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Berufspolitik

Universitätsklinikum Freiburg

 

Erste zahnärztliche Corona-Ambulanz in Baden-Württemberg

Ausgabe 4, 2020

Das Universitätsklinikum Freiburg hat letzte Woche im Department für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde eine zahnärztliche Notfallambulanz für COVID-19 infizierte Patient*innen eingerichtet. Zuvor hatte sich LZK-Präsident Dr. Torsten Tomppert mit einem Schreiben an alle vier Landesuniversitätskliniken und dem Vorschlag für die Einrichtung einer zahnärztlichen Notfallambulanz für infizierte Patient*innen gewandt. Das ZBW hat mit dem ärztlichen Direktor der Klinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie in Freiburg, Prof. Dr. Elmar Hellwig über die erste Corona-Ambulanz in Baden-Württemberg gesprochen.

ZBW: War das Schreiben des LZK-Präsidenten der Anlass für die Einrichtung der Ambulanz in Freiburg? Oder hatten Sie bereits vorher entsprechende Überlegungen angestellt? Haben Sie sich mit Ihren Kolleg*innen an den anderen baden-württembergischen Kliniken ausgetauscht? Werden die anderen drei Kliniken in Tü- bingen, Ulm und Heidelberg nachziehen?

Prof. Hellwig: Natürlich haben wir schon vorher überlegt, wie wir mit an COVID-19 erkrankten Patienten umgehen. Das Schreiben hat dann letztlich den Anstoß dazu gegeben, diese Notfallambulanz einzurichten. Bezüglich der anderen Universitätsklinika kann ich wenig sagen. Letztlich liegt die Einrichtung einer derartigen Ambulanz in den Händen der dortigen Klinikumsleitung und hängt von zahlreichen Faktoren, wie z. B personeller, räumlicher und apparativer Ausstattung ab. Da die ambulanten Bereiche der Universitätsklinika nicht in den Sicherstellungsauftrag der KZV eingebunden sind, besteht auf jeden Fall keine automatische Verpflichtung dazu. Leider wurde das in verschiedenen überregionalen Zeitungsartikeln artikuliert und führte zu einer Verunsicherung der niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen.


Baden-Württemberg. Das Universitätsklinikum Freiburg hat eine zahnärztliche Notfallambulanz für COVID-19 infizierte Patient*innen eingerichtet.

Ab wann ist die Ambulanz einsatzfähig?

Die Ambulanz ist seit dem 20.3.2020 einsatzfähig. Sie steht jeden Tag von 16.00 bis 17.00 Uhr und am Freitag von 11.00 bis 12.00 Uhr für nachweislich infizierte Patienten zur Verfügung. Die Patienten kommen über einen eigenen Eingang in die Klinik und werden in einem gesonderten Raum behandelt, damit sie nicht mit den anderen Patienten in Kontakt kommen.

Wie viele Zahnärzt*innen arbeiten dort?

Momentan arbeitet dort ein zahnärztliches Team (Zahnärztin/ Zahnarzt und ZFA).

Haben Sie ausreichende Schutzausrüstung?

Über den Krisenstab des Universitätsklinikums wurde uns die entsprechende Schutzkleidung zur Verfügung gestellt.

Ist die Ambulanz so gedacht, dass die niedergelassenen Kolleg*innen COVID-19 Verdachtsfälle bzw. Infizierte zu Ihnen in die Ambulanz schicken können?

Ja, die Kolleginnen und Kollegen können nachweislich infizierte Patienten in die Ambulanz schicken. Dazu sollten sie möglichst vorher in der Zahnklinik anrufen. Allerdings können wir aus Kapazitätsgründen keine Verdachtsfälle aufnehmen, da wir diese Patienten ja dann zum Test schicken müssten. Das muss vorher passieren. Dann kann sich der Patient mit positivem Testergebnis auch direkt bei uns melden.

Mit welchem Patientenaufkommen rechnen Sie?

Zunächst einmal dürften sich nur wenige infizierte Patienten bei uns melden, aber das ist momentan schwer zu sagen. Wie man der Presse entnehmen kann, soll ja auch in Deutschland (ähnlich wie in Südkorea) zukünftig häufiger und schneller getestet werden, dann wird die Anzahl sicher zunehmen.

