Zahnaerzteblatt.de

 

Fortbildung

Auf der Suche nach Alternativen zur „Spritze“

 

Lokale Anästhesieverfahren in der Parodontologie

Ausgabe 1, 2018

Oft beklagen Patienten, dass die Spritze das Schlimmste beim Zahnarzt sei. Eine Behandlung ohne die Möglichkeit der lokalen Schmerzausschaltung ist in der heutigen Zahnmedizin kaum vorstellbar. Dahingegen stellten Milgrom et al. (1997) fest, dass circa 25 Prozent der Patienten Angst vor der Spritze haben und sogar fünf Prozent der befragten Personen jeglichen Zahnarztbesuch wegen einer Spritzenphobie (Trypanophobie) vermeiden (1). Doch welche Alternativen bietet die moderne Zahnmedizin?

Geschichte der Lokalanästhesie. Die Anfänge der Lokalanästhesie begannen mit Kokain. Dabei handelt es sich um ein Hauptalkaloid der Koka-Pflanze (2). Der deutsche Chemiker Albert Niemann gewann 1860 ein kristallines Produkt aus den Blättern der südamerikanischen Koka-Pflanze (Abb. 1), welches er als Kokain bezeichnete. Mit der Zeit wurde die schmerzlindernde Wirkung des Kokains immer populärer, sodass immer mehr in diese Richtung experimentiert wurde. Im Jahre 1884 setzte Carl Koller (Abb. 2), ein Augenarzt aus Wien, erstmalig eine zweiprozentige Kokainlösung zur lokalen Anästhesie während eines operativen Eingriffs am Auge ein. Im selben Jahr nutzte der in New York praktizierende Chirurg William S. Halsted die Kokainlösung zur lokalen Betäubung vor einer Zahnextraktion und gilt somit als Mitbegründer der Leitungsanästhesie (3, 4).

Aufgrund zahlreicher Nebenwirkungen sowie des Suchtpotenzials von Kokain, wurde die Weiterentwicklung von Lokalanästhetika, basierend auf alternativen Wirkstoffen, vorangetrieben. 1905 produzierte der Chemiker Alfred Einhorn das zur Gruppe der Benzoesäure gehörende Procain, welches unter der Bezeichnung Novocain bekannt wurde (5, 6).

Der Chirurg Heinrich Braun entdeckte zudem, dass der Zusatz von Adrenalin die Wirkung des Procains verlängert. 1904 wurde Adrenalin erstmalig durch den Chemiker Friedrich Stolz synthetisch hergestellt und konnte somit den Injektionslösungen zugefügt werden (Abb. 3).

Auf der Suche nach neuen verträglicheren Wirkstoffen wurde 1943 das Säureanilid „Lidocain“, ein Amid- Lokalanästhetikum, von den schwedischen Forschern Löfgren und Lundqvist synthetisiert, welches das Procain verdrängte. Bis heute wird Lidocain vor allem für die Oberflächenanästhesie genutzt. In den fünfziger und sechziger Jahren wurden weitere Lokalanästhetika vom Amid-Typ produziert (Prilocain, Bupivacain und Mepivacain), die geringere Nebenwirkungen zeigten. Im Jahre 1976 wurde schließlich Articain (Ultracain®) zugelassen und eingeführt und stellt bis heute das am meisten genutzte Lokalanästhetikum in Deutschland dar (7, 8, 9). Neben Articain finden sich auf dem dentalen Markt derzeit zahlreiche weitere Wirkstoffe und Produkte zur Schmerzausschaltung (Abb. 4).

Wirkmechanismus. Die Entstehung und Erregungsleitung von Nervenimpulsen ist von der Änderung des Membranpotenzials zwischen dem Zellinneren und der äußeren Zellmembran der Nervenfaser abhängig. Die Konzentration der Kaliumionen ist intrazellulär hoch, die Konzentration des Natriums hingegen niedrig. Die Ionenkonzentration wird durch die Änderung des Membranpotenzials verschoben. Natriumionen treten bei einer Erregung der Nervenfaser in die Zelle ein und die Kaliumionen treten aus. Dies führt zur Depolarisation der Membran. Die Membranpotenzialveränderung wird als Aktionspotenzial bezeichnet, diese wird an der Nervenfaser weitergeleitet und verursacht die Schmerzleitung.

Die Entstehung und Weiterleitung der Nervenimpulse wird durch Lokalanästhetika reversibel gehemmt. Das Lokalanästhetikum verändert die Permeabilität von Natrium an der Nervenmembran, wodurch eine geringere Depolarisation erreicht wird, da der Einstrom von Natriumionen in die Zelle blockiert wird. Ein Aktionspotenzial kann nicht gebildet werden, da der erforderliche Schwellenwert nicht erreicht wird. Dadurch kommt es zu einer Blockade der Schmerzweiterleitung und somit zu der betäubenden Wirkung (10, 11, 12).

