Zahnaerzteblatt.de

 

Sonderthema

Sonderthema

 

Ausgabe 5, 2020

 

Dr. Maier und Dr. Tomppert fordern Schutzschirm für Zahnärzte

 

KZV BW und LZK BW appellieren an Ministerpräsident Kretschmann

Ausgabe 5, 2020

Die Vorstandsvorsitzende der Kassenzahnärztlichen Vereinigung BadenWürttemberg, Dr. Ute Maier, und der Präsident der Landeszahnärztekammer, Dr. Torsten Tomppert, haben sich aufgrund der Corona-Krise an Ministerpräsident Winfried Kretschmann gewandt, um die aktuelle wirtschaftliche Lage für den zahnärztlichen Berufsstand im Land deutlich zu machen und um schnelle Unterstützung zu bitten.

Bedingt durch die Corona-Krise gehen die Patientenzahlen in Baden-Württemberg massiv zurück. Dadurch verschärft sich die wirtschaftliche Lage in den Zahnarztpraxen dramatisch. Von möglichen Praxisschließungen wären auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Praxen betroffen.
In dieser Situation sei es nicht nachvollziehbar, dass die Zahnärzteschaft von den finanziellen Hilfsmaßnahmen im Rahmen des COVID- 19-Krankenhausentlastungsgesetzes ausgeschlossen sei, betonen die KZVVorstandsvorsitzende und der LZKPräsident in ihrem Brief an Ministerpräsident Kretschmann. Dieses kürzlich beschlossene Gesetz ermöglicht finanzielle Ausfallhilfen für die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie für Gesundheitseinrichtungen, u. a. für Krankenhäuser, Ärzte, Pflegeeinrichtungen und Psychotherapeuten.
Dr. Ute Maier und Dr. Torsten Tomppert appellieren in ihrem Schreiben im Namen der badenwürttembergischen Zahnärzteschaft sowie deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Winfried Kretschmann, sich in der Ministerpräsidentenkonferenz, bei der Bundesregierung und im Bundesrat persönlich für die Zahnarztpraxen einzusetzen: „Wir bitten Sie, darauf hinzuwirken, dass kurzfristig ein entsprechendes Gesetzgebungsverfahren eingeleitet wird, um für die Zahnärztinnen und Zahnärzte ebenfalls einen finanziellen Rettungsschirm aufzuspannen“, heißt es in dem Schreiben.
„Die Zahnärztinnen und Zahn- ärzte erfüllen unter schwierigsten Bedingungen den gesetzlichen Sicherstellungsauftrag, der auch einen ausreichenden Notdienst umfasst. Die Versorgungssicherung kann allerdings nur dann aufrechterhalten werden, wenn diesen ausreichend finanzielle Mittel gewährt werden, um den Praxen das Überleben zu sichern.“ Davon hänge auch die im öffentlichen Interesse liegende Sicherstellung der vertragszahnärztlichen Versorgung ab.

KZV BW/LZK BW

 

Uni Tübingen eröffnet in Kooperation mit KZV und LZK Spezialambulanz

 

Neue zahnärztliche Ambulanz für COVID-19-Patienten

Ausgabe 5, 2020

Die Universitätsklinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Tübingen richtet in Kooperation mit der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KZV) und der Landeszahnärztekammer BW (LZK) eine COVID-19-Ambulanz ein für Patienten, die Corona-positiv sind oder ein starker Verdacht auf eine Infektion besteht und die zahnärztliche Hilfe benötigen. Die Sprechzeiten der Spezialambulanz sind von Montag bis Freitag von 13 bis 16 Uhr und können je nach Situation angepasst werden. Aus Gründen des Infektionsschutzes ist eine Behandlung ausschließlich nach vorheriger telefonischer Terminvergabe möglich.


Zahnärztliche Ambulanz. Die Universitätsklinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde in Tübingen eröffnet in Kooperation mit KZV und LZK eine Spezialambulanz für CoronaPatienten in der Calwerstraße.

Eine neue Spezialambulanz der Universitätsklinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde gewährleistet COVID-19-positiven Patienten sowie Patienten mit hinreichendem Verdacht auf eine Infektion (etwa aufgrund ausgeprägter Symptome eines grippalen Infekts oder des direkten Kontakts zu Infizierten), die unter akuten Beschwerden oder Schmerzen leiden, eine fachgerechte Versorgung. Die Patienten werden je nach Krankheitsbild vor Ort durch die Zahnärzte aller Fachabteilungen der Zahnklinik spezifisch behandelt. Um die Versorgung der Patienten in der besonderen Situation der Corona-Pandemie bestmöglich sicherzustellen, wird das Team der Ambulanz vor Ort kollegial-partnerschaftlich von Kolleginnen und Kollegen aus den niedergelassenen Zahnarztpraxen der umliegenden Kreisvereinigungen verstärkt.

Öffnungszeiten. Die COVID- 19-Ambulanz in der Calwerstraße 7/7, 72076 Tübingen ist von Montag bis Freitag von 13 bis 16 Uhr geöffnet. Eine Behandlung in der Ambulanz erfolgt ausschließlich nach telefonischer Anmeldung unter 07071 29-83984.
Auch die Uniklinik in Freiburg und das städtische Klinikum in Karlsruhe sowie das Katharinenhospital in Stuttgart stehen bereits für die Behandlung von Infizierten zur Verfügung – andere werden kurzfristig folgen.

Universitätsklinikum Tübingen

 

Engagement der KZV BW in der Krise

 

„Die Corona-Pandemie trifft unsere Praxen hart – wir unterstützen Sie!“

Ausgabe 5, 2020

Es gibt sicherlich keinen gesellschaftlichen Bereich, der derzeit nicht durch die Corona-Pandemie aus den Fugen geraten ist. Viele Unternehmen sind bereits in eine Notlage geraten. Die Politik versucht durch Schutzschirme und Soforthilfe-Maßnahmen die teils erheblichen finanziellen Auswirkungen der Krise abzufedern. Die Zahnärztinnen und Zahnärzte gehören zu den Berufsgruppen, die es hart trifft: Konfrontiert mit Sorgen zum Thema Infektionsrisiko, aber vor allem ausfallende Behandlungen, Terminabsagen und -verschiebungen führen zu teils massiven Umsatzeinbußen. Die KZV BW hat bereits eine Vielzahl an Aktivitäten zur Unterstützung der Praxen umgesetzt.


Die Corona-Pandemie hat große Auswirkungen auf den zahnärztlichen Alltag – die KZV BW unterstützt mit unterschiedlichen Maßnahmen.