Die Fragen stellten Andrea Mader
und Dr. Norbert Struß

 

Ein Jahr vor der Landtagswahl

 

Vier Jahre grün-schwarze Gesundheitspolitik im Ländle

Ausgabe 4, 2020

In knapp einem Jahr wird der Landtag von Baden-Württemberg neu gewählt. Der Wahlausgang ist – auch angesichts der instabilen bundespolitischen Verhältnisse – schwer vorherzusehen. Geschichte geschrieben hat die Landesregierung bereits mit der Unterschrift unter den Koalitionsvertrag, denn die Regierung Kretschmann II erfüllt als erstes Bündnis von Bündnis 90/Die Grünen als Senior- und CDU als Juniorpartner eine Pionierrolle in der bundesdeutschen Historie. Ob diese Erweiterung der politischen Farbenlehre auch sachpolitisch Maßstäbe setzen konnte, wird in den Diskussionen bis zur Wahl zu klären sein – das gilt nicht zuletzt für die Gesundheitspolitik.

Bilanz. Was haben Bündnis 90/ Die Grünen und CDU sowie das Superministerium für Soziales und Integration unter Minister Manne Lucha, in dem die Gesundheitspolitik nur eine von sechs Abteilungen belegt, in den bisherigen vier Jahren nun tatsächlich auf den Weg gebracht? Befragt man die Website von Bündnis 90/Die Grünen in Baden-Württemberg nach deren Regierungsbilanz, so kommt die Gesundheitspolitik nur am Rande vor: etwa mit Investitionen für die Kliniken, dem Stichwort „Telemedizin“ im Rahmen der Digitalisierungsstrategie sowie dem Ziel einer verbesserten Hebammenversorgung.

Föderalismus. Wer in diesem Bereich nach umfangreichen Reformen auf dem Weg der Landesgesetzgebung sucht, wird nicht so schnell fündig. Denn es gibt in der Gesundheitspolitik ein deutliches Übergewicht zugunsten des Gesetzgebers auf Bundesebene. Dies gilt gerade auch für die ambulante Versorgung sowie das Recht der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Regionale Lösungen sind deshalb schwer durchzusetzen. Die Länderkompetenzen in der Gesundheitspolitik betreffen in erster Linie die Sicherstellung der Krankenhausversorgung sowie den öffentlichen Gesundheitsdienst. Durch diverse Verflechtungen der verschiedenen Ebenen haben die Länder – etwa über den Bundes- und der Gestaltung der Versorgung vor Ort. Allerdings drückte Bundesgesundheitsminister Spahn viele seiner Gesetze gerade ohne Möglichkeit der Zustimmung der Länder durch.


Föderales Prinzip. Manne Lucha, Minister für Soziales und Integration, ist in den letzten vier Jahren als vehementer Verfechter des föderalen Prinzips und der Gestaltung der medizinischen Versorgung vor Ort aufgetreten.

<Versorgung. Ein Dauerthema in der gesundheitspolitischen Debatte ist die medizinische Versorgung im ländlichen Raum. Regelmäßig berichten die Medien über Kommunen, die verzweifelt Nachfolger für frei werdende Praxen suchen. Wenngleich dieses Problem nicht allein die haus- und fachärztliche Versorgung betrifft, ist der zahn- ärztliche Bereich verhältnismäßig gering betroffen und steht deshalb auch nicht im Fokus der Politik. Dies betrifft auch die Ende des vergangenen Jahres auf Druck der CDU beschlossene „Landarztquote“ im Zuständigkeitsbereich des Wissenschaftsministeriums. Von 150 neuen Medizin-Studienplätzen in Freiburg, Heidelberg, Tübingen und Ulm sollen ab kommendem Wintersemester 75 Plätze an Bewerber*innen auch ohne Einser-Abitur vergeben werden, wenn sich diese verpflichten, mindestens zehn Jahre als Arzt oder Ärztin in einem unterversorgten Gebiet zu arbeiten. Für das Studium der Zahnmedizin gibt es keine derartige Regelung. Auch das von der Landesregierung beschlossene Modellprojekt „Genossenschaftliche Hausarztmodelle“ soll dazu beitragen, den Beruf der Landärztin oder des Landarztes für junge Ärztinnen und Ärzte etwa durch weniger Bürokratie, geteiltes Risiko sowie eine geringere Arbeitsbelastung attraktiver zu gestalten.

