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Fortbildung

Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation & Co

 

Auf den Spuren „kreidiger“ Zähne

Ausgabe 12, 2017

Gute Mundhygiene und zahnfreundliche Ernährung und trotzdem Zähne wie „Kreide“: Die Molaren-Inzisiven- Hypomineralisation (MIH) beschäftigt Zahnärzte, betroffene Kinder und ihre Eltern. Die Ursachen der MIH stehen im Fokus intensiver Forschungsbemühungen – doch was genau ist bislang bekannt?

Die Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation ist ein scheinbar immer häufiger vorkommendes Phänomen und tritt in Deutschland anhand neuester Erkenntnisse aus einer repräsentativen Studie bei 12-Jährigen in Deutschland mit einer Prävalenz (mindestens ein MIHZahn vorhanden) von 28,7 Prozent auf (Jordan 2017). Andere Studien der vergangenen Jahre ergaben, dass etwa zehn Prozent aller Kinder im Alter von sechs bis neun Jahren betroffen waren (Petrou et al. 2014b) bzw. dass ca. 24 Prozent mindestens einen MIH-Zahn hatten (Kühnisch et al. 2014). Laut der Definition der EAPD sind bei der MIH mindestens ein erster bleibender Molar und fakultativ Schneidezähne betroffen (Lygidakis et al. 2010). Ähnliche Defekte können jedoch auch bei anderen Zähnen wie bei zweiten Milchmolaren (HSPM: Hypomineralized Second Primary Molar, Elfrink et al. 2015) und anderen permanenten Zähne wie Prämolaren oder zweiten permanenten Molaren auftreten (Elfrink et al. 2015). Aufgrund des drastischen Kariesrückgangs in den vergangenen Jahrzehnten ist aber auch denkbar, dass mindermineralisierte MIH-Zähne früher schlicht für kariös gehalten wurden (Kalkani et al. 2015). Zumal 81 Prozent der MIH-Kinder als maximale Erscheinung nur eine begrenzte Opazität und somit einen milden Schweregrad aufweisen. Im Mittel sind jedoch bei Kindern mit MIH 2,7 Zähne betroffen (Jordan 2017). Zudem tragen Kinder mit mindermineralisierten Milchzähnen (vgl. HSPM) laut einer Studie aus Brasilien ein zirka sechsfach erhöhtes Risiko für MIH (Ribeiro et al. 2016).

Beschreibung. Typisch für MIH sind weißlich-gelbe bis gelb-braune, deutlich umschriebene Opazitäten im Zahnschmelz an den bleibenden ersten Molaren und Schneidezähnen mit unterschiedlicher Schwere des Befalls (Abb. 1 bis 3) (Lygidakis et al. 2010; Crombie et al. 2013; Petrou et al. 2015). Aufgrund der hypomineralisierten Schmelzbereiche, die weniger Calcium und Phosphat enthalten (Martinovic et al. 2015), sind die Zähne oft auch hypersensibel. Betroffene haben u. a. Schwierigkeiten beim Zähneputzen oder vermeiden sehr kalte oder sehr warme Getränke. Sie entwickeln mitunter auch Zahnarztangst. Zudem können bei MIH-Zähnen auch Schmelzeinbrüche unterschiedlicher Ausdehnung beobachtet werden, die meist erst posteruptiv entstehen. Aufgrund des Erscheinungsbildes und der Lokalisation ist MIH deutlich von kariösen Prozessen unterscheidbar (Ghanim et al. 2015, s. Tab. 1). Die Anfälligkeit für Karies ist zugleich erhöht, da der Schmelz eine geringere Reife (Crombie et al. 2013) hat und mitunter die Mundhygiene, wie beschrieben aufgrund der Hypersensibilitäten verschlechtert ist.

Differenzialdiagnose. Die Diagnosestellung von MIH erfordert etwas Übung, doch kann u. a. aufgrund des Erscheinungsbildes an den betroffenen Zähnen und der Lokalisation differenzialdiagnostisch i. d. R. gut insbesondere von Karies, aber auch von genetisch bedingten Zahnhartsubstanzveränderungen oder auch zur Fluorose abgegrenzt werden. Dies ist detailliert in einer Übersicht dargestellt (Tab. 1).

