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Einer von uns

Dr. Michael Speich ist ein ausgewiesener Kunst- und Musikliebhaber

 

Eine Praxis voller Geschichten

Ausgabe 4, 2020

Die Kunst, die Musik und ein Oldtimer-Traktor bereichern das Leben von Zahnarzt Dr. Michael Speich. Mit den Birkenfelder Balkonkonzerten will er seinen Patienten etwas zurückgeben.

Was haben Marilyn Monroe, Albert Einstein und König Ludwig II. von Bayern gemeinsam? Alle drei sind jeweils die Namenspaten der Behandlungszimmer in der Zahnarztpraxis von Dr. Michael Speich in Birkenfeld bei Pforzheim. So finden sich in jedem der Räume allerlei Exponate zu den entsprechenden Persönlichkeiten – von Radierungen über Zeichnungen bis hin zu Autogrammen. Die Sammlung wächst ständig, weil die Patienten ihrem Doktor weitere besondere Unikate mitbringen. Überhaupt strahlt die Praxis eine angenehme Atmosphäre aus – das liegt zum einen an der beruhigenden Ausstrahlung des Zahnarztes, aber auch an den zahlreichen Kunstexponaten in allen Räumen. Und wenn man in einem der ledernen Behandlungsstühle liegt, dann hat man durch die große Glasfront einen wunderbaren Blick in den Garten. „Das alles hilft auch ein bisschen, das Angstpotenzial bei den Patienten abzubauen – zumindest was die Prophylaxe betrifft“, sagt Dr. Michael Speich. Nur wenn ein operativer Eingriff ansteht, würde das ungewöhnliche Kunstsammelsurium leider oft auch nicht helfen, dass sich die Patienten entspannen.


Seine Konzerte haben Kultcharakter in Birkenfeld: Dr. Michael Speich vor einem Plakat in seinem zauberhaften Garten.

Zahnarzt aus Leidenschaft. Der Mann mit dem weißen Vollbart und den wachen Augen ist Zahnarzt aus Leidenschaft und praktiziert auch mit 69 Jahren noch. Sein Pensum hat er allerdings auf 30 Stunden reduziert. Die Hingabe an seinen Beruf nicht. „Es ist schön, wenn man aus seiner Erfahrung schöpfen kann“, sagt er. Seine Frau Ursula ist ebenfalls Zahnärztin und arbeitet in einer Praxis in Leinfelden-Echterdingen. Die beiden haben sich während des Studiums in Tübingen kennengelernt. Geboren in der Nähe von Magdeburg, ist Dr. Speich als Kind mit seiner Familie mehrmals umgezogen – von Magdeburg über Düsseldorf nach Göppingen. Seine Heimat ist inzwischen das badische Birkenfeld. Über der Praxis befindet sich auch die Wohnung der Speichs.

Konzerte mit Kultcharakter. Dr. Speich ist aber nicht nur ein ausgewiesener Kunstfreund. Über seine Frau entdeckte er die Liebe zur klassischen Musik. Seit 14 Jahren veranstaltet er in seinem Garten die Birkenfelder Balkonkonzerte. Schöne Musik benötigt nicht viel Platz. Die Darbietungen auf dem sieben Meter langen und nur einen Meter breiten Balkon haben Kultcharakter. Angefangen hat alles mit zwei Sängerinnen und einem Pianisten. Inzwischen hat sich das Repertoire deutlich erweitert. Eine Kammerfassung von Puccinis La Bohème war dabei, mit vier Solisten und einem Kammerorchester aus zwei Violinen, Cello, Akkordeon und Klavier, das sich in der breiten Balkontür aufgebaut hat. Im vergangenen Jahr gab es Frauenpower auf dem Balkon: Drei Sopranistinnen begleitet von vier Musikerinnen präsentierten Arien aus Oper und Operette. 2020 soll der Balkon im Zeichen des Orchesterchores der Pforzheimer Oper stehen. Und während Dr. Speich seine Besucher in der Praxis meist untersucht, genießt er den Rollentausch, um während des Balkonkonzerts als Moderator der Veranstaltung zu unterhalten.