MVZ. Indessen hat die Landesregierung auch ohne weitere gesetzgeberische Kompetenz in der Gesundheitspolitik den Nachweis erbracht, dass die Sicherung sowie die regionale Steuerung der Versorgung für sie eine wichtige Rolle spielen. Eine Herausforderung für die Versorgung stellte in den letzten Jahren zusehends das Aufkommen Medizinischer Versorgungszentren (MVZ) dar, die sich im zahnärztlichen Bereich maßgeblich in den Ballungszentren konzentrieren. Hier setzte sich die Landesregierung auf Bundesebene dafür ein, durch gesetzliche Änderungen den Einfluss von Fremdinvestoren auf die zahnärztliche Versorgung zu begrenzen, was dann im Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) tatsächlich auch geschehen ist.

Regionalität. Verdienste um die regionale Steuerung der Gesundheitsversorgung hat sich Minister Lucha zudem in den Auseinandersetzungen um die Reform der gesetzlichen Krankenkassen erworben. So wehrte er sich vehement gegen die Pläne von Bundesgesundheitsminister Spahn, die bestehende regionale Gliederung der AOKen aufzugeben und diese stattdessen bundesweit zu öffnen. „Erhebliche negative Auswirkungen einer derart veränderten Versichertenstruktur auf die betroffenen Ortskrankenkassen und letztendlich auch auf die Versorgungsstruktur im Kerngebiet der jeweiligen Ortskrankenkasse wären zu erwarten“, schrieb Lucha im März 2019 gemeinsam mit den Fachministern dreier weiterer Bundesländer an Spahn – wenig später legte er mit seinem hessischen Amtskollegen sogar einen Gegenvorschlag zur Krankenkassenreform vor, der eine dezidierte Stärkung der Regionalität vorsah. Auch in dieser Frage machte sich der Einfluss der Länder deutlich bemerkbar: Die zentralistischen Pläne von Jens Spahn wurden aus dem mittlerweile beschlossenen „Faire-Kassenwettbewerb-Gesetz“ (ursprünglich „Faire-Kassenwahl-Gesetz“) wieder herausgestrichen, die bestehende Struktur im Wesentlichen erhalten. Der Zustimmung der Zahnärzteschaft in Baden-Württemberg und ihrer Standesvertretung konnte sich Manne Lucha bei seiner Initiative sicher sein.

Digitalisierung. Zunehmend bedeutsam für die Versorgung wird das Thema „Digitalisierung in Medizin und Pflege“. Im Rahmen der Digitalisierungsstrategie digital@bw hat das Sozialministerium verschiedene Schwerpunkte definiert, in denen die medizinische und pflegerische Versorgung durch digitale Lösungen verbessert werden soll. Dies betrifft die Bereiche der ambulanten und stationären Versorgung, die sektorenübergreifende Versorgung, den Pflegebereich sowie personalisierte Medizin. Für die Umsetzung der Strategie „Digitalisierung in Medizin und Pflege in Baden-Württemberg“ stehen dem Ministerium nach eigener Angabe 4,3 Millionen Euro zur Verfügung – angesichts der Gesamtinvestitionen von einer Milliarde Euro für die Digitalisierung bis zum Jahr 2021 mutet dieser Anteil eher bescheiden an. Gleichwohl hat sich in Baden-Württemberg mit entsprechender Förderung durch das Land einiges getan, etwa das bundesweit erste Telemedizin-Projekt docdirekt der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. Zunächst als Modellprojekt auf die Stadt Stuttgart und den Landkreis Tuttlingen beschränkt, wurde dieses inzwischen auf das ganze Bundesland ausgeweitet. Daran anknüpfend wurde im Rahmen des Projekts GERDA (Geschützter E-RezeptDienst der Apotheken) bundesweit erstmals das elektronische Rezept für gesetzlich Versicherte im Land erprobt.