Ursächlich werden genetisch bedingte Strukturstörungen (z. B. Amelogenesis imperfecta oder Dentinogenesis imperfecta) von exogen (Turner-Zähne, traumatisch induzierte Zahnhartsubstanzdefekte) und endogen (Fluorosen, medikamentös verursachte Strukturstörungen) bedingten Defekten der Zahnhartsubstanz unterschieden (Ghanim et al. 2015). Ersteres ist i. d. R. leicht von der MIH zu unterscheiden, da es genetisch bedingt familiär gehäuft auftritt (Familienanamnese) und meist alle Zähne betrifft und nicht wie bei MIH auf die ersten Molaren und die Inzisiven beschränkt ist (Petrou et al. 2014a).

Ursachen. Die genauen Ursachen sind nicht bekannt, multifaktorielle bzw. multiple Ursachen werden vermutet. Experten sind sich recht sicher, dass es sich nicht um eine genetisch bedingte Zahnhartsubstanzveränderung handelt. Wahrscheinlich entsteht MIH in den ersten drei Lebensjahren, da dort die Schmelzbildung der meist betroffenen ersten Molaren und der Schneidezähne stattfindet und die Ursache folglich erworben sein müsste (Lygidakis et al. 2010). Kinder in Deutschland, die u. a. in diesem Zeitraum häufig Atemwegsinfekte mit stationärer Aufnahme und Antibiotikagabe hatten, bei denen Schwangerschafts- oder Geburtskomplikationen auftraten oder länger als sechs Monate gestillt wurden, tragen ein höheres Risiko für MIH (Kühnisch et al. 2014). Diese Erkenntnisse tragen dazu bei, dass auch andere Umweltbelastungen als mögliche Ursache in Frage kommen könnten.

Therapie. Die Therapie dient der Verbesserung der Lebensqualität, erfolgt daher symptombasiert (subjektive Beschwerden) und meist stufenweise (Mast et al. 2013; Lygidakis et al. 2010, s. Tab. 2). Die Schmerzausschaltung und der Schutz der Pulpa haben daher Priorität. Eine invasive Behandlung ist trotz Lokalanästhesie aufgrund einer verlangsamten bzw. geringeren Wirkung bei MIHZähnen wegen einer häufig vorhandenen chronischen Pulpitis nicht immer ganz leicht (Lygidakis et al. 2010). Um dieses Problem zu lösen, wird hierzu derzeit beispielsweise die Gabe von Schmerzmitteln wie Paracetamol oder Ibuprofen 24 h, 12 h, 6 bis 8 h und direkt vor der eigentlichen Zahnbehandlung mit Lokalanästhesie empfohlen (Steffen et al. 2011).

Zusammenfassung. Die Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation ist mit einer Prävalenz von ca. 29 Prozent der Zwölfjährigen in Deutschland häufig, glücklicherweise tritt sie jedoch meist in milden Formen auf. Die genauen Ursachen sind noch nicht bekannt. Es werden multifaktorielle Ursachen, die während der ersten drei Lebensjahre auftreten, vermutet. Die Diagnosestellung ist nicht immer ganz leicht, doch kann MIH aufgrund des Erscheinungsbildes und der Lokalisation meist gut differentialdiagnostisch von Karies, genetisch bedingten Zahnhartsubstanzveränderungen oder zur Fluorose abgegrenzt werden. Die Therapie dient der Verbesserung der Lebensqualität, erfolgt daher symptombasiert. Dabei spielen Versiegelungen, Abdeckungen mit Glasionomerzement und auch Füllungen mit Komposit eine wichtige Rolle. Bei schweren Formen sind therapeutisch auch konfektionierte Stahlkronen und/ oder eine frühzeitige Zahnextraktion in Betracht zu ziehen. Das Literaturverzeichnis finden Sie hier als PDF oder kann beim IZZ bestellt werden unter Tel: 0711/222966-14, Fax: 0711/222966-21 oder E-Mail: info@zahnaerzteblatt.de.