Krisenmanagement. Ein Krisenstab und ein Krisenteam wurden bereits Anfang März eingesetzt, um Notfallpläne zur Aufrechterhaltung der Funktionalität der KZV BW zu erarbeiten. Auch Entscheidungsleitlinien zur Beurteilung des Infektionsrisikos und der Beurteilung von Einzelfällen wurden bereitgestellt. Um die wichtigen Aufgaben der KZV BW – hier seien vor allem die Abrechnung der zahnärztlichen Leistungen und insbesondere die Auszahlung der Honorare an die Praxen genannt – auch in der Krisenzeit weiter zu gewährleisten, hat die KZV bereits zu Beginn der Pandemie Vorkehrungen getroffen. So wurden weitreichende Vorsorgemaßnahmen ergriffen, um die Ansteckungsgefahr in den Häusern der KZV BW möglichst gering zu halten. Zudem wurde kurzfristig eine neue HomeOffice-Regelung initiiert und in einem Schnellverfahren die für das Home-Office nötigen technischen Ausrüstungen beschafft. Krisenstab und Krisenteam treffen sich regelmäßig und übernehmen z. B. auch organisatorische Aufgaben im Rahmen der Beschaffung von Schutzausrüstung oder bei der Abwicklung des „Sicherstellungsdienstes“. „Was das Krisenmanagement angeht, arbeiten wir hier Hand in Hand. Maßnahmen sind kurzfristig umsetzbar. Auch die perspektivische Planung ist für uns wichtig – an die Zeit nach Corona sollte man auch jetzt schon denken“, so Ass. jur. Christian Finster, stellvertretender Vorstandsvorsitzender und Mitglied im Krisenstab und Krisenteam der KZV BW.

Corona-Hotline. Wenn dieser Tage das Telefon der Corona-Hotline in der KZV BW klingelt, geht es meistens um eine der folgenden Fragen: Wann kann die KZV die dringend benötigte Schutzausrüstung zur Verfügung stellen? Was tue ich, wenn ich meine Praxis schließen muss? Wie kann ich mich und meine Mitarbeiterinnen vor einer Infektion schützen? Welche finanziellen Hilfen kann ich als Zahnarzt in Anspruch nehmen? Die Hotline zur Beratung der Zahn- ärztinnen und Zahnärzte in BadenWürttemberg hat die KZV BW bereits am 17. März 2020 eingerichtet. Über 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützt von den Mitgliedern des Landesbeirates und dem VV-Vorsitzenden beraten seitdem, z. T. sogar sieben Tage die Woche, zu allen praxisrelevanten Fragen rund um Covid-19. Wer einmal nicht durchkommt, hat zudem die Möglichkeit, über die extra eingerichtete E-Mail-Adresse infocovid19@kzvbw.de eine Frage zu stellen.
„Die Hotline wird sehr nachgefragt“, weiß Dr. Ute Maier, Vorstandsvorsitzende der KZV BW. „Sie ist außerdem wichtig, um aktuelle Fragen der Zahnärzteschaft umgehend aufzugreifen und an die richtigen Stellen zur Beantwortung weiterzuleiten. Auf dieser Grundlage wird auch unsere FAQ-Liste zu Covid-19 ständig überarbeitet und aktualisiert.“

Sicherstellungsdienst. KZV BW und LZK BW haben bereits frühzeitig empfohlen, in Absprache mit den Patientinnen und Patienten zu entscheiden, welche Behandlungsmaßnahmen durchgeführt werden sollen. Bei allen zahnmedizinischen Behandlungen soll, soweit möglich, die Verwendung von

  • Ultraschallhandstücken, piezoelektrischen Ultraschall- und Chirurgiegeräten
  • Pulverstrahlgeräten und
  • Turbinen
wegen der damit einhergehenden Aerosolbildung vorübergehend vermieden werden. Gleichzeitig haben viele Patientinnen und Patienten von sich aus Routinetermine und Termine für größere Zahnersatzversorgungen oder chirurgische Eingriffe abgesagt. Viele Zahnärztinnen und Zahnärzte mussten bereits Kurzarbeit anmelden oder aufgrund fehlender Schutzausrüstung oder Quarantäne-Maßnahmen die Praxis bereits ganz schließen. Ein Problem – denn unter diesen Bedingungen ist es schwierig, eine Praxis zu finden, die dann die Vertretung übernimmt. Die KZV BW hat deswegen einen „zahnärztlichen Sicherstellungsdienst“ eingerichtet, der die flächendeckende ambulante Versorgung für nicht infizierte Patientinnen und Patienten in BadenWürttemberg sichert. An diesem beteiligen sich bereits weit über 600 Zahnarztpraxen. „Dass dieser Sicherstellungsdienst innerhalb weniger Tage auf die Beine gestellt werden konnte, ist vor allem der Verdienst der vielen Zahnärztinnen und Zahnärzte, die sich sofort bereit erklärt haben mitzumachen“, so Christoph Besters, stellv. Vorsitzender des Vorstandes, der diesen Sicherstellungsdienst federführend organisiert. „Es freut mich gerade in diesen Krisenzeiten zu sehen, dass es für viele Kolleginnen und Kollegen – auch als Teil ihrer berufsethischen Verpflichtung – selbstverständlich ist, zu helfen,“ ergänzt Dr. Maier. KZV BW und LZK BW haben sich außerdem gemeinsam dafür eingesetzt, dass zeitnah für COVID-19-Infizierte an ausgewählten Klinik-Standorten in Baden-Württemberg sogenannte „Corona-Ambulanzen“ eingerichtet werden. Die Unikliniken in Freiburg und Tübingen sowie das städtische Klinikum in Karlsruhe und das Katharinenhospital in Stuttgart stehen bereits für die Behandlung von Infizierten zur Verfügung – andere werden kurzfristig folgen. Die KZV BW selbst hat zudem Kolleginnen und Kollegen gesucht, die bereit sind als sogenannte „Schwerpunktpraxen“ ebenfalls COVID-19-Infizierte zu behandeln. Seit Mitte April wird die Notfallversorgung von Covid- 19-Infizierten bzw. in Quarantäne befindlichen Patienten flächendeckend durch ein Netz von Klinikambulanzen und Schwerpunktpraxen sichergestellt.

Finanzielle Hilfen. Viele Fragen erreichen uns dieser Tage zu Abrechnungs- und Auszahlungsterminen sowie zu wirtschaftlichen Hilfen für die Zahnarztpraxen. In einem ersten Schritt hat die KZV BW ein vereinfachtes Verfahren für die Sofortauszahlung der Kassenanteile/Festzuschüsse für prothetische und parodontologische Leistungen ermöglicht. Seit dem 25. März 2020 gilt auch ein neuer Auszahlungsplan mit vorgezogenen Zahlungsterminen. Als weitere Möglichkeit wird derzeit eine Änderung der Zahlungstermine betreffend die Abschlagszahlungen geprüft. Au- ßerdem fallen die Zahnärztinnen und Zahnärzte in die Gruppe derjenigen, die eine Soforthilfe vom Land Baden-Württemberg beantragen können. Nach langen Verhandlungen und Gesprächen im Hintergrund, kam am Ostersamstag die Zusage von Gesundheitsminister Jens Spahn, dass die Bundesregierung den Schutzschirm auch auf die Zahnärzte ausweitet.

