Herbstwetter lockte die mit bunten Blumen geschmückte Live-Bühne zum Veranstaltungsbeginn viele Zuschauer an. Die charmante Moderatorin Martina Meisenberg führte – wie in den Jahren zuvor – souverän durchs Eröffnungsprogramm, bei dem sowohl die Spitzenvertreter der Zahnärzteschaft, Dr. Torsten Tomppert und Dr. Ute Maier, Rede und Antwort standen als auch die politischen Gäste Markus Grübel MdB, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin der Verteidigung, Jochen Haußmann MdL, gesundheitspolitischer Sprecher der FDPLandtagsfraktion, sowie Wilfried Wallbrecht, erster Bürgermeister der Stadt Esslingen, im fröhlichen Miteinander jede Menge Wissenswertes zur persönlichen Mundhygiene preisgaben. Für das musikalische Rahmenprogramm konnte die Schulband der Esslinger Grund- und Werkrealschule Lerchenäcker gewonnen werden. In diesem Jahr waren auch zahlreiche Vertreter der Regionalen Arbeitsgemeinschaften Zahngesundheit gekommen, um die erfolgreiche Zahnprophylaxe mitzufeiern. Dabei waren u. a. folgende AGs dabei: Lörrach, Heilbronn, Karlsruhe, Main-Tauber-Kreis, Heidenheim sowie Freiburg und Breisgau-Hochschwarzwald.

Aktionstage. Bei den Tagen der Zahngesundheit werden Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen die vier Säulen der Zahngesundheit nähergebracht. Das ErlebnisForum Zahngesundheit präsentiert den Besuchern auf spielerische Art und Weise die Grundpfeiler zur Gesundhaltung der Zähne. Mithilfe der Plaque- Neon-Schau kann die eigene Mundhygiene überprüft werden, während anschließend am Zahnputzbrunnen die richtige Zahnputztechnik eingeübt wird. Der zahnärztliche Bereich ist dank der Firma KaVo Dental GmbH, Biberach an der Riß, die seit vielen Jahren Geräte und eine Behandlungseinheit für das Forum Zahngesundheit bereitstellt, und der Firma Carl Zeiss Miscroscopy GmbH, Göttingen, deren Mikroskop die Bakterien sichtbar macht, anschaulich vertreten. Zusätzlich wird auf die Bedeutung der Fluoridierung aufmerksam gemacht und es gibt viele anschauliche Beispiele für zahngesunde Lebensmittel im Zelt. Die dortige Betreuung der Besucher wurde in diesem Jahr durch ein engagiertes Team sichergestellt, das sich schon bei Veranstaltungen des Forum Zahngesundheit bewährt hatte. Rund um das Zelt sorgte der sympathische Künstler Peter Jagusch mit Comedy, Jonglage, Artistik und Animation für gute Unterhaltung.

Medienwirkung. Der rege Besucherstrom an den vier Aktionstagen zum Tag der Zahngesundheit zeigte, dass sich das Erlebnis- Forum Zahngesundheit in Esslingen sehr öffentlichkeitswirksam präsentieren konnte. Die Presseresonanz spiegelte anschließend die engagierten Prophylaxebemühungen wider und zeichnete ein eindrucksvolles Bild der Ergebnisse und der Wichtigkeit der Zahngesundheitsförderung von Kindesbeinen an. Beiträge über die landesweite Auftaktveranstaltung zum Tag der Zahngesundheit erschienen in über 110 Publikationen mit einer Reichweite von über 1.1 Mio Leserinnen und Lesern. Dieser Multiplikatoreffekt ist wichtig, um die Bedeutung und die Erfolgsgeschichte der Prävention in der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Die Botschaft ist deutlich: Je früher mit der richtigen Mundhygiene angefangen wird und je selbstverständlicher sie ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, ein Leben lang gesunde Zähne zu haben. Die Erfolgsgeschichte der Zahnprophylaxe ist dabei das Ergebnis des reibungslosen Zusammenspiels aller beteiligten Akteure beim IZZ, bei allen Institutionen, die in der LAGZ mitwirken, der Prophylaxefachkräfte in den regionalen Abeitsgemeinschaften, der Mitarbeiter des Öffentlichen Gesundheitsdienstes sowie aller Zahnärztinnen und Zahnärzte in Baden-Württemberg, die sich engagiert für die Gesundhaltung der Kinderzähne einsetzen. Die wichtigsten Protagonisten der Zahngesundheitsvorsorge werden sich auch im nächsten Jahr beim Tag der Zahngesundheit in Balingen präsentieren, wenn es wieder heißt „Gesund beginnt im Mund“. Welche zusätzlichen Aktionen die Regionalen Arbeitsgemeinschaften zum Tag der Zahngesundheit durchgeführt haben sowie weitere Fotoimpressionen zur landeszentralen Auftaktveranstaltung in Esslingen gibt es im Internet unter www.zahnaerzteblatt. de.