Dr. Julian Schmoeckel, Mhd Said Mourad, Dr. Marina A. Petrou, Universität Aachen Prof. Dr. Christian H. Splieth, Universitätsmedizin Greifswald

 

Herbsttagung der BZK Stuttgart am 7. Oktober 2017 in Stuttgart

 

Fokus auf Zunge und Mundhöhle

Ausgabe 12, 2017

Zum 21. Mal lud die Bezirkszahnärztekammer (BZK) Stuttgart zusammen mit der Vereinigung für Wissenschaftliche Zahnheilkunde Stuttgart am 7. Oktober 2017 zum gemeinsamen KH-Symposium ein, das bei der BZK Stuttgart als Herbsttagung firmiert. Über 350 Zahnärztinnen und Zahnärzte waren der Einladung in die Alte Reithalle des Maritim Hotels in Stuttgart gefolgt, um sich zum Thema „Rund um die Zähne – Zunge, Schleimhaut, Speicheldrüsen – wichtige Aspekte für die zahnärztliche Praxis“ fortzubilden.

Die Veranstaltung der BZK Stuttgart in Zusammenarbeit mit dem Katharinenhospital Stuttgart ist schon seit über 20 Jahren ein Garant für qualifizierte Fortbildung. Prof. Dr. Dr. Dieter Weingart, Ärztlicher Direktor der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Katharinenhospitals am Klinikum Stuttgart und Vorsitzender der Vereinigung für Wissenschaftliche Zahnheilkunde Stuttgart, zeigte sich einmal mehr für das hochkarätige Programm mit renommierten Referenten verantwortlich, das er bei seiner Begrüßung kurz vorstellte. In diesem Jahr zum ersten Mal als Gastgeber dabei: Dr. Eberhard Montigel. Er begrüßte in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der BZK Stuttgart das Auditorium und zeigte sich sehr zufrieden mit der ungebrochen positiven Resonanz auf diese Fortbildungsreihe.

Mundgeruch. Den ersten Themenblock stellte Professor Dr. Andreas Filippi, Fachzahnarzt für Oralchirurgie am Universitären Zentrum für Zahnmedizin Basel mit den Schwerpunkten Zunge und Mundgeruch vor. Der ausgewiesene Experte im deutschsprachigen Raum für diesen Fachbereich brachte dem Auditorium zunächst die wichtigsten Aspekte für die Zungendiagnostik in der zahnärztlichen Praxis näher. Die Zunge sei ein Spiegel des Alters, des Blutbilds und der Medikation. Hier könne man frühzeitig gesundheitliche Veränderungen erkennen. Die Zungendiagnostik sei somit ein wichtiger Beitrag zur Früherkennung onkologischer Erkrankungen. Es gebe mindestens 60 Pathologien im Bereich der Zunge, einige Varianten der Zungenveränderungen stellte Prof. Filippi vor, u. a. die Glossitis rhombica mediana oder die Lingua villosa (Haarzunge). Da die Zunge den größten Biofilm im Mundbereich trägt, sei eine regelmäßige Zungenreinigung unabdingbar, gerade auch zur Kariesprophylaxe. Sie müsse aber individualisiert erfolgen, da jede Zunge anders geformt sei.

In seinem zweiten Beitrag über Halitosis stellte Prof. Filippi die Möglichkeiten zur Therapie von Mundgeruch vor. Zu knapp 90 Prozent seien orale Ursachen am Mundgeruch beteiligt, wie z. B. Zungenbelag, Gingivitis, Parodontitis oder Kombinationen davon. Die Stärke des Mundgeruchs wird von der Summe der Schwefelverbindungen definiert, die man durch Riechanalysen oder Gerätemessungen erfassen kann. Prof. Filippi stellte dazu das Halitosis- Diagnostikkonzept der Uni Basel mit anschließenden ursachenabhängigen Therapieansätzen vor. Bei Mundgeruch gebe es keine Standardtherapie. Erst wenn alle Einzelursachen beseitigt werden, höre auch der Mundgeruch auf.