Information. Fast täglich gibt es neue Informationen zum Thema Covid-19, die Ereignisse überschlagen sich und oftmals ist kurzfristiger Handlungsbedarf dringend gefragt. In dieser dynamischen Krisensituation ist es deswegen wichtiger denn je, umgehend über Neuerungen zu informieren. Dies tut die KZV regelmäßig über (Sonder-) Rundschreiben und Gesundheitstelegramme. Auch auf den Webseiten von KZV BW und LZK BW stehen wichtige Informationen zum Thema zur Verfügung. Weitere Informationen erhalten die Praxen über die Rundschreiben der Bezirkszahnärztekammern und die KammerKOMPAKT der LZK BW.

Gemeinsam für Zahnärzteschaft. In Krisenzeiten ist es wichtig zusammenzustehen. So ist auch die Zusammenarbeit und der Austausch zwischen LZK BW und KZV BW in den letzten Wochen noch enger geworden. Dass dies erfolgreich für die Zahnärzteschaft umgesetzt wird, zeigte sich ganz aktuell im Zusammenhang mit der Bewältigung der CoronaVerordnung (CoronaVO), die die Landesregierung am Gründonnerstagabend als Überraschungsei den Zahnärztinnen und Zahnärzten ins Osternest gelegt hatte. Mit vereinten Kräften und in Zusammenarbeit mit dem Sozialministerium konnte ein Shutdown der Zahnarztpraxen gerade noch verhindert werden. In einem ersten Schritt werden die Auswirkungen der CoronaVO sicherlich durch die Auslegungshinweise des Sozialministeriums gemildert. Dennoch bleibt die Forderung nach Abschaffung des § 6a Abs. 1 der CoronaVO. „Wir setzen uns unablässig dafür ein, die Zahn- ärzteschaft in den Fokus des politischen Bewusstseins zu rücken, denn wir sind ein wichtiger Teil der modernen gesundheitlichen Versorgung im Land und somit auch systemrelevant“, so Dr. Ute Maier.
Die Forderung, die Zahnärzteschaft analog der Ärzte und Psychotherapeuten unter einen finanziellen Rettungsschirm zu stellen, wurde so u. a. in einem gemeinsamen Brief an Ministerpräsident Kretschmann vorgebracht. Dr. Ute Maier: „Ich weiß, die Corona-Pandemie trifft unsere Praxen hart – aber ich weiß auch: Wir tun alles, um bestmöglich zu helfen!“

Jenny Dusche

 

Die Kammer – Ihr Partner

 

Ihre Fragen – unsere Antworten

Ausgabe 5, 2020

26. Februar 2020. Dieser Donnerstag hat die LZK-Geschäftsstelle schlagartig in Alarmbereitschaft versetzt. Nachdem in Baden-Württemberg ein erster bestätigter Fall eines am Coronavirus Erkrankten aufgetreten ist, erreichten die Landeszahnärztekammer unzählige Anfragen aus den Zahnarztpraxen. Wir haben das zum Anlass genommen, auf unserer Webseite einen neuen Bereich unter Zahnärzte/Praxisführung/Coronavirus einzurichten und sukzessive Informationen zum Umgang mit COVID-19 in der Praxis, zu arbeitsrechtlichen Problemstellungen, behördlichen Maßnahmen und zuletzt zu finanziellen Hilfen für die Kammermitglieder zu erarbeiten. Die wichtigsten Antworten auf Ihre Fragen geben Ihnen hier nochmals unsere Experten.

FINANZIELLE HILFEN


Wer bearbeitet die Anträge auf Soforthilfe für die Zahnärztinnen und Zahnärzte?
Gemäß Auskunft des Wirtschaftsministeriums übernehmen die Industrieund Handelskammern (IHK) die Antragsbearbeitung für die Freien Berufe und die Zahnärzte. Der Antrag auf Soforthilfe muss unbedingt wahrheitsgemäß und sorgfältig ausgefüllt werden. Unrichtige oder auch unvollständige Angaben können strafrechtliche Konsequenzen in Form eines Ermittlungsverfahrens wegen Subventionsbetrugs (§ 264 Strafgesetzbuch (StGB)) und wegen falscher Versicherung an Eides statt (§ 156 StGB) nach sich ziehen.

Muss für die Soforthilfe ein Liquiditätsengpass vorliegen? Und wann liegt dieser vor?
Ja, der Antragsteller muss versichern, dass er durch die Corona-Pandemie in existenzielle wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten ist, weil die fortlaufenden Einnahmen aus dem Geschäftsbetrieb voraussichtlich nicht ausreichen, um die Verbindlichkeiten in den auf die Antragstellung folgenden drei Monaten aus dem fortlaufenden erwerbsmäßigen Sach- und Finanzaufwand zu zahlen und sich ein Liquiditätsengpass ergibt. Die Höhe des Liquiditätsengpasses für die drei auf die Antragstellung folgenden Monate ist konkret zu beziffern. Bei der Frage nach der existenzgefährdenden Wirtschaftslage im Antrag ist darzustellen, dass und warum der fortlaufende erwerbsmäßige Sach- und Finanzaufwand sowie in welcher Art und Höhe in den drei auf die Antragstellung folgenden Monaten nicht mehr durch die fortlaufenden Einnahmen aus dem Geschäftsbetrieb gedeckt werden kann. Die Richtlinie zur Soforthilfe gibt weitere Erläuterungen und Hilfestellungen zum Beantworten der gestellten Frage. Bitte wenden Sie sich hierzu auch an Ihren Steuerberater.

Gibt es eine Antragseinreichungsfrist?
Für Anträge auf die Bundesförderung gibt es zum heutigen Stand (14.04.2020) eine Antragseinreichungsfrist zum 31.05.2020. Auch die Anträge auf die Bundessoforthilfe müssen bei der zuständigen Landesbehörde gestellt werden. Anträge auf die Soforthilfe des Landes Baden-Württemberg sind Stand heute (14.04.2020) ebenfalls bis zum 31.05.2020 zu stellen.

Wie berechne ich die Anzahl der Beschäftigten für mein Unternehmen und was ist ein Vollzeitäquivalent (VZÄ)?
Die Anzahl der Beschäftigten ist als Vollzeitäquivalent (VZÄ) anzugeben. Das Vollzeitäquivalent gibt an, wie viele Vollzeitstellen sich rechnerisch insgesamt aus Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigen in einem Unternehmen ergeben. Bei Unternehmen mit bis zu 10 Beschäftigten sind auch Auszubildende oder in der beruflichen Ausbildung stehende Personen mit Ausbildungsvertrag (pro Person 1 VZÄ) mit umfasst. Für Teilzeitkräfte gelten Umrechnungsschlüssel, so wird z. B. eine 50-Prozent-Teilzeitstelle nur mit 0,5 erfasst.