Krisenmanagement. In einem Jahr bis zur Landtagswahl kann noch viel passieren. Vieles wird davon abhängen, wie die Regierung jetzt den Umgang mit den zunehmenden Coronavirus-Infektionen managt. Ob die Entscheidung – trotz anderslautender Empfehlung vonseiten des Bundesgesundheitsministeriums und heftigster Diskussionen im Vorfeld – das Fuß- ballspiel VfB Stuttgart-Arminia Bielefeld am 9. März stattfinden zu lassen, klug war, wird sich noch weisen.

Dr. Holger Simon-Denoix

 

Fachtagung Gesundheitskompetenz im digitalen Zeitalter

 

„Wir erleben eine digitale Transformation“

Ausgabe 4, 2020

Das Bundesgesundheitsministerium hat am 4. Februar 2020 in Kooperation mit dem „Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz“ in Berlin zu einer Fachtagung „Gesundheitskompetenz im digitalen Zeitalter“ eingeladen. Die KZV Baden-Württemberg war bei dieser Tagung anwesend und hat so die Interessen der Vertragszahnärztinnen und Vertragszahnärzte aus Baden-Württemberg engagiert vertreten.


Vision. Keynotespeakerin Prof. Dr. Andréa Belliger (3. v. l.) forderte eine Vision für die Digitalisierung im Gesundheitswesen. Es gehe nicht nur um technische Fragen, sondern um eine Transformation, die unser gesamtes Leben verändert

Konnektivität. Als Keynotespeakerin war die Schweizer Sozial- und Kommunikationswissenschaftlerin Prof. Dr. Andréa Belliger zu Gast. Sie bemängelte, dass es in Bezug auf die Digitalisierung im Gesundheitswesen an einer Vision fehle. So würde das Thema immer als ein rein technisches behandelt. Dabei seien die sich ändernden Werte das Wesentliche. Es ginge im Kern weniger um eine Digitalisierung von analogen Prozessen, sondern um eine digitale Transformation, die unser gesamtes Leben verändern würde. Früher sei zum Beispiel das (Zahn)arzt-Patientenverhältnis eine „bilaterale“ Angelegenheit gewesen. Heute hätte es sich dagegen längst in eine „multilaterale“ verwandelt, wo die Patientin/der Patient erst im Internet recherchiere, Apps benutze und die Information der Ärztin/des Arztes nur noch eine unter mehreren sei. Dies sei exemplarisch für viele Bereiche. In Zukunft würde es daher vor allem um Konnektivität gehen.

Gesundheitskompetenz. Im Jahr 2017 hatte sich bereits die „Allianz für Gesundheitskompetenz“ gegründet, die es sich zum Ziel gemacht hat, die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu stärken. Eingebunden in dieses Bündnis ist die Breite der Fachverbände und Gesundheitsberufe, darunter auch die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV). Diese haben sich mit einer gemeinsamen Erklärung verpflichtet, in ihrem jeweiligen Zuständigkeitsbereich Maßnahmen zur Verbesserung des Gesundheitswissens zu entwickeln und umzusetzen.

Digitalisierung gestalten. Wie dieses gemeinsame Ziel erreicht werden kann, wurde auf der Fachkonferenz in vier verschiedenen Workshops erarbeitet. Es ging von der Frage „Digitalisierung und Gesundheitskompetenz – Wo wollen wir hin?“ über „Die Bedeutung der Medien für die Stärkung der Gesundheitskompetenz“, „Stärkung der Gesundheitskompetenz vulnerabler Zielgruppen im digitalen Zeitalter“ bis hin zu „Kommunikation von Gesundheitsberufen und Patient*innen im digitalen Zeitalter“. Die Zahnärzteschaft war in diesen Foren vertreten und machte deutlich, dass Digitalisierung im Gesundheitswesen kein Selbstzweck sei, sondern primär den Patient*innen und deren Versorgung im Allgemeinen dienen müsse.