claudia.richter@izz-online.de

 

LAGZ-Vorstandssitzung am 20. September 2017 in Esslingen

 

Strategien zur frühkindlichen Kariesprävention

Ausgabe 11, 2017

Im Anschluss an die feierliche Eröffnung des Tags der Zahngesundheit auf dem Esslinger Hafenmarkt hat eine Vorstandssitzung der Landesarbeitsgemeinschaft für Zahngesundheit e. V. (LAGZ) stattgefunden. Bei dieser Sitzung sollten unter anderem die Weichen für die zahnmedizinische Gruppenprophylaxe bei unter 3-jährigen Kindern gestellt sowie Planung und Ziele der Zahngesundheitsförderung in Baden- Württemberg für 2018 bis 2022 festgelegt werden.

Bereits im November des vergangenen Jahres sprach sich der LAGZ-Vorstand dafür aus, dass eine entwicklungsgerechte Zahn- und Mundgesundheitsförderung bei den 0- bis 3-Jährigen in Baden-Württemberg eingeführt bzw. weitergeführt werden solle. Zu diesem Thema war damals Professor Dr. Christina Jasmund, Lehrstuhlinhaberin für Pädagogik der frühen Kindheit an der Hochschule Niederrhein, zur Vorstandssitzung hinzugebeten worden. Sie stellte dem Vorstand ihre Expertise vor, die sie im Auftrag der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege (DAJ) erstellt hatte und die die Grundlage für die von der DAJ 2016 herausgegebenen „Erweiterten Empfehlungen für frühkindliche Karies: zentrale Inhalte der Gruppenprophylaxe für unter 3-jährige Kinder“ bildete. Dieses Konzept wurde mit Interesse zur Kenntnis genommen.

Umfrageergebnisse. Bei der LAGZ-Vorstandssitzung im November 2016 wurde zudem eine Befragung der Arbeitsgemeinschaften beschlossen, um herauszufinden, ob sie an einer Konzeptempfehlung der LAGZ zur frühkindlichen Prophylaxe interessiert seien. Die Umfrage wurde im Frühjahr 2017 durchgeführt. Von 37 Arbeitsgemeinschaften beteiligten sich 26. Das Ergebnis: Die überwiegende Mehrheit von 24 Arbeitsgemeinschaften ist an einer Konzeptempfehlung der LAGZ interessiert.

Neue Impulse. Dr. Andrea Thumeyer, Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege Hessen, lieferte weitere Impulse für die Konzepterarbeitung zur frühkindlichen Prophylaxe. Sie stellte dem LAGZ-Vorstand das von ihr vor 13 Jahren entwickelte Konzept über die zahnmedizinische Gruppenprophylaxe für die 0- bis unter 3-Jährigen vor. Es wird in Hessen erfolgreich eingesetzt und gilt auch auf Bundesebene als vorbildliches Beispiel. Mehr Informationen dazu finden Sie im ZBWBeitrag „Zahngesundheitsförderung für Kleinkinder“ ab Seite 36.