Wie und wo kann ich mich über die Soforthilfe für Baden-Württemberg informieren?
Auf der Internetseite der Soforthilfe Baden-Württemberg sind weitere Hinweise und Fragestellungen unter dem Punkt: „FAQs zur Soforthilfe Corona“ zu Ihrer Information aufgeführt. Diese Hinweise und Fragen werden regelmäßig aktualisiert und sollten dringend gelesen werden. https://wm.baden-wuerttemberg.de/de/service/ foerderprogramme-und-aufrufe/liste-foerderprogramme/soforthilfe-corona/.

Betriebswirtin (VWA) Kathleen Kamprath

UMGANG IN DER PRAXIS


Ich habe Atemschutzmasken bestellt und geliefert bekommen, wie kann ich prüfen, ob die Atemschutzmasken in Ordnung sind?
Hierzu gibt es einen ausführlichen Fragen- und Antwortkatalog (FAQ) der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). In diesem wird auch die Frage „Dürfen auch FFP-Masken ohne CE-Kennzeichnung verwendet und in Verkehr gebracht werden?“ beantwortet. Die FAQ stehen kostenlos über die Homepage der BAuA zur Verfügung und werden den anfragenden Zahnarztpraxen per Direktlink oder als Datei per Mail zur Verfügung gestellt.

Besteht die Möglichkeit getragene Atemschutzmasken aufzubereiten?
In Anbetracht der aktuellen Versorgungsengpässe hat auf Vorschlag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales und des Bundesministeriums für Gesundheit dem Krisenstab der Bundesregierung am 31.03.2020 daher ein neuartiges Wiederverwendungsverfahren von Atemschutzmasken vorgestellt. Somit gibt es nun die Möglichkeit, im Rahmen des Verfahrens eine begrenzte Wiederaufbereitung (maximal zweimal) von Atemschutzmasken, insbesondere mit Filterfunktion (FFP2 und FFP3) durchzuführen. Dazu sind besondere Sicherheitsauflagen einzuhalten (z. B. ordnungsgemäßes Personifizieren, Sammeln, Dekontaminieren der Masken durch Erhitzen). Es kann in Ausnahmefällen, wenn nicht ausreichend persönliche Schutzausrüstung vorhanden ist, in den Einrichtungen des Gesundheitswesens mit vorhandenen Mitteln kurzfristig umgesetzt werden, ohne das Schutzniveau zu senken. Das „Papier des Krisenstabs zum Einsatz von Schutzmasken in Einrichtungen des Gesundheitswesens“, welches unter Einbeziehung des RKI, BfArM sowie IFA entstanden ist, ist über die LZK-Homepage verlinkt. Aus fachlicher Sicht wird an dieser Stelle auf die Stellungnahme inkl. deren Erläuterung der DGSV zur „Wiederaufbereitung“ von Schutzmasken während der Coronapandemie verwiesen.

Ich habe mich im Mai 2020 für meinen fristgemäß erforderlichen Kurs zur Aktualisierung der Fachkunde im Strahlenschutz angemeldet. Nun wurde aufgrund der Corona-Krisenzeit der Aktualisierungskurs abgesagt. Wie habe ich mich richtig zu verhalten?
Vonseiten des Umweltministeriums Baden-Württemberg gibt es für diesen Fall eine „Sonderregelung zur Einhaltung der Strahlenschutz-Aktualisierungsfristen“. Aufgrund der Corona-Krise gelten die im März, April und Mai 2020 ablaufenden Aktualisierungsfristen ohne weitere Prüfung als eingehalten, wenn eine Kursanmeldung für März, April bzw. Mai 2020 vorliegt und die Kursteilnahme zum nächstmöglichen Termin erfolgt. Es spielt dabei keine Rolle, ob der Kurs vom Veranstalter abgesagt wird oder ob der Teilnehmer absagt. Über diese Sonderregelung wurde im Kammer KOMPAKT Nr. 19 berichtet.

Marco Wagner

ARBEITSRECHTLICHE PROBLEMSTELLUNGEN


Kann ich als Arbeitnehmer*in, der/ die in die Risikogruppe fällt, einfach von der Arbeit zuhause bleiben, um mich nicht weiterhin der Gefahr auszusetzen, angesteckt zu werden?
Nein. Allein die Angst vor einer Ansteckung entbindet Arbeitnehmer*innen nicht von ihrer arbeitsvertraglichen Pflicht, ihre Arbeitsleistung zu erbringen. Ein eigenmächtiges Fernbleiben von der Arbeit ist nicht zulässig. Dies gilt auch bei Angestellten, die einer Risikogruppe angehören. Der/Die Arbeitgeber*in hat allerdings eine erhöhte Fürsorgepflicht gegenüber diesen Mitarbeitern und muss diese besonders schützen. Diese Schutzpflicht kann er/sie beispielsweise durch eine (bezahlte) Freistellung der Mitarbeiter*innen erfüllen. Einen Anspruch auf eine solche Freistellung hat der/die Mitarbeiter*in allerdings nicht. Eine andere Möglichkeit ist den Abbau von Überstunden und Resturlaub anzuordnen oder unbezahlten Urlaub zu gewähren.

RAin Corinna Stetter (Syndikusrechtsanwältin)


Muss ich als Arbeitnehmer*in der Kurzarbeit zustimmen?
Ein/Eine Arbeitgeber*in ist nicht berechtigt, einseitig Kurzarbeit anzuordnen. Die Einführung von Kurzarbeit ist an bestimmte arbeitsrechtliche Voraussetzungen geknüpft und danach nur zulässig, soweit die betroffenen Arbeitnehmer*innen (schriftlich) zustimmen, oder sich im Arbeitsvertrag bereits eine solche Regelung findet. Bei Verweigerung des Einverständnisses bleibt nur die Möglichkeit der Änderungskündigung mit voller Entgeltfortzahlung während der Kündigungsfrist. Der/Die Arbeitgeber*in hat dann die Möglichkeit, für die Zeit nach Ablauf der Kündigungsfrist einen neuen Arbeitsvertrag mit verkürzter Arbeitszeit und entsprechend reduziertem Gehalt anzubieten.