Anästhesieverfahren. In der Zahnmedizin haben sich im Laufe der Jahre verschiedene Verfahren der Anästhesie etabliert: die Oberflächenanästhesie, die Leitungsanästhesie, die Infiltrationsanästhesie und die intraligamentäre Anästhesie. Im Folgenden sollen die verschiedenen Anästhesieformen kurz vorgestellt werden.

Oberflächenanästhesie. Das Oberflächenanästhetikum wird auf die Schleimhautoberfläche aufgetragen und erreicht dabei nur die an der Oberfläche liegenden Nervenenden. Aufgrund der geringen Anästhesietiefe ist diese Anästhesieform nur bei oberflächlichen Eingriffen indiziert (z. B. zur Reduzierung des Einstichschmerzes). Um den gewünschten Effekt zu erreichen, werden Substanzen genutzt, die in die Schleimhaut diffundieren können (Lidocain oder Tetracain) (10, 13). Die Dosis der Oberflächenanästhesie sollte jedoch in die applizierte Menge der folgenden Leitungs- oder Infiltrationsanästhesie mit einberechnet werden.

Leitungsanästhesie. Bei der Leitungsanästhesie wird das Lokalanästhetikum in der unmittelbaren Umgebung eines größeren Nervenstammes injiziert und somit eine gezielte Blockierung des Nervenastes erzielt. Dies ist sowohl intra- als auch extraoral möglich, wird jedoch in der Regel intraoral durchgeführt. Als Vorteile der Leitungsanästhesie sind die lange Wirkdauer und die geringe Dosis für ein relativ großes Areal zu nennen. Das Problem bei der Leitungsanästhesie ist, dass die Lage des Nervs aufgrund zahlreicher anatomischer Varianten nicht exakt lokalisiert werden kann und es somit zur Verletzung des Nervs kommen kann. Die Injektion kann ebenso zu weit weg vom Nerv erfolgen und somit sehr spät oder gar nicht wirken. Als ein weiterer Nachteil ist zu nennen, dass in der unmittelbaren Nähe von größeren Nervenstämmen Blutgefäße verlaufen. Intravasale Injektionen bei fehlender Aspiration sind also möglich, diese können vor allem wegen des Adrenalingehaltes zu systemischen Komplikationen führen (10, 13).

Infiltrationsanästhesie. Die Infiltrationsanästhesie macht in Bereichen Sinn, in denen spongiöser Knochen vorliegt und die Knochenlamelle eine Diffusion des Lokalanästhetikums zulässt. Dies ist vor allem bei Eingriffen im Bereich der Zähne des Oberkiefers und der Unterkiefer-Frontzahnregion möglich. Dabei wird das Lokalanästhetikum in unmittelbarer Nähe der Knochenoberfläche injiziert. In der Regel erfolgt die Infiltrationsanästhesie im Vestibulum, dabei werden circa 1,5 bis 2 ml der Lösung appliziert. Das Einbringen im palatinalen Bereich ist aufgrund der geringen Schleimhautbeweglichkeit sehr schmerzhaft. Bei dieser Anästhesieform werden palatinal nur 0,2 ml der Lösung injiziert. Außerdem ist in diesem Bereich darauf zu achten, die Lösung nicht mit zu viel Druck zu applizieren, um das Risiko einer Nekrose zu reduzieren (10, 13). Die Injektion in eine entzündete Schleimhaut führt durch den eher sauren pH-Wert zur Dissoziation des Anästhetikums und damit zur Inaktivierung, weshalb gerade bei entzündlichen Prozessen die lokale Anästhesie Grenzen hat.

Intraligamentäre Anästhesie. Sehr viel weniger genutzt wird die intraligamentäre Anästhesie, bei der man das Lokalanästhetikum in den Desmodontalspalt injiziert. Hier kann mit der intraligamentären Anästhesie ein direkter Weg zum Nervkomplex erreicht werden. Diese wird häufig als Alternative bei ängstlichen Patienten, Kindern oder in der Endodontie angewendet. Das Anästhetikum sollte zur Schonung des Zahnhalteapparates mit speziell für diese Anästhesiemethode entwickelten Spritzensystemen injiziert werden (Abb. 5). Mit einer klinischen Vergleichsstudie von Zugal (2001) konnte belegt werden, dass die intraligamentäre Anästhesie als Einzelzahnanästhesie in Bezug auf Risiken und unerwünschte Effekte mit der Leitungs- und Infiltrationsanästhesie vergleichbar und in einigen Aspekten sogar überlegen ist (9, 10, 13, 14).