Speicheldrüsen. Eine Einführung in das Thema Speichel und Speicheldrüsen sowie entsprechende anatomische Grundlagen von Speicheldrüsenerkrankungen und funktionelle Aspekte für den Behandlungsalltag lieferte Dr. Dr. Matthias Hipp vom Klinikum Stuttgart. Er ging dabei auch auf die vegetative Steuerung der Drüsen und Speichelproduktionsstörungen ein. Im Anschluss vermittelte Dr. Dr. Robert Cordesmeyer von der Universität Göttingen die minimalinvasive Diagnostik und Therapie der Speicheldrüsen. Er stellte dabei die Sialendoskopie vor, die die Betrachtung der Speicheldrüsen minivalinvasiv möglich macht. Diese Technik hat sich im klinischen Alltag inzwischen etabliert, denn neben einer direkten Visualisierung der Gangpathologie sind auch eine direkte Intervention und Therapie möglich, vorausgesetzt, die Speichelsteine sind kleiner als 7 mm. Die Einführung der Sialendoskopie hat somit zu einem Paradigmenwechsel bei obstruktiven Speicheldrüsenerkrankungen geführt.

Raumforderungen. Über Raumforderungen im Bereich der Speicheldrüsen und entsprechende Therapieansätze referierte Dr. Rolf Bublitz, leitender Oberarzt der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Katharinenhospitals. Unter Raumforderungen versteht man eine unphysiologische Volumenzunahme, einen erhöhten Platzbedarf eines Gewebes sowie im engeren Sinne eine Neubildung einer Speicheldrüse. Dr. Bublitz stellt hierzu einige eindrucksvolle Beispiele vor. Im Bereich der Speicheldrüsen können die Raumforderungen durch die Anamnese und den klinischen Befund eingeordnet werden. Bei Verdacht auf Neubildung einer Speicheldrüse empfahl Dr. Bublitz eine fachärztliche Untersuchung und Diagnostik. Speicheldrüsenneubildungen seien insgesamt zwar selten, aber häufig für den Pathologen problematisch. Hier sei eine Behandlung in einem Zentrum empfehlenswert.

Mundschleimhaut. Zum Schluss erfolgte ein Einblick in das breite Spektrum an Mundschleimhauterkrankungen mit der Fragestellung „Was sollte man erkennen?“ Prof. Dr. Dr. Torsten Reichert, Direktor der Klinik und Poliklinik für MKG-Chirurgie an der Universität Regensburg, zeigte anhand vieler Beispiele, welche Veränderungen der Mundschleimhaut harmlos und welche ein Anzeichen für ernstzunehmende Erkrankungen sind. Da Mundschleimhautveränderungen häufig, aber nicht immer maligne oder prämaligne sind, soll eine Leitlinie helfen, Mundhöhlenkarzinome frühzeitig zu erkennen. Zur Früherkennung und Krankheitsprävention durch den Zahnarzt bzw. die Zahnärztin empfahl Prof. Reichert die derzeit gültige S2k-Leitlinie „Diagnostik und Management von Vorläuferläsionen des oralen Plattenepithelkarzinoms in der Zahn-, Mundund Kieferheilkunde“. Sie wird Ende 2017 durch die S3-Leitlinie „Diagnostik und Management von Mundschleimhautveränderungen, insbesondere von Vorläuferläsionen des oralen Plattenepithelkarzinoms in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde“ abgelöst.

Fazit. Das KH-Symposium bewies auch in seiner 21. Auflage, dass sich ein qualitativ hochwertiges Fortbildungskonzept, das zeitlich lediglich einen halben Samstag in Anspruch nimmt, aber viel Informatives zur Umsetzung in der Praxis bietet, bei den Zahnärztinnen und Zahnärzten großen Zuspruch findet.

claudia.richter@izz-online.de

 

Gemeinsames Symposium zur Cyberkriminalität

 

Datensicherheit ist Chefsache

Ausgabe 12, 2017

Die immer stärkere Digitalisierung im medizinischen Bereich und die steigende Vernetzung im Gesundheitswesen bringt Chancen und Risiken mit sich. Fälle von Datenzugriff mit sogenannter Ransom- Software und Erpressungsversuche nehmen auch in Arzt- und Zahnarztpraxen zu. Das gemeinsame Symposium „Hackeralarm! Cyberkriminalität trifft Praxen & Kliniken“ der Bezirksärztekammer Baden und der Bezirkszahnärztekammer Karlsruhe Anfang November in Karlsruhe informierte über Gefahren und Bedrohungen und zeigte Lösungsstrategien auf.

Prof. (apl.) Dr. Dr. Christof Hofele, M. Sc., Vizepräsident der Bezirksärztekammer Nordbaden, der die wissenschaftliche Leitung innehatte, führte durch die Veranstaltung und betonte die Brisanz des Themas, da die Entwicklung der Digitalisierung bis hin zur Telemedizin Angriffsflächen bislang unbekannten Ausmaßes eröffne.