Gesundheitsinformationen. Wie ein roter Faden zog sich ein zentraler Fragenkomplex durch die Fachtagung: Wie kann man die Fülle an Gesundheitsinformationen im Netz qualitätsgesichert filtern und bewerten? Welche Rolle spielen Ärzt*innen, Zahnärzt*innen, Gesundheitsberufe und -verbände dabei? Und inwiefern ändert sich die Rolle der Ärzt*innen und Zahnärzt*innen durch die fortschreitende Digitalisierung. So stünden viele Menschen aufgrund der fast unendlichen Informationen im Internet vor dem Problem, die richtigen und auch verlässlichen Informationen zu erhalten und damit umzugehen. Es habe sich daher jedoch auch die Rolle der Ärztin und des Arztes geändert: Während diese früher die Aufgabe übernommen haben, eine erste Diagnose durchzuführen, kä- men heutzutage viele Patient*innen schon mit einer festen, manchmal auch falschen Meinung aus dem Internet darüber, was sie hätten. Die Ärztin und der Arzt habe dadurch eine ganz andere Rolle als noch vor Jahren.

Nationales Gesundheitsportal. Die parlamentarische Staatssekretä- rin Sabine Weiß hat auf der Tagung angekündigt, dass Mitte 2020 das neue nationale Gesundheitsportal starten werde. Dieses Portal soll den Patient*innen qualitätsgesicherte Informationen bieten. Gesundheitsinformationen sollen im Netz leichter auffindbar werden und als seriös erkennbar sein.

Florian Wahl

 

Anforderungen an die Medizinprodukteaufbereitung in der Zahnarztpraxis

 

Der Versuch der Quadratur des Kreises?

Ausgabe 4, 2020

Fühlen Sie sich manchmal wie in einem Hamsterrad? Sie investieren alles für ein optimales Hygienemanagement in der Praxis und trotzdem haben Sie das Gefühl, eine Änderung in einer Herstelleraufbereitungsangabe verpasst zu haben? Oder Sie benutzen das vom Hersteller empfohlene Desinfektionsmittel, um die Produktgewährleistung zu sichern, haben aber dennoch den Eindruck, nicht RKI-konform aufzubereiten? Das ZBW hat beim LZK-Referenten für Praxisführung Dr. Norbert Struß und beim Leiter der Abteilung Praxisführung in der LZK-Geschäftsstelle Marco Wagner nachgefragt, wie sich diese Quadratur des Kreises lösen lässt.

ZBW: Seit Jahren werden die Anforderungen, auch unter dem Eindruck flächenhaft durchgeführter Praxisbegehungen durch die Aufsichtsbehörden, an die Reinigung, Desinfektion und Sterilisation zahnärztlicher Instrumente diskutiert. Sie haben das einmal als „den Versuch der Quadratur des Kreises“ bezeichnet. Wie meinen Sie das?

Dr. Struß: Um es vorwegzunehmen, wir diskutieren hier nicht die selbstverständlich notwendigen und sinnvollen Hygienemaß- nahmen zum Schutz der Patienten, der Praxismitarbeiter und Dritter. Sondern es geht darum, dass es de facto für die Praxisteams sehr schwierig und nur unter immensem bürokratischem Aufwand möglich ist, den Anforderungen aus rechtlichen Regelwerken, behördlichen Vorgaben und Herstellerangaben gerecht zu werden.
Es geht darum, dass Herstellerangaben von aufzubereitenden Medizinprodukten (MP) manchmal nicht den Anforderungen, die behördlicherseits gestellt werden, gerecht werden. Oder, dass nach dem Kauf eines neuen Medizinprodukts ein neues validiertes Aufbereitungsverfahren in die Praxis einzuführen ist. Auch sind plötzlich notwendige Adapter nicht immer leicht erhältlich oder in vorhandene Aufbereitungsgeräte zu integrieren. Für Desinfektionsmittel gibt es einen Dschungel unterschiedlicher Listungen, wie z. B. VAH, RKI, IHO, DVV, GfV, EU-Richtlinien. Hier den Überblick zu behalten, welches Desinfektionsprodukt für welchen Einsatzzweck RKI-konform ist, ist für die Zahnarztpraxis sehr schwer möglich. Ein enormes bü- rokratisches Belastungsproblem stellt auch die stetige Aktualisierung von Aufbereitungsangaben und Gebrauchsanweisungen durch die Medizinproduktehersteller dar. Über die Änderungen und Aktualisierungen werden die Medizinprodukte-Betreiber nicht informiert. Und es ist praktisch und zeitlich für den niedergelassenen Bereich unmöglich, sich ständig bei einer Vielzahl von Medizinprodukteherstellern nach eventuellen Änderungen und Aktualisierungen zu erkundigen. So kann im Extremfall, bei dem Versuch allen Vorgaben gerecht zu werden, der weitere Betrieb des Medizinproduktes – sprich Instrumentes oder Gerätes – in Frage gestellt oder nicht mehr möglich (!) sein.