Lokalanästhetika-Typen. Man unterscheidet die wichtigsten Lokalanästhetika in zwei Gruppen: den Ester-Typ (z. B. Novocain) und den Amid-Typ (z. B. Lidocain, Mepivacain). Alle anästhetischen Substanzen besitzen eine ähnliche Grundstruktur. Sie bestehen aus einem aromatischen Rest (lipophil), einer Zwischenkette und einer Aminogruppe (hydrophil). Je nachdem welche Zwischenkette vorliegt, teilt man das Anästhetikum dem Ester-Typ oder dem Amid-Typ zu.

Articain gehört zur Amid-Gruppe und ist unter den Lokalanästhetika das einzige Thiophenderivat, da es anstelle des Benzolringes einen Thiophenring besitzt. Außerdem trägt es eine Methylestergruppe, wodurch eine schnelle Metabolisierung erreicht wird.

Die verschiedenen Lokalanästhetika-Typen unterscheiden sich außerdem in der Metabolisierung. Esterbindungen werden durch Pseudocholinesterasen im Gewebe und im Blut gespalten, wohingegen Lokalanästhetika des Amid-Typs in der Leber metabolisiert wird. Das Articain allerdings – welches zum Amid- Typ der Anästhetika gehört – wird auf Grund seiner zusätzlichen Estergruppe sowohl im Gewebe als auch in der Leber metabolisiert (10, 6).

Kontraindikationen. Die aktuellen Lokalanästhetikum- Lösungen bestehen aus folgenden Komponenten: dem Anästhetikum, dem Vasokonstringens, dem Puffersystem für pH-Wert und Isoionie (gleichbleibende Konzentration von Ionen), Stabilisatoren für das Vasokonstringens (Sulfit oder Disulfit) und einem Konservierungsmittel (11, 12). Gerade weil die heutigen Anästhetika aus so vielen Komponenten bestehen, muss jedem Wirkstoff – um mögliche Komplikationen (Tabelle 1) zu vermeiden – Beachtung geschenkt werden.

 

Zur Verbesserung der Wirkung von Anästhetika werden – wie bereits 1904 entdeckt – der Injektionslösung Vasokonstringenzien zugesetzt. Die Zugabe der Vasokonstringenzien wie zum Beispiel Adrenalin bewirken einen langsameren Abbau des Lokalanästhetikums und somit eine Verlängerung der Wirkdauer sowie die Reduzierung der Blutung im Operationsfeld (10, 11, 12).

Bei einigen Patienten sind Lokalanästhetika mit dem Zusatz von Vasokonstringenzien kontraindiziert, da diese mit bestimmten Erkrankungen und Medikamenten Wechselwirkungen hervorrufen. Bei der Verwendung von Adrenalin liegen laut Herstellerangaben (Ultracain®) bei einigen Erkrankungen und Medikamenten Anwendungsbeschränkungen vor (Tabelle 2). Um die adrenalinbedingten Nebenwirkungen zu minimieren, ist das Anästhetikum auch ohne Adrenalin erhältlich.

Ebenfalls sind Anästhesie-Lösungen mit unterschiedlichen Konzentrationen des Adrenalins (im Verhältnis 1:100 000, 1:200 000, 1:400 000) erhältlich, die die Wirkung der Injektionslösung beeinflussen. Je mehr Adrenalin vorliegt, um so länger ist die Wirkdauer. Gerade die Lösung mit einer Adrenalinkonzentration von 1:400 000 (Ubistesin™) ist wegen der kürzeren Dauer für die Parodontologie von Bedeutung. Das Taubheitsgefühl lässt trotz ausreichender Anästhesietiefe recht schnell nach und beeinflusst den Patienten nur kurzzeitig.

Sulfit wird bei vielen Anästhetika zur Stabilisierung des Vasokonstringens gegen die Oxidation genutzt. Daher muss man bei Bronchialasthmatikern mit Sulfit- Überempfindlichkeit beachten, dass akute allergische Reaktionen mit anaphylaktischen Symptomen, wie Bronchospasmus, ausgelöst werden können (12).

Auch Articain selbst – das mittlerweile einen Marktanteil von 97 Prozent in Deutschland besitzt (15) – kann zu Komplikationen führen, sodass dieser Wirkstoff bei einigen Vorerkrankungen nicht genutzt werden darf. Diese sind in Tabelle 3 aufgeführt.