Digitale Daten. Dr. Norbert Engel, Vorsitzender der BZK Karlsruhe, betonte, dass Datenschutz und Datensicherheit ein wesentliches Element der ärztlichen und zahnärztlichen Berufsausübung seien und die Vertraulichkeit der Diagnose und Therapie der Kern der Beziehung zum Patienten seien. Deshalb sei es nicht nur die Aufgabe der ärztlichen Profession, sondern gesamtgesellschaftlicher Auftrag, diese zu schützen. Er zeigte aber auch Gegensätze auf, da der Gesetzgeber einerseits die strenge Geheimhaltung patientenbezogener Unterlagen fordere, aber gleichzeitig den Ärzten und Zahnärzten erheblich ausgeweitete Dokumentationspflichten auferlege und sie zwinge, die Patienteninformationen in digitaler Form zur Verfügung zu stellen. Dadurch entstehe, so Dr. Engel, ein „erheblicher Wust“ digitaler Daten, die über Schnittstellen wie das Internet in einem frei zugänglichen Raum zu ärztlichen und zahnärztlichen Partnern wie KV und KZV transportiert werden. Dies gelte auch für andere in der Praxis anfallende Informationen wie Abrechnungs- und Finanzdaten. Deshalb sei es wichtig, Ärzte und Zahnärzte zu sensibilisieren und durch praktische Tipps und Hinweise eine Verbesserung des Umgangs mit digital gespeicherten Daten zu erreichen.

Hackerangriff. Dr. Sven Rößing, niedergelassener Facharzt für Orthopädie, war Anfang dieses Jahres selbst bei laufender Praxis von einem Hackerangriff betroffen und schilderte das Szenario eindrucksvoll. Nachdem am Freitagmorgen im Sekretariat eine Handyrechnung von O2 geöffnet wurde, war das gesamte System innerhalb von fünf Minuten lahmgelegt – trotz Firewall und Virenschutz mit täglichem Update. Ein Cryptolocker-Trojaner hatte das System verschlüsselt und forderte die Zahlung von 4500 Euro in Bitcoins zur Freigabe des Systems. Nach Telefonaten mit seinem Systemhaus und Experten von der Kriminalpolizeidirektion, Dezernat Cyberkriminalität, die dazu rieten, den Betrag auf keinen Fall zu bezahlen, wurde der Praxisbetrieb an diesem Tag manuell geführt. 112 Patienten waren für die Sprechstunde eingeplant und 55 Patienten für die Physikalische Therapie. Dies bedeutete die handschriftliche Anlage von Patientenlisten und Befunddokumentation als Grundlage für die spätere Nachdokumentation. Im weiteren Verlauf des Tages wurde das gesamte System von EDV-Experten neu aufgesetzt und der Backup mit der Datensicherung vom Vortag gestartet. Nach 66,5 Stunden – am Montagvormittag – sei der Datenstand von Donnerstagabend wiederhergestellt gewesen und das System konnte wieder online gehen.

Laut dem Bericht des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik tauchten täglich 380.000 Trojaner-Varianten auf. Und obwohl sich die Angriffshäufigkeit in den vergangenen beiden Jahren verdoppelt hat, denken viele Ärzte und Zahnärzte immer noch, sie seien nicht von einer solchen Gefahr betroffen, erläuterte Dr. Rößing.

Live-Hacking. Eine Demonstration der besonderen Art bot Dipl.- Informatiker André Entz. Der sogenannte White Hacker zeigte bei einem Live-Hacking auf eindrucksvolle Weise, wie schnell und einfach ein Datenangriff per USB erfolgen kann und wie leicht man sich illegalen Zugang zu fremden Mobiltelefonen verschafft.