Austausch. Dr. Struß tauscht sich regelmäßig mit Marco Wagner über die Anfragen der Zahnarztpraxen in der Praxisführungsabteilung aus.

Das klingt sehr kompliziert und aufwendig. Aber was geben eigentlich die rechtlichen Vorgaben für die Zahnärzte und die Medizinproduktehersteller vor?

Dr. Struß: Das rechtliche Regelwerk mit Gesetzen, Verordnungen, Empfehlungen und Normen ist äußerst umfangreich und vielschichtig.
Für den Betrieb und die Anwendung von Medizinprodukten in der Praxis weist die Medizinprodukte-Betreiberverordnung dem Praxisbetreiber, sprich Zahnarzt, ganz klar die Verantwortung zu. Die Aufbereitung von bestimmungsgemäß keimarm oder steril zur Anwendung kommenden Medizinprodukten ist unter Berücksichtigung der Angaben des Herstellers nachvollziehbar mit geeigneten validierten Verfahren durchzuführen.
Eine ordnungsgemäße Aufbereitung wird vermutet, wenn die KRINKO-/BfArM-Empfehlung „Anforderungen an die Hygiene bei der Aufbereitung von Medizinprodukten“ (2012) beachtet wird.
Die inhaltlichen Anforderungen für die Medizinproduktehersteller sind in der „DIN EN ISO 17664:2017 Aufbereitung von Austausch. Dr. Struß tauscht sich regelmäßig mit Marco Wagner über die Anfragen der Zahnarztpraxen in der Praxisführungsabteilung aus. Foto: A. MaderBerufspolitik 27 www.zahnaerzteblatt.de ZBW 4/2020 Produkten für die Gesundheitsfürsorge – Vom Medizinproduktehersteller bereitzustellende Informationen für die Aufbereitung von Medizinprodukten“ definiert.

Herr Wagner, an Sie und die Abteilung Praxisführung der LZKGeschäftsstelle wenden sich die Praxen mit einer Vielzahl von Fragen. Können Sie einige Beispiele für die angesprochenen Probleme nennen?

Marco Wagner: Ich gebe Ihnen ein Beispiel zur zahnmedizinischen Behandlungseinheit: Der Hersteller einer Behandlungseinheit definiert in seiner Aufbereitungsangabe ein Produkt zur Desinfektion eines bestimmten Herstellers. Das Wirkspektrum dieses vom Behandlungseinheiten-Hersteller empfohlenen Desinfektionsmittels entspricht in vielen Fällen nicht den Anforderungen der KRINKO-/BfArM-Empfehlung. Im Rahmen der in BadenWürttemberg stattfindenden Regelüberwachung der Aufbereitung von Medizinprodukten in Zahnarztpraxen gemäß Medizinproduktegesetz durch die Regierungspräsidien wird das Wirkspektrum gemäß den Vorgaben der Stellungnahme von RKI, DVV, GfV und VAH „Prüfung und Deklaration der Wirksamkeit von Desinfektionsmitteln gegen Viren zur Anwendung im human-medizinischen Bereich“ (2017) eingefordert. Setzt der Zahnarzt diese Anforderungen um, kommt er hierdurch ggf. in Konflikt mit der Produkt-Gewährleistung für das Medizinprodukt „Behandlungseinheit“ und dessen Aufbereitungsangabe/Gebrauchsanweisung. Denn jegliche Beschädigung bzw. Veränderung an einer Behandlungseinheit durch den Einsatz eines nicht vom Hersteller vorgegebenen Desinfektionsmittels führt zum Erlöschen der Produkt-Gewährleistung. Dieser Konflikt wird ausschließlich auf den „Schultern“ der Medizinprodukte-Betreiber ausgetragen.