RAin Dr. Anja Moessinger (Syndikusrechtsanwältin)


Wann und in welcher Höhe habe ich einen Erstattungsanspruch nach dem Infektionsschutzgesetz?
Nach dem Infektionsschutzgesetz (IfSG) kann das Gesundheitsamt insbesondere Kranken, Krankheitsverdächtigen und Ansteckungsverdächtigen die Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeit untersagen. Wenn ein/eine Arbeitnehmer*in aufgrund dieser Maßnahme sich in einer vom Gesundheitsamt angeordneten Quarantäne befindet und nicht arbeiten darf, kann für den Verdienstausfall nach § 56 Abs. 1 IfSG eine Entschädigung gezahlt werden. Der/Die Arbeitgeber*in tritt dabei zunächst in Vorleistung, d. h. er/sie zahlt den vertraglich festgelegten Lohn an den/ die Arbeitnehmer*in weiter und kann die Erstattung für den Zeitraum des Tätigkeitsverbotes dann beim örtlich zuständigen Gesundheitsamt beantragen. Der Antrag ist beim örtlichen Gesundheitsamt (beim Landratsamt, oder der Stadtverwaltung bei kreisfreien Städten) innerhalb einer Ausschlussfrist von drei Monaten ab Erteilung des Tätigkeitsverbotes zu stellen. Ihm ist eine Bescheinigung des Arbeitgebers über gezahltes Arbeitsentgelt und Abzüge beizufügen.
Für die Berechnung des Verdienstausfalls im Falle einer behördlich angeordneten Quarantäne bei Selbstständigen wird ein Zwölftel des jährlichen Arbeitseinkommens aus der entschädigungspflichtigen Tätigkeit zugrunde gelegt. Hierfür ist dem Gesundheitsamt der letzte Einkommenssteuerbescheid vorzulegen. Dieser Monatsbetrag ist dann Grundlage des vom Gesundheitsamt berechneten Entschädigungsanspruchs. Auch hier ist die Ausschlussfrist von drei Monaten, ab Erteilung des Tätigkeitsverbotes, für die Antragstellung dringend zu beachten.
Zusätzlich zu dem Anspruch auf Verdienstausfall, kann im Einzelfall beim zuständigen Gesundheitsamt auch beantragt werden, dass laufende Betriebskosten (bspw. Mietkosten) für den Zeitraum der Unterbrechung übernommen werden. Es besteht jedoch die Verpflichtung des Betroffenen, für die Zeit des Tätigkeitsverbotes die Betriebskosten in zumutbarem Umfang zu senken.

RA Stefan Oschmann

 

Behandlung von Patienten in der Praxis Dres. Tröltzsch

 

Es gibt keine Zeit nach COVID-19, nur eine vor und eine mit COVID-19

Ausgabe 5, 2020

Grundsätzlich hinterfragen wir kritisch die bestehenden Vorgaben auf Korrektheit und Anwendbarkeit und sind als niedergelassene Fachärzte für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie mit Klinikanbindung regelhaft in die Behandlung von Patienten mit infektiösen Erkrankungen involviert. Was wir nicht sind: Virologen. Dieser Post ist kein offizielles Statement, sondern Ergebnis unserer eigenen Recherchen, die wir seit dem Ausbruch von SARS-CoV-2 in Wuhan im Januar 2020 zum Selbstschutz betrieben haben und weiter betreiben.

Was wissen wir? Wir haben es mit einem RNA-Virus aus der Gruppe der Coronaviridae zu tun. Die Gruppe ist seit vielen Jahren bekannt. Das besondere Virus, mit dem wir es hier zu tun haben, wurde erst im Januar 2020 identifiziert.
Sowohl in der öffentlichen Meinung als auch in der medizinischen Fachwelt kursieren unterschiedliche Darstellungen über die Gefährlichkeit und Auswirkungen des Virus. Jedoch gibt es ein paar Grundregeln, die in jeder Krise, insbesondere in medizinischen Epidemiesituationen, immer gelten: Medizinisches Fachpersonal sollte nur gesicherte Informationen weiterverbreiten, sollte warnen, aber auch gleichzeitig der Entstehung von Sorgen entgegenwirken. Es ist die Aufgabe der wahren Experten, nicht jedoch von Einzelpersonen, Rahmenbedingungen festzusetzen, notwendige Ratschläge zu erteilen und Handlungsempfehlungen zu geben. Im Mikrokosmos des eigenen Unternehmens können unter der Berücksichtigung der vorhandenen Evidenz gerade bei medizinisch relevanten Themen individuell unterschiedliche Handlungsempfehlungen zum Umgang mit der aktuellen und auch den zukünftigen Krisen erarbeitet werden, die durchaus stark voneinander abweichen können.

Fakten. Es wird die Spraynebelwolke bei zahnärztlichen Behandlungen als Gefahrenbereich angesprochen. Die Gefahr durch pathogenhaltige Aerosole besteht grundsätzlich bei Eingriffen jedweder medizinischer oder zahnmedizinischer Fachrichtung bei allen Eingriffen im Bereich der oberen Atemwege und des Rachens. Da bekannt ist, dass SARS-CoV-2 im Bereich des Rachens replizieren kann, kommt eine Gesundheitsgefährdung durch Aerosole auch bei diesem Erreger prinzipiell in Betracht. Der Hauptübertragungsweg scheint allerdings nach Maß- gabe des Robert-Koch-Instituts (RKI) die Tröpfcheninfektion zu sein. Auch wenn die Infektiosität von Aerosolen in diesem Bereich grundsätzlich denkbar ist, so fehlt aktuell dafür eine klare Evidenz.
Die Maßgabe des RKI, Abstände zwischen Menschen von mindestens 1,5 m zu halten, rührt aus dem Sachverhalt her, da bereits die Tröpfchen, die beim Sprechen weitergegeben werden, eine Infektionsquelle sein können. Auch beim hoch vernebelten Aerosolbereich um den Patienten bei Behandlungen im Bereich des oberen Aerodigestivtraktes mit Wasserspray handelt es sich tatsächlich um einen Gefahrenbereich. Entsprechende Schutzmaßnahmen sind grundsätzlich zu treffen. Diese Maßgaben sind allerdings nicht neu, sondern waren schon immer gemäß der Sorgfaltspflicht der Ärzte und Zahnärzte verpflichtend.

Viruspartikel. Natürlich gibt es Viruspartikel von SARS-CoV-1/2 im Aerosol. Entscheidend für die Infektion ist also die tatsächliche Ingestion von Viruspartikeln. Ob nun in den Aerosolen, die bei zahn- ärztlichen Behandlungen entstehen können, ausreichend hohe Viruskonzentrationen entstehen, um eine Infektion zu erzeugen, ist aktuell nicht untersucht. Hauptinfektionsquelle sind Bagatellkontakte außerhalb des professionellen, eingeschränkt kontrollierbaren Settings. Wussten Sie, dass sich auch beispielsweise HI-Viren speziell im zahnärztlichen Aerosol finden? Nicht jeder HIV-Positive offenbart Ihnen seine Infektion – und dennoch arbeiten Sie normal.
Schützt uns unser Normalmundschutz also sicher vor allen Infektionen? Ganz klar nein. Für die aktuelle Situation sind die Richtlinien des RKI wissenschaftlich belegt und nachvollziehbar. Die FFP2- und FFP3-Masken sind für bestätigte COVID-19-Fälle zu nutzen. Aber ob diese real einen besseren Schutz bieten, ist aktuell nicht sicher und hängt viel vom Handling ab.