Articain. Generell ist Articain jedoch das Mittel der Wahl und kann insbesondere auch bei Schwangeren aufgrund der hohen Proteinbindung und damit einem geringeren Passieren der Plazentaschranke angewandt werden. Vielfach wird der Zeitraum zwischen dem 3. und 7. Schwangerschaftsmonat für eine zahnärztliche Behandlung empfohlen. Nach den EFP Guidelines (European Federation of Periodontology) kann auch das Scaling and Root Planing während der Schwangerschaft und vor allem im 2. Trimenon sicher durchgeführt werden (7, 16, 17).

Anästhesierende Mundgele. Da Anästhesieverfahren in der Zahnmedizin mit „Anwendung einer Spritze“ gleichgesetzt werden, werden mögliche Alternativen vernachlässigt. Gerade im Rahmen der Parodontologie bieten sich Verfahren an, die zwar eine geringere Anästhesietiefe aufweisen, aber zum Beispiel zur professionellen Reinigung oder der Wurzeloberflächenbearbeitung in tiefen Taschen durchaus ausreichend sind (Abb. 6).

Es handelt sich dabei um Anästhesie-Gele, die primär zur Schmerzstillung auf Wundflächen entwickelt wurden und insbesondere bei Zahnungsproblemen von Säuglingen empfohlen werden können. Dabei ist zum Beispiel Dynexan Mundgel® (Kreussler Pharma) speziell für diese Indikation zugelassen.

Das anästhesierende Mundgel Oraqix® (Dentsply Sirona) wurde speziell für die parodontale Behandlung entwickelt. Dabei handelt es sich um eine Lösung aus Lidocain und Priclocain, welches mit Hilfe eines Dispensers in die Zahnfleischtasche appliziert wird. Nach Abgabe des Oraqix® nimmt das zunächst flüssige Produkt eine gelförmige Konsistenz an. Die anästhetische Wirkung der Weichgewebe ist vor allem für die Parodontologie von Nutzen (18). In verschiedenen Studien konnte belegt werden, dass mit Oraqix® eine adäquate Schmerzlinderung bei der subgingivalen Reinigung erzielt werden kann (19). Die beste Wirkung des Oraqix® kann 30 Sekunden nach der Applikation für eine Dauer von circa 17 bis 20 Minuten erreicht werden (20). Dynexan Mundgel® beinhaltet den Wirkstoff Lidocainhydrochlorid, ein Abkömmling des Lokalanästhetikums Lidocain, welches eine betäubende Wirkung hat und somit möglicherweise ebenfalls in der Parodontologie eine Alternative zu der herkömmlichen Spritze sein könnte. Kasaj et al. (2007) konnten feststellen, dass die anästhesierende Wirkung des Mundgels das Schmerzempfinden nach einer subgingivalen Reinigung im Zuge einer geschlossenen parodontalen Behandlung reduziert (21). In einer Studie von van Steenberghe et al. (2004) wurde untersucht, ob die Probanden das anästhesierende Mundgel (Lidocain 25 mg/g und Prilocain 25 mg/g) oder die Infiltrationsanästhesie (Lidocain mit 2 Prozent Adrenalin) während des Scaling and Root Planings präferieren (22). Die Probanden wurden nach der Behandlung gebeten einen Fragenkatalog auszufüllen, in dem unter anderem die ausreichende Schmerzausschaltung erfragt wurde (sehr zufriedenstellend, zufriedenstellend, nicht komplett zufriedenstellend und nicht zufriedenstellend). Dabei war die reine anästhesierende Wirkung der konventionellen Infiltrationsanästhesie verglichen mit dem Gel besser beurteilt worden. Interessant ist die Tatsache, dass obwohl 96 Prozent der Patienten bei der Infiltrationsanästhesie und nur 80 Prozent beim Gel eine ausreichende Schmerzausschaltung angaben, jedoch trotzdem 70 Prozent der Patienten das Gel bevorzugen würden. Viele Patienten gaben an, dass die Beschwerden nach einem parodontalen Eingriff mit dem Gel im Vergleich zu der Infiltrationsanästhesie geringer waren. Haben die Patienten die Wahl zwischen den anästhesierenden Mundgelen und einer Infiltrations- oder Leitungsanästhesie, so präferiert ein Großteil der Patienten die Methode „ohne Spritze“.

Gemäß Herstelleraussage dürfen diese anästhesierenden Mundgele auch von nicht approbierten Behandlern, wie zum Beispiel Dentalhygienikerinnen oder Zahnmedizinischen Prophylaxeassistentinnen, angewandt werden. Die Delegation dieser Form der Schmerzausschaltung – im Rahmen einer durch die die fortgebildete Helferin durchgeführten Behandlung (wie zum Beispiel der Prophylaxesitzung) – bedeutet eine erhebliche Zeitersparnis für die Zahnärztinnen und Zahnärzte (Abb. 7).