Können Sie uns ein weiteres Beispiel nennen, welche Fragen schlagen noch häufig bei Ihnen in der Geschäftsstelle auf?

Marco Wagner: Es gibt im Dentalbereich Medizinprodukte, bei denen der Hersteller eines Hohlkörper-/Lumen-Medizinprodukts z. B. keine Adaption/Konnektion und somit KRINKO-/BfArM-konforme Außen- und Innenaufbereitung ermöglicht bzw. der Hersteller der Aufbereitungsgeräte keine entsprechenden Adapter anbietet. Des Weiteren gibt es auch Hersteller von Hohlkörper-/ Lumen-Medizinprodukten, die keine maschinelle Innenaufbereitung zulassen.


Praxistipp. Es ist wichtig, das Instrumentarium und alle damit zusammenhängenden Aufbereitungsprozesse auf das Behandlungsspektrum der Praxis abzustimmen.

Was kann eine betroffene Praxis in solch einem Fall unternehmen?

Marco Wagner: Für diesen Fall sieht das Medizinprodukterecht die sogenannte „VorkommnisMeldung an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM)“ vor. Dieses Verfahren ist nicht nur bürokratisch, sondern auch bisher von geringen Erfolgen gekrönt. Einerseits liegt dies daran, dass ein gewisser Anteil der Medizinproduktehersteller außerhalb von Deutschland seinen Firmensitz hat. Auf der anderen Seite konnten wir bei der Beobachtung/Begleitung von Vorkommnis-Verfahren feststellen, dass in der BfArM-Verfahrensbegründung die Argumente der Medizinproduktehersteller übernommen wurden und gleichzeitig die Problembeschreibungen des Medizinprodukte-Betreibers keinerlei Berücksichtigung gefunden haben.

Wäre es denn für die Zahn- ärzteschaft da nicht sinnvoll, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen?

Dr. Struß: Genau das ist unser Ziel. Die LZK BW hat seit vielen Jahren diese Themen wiederholt in der Landespolitik und den zuständigen Ministerien angesprochen, unter anderem war der Präsident der LZK BW, Kollege Torsten Tomppert gleich zu Beginn dieser Kammerperiode bei Ministerpräsident Kretschmann. Die Kammer hat die Probleme klar benannt und für die berechtigten Anliegen der Zahnärzteschaft sensibilisiert und geworben. Zur Klärung vieler Fragen rund um die Praxisbegehungen wurde unter dem Dach des Sozialministeriums eigens der „Arbeitskreis Aufbereitung zahnärztlicher Instrumente“ (AKAZI) unter Beteiligung der Regierungspräsidien und der Landeszahnärztekammer ins Leben gerufen. Als nächster Schritt ist geplant, im „Forum Gesundheitsstandort Baden-Württemberg“ mit allen Playern im Dentalbereich – Ministerien, Fachkommissionen, Herstellern, Handel und Aufsichtsbehörden – einen konstruktiven und offenen Dialog zu führen.
Klar ist: Die Anforderungen sind an fachlich sowie wissenschaftlich belegten Notwendigkeiten zu orientieren, die Kosten zu benennen und den Anwendern gegenüber ist größtmögliche Transparenz zu schaffen.

Zum Abschluss – welche praktischen Tipps für die Praxen können Sie geben?

Marco Wagner: Wichtig ist, anhand des Behandlungsspektrums der Praxis das Instrumentarium und alle der damit zusammenhängenden Aufbereitungsprozesse abzustimmen.
Dies ist insbesondere schon vor der Anschaffung von Medizinprodukten wichtig. Aus diesem Grund hat die Landeszahnärztekammer unter anderem Checklisten für den Neuerwerb von Instrumenten und Aufbereitungsgeräten entwickelt.

Die Fragen stellte Andrea Mader