Mundschutz und Brille. Im chinesischen Wuhan infizierten sich an der Zahnklinik trotz der anfänglich normalen Behandlung und später der Behandlung von symptomatischen COVID-19-Patienten 0,47 Prozent der dort arbeitenden Personen. Deshalb in den Praxen immer (!) – auch im Gespräch – Mundschutz und Brille tragen und auf jede körperliche Begrüßung verzichten. Somit reduzieren Sie das Risiko, das von Ihnen ausgeht. Dieses Risiko sollte damit als deutlich geringer anzusehen sein als die Standardkontakte, die im Supermarkt stattfinden. Ihr Erfolg wird von der aktiven Mitwirkung aller Menschen innerhalb und außerhalb des Gesundheitswesens abhängen. Trotz aller Steigerung des Wettbewerbs und trotz Finanzierungspro-Sonderthema 29 www.zahnaerzteblatt.de ZBW 5/2020 blemen verfügt die Bundesrepublik Deutschland aktuell über ein ausgezeichnet arbeitendes Gesundheitssystem.
In der Provinz Hubei in China wurden am 27. Januar 2020 zahn- ärztliche Interventionen eingeschränkt. Dies wurde primär durchgeführt, um zwischenmenschliche Kontakte zu minimieren. Bis zum 20. Januar 2020 wurde zahnärztlich mit regulärer Ausrüstung gearbeitet; erst ab dem 20. Januar mit besonderem Schutz. In der Universitätszahnklinik von Wuhan infizierten sich von insgesamt 1.926 dort arbeitenden (1.098 Angestellte und 828 Studenten) insgesamt neun Personen = 0,47 Prozent. Es wird davon ausgegangen, dass es aufgrund des Tragens von Masken hier zu keiner weiteren Krankeitsverbreitung kam. Prof. Dr. med. dent. Zhuan Bian führte am 25. März 2020 ein Webinar durch. Darin wies er auf die relativ geringe Infektionsrate des zahnärztlichen und ärztlichen Fachpersonals hin, wobei einige der Infektionen im privaten Umfeld erfolgten (über 20.000 Angestellte insgesamt in mehreren Krankenhäusern mit zusammen neun Infizierten- und Verdachtsfällen). Prof. Bian zeigte auf, dass ärztliches Personal häufiger betroffen war als zahnärztliches. Hier kam es häufiger zu schweren und tödlichen Verläufen – obwohl die Menge der Pathogene im Mund und Rachen besonders hoch ist und der zahnärztliche Bereich später informiert wurde. Prof. Bian führt dies darauf zurück, dass Zahnärzte und zahnärztliches Personal so gut wie immer mit Mund/Nasenschutz und Handschuhen sowie Brille am Patienten arbeitet, wohingegen Ärzte und ärztliches Personal das selten taten. Zudem betonte Prof. Bian deutlich, dass es keinen Beweis gibt, dass die COVID-19-Partikel im Aerosol tatsächlich infekti- ös sind und es seiner Meinung nach dafür auch keinen Hinweis gibt. Er führt weiter an, dass jede Art von desinfizierender Mundspülung vorteilhaft sei, es dafür aber keine Evidenz gibt. Prof. Bian sprach deutlich an, dass die reguläre zahn- ärztliche Schutzausrüstung in der Uni getragen und dass mit dieser normalen Ausrüstung die niedrige Ansteckungsrate erreicht wurde. Nachdem der Lockdown erfolgte, kam es zu keinen weiteren Infektionen.


Grundregeln. Medizinisches Fachpersonal sollte nur gesicherte Informationen weiterverbreiten, sollte warnen, aber auch gleichzeitig der Entstehung von Sorgen entgegenwirken.

Sorgfalt. In dem Wissen, dass FFP2- und FFP3-Masken möglicherweise im klinischen Alltag und bei nicht perfekt erlernter Anwendung nicht mehr schützen als der normale Mund/Nasenschutz, ist die Übertragbarkeit der dortigen Maßnahmen auf uns noch weiter zu hinterfragen.
Dieser Pandemie können wir alle nur begegnen, wenn wir mit Sorgfalt, Vorsicht, aber auch Ruhe und Gelassenheit handeln. Nach der Krise wird es nötig sein, mit der Politik über vergangene Fehleinschätzungen und kommende Änderungen zu diskutieren Wie das Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene anmahnt, werden wir vermutlich auf lange Zeit den Takt in den Praxen drosseln müssen, sodass Patienten einander nicht zu nahe kommen. Die bestehenden Honorare werden an die nun umzusetzenden und noch kommenden Standards anzupassen sein. Auch wenn es irgendwann eine Impfung geben wird, die aufgrund der Beschaffenheit des Virus wohl ähnlich der InfluenzaImpfung immer wieder erneuert werden muss, wird SARS-CoV-2 und COVID-19 ein ständiger Feind in unseren Praxen bleiben.
Zahnärzte sind in unserem modernen Gesundheitssystem wichtig. Es sind Spezialisten für die orale Gesundheit und der Fähigkeit zur Nahrungsaufnahme unserer Patienten. Dies dient der physischen und psychischen Gesunderhaltung der Gesellschaft. Lassen Sie sich nicht von jeder Theorie verängstigen. Sie sind ZahnÄRZTE!

Dr. Matthias Tröltzsch
Dr. Markus Tröltzsch

 

Coronavirus SARS-CoV-2 in der Entwicklung

 

Wie sich das Virus ausbreitete

Ausgabe 5, 2020

Seit Dezember 2019 bestimmt das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 und dessen Ausbreitung unser Leben. Ausgehend von China, hat sich das neuartige Virus mittlerweile weltweit ausgebreitet. Das Thema beherrscht seit Monaten die Schlagzeilen. Die Zusammenfassung zeigt den weltweiten Verlauf und die Ausbreitung des Coronavirus bis zum aktuellen Stand.

12.2019
In Wuhan treten erste Fälle auf
Anfang Dezember treten in der chinesischen Stadt Wuhan erste Fälle einer unbekannten Lungenerkrankung auf.

31.12.2019

China informiert die WHO
Chinesische Behörden informieren das Büro der WHO in China, dass seit Anfang Dezember mehrere Fälle einer Lungenentzündung in der Stadt Wuhan aufgetreten seien. Der Erreger dieser Krankheit ist bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht identifiziert.

7.1.2020
China vermeldet die Identifizierung des Coronavirus
Chinesischen Experten gelingt es, das Coronavirus zu identifizieren. Es gehört zu der Familie der Coronaviren. Es erhält vorerst den Namen 2019-nCoV.

11.1.2020

Der erste Todesfall wird vermeldet
Die Behörden in China bestätigen den ersten Todesfall im Zusammenhang mit dem Coronavirus 2019-nCoV.

13.1.2020
Das Virus breitet sich über die Grenzen
Chinas hinaus aus Der erste Infektionsfall außerhalb der Volksrepublik China wird von der WHO gemeldet.

20.1.2020

Mensch-zu-Mensch-Übertragung wird bestätigt
Chinesische Experten vermelden, dass das Virus von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Hierdurch wird die Gefahr einer weiteren Ausbreitung deutlich erhöht.