Alternativen. Obwohl viele Patienten sich vor einer „Spritze“ fürchten, ist diese oft unumgänglich, da die Therapie weitestgehend schmerzfrei gestaltet werden möchte. Mit ihnen wird eine stärkere Anästhesietiefe erreicht, die für bestimmte Behandlungssituationen erforderlich ist. Bei konventionellen Anästhesieverfahren, die immer auch mit einer Durchstechung intakter Schleimhaut verbunden sind, kann es aber zu verschiedenen Nebenwirkungen kommen. Bei der Applikation von Mundgelen dagegen sind die zu erwartenden Nebenwirkungen deutlich geringer, sodass diese auch von nicht approbierten Behandlern genutzt werden dürfen. Mit Hilfe dieses Anästhesieverfahrens kann vielen Patienten die Angst vor dem Zahnarztbesuch genommen und die Behandlung stressfreier gestalten werden, da nicht bei jedem Eingriff „eine Spritze“ notwendig ist. Während die anästhesierenden Mundgele, wie zum Beispiel Dynexan Mundgel® und Oraqix®, die klassischen Anästhesiemethoden nicht in allen Anwendungsbereichen ersetzen können, da sie zum Beispiel bei pulpitischen Erkrankungen oder Extraktionen keine genügende Anästhesietiefe besitzen (23), nehmen sie bei parodontalen Behandlungen (zum Beispiel bei der UPT) eine immer größere Rolle ein. Durch ihre anästhesierende Wirkung des umliegenden Weichgewebes besteht die Möglichkeit, beim Messen der Sondierungstiefen und bei der subgingivalen Reinigung auf herkömmliche Anästhesieverfahren zu verzichten. Zahlreiche Studien belegen, dass Patienten die parodontale Messung und Behandlung mit den Mundgelen als angenehmer wahrnehmen (23, 24, 25).

Fazit. Es kann zusammengefasst werden, dass die anästhesierenden Mundgele in der Parodontologie eine sinnvolle und wirksame Option zur konventionellen Infiltrations- oder Leitungsanästhesie sind, was bei vielen Patienten die Furcht vor dem Zahnarztbesuch mindern kann. Sollte die anästhesierende Wirkung der Mundgele nicht ausreichen, besteht weiterhin die Möglichkeit einer herkömmlichen Anästhesie – wenn die applizierte Menge die Höchstdosis nicht überschreitet.

Das Literaturverzeichnis finden Sie hier als PDF oder kann beim IZZ bestellt werden unter Tel: 0711/222966-14, Fax: 0711/222966-21 oder E-Mail: info@zahnaerzteblatt.de.

ZÄ Kathrin Chmiela, Prof. Dr. Nicole Arweiler

 

50. Jahrestagung der Oberrheinischen Zahnärztegesellschaft

 

Erfolgreiche Augmentationen

Ausgabe 1, 2018

„Aus der Freude an der Begegnung“, wie es Privatdozent Dr. Sebastian Kühl in seinem Vorwort zum Programm der 50. Jahrestagung der Oberrheinischen Zahnärztegesellschaft nannte, ja aus der Freude an dieser (trinationalen) Begegnung begründet sich der Erfolg dieses einzigartigen Netzwerkes südbadischer, elsässischer und nordschweizer Zahnärztinnen und Zahnärzte und der Universitäten Freiburg, Straßburg und Basel. Und so war es für die deutsche Sektion der „Oberrheinischen“ eine große Ehre, die Jubiläumsveranstaltung im Zahnärztehaus Freiburg auszurichten.

Rückblicke und Ausblicke. Wer anders als Professor Dr. Wilfried Schilli wäre geeignet gewesen, den Auftaktvortrag für die 50. Jahrestagung zum Tagungsprogramm beizusteuern? War er es doch der zu den Männern der ersten Stunde gehörte, alle damaligen Aktivposten kannte, mit ihnen zusammenarbeitete und viele, viele Jahre auch Vorsitzender war. Wer jedoch gedacht hatte, Schilli würde es bei einem durch Altersmilde gekennzeichneten Rückblick belassen, der sah sich getäuscht. Seine Visionen für das Gedeihen dieses einzigartigen trinationalen zahnärztlichen Netzwerks sind so klar und bestimmt, wie damals in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts: Allein Kollegialität, fachlicher und interkultureller Austausch und letztendlich die zahnärztliche Expertise sind Garanten für das Vorankommen der Gesellschaft und dies losgelöst von nationalen Unterschieden im Vergütungs- und Versicherungssystem.