Beschlüsse. Der Vorstand der LAGZ fasste daraufhin den Beschluss, eine beschränkte Ausschreibung eines Konzepts für unter 3-Jährige in der Gruppenprophylaxe unter besonderer Berücksichtigung des Konzepts der DAJ/LAG Hessen vorzunehmen. Unter anderem soll Prof. Dr. Jasmund miteinbezogen werden. Zusätzlich beschloss der Vorstand, dass mit dem Kultusministerium Baden-Württemberg Kontakt aufgenommen werden soll, um die Voraussetzungen für ein tragfähiges Konzept zu erarbeiten. Dabei soll der Orientierungsplan für Bildung und Erziehung, der in baden-württembergischen Kindergärten und weiteren Kindertageseinrichtungen eingesetzt wird, bei der Ausschreibung berücksichtigt werden. Ein weiterer Beschluss erfolgte zu Planung und Zielen der Zahngesundheitsförderung. Dabei lautet u. a. ein Ziel, dass der DMF-T bei den 12-Jährigen bis Ende des Schuljahrs 2021/2022 nicht mehr als 0,4 DMF-T betragen soll.

Man darf gespannt sein, wie sich die Konzepterarbeitung zur frühkindlichen Prophylaxe weiterentwickeln wird. Bei der nächsten LAGZ-Vorstandssitzung im November wird weiter daran gearbeitet.

claudia.richter@izz-online.de

 

U3-Konzept der LAG Hessen

 

Zahngesundheitsförderung für Kleinkinder

Ausgabe 11, 2017

Zahngesundheitsförderung für Kinder unter drei Jahren durch Gruppenprophylaxe, individuelle Prophylaxe und interdisziplinäre Zusammenarbeit am Beispiel des U3-Konzeptes der Landesarbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege in Hessen (LAGH).

Die Fakten sind bekannt: Karies im Milchgebiss ist in Deutschland die häufigste chronische Erkrankung bei Kindern unter drei Jahren. Etwa 15 Prozent aller Kinder unter drei Jahren leiden unter der sogenannten frühen Milchzahnkaries (ECC ? Early Childhood Caries). Die Gründe der ECC sind mehrdimensional: Meist entwickelt sie sich aus der Kombination von fehlender oder unzureichender Zahnpflege durch die Eltern, hochfrequentem Konsum zuckerhaltiger Getränken aus einer Nuckelflasche und der Nichtinanspruchnahme der zahnärztlichen Vorsorge.

Initiale Karies. Die initiale Karies kann bereits im Zahndurchbruch entstehen (Stadien der ECC in Abb. 1, Abb. 2 und Abb. 3). Aus den Ursachen der Karies im Milchgebiss leiten sich die Maßnahmen zur Gesunderhaltung der Milchzähne bei Kindern unter drei Jahren ab:

1. Nach der zweimaligen zahnärztlichen Betreuung in der Schwangerschaft kommen die Eltern mit ihrem Säugling vor dem ersten Zahn in eine Zahnarztpraxis, in der kleine Kinder willkommen sind.

2. Eltern und alle weiteren Bezugspersonen lassen das Kind von Anfang an Wasser aus einem offenen Becher trinken.

3. Eltern putzen alle Zähne ihres Kindes von allen Seiten nach dem ersten Frühstück zuhause und nach dem Abendessen mit fluoridhaltiger Kinderzahnpasta sauber (? weitgehend plaquefrei). Sie sorgen damit für zwei Fluoridimpulse am Tag.

Milchzähne. Die Milchzähne sind empfindlich. Der Schmelz ist durchschnittlich nur 0,3 mm bis 1 mm dick, der Mineralgehalt ist geringer und das Porenvolumen höher als bei bleibenden Zähnen. Milchzähne brauchen daher mehr Vorsorge. Der Kindermund braucht eine

- gute zielorientierte Gruppenprophylaxe als Basisvorsorge,

- kontinuierliche, halbjährliche profesionelle Begleitung und Prophylaxe in der Zahnarztpraxis als individuelle Vorsorge sowie

- die Kooperation mit den Berufsgruppen, die in dieser Lebensphase eng und vertraut mit den Eltern zusammenarbeiten.

