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Kultur

Reinhold Nägele im Kunstmuseum Stuttgart

 

Chronist der Moderne

Ausgabe 2, 2018

Reinhold Nägele (Murrhardt 1884 – 1972 Stuttgart) erweist sich in vielen seiner Werke als präziser Beobachter historischer Ereignisse sowie des technischen Fortschritts im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Ausstellung „Reinhold Nägele. Chronist der Moderne“ im Kunstmuseum Stuttgart rückt mit einer Auswahl von rund 90 Gemälden, Radierungen und Hinterglasmalereien besonders den städtebaulichen Wandel Stuttgarts in den Fokus.

Der Maler und Grafiker Reinhold Nägele war zeitlebens eng mit der Region Stuttgart verbunden. Ausgangspunkt für die Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart sind Nägeles Werke aus den 1910er- bis 1930er-Jahren. Dies entspricht jener Zeit, in der Nägele in Stuttgart als freischaffender Künstler tätig war und sich etablieren konnte, bevor er dann 1939 mit seiner jüdischen Frau Alice Nördlinger Deutschland verlassen und mit den zuvor ins Exil geschickten drei Söhnen ein neues Leben in den USA aufbauen musste.

Zeitgeschichte. Im Fokus stehen hierbei jene Werke, die Nägele als Begleiter und scharfen Beobachter der baulichen, technischen und zeitgeschichtlichen Entwicklungen in den Jahren des gesellschaftlichen und politischen Wandels nach dem Ersten Weltkrieg ausweisen. Nägele ist aber keineswegs nur ein prosaischer Chronist: Er beschränkt sich nicht auf die nüchterne Dokumentation seiner Umgebung, sondern bringt seinen scharfsinnigen Blick auf die Welt zum Ausdruck, indem er mit einem feinen und tiefsinnigen Humor verschiedene Ereignisse und Situationen kommentiert. Er öffnet uns die Augen für das Menschlich- Skurrile der alltäglichen Realität. Dennoch bewahrt er als Zeitzeuge auch eine kritische Distanz zu den Dingen und Geschehnissen.

So erklärt sich vielleicht der Umstand, dass er häufig die Vogelperspektive für seine Schilderungen wählt. Darüber hinaus beweisen seine detailreichen, miniaturhaften Bildkompositionen ein besonderes maltechnisches und koloristisches Geschick sowie ein hervorragendes Gespür für den Zusammenklang von Linien, Formen, Farben und räumlichen Anordnungen.

Aktualität. Die Ausstellung zeigt seine Bedeutung als Beobachter von zeitgeschichtlichen Ereignissen sowie den technischen und städtebaulichen. Gerade weil viele der von Nägele dargestellten Orte – Gebäude, Plätze und Straßenzüge – heute noch existieren, lädt die Ausstellung dazu ein, Stuttgart und seine Umgebung anhand der Veränderungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts kennenzulernen. Vor dem Hintergrund heutiger Stuttgarter Bauvorhaben sind diese Bilder aktueller denn je. Präsentiert werden in der Ausstellung außerdem Arbeiten, in denen der Maler und Grafiker einen besonderen, zuweilen ironischen und kuriosen Blick auf Episoden des kulturellen und politischen Lebens sowie verschiedene zeitgeschichtliche Ereignisse wirft.

Das Kunstmuseum Stuttgart besitzt mit 116 Werken einen der umfangreichsten öffentlichen Bestände des Künstlers, der für die Ausstellung um wichtige Leihgaben ergänzt wird. Im Zuge der Recherchen konnten Neuentdeckungen im Privatbesitz gemacht werden, die bislang nicht im Werkverzeichnis zu Nägele aufgeführt und erstmals öffentlich zu sehen sind.

Kunstmuseum Stuttgart/IZZ