In idealer Weise knüpfte sein Nachfolger im Amt des Chefs der Kieferchirurgischen Abteilung an der Universität Freiburg, Professor Dr. Dr. Rainer Schmelzeisen, an die Ausführungen Schillis an, der definierte „Was ist eine Innovation“. Sein Ausblick galt nicht nur therapeutischen Optionen, nein, auch künftige diagnostische Optionen standen im Fokus seiner Ausführungen. So wie die Gründung der Oberrheinischen Zahnärztegesellschaft klar innovativen Charakter hatte, sind solche außergewöhnlichen, den üblichen Rahmen sprengenden Visionen Motor für das gesellschaftliche Weiterkommen und das der Medizin.

Wissenschaftliches Programm. Die 50. Jahrestagung widmete sich dem Thema der Geweberegeneration und damit der „spannenden Symbiose vieler biologischer Abläufe mit dem Ziel einer restitio ad integrum“, wie es der Oberrheinischen- Präsident PD Dr. Sebastian Kühl nannte. Den Auftakt hierzu steuerten die Parodontologen bei – in guter „oberrheinischer Tradition“ taten dies die Hochschullehrer der drei Universitäten Basel, Straßburg und Freiburg: Professor Dr. Clemens Walter widmete seine Ausführungen der Therapie von Molaren, die einen Furkationsbefall aufwiesen und zog eine klare Trennlinie zwischen den (limitierten) Optionen der Regeneration und denen der Resektion. In Anlehnung an die Arbeiten der Carnevale- Gruppe stellte Prof. Walter ein modifiziertes System zum Erhalt von von starkem Stützgewebsverlust betroffenen Molaren vor. Von der Universität Straßburg referierte Professor Dr. Olivier Huck über die Modulation der parodontalen Entzündung und deren Regeneration und gab einen umfassenden Überblick über die in Frankreich vornehmlich durchgeführten parodontalchirurgischen Maßnahmen. Dem hochrelevanten Thema der Weichgewebsdefekte widmete Professor Dr. Petra Ratka-Krüger von der Universität Freiburg ihre Ausführungen. Sie betonte, wie sehr erst in den letzten Jahren der Fokus auf die Sanierung von Weichgewebsdefekten gelegt wurde, welche in der frühen Phase der chirurgischen Parodontologie noch eine untergeordnete Rolle gespielt hatten.

Über den Tellerrand. Fester Bestandteil einer Jahrestagung der Oberrheinischen ist der Festvortrag, der in der Regel einem nicht zahnärztlichen Thema gewidmet ist. So war es auch bei der 50. Jahrestagung. Dem besonderen Ereignis entsprechend, konnte auch ein besonderer Referent gewonnen werden: Professor Dr. Eberhard Schockenhoff von der Theologischen Fakultät in Freiburg, einer der renommiertesten Moraltheologen Deutschlands, sprach zur ethischen Debatte um die Prinzipien zahnärztlichen Handelns.

Die Frage der Allokation zog sich wie ein roter Faden durch die Ausführungen des Freiburger Hochschullehrers: Prof. Schockenhoff, der auch die Bundesregierung im Ethikrat berät, bestärkte das Ansinnen der Zahnmedizin sich weiterhin alleine am Wohlergehen für den Patienten als Maßstab zu orientieren und sich von den mannigfaltigen aktuellen Störfaktoren nicht beeinflussen zu lassen. Seine klare Empfehlung: „Lassen Sie sich als Zahnärzte nicht dazu verführen das Zahnarzt-Patienten-Verhältnis auf eine reine Vertrags- und Kundenbasis zu reduzieren.“

Dissertationspreis. Um den Dissertationspreis der Oberrheinischen bewarben sich 2017 drei Kolleginnen der Universitäten Freiburg, Basel und Straßburg. Laura Wanner, Freiburg, stellte ihre Forschungsergebnisse zur Entnahme- Morbidität bei Augmentation von Beckenkammknochen vor, sie präferierte hier klar den anteriosuperioren Zugang, welcher sich durch eine niedrige postoperative Komplikationsrate auszeichnet; Kollegin Leonie Frösch, Basel, berichtete über die Temperaturentwicklung bei Implantatbett- Aufbereitung und verblüffte das Auditorium mit dem Ergebnis, dass die direkte Bohrung als einmaliger Akt weniger Erwärmung als das mehrzeitige Bohren erzeugte, wobei das offene Vorgehen deutlich geringere Erwärmung als das mit Guided-Surgery-Systemen bedingte. Letztendlich konnte Dr. Sonia Deschamp-Lenhard, Straßburg, über die Zusammenhänge von Parodontitis und chronischer Nierenerkrankung referieren und in ihrer Literaturauswertung neben der Zuckererkrankung, Nikotin und Bluthochdruck die Parodontitis als einen der Risikofaktoren für das Ausbilden einer Nierenerkrankung definieren.