Die Inhalte der oben genannten Maßnahmen orientieren sich zwar an der kindlichen Entwicklung, richten sich jedoch an die Erwachsenen. Das Kind als schwächstes Glied in der Kette, kann am wenigsten zu seiner eigenen Gesundheit beitragen. Seine (Mund-) Gesundheit hängt ab von den Rahmenbedingungen, die Eltern, Erzieher/innen und zahnmedizinische Fachleute ihm vorgeben. Prophylaxe für Kinder unter drei Jahren ist im besten Sinne Erziehungspartnerschaft aller Verantwortlichen zum Wohle der Kinder. Gute U3-Gruppenprophylaxe heißt daher an erster Stelle die Zusammenarbeit mit Eltern und Erzieher/ innen.

Pädagogische Fachkräfte. In Krippengruppen und/oder Familiengruppen sollen

- alle Kinder in der Betreuungszeit ausschließlich Wasser/Mineralwasser/ ungesüßten Tee aus einem offenen Becher trinken

- alle Kinder täglich ein kauaktives Frühstück gemäß dem Zuckerfreien Vormittag erleben

- alle Kinder täglich die KAIplus Systematik üben und

- alle Eltern im Gespräch mit den Erzieher/innen erfahren: Eltern putzen Kinderzähne sauber!

Dafür müssen die pädagogischen Fachkräfte gewonnen werden, zum Beispiel durch das jährliche Teamgespräch, durch interne Teamschulungen und Fortbildungen. Daher steht im hessischen U3-Konzept (siehe Jahresplanung, Abb. 4) die Beratung der Erzieher/innen an erster Stelle. Die in der Zahngesundheitsförderung ausgebildete Erzieherin gibt automatisch in den täglichen Gesprächen mit den Eltern ihr Fachwissen weiter.

GP-Multiplikatoren. Die eine Kita betreuenden GP-Multiplikatoren unterstützen die Erzieher/innen durch vielfältige und einrichtungsangepasste Elternarbeit wie zum Beispiel Elternvor-/nachmittage mit der U3-Beratungskiste (Abb. 5), Elternarbeit im Foyer beim Bringen und Abholen des U3-Kindes, eine Zahnputzzauberstunde, in der mit den Eltern das Zähneputzen geübt und das Zahnputz-Zauberlied für die KAIplus Systematik gesungen wird einschließlich der vierten Strophe „Jetzt ist meine Mama dran, fängt bei mir zu putzen an …“, damit die U3-Kinder das Richtige lernen und damit an beiden Erziehungsorten die gleichen Rituale umgesetzt werden. Alle hessischen Materialien für Erzieher/ innen und Eltern sowie die U3-CD mit über 350 Seiten für die Gruppenprophylaxe und die individuelle Prophylaxe stehen zur Verfügung (Abb. 6).

Damit die Eltern die zahnärztliche Vorsorge ab Geburt auch in Anspruch nehmen, müssen sie in der Gruppenprophylaxe davon erfahren und aktiv in die Zahnarztpraxis geführt werden. Die Reihenuntersuchungen mit Verweis in die Zahnarztpraxis sowie die Nachkontrolle der Inanspruchnahme ist eine Möglichkeit, die Ausgabe des zahnärztlichen Kinderuntersuchungsheftes an alle Eltern in der Kita eine weitere Möglichkeit unter vielen anderen.