21.1.2020
Erster bestätigter Fall in den USA
Die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC bestätigt, dass bei einem US-Bürger, der durch China gereist war, eine Infektion mit dem Coronavirus nachgewiesen wurde.

23.1.2020

Wuhan wird unter Quarantäne gestellt
Flüge, Züge, Fähren und Fernbusse in Wuhan werden gestoppt. Das Alltagsleben in der Metropole kommt zum Erliegen und die Bewohner der Stadt dürfen nur noch mit Atemmasken auf die Straßen.

27.1.2020
Coronavirus erreicht Deutschland
In Deutschland wird erstmals eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus bestätigt. Der Angestellte der Firma Webasto aus Bayern hatte sich bei einer chinesischen Mitarbeiterin des Unternehmens angesteckt, bei der nach ihrer Rückkehr nach China das Virus festgestellt wurde.

30.1.2020

WHO reagiert auf die fortschreitende Ausbreitung des Coronavirus
Aufgrund der zunehmenden Ausbreitung des Virus entschließt sich die WHO dazu, den Gesundheitsnotstand auszurufen. Weltweit gibt es an diesem Datum circa 7.760 Infizierte und 170 Tote, wobei alle Todesfälle in China zu verorten sind.

7.2.2020
Bekannter Arzt in China stirbt
Der Augenarzt Li Wenliang aus Wuhan stirbt. Er hatte bereits im Dezember 2019 auf den Ausbruch einer mysteriösen Krankheit hingewiesen. Sein Tod löste in China eine große Anteilnahme aus.

11.2.2020

Virus heißt nun SARS-CoV-2
Testergebnisse von chinesischen Forschern besagen, dass die Inkubationszeit bis zu 24 Tage betragen kann – das sind zehn Tage mehr als zuvor angenommen. Des Weiteren wird der Name des Coronavirus von 2019- nCoV zu SARS-CoV-2 geändert. Die Lungenkrankheit, die durch das Virus ausgelöst werden kann, heißt nun COVID-19.

23.2.2020
Italien riegelt Städte ab
In Europa ist Italien am stärksten betroffen, es gibt mehr als 150 nachgewiesene Infektionen. Das Land riegelt Städte im Norden ab. Auch in Südkorea steigt die Zahl der Infizierten mit dem Coronavirus weiter an. Deswegen hat die Regierung die höchste Alarmstufe ausgerufen. Südkorea ist neben China das am stärksten betroffene Land. Auch im Iran werden immer mehr Verdachtsfälle gemeldet.

25.2.2020

Erster Fall in Baden-Württemberg
In Baden-Württemberg gibt es den ersten nachgewiesenen Fall, ebenso in NordrheinWestfalen. Dort stammt der Patient aus dem später besonders betroffenen Kreis Heinsberg.

26.2.2020

Neue Fälle in Deutschland
Insgesamt werden neun neue Coronafälle in Deutschland gemeldet. Jeweils vier der Infektionsfälle sind in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg zu verorten. Der neunte wurde in Rheinland-Pfalz diagnostiziert.

2.3.2020
Risiko laut RKI mäßig
Das Robert Koch-Institut (RKI) stuft die Risikobewertung des Coronavirus für die Gesundheit der Bevölkerung auf „mäßig“ hoch. Es gibt Infektionen in rund 60 Ländern.

7.3.2020

Weltweit mehr als 100.000 Fälle
Nun gibt es weltweit mehr als 100.000 Infizierte. Neben Asien ist Europa sehr stark betroffen. Hier steigen auch weiterhin besonders in Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland die Infektionszahlen und auch die Todesfälle nehmen zu.

9.3.2020
Italien wird Sperrzone
Italien erklärt das ganze Land zur Sperrzone. Der Dax verzeichnet den höchsten Verlust seit den Terroranschlägen vom 11. September.

11.3.2020
WHO ruft Pandemie aus
Die WHO ruft eine Pandemie aus. Kanzlerin Angela Merkel warnt vor einer Überlastung des Gesundheitssystems.

13.3.2020

Hamsterkäufe in Deutschland
Der Absatz von Konserven hat sich seit Ende Februar fast verdreifacht. Auch Desinfektionsmittel (+ 171 %), Toilettenpapier (+ 157 %), Seife (+ 141 %) und Nudeln (+ 109 %) sind massiv nachgefragt. US-Präsident Donald Trump ruft den nationalen Notstand aus.

14.3.2020

Zweites europäisches Land verhängt
Ausgangssperren Nach Italien ruft nun mit Spanien ein weiteres EU-Land den nationalen Notstand aus und verhängt Ausgangssperren. Weltweit nimmt die Zahl der Infektionen und die der Todesfälle weiter zu.

16.3.2020
Deutschland ordnet neue Maßnahmen an
Kanzlerin Angela Merkel stellt die beschlossenen Maßnahmen im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus vor. Neben Schulen und Kindergärten werden die Grenzen weitgehend geschlossen, Flughäfen dichtgemacht und Justiz, Politik und gesellschaftliches Leben auf das Nötigste reduziert. Die Tübinger Firma Curevac erhält von der Europäischen Kommission bis zu 80 Millionen Euro für die Entwicklung eines Corona-Impfstoffes. Die Schweiz erklärt den Notstand und Frankreich verhängt Ausgangssperren.

17.3.2020

Risiko für Gesundheit jetzt „hoch“
Das Robert-Koch-Institut (RKI) stuft das Risiko für die Bevölkerung durch das Coronavirus jetzt als „hoch“ ein.

18.3.2020
Rechtsverordnung tritt in Kraft
Die Rechtsverordnung der Landesregierung Baden-Württemberg über infektionsschützende Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus SARS-CoV-2 tritt in Kraft. Einrichtungen und Geschäfte werden in großem Umfang geschlossen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hält eine Rede an die Nation und spricht von einer Herausforderung von „historischem Ausmaß“. Sie mahnt Solidarität und Disziplin im Kampf gegen das Coronavirus an. Die EU verhängt einen Einreisestopp.

22.3.2020

Kontaktbeschränkungen
Bund und Länder einigen sich auf strenge Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen. Millionen Deutsche können nicht mehr arbeiten oder arbeiten im Homeoffice. Da die Todeszahlen in Italien weiter stark ansteigen, schließt das Land alle nicht lebensnotwendigen Produktionen. Indien verhängt eine 21-tägige Ausgangssperre, um das Coronavirus einzudämmen.

29.3.2020
USA hat die meisten Infektionen
Mit über 140.000 sind in den USA jetzt mehr Infektionen bekannt, als in jedem anderen Land der Welt offiziell erfasst wurden. Allein in New York City gibt es kurz darauf mehr Infizierte als in Deutschland insgesamt. Spanien schließt „nicht lebensnotwendige Unternehmen“.