Alveolarkammdefekte. Wenn gutartige und zystische Kieferläsionen entfernt werden, so verbleibt in der Regel ein profunder Knochendefekt, der wiederum in der Regel augmentative Maßnahmen bedingt, um eine weitere prothetische Versorgung zu ermöglichen. Dr. Fabien Bornert stellte neueste Forschungsergebnisse und OP-Techniken vor, die ein anderes Prozedere präferieren – das der Entfernung unter maximaler Schonung des umgebenden Knochens. Zahlreiche Fallbeispiele zu Ameloblastomen und Zysten verdeutlichten die profunde Erfahrung, die das Straßburger Team mit diesem minimalinvasiven Verfahren bereits sammeln durfte. Ein Blick in die Zukunft stellte onkologische Maßnahmen als weitere Option in Aussicht.

Augmentationen. Privatdozent Dr. Sebastian Kühl steuerte ebenfalls einen bemerkenswerten Beitrag zum wissenschaftlichen Programm bei: Er referierte über die Sinuslift-OP und die Verwendung von Knochenmaterialien. Dr. Kühl stellte klar: Die alleinige Verwendung von Eigenknochen im Sinus ist keinesfalls mehr Goldstandard, nein ganz im Gegenteil: Die alleinige Verwendung von TCP und von HA sind überaus bewährte und weitaus weniger invasive Verfahren.

Ebenfalls der präimplantologischen Augmentation widmete Dr. Fabian Duttenhöfer, Freiburg, seine Ausführungen: Er sprach über „Bone-Split versus Knochenaugmentat“. Wann immer möglich wendet der Freiburger Chirurg die Bone-Split-Technik an, denn dann, so Dr. Duttenhöfer, „steht das Implantat im besten Knochen, den es gibt, dem eigenen“. Allerdings gibt es klare Limitationen, bei deren Überschreitung dann doch zum Augmentat gegriffen werden sollte.

Die systemische Sklerose ist in der Zahnmedizin ein eher weniger bekanntes Thema, deshalb stellte Dr. Sophie Jung, Straßburg, die oralen Manifestationen dieser seltenen Erkrankung vor. Dr. Sophie Jung arbeitet im Zentrum für seltene Krankheiten der Universität Straßburg und vermochte mit zahlreichen klinischen Bildern die mannigfaltigen Manifestationen dieser Erkrankung in unserem Fachbereich darzustellen. Ihre Empfehlungen: frühe Intervention, schonende und kurze Eingriffe und ein regelmäßiges Recall-System. Dr. Roland Schlär und Dr. Jochen Schwalber, die beiden „Motoren“ der südbadischen Zahnärztegesellschaft, und ihre Mitstreiter haben vortreffliche Arbeit geleistet: Ein wohlgefüllter großer Hörsaal des Zahnärztehauses, zufriedene Mienen allerorts, ob bei der Organisation, bei den Gästen oder den Dentalausstellern. Die visionären Väter der Oberrheinischen hätten ihre Freude an dieser Jubiläumsveranstaltung gehabt.

Die Generalversammlung der Oberrheinischen mit Neuwahlen, bei denen die Freiburger Professorin Katja Nelson die Nachfolge von Dr. Sebastian Kühl im Präsidentenamt antrat, beendete die überaus gelungene Jubiläumsveranstaltung.

Dr. Georg Bach, Freiburg

Hier finden Sie weitere Fotoimpressionen von der Veranstaltung.

 

Herbst-Meeting im FFZ Freiburg

 

Praxisnah, fachlich hervorragend und vor Ort

Ausgabe 1, 2018

Das traditionelle Herbst-Meeting im FFZ Freiburg fand am 4. November zum 13. Mal statt. Unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Elmar Hellwig wurde über praxisrelevante Themen referiert. Die Zuhörer konnten die einzelnen Themen sehr intensiv diskutieren. Deutlich wurde, dass lokale Fortbildungsveranstaltungen mit praxisnahen Themen eine hervorragende Ergänzung zu den unterschiedlichen Jahrestagungen und zahnärztlichen Großveranstaltungen sind.

Prof. Clemens Walter aus Basel präsentierte unterschiedliche Lösungsansätze für die Diagnose von Furkationsbefall. Da die radikale Lösung des Problems (Extraktion) mit nachfolgender Implantation bzw. prothetischer Versorgung zwar eine Therapieoption darstellt, diese aber auch nicht immer von Erfolg gekrönt ist, präferiert er ein resektives Vorgehen, wobei insbesondere bei Oberkiefermolaren die distobukkale Wurzel entfernt wird. Ein regenerativer Lösungsansatz lässt sich im Oberkiefer nicht realisieren und ist auch im Unterkiefer nicht immer von Erfolg gekrönt.