Zahnarztpraxen. Unterstützung kommt auch durch das seit dem 1. September 2016 bestehende Verweissystem, nach dem der Kinderarzt ab der U5 (6. bis 7. Lebensmonat) die Eltern mit ihrem Kind sechsmal in Folge zum Zahnarzt schicken soll. Dazu sollen in 2018/2019 die frühen FUs als Abrechnungspositionen eingeführt werden. Vorbereiten können sich die Zahnarztpraxen mit Hilfe des Ratgebers „Frühkindliche Karies vermeiden“ der BZÄK/KZBV (Broschüre zum Download unter www.bzaek.de/fileadmin/ PDFs/b16/ecc-ratgeber.pdf). Der Ratgeber zeigt in Bilderfolgen, wie Eltern mit U3-Kindern in der Praxis betreut werden können. Er steht im Gleichklang mit dem U3- Konzept der DAJ/LAGH und verhindert damit Widersprüche, die Eltern von dem gewünschten Verhalten abhalten könnten.

Zusammenarbeit. Werdende und frisch gebackene Eltern sind in den gruppenprophylaktisch betreuten Regeleinrichtungen nur bedingt zu erreichen, denn nur etwa ein Drittel aller U3-Kinder werden institutionell betreut. Ihrer Lebenswelt entsprechend stehen sie mit anderen Berufsgruppen in enger Verbindung (z. B. Frauen-, Kinderund Hausärzte, Hebammen, Tagesmütter, Säuglingskursleiterinnen in Familienbildungsstättenoderfreien Angeboten, Multiplikatoren kommunaler Präventionsförderung) und nehmen deren Angebote wahr. Trotzdem sollen Eltern früh mit dem für die Zahngesundheit ihres Kindes wichtigen Basiswissen ausgestattet werden. Daher ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit nötig. Insbesondere für Eltern mit geringer Compliance und niedrigem (Zahn-)Gesundheitsbewusstsein, denn gerade sie konsultieren häufig den Zahnarzt erst dann, wenn ihr Kind starke Zahnschmerzen hat. Daneben bestehen mittlerweile in fast allen Gemeinden Netzwerke zur frühen Familienförderung (Frühe Hilfen) für bildungsbenachteiligte bzw. bildungsferne Eltern.

Gruppenprophylaxe-Multiplikatoren sollen auf der lokalen Ebene jede Chance zur Zusammenarbeit mit den oben genannten Berufsgruppen suchen. Diese müssen gefunden, gewonnen und im regelmäßigen Kontakt gehalten werden. Zum Beispiel werden in Hessen an allen vier Hebammenschulen die Schüler/innen in der Zahngesundheitsförderung (Konzept „5 Sterne für gesunde Zähne“) ausgebildet. Daneben gibt es in der Ausbildung zur Familienhebamme (Familien mit besonderem Betreuungsbedarf) und in dem Ausbildungsgang Hebammenkunde der Hochschule Fulda (Bachelor of Science) Unterrichtseinheiten zur Mundgesundheit. Auf der lokalen Ebene wird mit den Hebammen und Kursleiterinnen (z. B. PekiP) zusammengearbeitet. Die hessischen Entbindungsstationen, die Knotenpunkte zur Erreichung vieler Eltern darstellen, werden mit Materialien für die frisch gebackenen Eltern ausgestattet. Elternkurse werden im Rahmen der Elternschule/Familien- Bildungsstätten angeboten.

Die Tagespflege ist der Betreuung in einer Kita gleichgestellt. Daher werden Tagespflegepersonen im Rahmen der von den Jugendämtern verpflichtend angebotenen Fortbildungsmaßnahmen auf der Kreisebene (regionalen Fachdienststellen für Kindertagespflege) qualifiziert. Angeboten wird ein zweieinhalbstündiges Modul zum Thema „Mundgesundheitserziehung in der Kindertagespflege“.

Gesteuert werden diese beispielhaft genannten gruppenprophylaktischen Maßnahmen außerhalb von Kitas durch ein jährliches Netzwerktreffen auf der Landesebene und lokale Steuerungsgruppen.