Klassik für alle. Inspiriert wurde er von einem ehemaligen Dirigenten der Oper Pforzheim, der in seinem Garten auch immer wieder zu musikalischen Veranstaltungen eingeladen hatte. Dr. Speich war auch immer wieder unter den Gästen und hat das besondere Flair genossen. Als der Dirigent weiterzog, wollte Dr. Speich auf das Vergnügen nicht verzichten und wurde selbst initiativ. Zusammen mit einer kleinen Agentur macht er demnächst zum 15. Mal Klassik für alle möglich und finanziert sämtliche Künstler. Der Eintritt ist umsonst. Dr. Speich will seinen Patienten etwas zurückgeben, Musik in einem au- ßergewöhnlichen Rahmen präsentieren. „Ich habe keinen Ferrari und keine Yacht und stecke mein Geld lieber in die Musik“, sagt er schmunzelnd. Die großen Plakate in seinem Garten sind stumme Zeitzeugen der wechselnden Ensembles. Während der Vorstellung sitzen die rund 180 Zuschauer neben Blumenbeeten und Bäumen auf seinem Grundstück mit leichter Hanglage. Oder auf dem Platz vor dem Rathaus, das gleich neben Speichs Haus liegt. Dort bringen die Musikliebhaber dann ihren eigenen Klappstuhl mit.


Lieder und Arien. Beim Birkenfelder Balkonkonzert 2013 präsentieren Jule Vortisch und Lemuel Cuento Lieder und Arien aus Werken von Richard Wagner, Wolfgang Amadeus Mozart, Modest Mussorgsky, Francis Poulenc und Robert Stolz.

Wagnerfan. Minimalistisch ist an den Sommerabenden dabei nur das Bühnenbild. Die Sänger und Musiker sind Profis. Und nach dem Konzert können die Gäste bei einem Glas Prosecco an der kleinen Bar sich auch noch mit den Künstlern austauschen. Natürlich mussten der Organisator Dr. Speich und sein Team auch immer wieder mal improvisieren. Der Balkon hat zwar eine Markise – aber einem Starkregen hält er eben nicht stand. Deshalb wurde so mancher Event auch schon in den Herbst verschoben. Dr. Speich selbst liebt die Musik von Richard Wagner und war auch schon bei den Festspielen in Bayreuth. „Birkenfelder Balkonfestspiele, das hätte was, aber Wagner wäre für unsere Möglichkeiten dann doch zu opulent.“


Sopranistinnen. Geballte Frauenpower herrscht beim 14. Birkenfelder Balkonkonzert 2019: Drei Sopranistinnen begleitet von einem Instrumental-Quartett singen bekannte Arien aus Opern und Operetten.

Die Fahrt ist das Ziel. Dr. Michael Speich besitzt eine Praxis voller Geschichten. Und die sind noch nicht alle erzählt. An einer Pinnwand hängt eine Karte von Italien, gespickt mit Stecknadelköpfchen und einem gespannten Faden, der eine ganz besondere Route markiert: von Bamberg nach Sizilien und wieder zurück auf den Stiefel. Bewältigt hat Dr. Speich diesen Weg mit einem Traktor – Modell „Blauer Eicher“, Baujahr 1956 – zusammen mit seinem Studienfreund Hans Dietrich. 1995 ging es für die beiden Italienliebhaber los über die Alpen – jedes Jahr haben die beiden Zahnärzte in zwei Wochen bis zu 600 Kilometer zurückgelegt. Entschleunigung pur im Postkutschentempo. Die Fahrt war das Ziel. In einer Kiste hatten sie zwei Holzfeldbetten, geschlafen wurde im Freien, wenn das Wetter es zuließ. Verpflegt haben sie sich mit Spezialitäten aus der jeweiligen Region und viel am Lagerfeuer philosophiert. Beide sprechen italienisch, und es kam immer wieder zu herzlichen Begegnungen mit Einheimischen. Für den Schlepper hatten sie nach absolvierter Etappe dann auch immer einen Unterstellplatz bis zum nächsten Sommer gefunden. Bei der Reise 2018 ist der Freund von Dr. Michael Speich dann gestorben. Im vergangenen Jahr machte der Birkenfelder deshalb eine Pause – jetzt hat er sich selbst einen Bulldog zugelegt und geht in diesem Sommer noch einmal auf Tour.

Elke Rutschmann