Diagnostik. In seinem Referat zeigte Prof. Walter auch deutlich die Grenzen der konventionellen Diagnostik auf und veranschaulichte sehr eindrücklich, dass unter bestimmten Bedingungen ein DVT zur Diagnostik und Therapieplanung bei Furkationsbefall im Bereich der Oberkiefermolaren notwendig ist. Eine reine nicht-invasive Therapie ist bei Furkationsgrad 3 gerade im Oberkiefer nicht erfolgreich, weil man mit Handinstrumenten bzw. mit maschineller Biofilmentfernung nur etwa 1/3 der Beläge entfernen kann. Bei Sondierungstiefen über 6 mm ist zudem ein hohes Risiko vorhanden, dass der betreffende Zahn verloren geht. Unabhängig von der jeweiligen Vorgehensweise ist der Zahnerhalt bei einer Furkationsbehandlung davon abhängig, dass eine entsprechende Recall- Frequenz eingehalten wird. Dabei zeigt sich, dass mit Zunahme der Recallhäufigkeit eine geringere Progredienz der Sondierungstiefe festzustellen ist.

Computergestützt. Dr. Andreas Ender, Oberarzt in der Abteilung für computergestützte restaurative Zahnmedizin der Universität Zürich, referierte über die Indikationen und vielfältigen Einsatzgebiete computergestützter Restaurationsverfahren, hier insbesondere von CEREC. Mit dem CEREC-System lässt sich die Herstellung von Inlays, Kronen, Implantatüberversorgungen, minimalinvasiven Restaurationen und Brücken als zentrales Indikationsgebiet bezeichnen. Darüber hinaus sind auch im Rahmen von Implantationen Einsatzmöglichkeiten gegeben.

Neu ist der Einsatz des CERECGerätes bei der Dokumentation diagnostischer Maßnahmen. Restaurationen lassen sich nicht nur aus unterschiedlichen Keramiken, sondern auch aus Komposit-Materialien herstellen. Wenn man früher dabei nur das Werkstück selbst betrachtete, ist es heute möglich, mit computergestützten Verfahren auch eine Okklusionsanalyse durchzuführen. Man kann sehr präzise arbeiten und durch verkürzte Wartezeiten eine bessere Patientenzufriedenheit erzielen. Dr. Ender zeigte anhand unterschiedlicher Patientenbeispiele, welche Indikationsbreite das mittlerweile als klassisch zu bezeichnende CEREC-Verfahren hat.

Vor- und Nachteile. Prof. Olga Polydorou, Leiterin des Bereichs restaurative und präventive Zahnerhaltungskunde in der Klinik für Zahnerhaltungskunde Freiburg, stellt in ihrem Vortrag Bulk-fill- Materialien und Universaladhäsive vor. Sie ging dabei detailliert auf die Vor- und Nachteile dieser Materialien ein, wobei sie auch klarstellte, dass es sich dabei nur um marginale Veränderungen im Vergleich zu den konventionellen Kompositmaterialien und den bisher auf dem Markt befindlichen Adhäsivsystemen handelt. Bei richtiger Indikationsstellung und Anwendung dieser Materialien lassen sich allerdings unter bestimmten Bedingungen sog. Fast-Track-Restaurationen herstellen, die es dem Zahnarzt in der Praxis ermöglichen, zeitsparend zu arbeiten.

Im Anschluss stellte Dr. Dr. Philipp Poxleitner unter dem Titel „If you want blood, you got it!“ neue und sichere Behandlungsverfahren bei Patienten mit Gerinnungsstörungen vor. Er präsentierte die unterschiedlichen Formen der hämorrhagischen Diathesen und stellte die medikamentöse Therapie mit Antikoagulantien vor. Insbesondere ging er dabei auf die neuen Präparate ein und wies darauf hin, dass es bei deren Anwendung kein Antidot gibt. Er stellte auch im Vergleich das Risiko für Zwischenfälle beim Absetzen von Antikoagulantien gegenüber dem Blutungsrisiko heraus. In der zahnärztlichen Praxis ist es demnach durchaus möglich, bei markumarisierten Patienten mit einem INR 2 einzelne Zahnextraktionen vorzunehmen, wenn man anschließend entsprechende Maßnahmen ergreift.

Die einzelnen Themen wurden von den Zuhörern sehr positiv aufgenommen und intensiv diskutiert. Dabei wurde deutlich, dass lokale Fortbildungsveranstaltungen mit praxisnahen Themen eine ausgezeichnete Ergänzung zu den unterschiedlichen Jahrestagungen und zahnärztlichen Großveranstaltungen sind.

Prof. Dr. Elmar Hellwig