Dr. Andrea Thumeyer, Vorsitzende der LAGH und Zahnärztin in Wiesbaden thumeyer@t-online.de

 

12. LAGZ-Forum 2017 im Kloster Schöntal

 

Fokus auf das Wesentliche

Ausgabe 11, 2017

Die Landesarbeitsgemeinschaft für Zahngesundheit e. V. (LAGZ) führte beim zwölften LAGZ-Forum am 20. und 21. Juli 2017 konsequent das Vorhaben weiter, eine frühkindgerechte Gruppenprophylaxe zu vermitteln. Somit wurde diesmal das Augenmerk auf „Kommunikation – Kooperation – Koordination – Kompetenz als Eckpfeiler erfolgreicher Gruppenprophylaxe" gelegt. Die rund 160 teilnehmenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der 37 Regionalen Arbeitsgemeinschaften Zahngesundheit erwartete im Kloster Schöntal eine Fortbildungsveranstaltung, die für die Prophylaxearbeit wertvolle Anregungen lieferte.

Zu Beginn stellte sich der neue Vorsitzende des Vorstands der LAGZ und Präsident der Landeszahnärztekammer BW, Dr. Torsten Tomppert, in einem kurzen Grußwort vor. Er dankte dabei den Arbeitsgemeinschaften für ihr großes Engagement im Rahmen der Gruppenprophylaxe und schloss die Bitte an, auch in Zukunft nicht nachzulassen.

Fortbildungszyklus. Seit dem 9. LAGZ-Forum legte der Geschäftsführer der LAGZ, Johannes Clausen, bei der Planung der Fortbildungsthemen Wert darauf, den unter 3-Jährigen eine besondere Aufmerksamkeit bei der Zahn- und Mundgesundheitsvorsorge zu schenken. Das zwölfte LAGZ-Forum machte das wieder einmal deutlich durch den Vortrag von Prof. Dr. Johannes Einwag mit dem Titel „Erfolgreiche Gruppenprophylaxe – Ergebnis koordinierter Zusammenarbeit zwischen pädagogischer und zahnärztlicher Fachkompetenz.“ Die Arbeitsgemeinschaften sollten nicht nachlassen, den Eltern die wichtigsten Punkte der Prophylaxe zu vermitteln. Als wichtigste Maßnahme der Prävention nannte Prof. Einwag die regelmäßige und gründliche Entfernung des Biofilms bevor er pathogen wird. Die zentrale Aufgabe der Gruppenprophylaxe sei der Aufbau einer sozialen Norm. Die Motivation, die Zähne zu pflegen, wird erhöht, wenn der zentrale Nutzen der Prävention vermittelt wird: Gesunde Zähne bedeuten bessere Ästhetik und Funktion und eine gute Allgemeingesundheit. Zu den Nebenaufgaben der Gruppenprophylaxe gehörten die Vermittlung von Basiswissen und Basisinstruktionen und die Erfassung von Daten. Letztendlich komme es auf die richtige Koordination und die Kooperation zwischen Eltern, Pädagogen und Prophylaxeteams an. Die Umsetzung soll im kommenden Jahr beim LAGZ-Forum großgeschrieben werden. Dann ist geplant, dass die Vorsitzende der LAGZ Hessen, Dr. Andrea Thumeyer, das erfolgreiche Konzept zur frühkindlichen Prophylaxe in ihrem Bundesland vorstellt.

Verzahnung. Auch der Vorsitzende des Prophylaxeausschusses der LZK BW und der Vertreterversammlung der AGZ Heilbronn, Dr. Bernd Krämer, betonte in seinem Vortrag „Verzahnung der Gruppen- und Individualprophylaxe aus Sicht des Praktikers“, dass eine Kariestherapie bei 0- bis 3-Jährigen sinnlos sei ohne die Mitarbeit der Eltern. Kleinkinder lernten nur von ihren engsten Bezugspersonen. Der Zahnärztliche Kinderpass sei eine gute Motivationshilfe, um den Eltern die Bedeutung der Zahngesundheitsvorsorge von Beginn an näherzubringen. Eine besondere Bedeutung komme dem regelmäßigen Zahnarztbesuch zu, der unbedingt in angstfreier Umgebung stattfinden sollte. Die Angst vor dem Zahnarzt sei jedoch nicht angeboren, sie wird erlernt, entweder durch eigene Erfahrung oder durch Erzählungen.