In einem zweiten Referat gab er Handlungsempfehlungen zur Datensicherheit. Wichtig sei es vor allem, so André Entz, das Bewusstsein für Datenschutz und Datensicherheit bei den Praxismitarbeiterinnen und -mitarbeitern zu steigern, da Unwissenheit und mangelndes Verantwortungsbewusstsein zu erheblichen Problemen führen könnten. Die Einrichtung eines durchdachten Berechtigungskonzepts enthalte unter anderem, dass Mitarbeiter nur zu den Daten Zugang haben, die sie für ihre Arbeit benötigen und beispielsweise die Tastatur des Computers sperren, wenn sie ihren Arbeitsplatz verlassen. Netzwerke sollten segmentiert werden, um so den Angriffs-Vektor zu verringern. Es sollten eigene Netze für Drucker, Server und PC eingerichtet werden, damit Verschlüsselungstrojaner nur bestimmte Bereiche übernehmen können. Eine UTM-Firewall biete ebenfalls einen größeren Schutz, wobei es hier auf die richtige Konfiguration ankomme. Bei der Einrichtung des WLAN solle darauf geachtet werden, nicht das WLAN des Routers zu verwenden, sondern ein professionelles WLAN mit Sicherheitslösungen von Experten. Weitere wichtige Aspekte sind laut André Entz die Dokumentation der IT und der Prozesse sowie ein Plan zur Datensicherung und Wiederherstellung. Die Back-Up- Bänder sollten getestet werden, da man sich sonst in „trügerischer Sicherheit wähnt“. Bei der E-Mail-Sicherheit sei es ebenfalls erforderlich eine Sicherheitslösung vorzuschalten, da POP3 ein unsicheres Übertragungsprotokoll sei. Bei der Datenverschlüsselung solle möglichst eine 2-Faktor-Authentifizierung angewendet werden. Er riet, private mobile Endgeräte wie Tablets oder Smartphones nicht in das Praxisnetz zu integrieren.

Bedrohungen. „Datenschutz- Märchen – Alte Weisheiten gegen neue Bedrohungen“ überschrieb Dipl.-Informatiker und IT-Security- Experte Thomas Maus sein Referat. Auf lustige und unterhaltsame Art zeigte er auf, welche Auswirkungen die Preisgabe von persönlichen Daten haben kann. Als Beispiel nannte er Posts auf Facebook mit Urlaubsfotos, die genaue Informationen über Dauer und Ort der Reise geben oder Fitness-Apps, die detailliert über die Laufstrecke, Dauer und Zeitpunkt informieren, die als Basis für Einbrüche, Entführungen oder Gewaltverbrechen genutzt werden können. Ähnliche Informationen könnten jedoch auch bei Pauschalreisen-Anbietern, Fluglinien oder Hotelketten auf illegale Weise erworben werden. Er zeigte zahlreiche Angriffspunkte für den Missbrauch von Daten und mahnte zur Datensparsamkeit, Datenminimierung und Verbreitungskontrolle.

Datensicherheit. Der neue Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit Baden-Württemberg, Dr. Stefan Brink, zeigte rechtliche und politische Strategien zur Datensicherheit in der Medizin auf. Er nannte Beispiele für Datenschutzverstöße in der Praxis wie die Herausgabe vertraulicher Informationen über Patienten am Telefon oder am Empfang, den sorglosen Umgang mit E-Mails von Patienten oder die unsichere Lagerung von Patientendaten und zeigte Schwachstellen im Bereich des Datenschutzes. Mit dem Inkrafttreten der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) am 25. Mai 2018 soll der Datenschutz in Europa vereinheitlicht werden, was laut Dr. Brink weitreichende Konsequenzen für den Umgang mit personenbezogenen Gesundheitsdaten habe. Während die alte rechtliche Regelung bei der Nichtbeachtung keine Konsequenzen vorsah, können nach der neuen rechtlichen Regelung Geldbußen in beträchtlicher Höhe auferlegt werden. Dr. Brink betonte die besondere Verantwortung für Datenverarbeitung gerade im medizinischen Bereich und zeigte auf, wie technisch-organisatorische Maßnahmen wie Verschlüsselung, getrennte PCs für Patientendaten und eine sichere Internetverbindung Abhilfe schaffen können.

Das große Interesse der Teilnehmer und die zahlreichen Fragen und angeregten Diskussionen im Anschluss an die jeweiligen Referate zeigten, dass die Veranstalter bei der Themenwahl ins Schwarze getroffen haben. Ein Thema mit großer Aktualität, das Ärzte und Zahnärzte gleichermaßen ansprach.

gabi.billischek@izz-online.de