Die Rolle des Gehirns. Die Gehirnentwicklung im Kleinkindalter und die Konsequenzen für das frühkindliche Lernen sind selbst Fachleuten nicht bis ins Detail bekannt. Mit Privatdozent Dr. med. habil. Volker Busch, Regensburg, konnte ein weithin renommierter Referent, Wissenschaftler und Neurologe, gewonnen werden, der das Gehirn zwischen Reizflut und Multitasking unter besonderer Berücksichtigung der Kinder beleuchtete. Dr. Busch ging es nicht darum, digitale Medien schlechtzureden, sondern aufzuzeigen, wie ein verantwortungsvoller und maßvoller Umgang aussehen könnte. Seine wichtigsten Botschaften: Wenn wir verlernen, aufmerksam zu sein, verlernen wir uns zu konzentrieren. Erst durch Tiefe entstehe Leistung, Qualität und Genuss. Nur wer seriell arbeite und lebe, mache weniger Fehler und spare Zeit. Und wer Ideen klug entwickeln möchte, brauche geistige Pausen. Dr. Busch empfahl, pro Tag eine Stunde der Ruhe und Konzentriertheit einzulegen und dabei jegliche Ablenkung zu vermeiden. Reizarmut verhelfe der Kreativität auf die Sprünge.

Digitale Kommunikation. Beim nächsten Vortrag wurde das Auditorium wieder zurück in die Welt des Internets geholt. Das World Wide Web kann schließlich gut dazu genutzt werden, die Botschaften der Gruppenprophylaxe zu kommunizieren und die Zielgruppen besser anzusprechen. Mit zahlreichen „Tipps zur erfolgreichen digitalen Kommunikation im Rahmen der LAGZ-Website“ vermittelte Claudia Richter, stv. Leiterin des Informationszentrums Zahngesundheit Baden-Württemberg, Stuttgart, wie die Arbeitsgemeinschaften am sinnvollsten ihre Onlinebereiche beim neu entstehenden LAGZ-Internetauftritt aufbauen können.

Tipps zum Arbeitsalltag. Konkrete Informationen und hilfreiche Tipps zur Gestaltung des Arbeitsalltags in den Regionalen Arbeitsgemeinschaften lieferten die beiden letzten Referate des LAGZForums. Andrea Krämer von der LZK Baden-Württemberg stellte den BuS-Dienst als Service-Leistung der Kammer vor. BuS steht für Betriebsärztliche und Sicherheitstechnische Betreuung. Gerade bei den Arbeitsgemeinschaften Zahngesundheit fallen einige Gefährdungspotenziale an. Zum Abschluss berichtete Ralf Kraft von der LAGZ, Stuttgart, welche Voraussetzungen erfüllt werden müssen, damit die Gemeinnützigkeit anerkannt wird.

Fazit. Bei der Abschlussdiskussion hatten alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Arbeitsgemeinschaften die Gelegenheit, Wünsche an die LAGZ-Geschäftsführung zu richten und die Vorträge zu reflektieren. Dabei wurde noch einmal deutlich, dass eine erfolgreiche Gruppenprophylaxe das Zusammenspiel von koordinierter Zusammenarbeit von pädagogischer und zahnärztlicher Fachkompetenz darstellt. Auch die Kommunikation der Arbeitsgemeinschaften untereinander gehört zwingend dazu, denn dieser Erfahrungsaustausch ist hilfreich, um die Gruppenprophylaxe zu optimieren. Das LAGZ-Forum baut darauf auf und bietet jedes Jahr erneut ein Fortbildungspaket, das aus Informationen und Kommunikation besteht.

C. Richter