2.4.2020
Zahl der Corona-Fälle steigt weiter
Die Zahl der Menschen, die sich in Deutschland mit dem Coronavirus angesteckt haben, ist weiter gestiegen. Die Gesundheitsämter der Länder melden für Deutschland mehr als 72.500 bestätigte Fälle. Mehr als 840 Menschen sind an den Folgen der Ansteckung gestorben.

3.4.202

Weltweit mehr als eine Million CoronaInfektionen
Die Zahl der bestätigten CoronavirusFälle weltweit ist auf mehr als eine Million gestiegen. Mehr als 53.000 Menschen sind nach Angaben der amerikanischen JohnsHopkins-Universität gestorben. Die Dunkelziffern könnten höher liegen, weil es unterschiedliche Zählweisen und Möglichkeiten zum Testen gibt.

6.4.2020
Fast 10.000 Corona-Tote in den USA
In den USA nähert sich die Zahl der Todesopfer der Coronavirus-Pandemie der Marke von 10.000 an. Binnen 24 Stunden starben mehr als 1.200 Menschen an der Infektion.

7.4.2020

Schwer kranke Corona-Patienten dürfen
nicht zugelassenes Mittel testen Besonders schwer erkrankte Corona-Patienten dürfen auch in Deutschland künftig mit dem noch nicht zugelassenen Wirkstoff Remdesivir behandelt werden, wenn alle anderen Mittel versagt haben. Das hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte genehmigt.

15.4.2020
Deutschland verlängert Ausgangsbeschränkungen
Die Bundesregierung beschließt, die Kontaktbeschränkungen bis 3. Mai zu verlängern. Öffentliche Gesundheitsdienste erhalten zusätzliches Personal, damit Infektionsketten besser unterbrochen werden können. Besonders betroffene Gebiete erhalten schnell abrufbare Unterstützungen und der Bund schafft mehr Testkapazitäten.

21.4.2020

Maskenpflicht in Baden-Württemberg
Baden-Württemberg führt ab 27. April eine Maskenpflicht in Geschäften und im öffentlichen Nahverkehr ein. Die Bundesregierung plant ein weiteres Gesetzespaket für den Gesundheitsbereich. Dabei geht es u. a. um eine massive Ausweitung von CoronavirusTests, um schärfere Meldepflichten bei Verdachts- und Krankheitsfällen sowie Laborbefunden und um den Schutz von privat Krankenversicherten, die in der Krise in finanzielle Schwierigkeiten geraten.

 

Kontakt mit Erkrankten

 

Habe ich mich mit dem Coronavirus angesteckt?

Ausgabe 5, 2020

Es wird häufiger werden, dass sich Menschen fragen: Wie nah ist mir das neue Coronavirus schon gekommen? Muss ich mir Sorgen machen, wenn ich jemanden kenne, der positiv auf Sars-CoV-2 getestet wurde? Vielen ist unklar, wie sie sich dann verhalten sollen – etwa wann sie sich beim Gesundheitsamt melden müssen. Der Entscheidungsbaum aus der Wochenzeitung „Die Zeit“ hilft dabei, das persönliche Infektionsrisiko einzuschätzen, um sich und die Mitmenschen zu schützen.


Hinweis: Unsere Empfehlungen orientieren sich an den Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI), ergänzt durch eigene Recherchen. Der Entscheidungsbaum ist nur für die persönliche Orientierung im Alltag gedacht. Bei der Nachverfolgung von Infektionsketten unterteilt das RKI Kontaktpersonen in drei Kategorien. Kategorie III ist für Personal im Gesundheitssektor bestimmt und findet sich nicht in unserer Ansicht wieder. Für Reisende, die sich in Risikogebieten aufgehalten haben, gelten andere Regelungen.

Jakob Wittmann, Alisa Schröter,
Sven Stockrahm

 

Universitätsklinikum Freiburg

 

Schutzmasken aus dem Drucker

Ausgabe 5, 2020

Die Klinik für Zahnärztliche Prothetik am Universitätsklinikum Freiburg beginnt wegen der Corona-Krise mit der Produktion von Schutzmasken. Im 3D-Druck soll in Zeiten der Knappheit Schutzausrüstung hergestellt werden. Hierfür wurde das digitale Druckverfahren, das sonst für die Herstellung von Zahnprothesen genutzt wird, gemeinsam mit der Berliner Charité weiterentwickelt.

Damit die Mitarbeiter*innen und Patient*innen des Universitätsklinikums Freiburg während der CoronaPandemie geschützt werden können, beginnt die Klinik für Zahnärztliche Prothetik am Universitätsklinikum Freiburg mit der Herstellung von Schutzausrüstung. Die Klinik nutzt hierfür in enger Zusammenarbeit mit der Abteilung für Zahnärztliche Prothetik, Alterszahnmedizin und Funktionslehre an der Charité, Universitätsmedizin Berlin ihre fachliche Kompetenz im 3D-Druck. Das digitale Druckverfahren wird sonst für die Herstellung von Zahnersatz und entsprechenden zahnprothetischen Hilfsmitteln genutzt. Jetzt sollen Visierhalterungen und andere Hilfsmittel aus dem sterilisierbaren und biologisch abbaubaren Biopolymer PLA produziert werden. „Wir müssen in der aktuellen Situation kreative Lösungen finden und interdisziplinär zusammenarbeiten“, sagt Professor Dr. Benedikt Spies, Ärztlicher Direktor der Klinik für Zahnärztliche Prothetik am Universitätsklinikum Freiburg.


Prototyp. Druck eines Schutzvisier-Prototypen in der Klinik für Zahnärztliche Prothetik am Universitätsklinikum Freiburg.

Testphase. Eine erste Fertigung von Visierhalterungen für den klinischen Einsatz hat bereits begonnen und wird momentan ausführlich von Teams in Freiburg und Berlin getestet. Mit einer gelochten und daran befestigten Overheadfolie zum Einmalgebrauch entsteht ein Schutzvisier, das in bestimmten Situationen besser schützt als eine konventionelle Schutzbrille. Die Mitarbeiter*innen der Fachbereiche prüfen online frei verfügbare Druckpläne und evaluieren Druckzeit, Materialverbrauch sowie Nutzbarkeit im medizinischen Bereich. „Wir möchten Alternativen aus Materialien bieten, die auf dem Markt momentan noch gut erhältlich sind. Die Druckanleitungen stehen frei zur Verfügung und werden von uns auf Praktikabilität und Wirtschaftlichkeit getestet um anderen potenziellen Anwendern eine zeitraubende Testphase zu ersparen“, erklärt Dr. Christian Wesemann, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Abteilung für Zahnärztliche Prothetik, Alterszahnmedizin und Funktionslehre der Charité, Universitätsmedizin Berlin, den Nutzen für niedergelassene Ärzt*innen sowie Kliniken.


Test. Verschiedene Prototypen des Schutzvisiers werden für den Einsatz im medizinischen Bereich getestet.

Schnelle Produktion. Aufgrund der zu erwartenden hohen Nachfrage nach Schutzausrüstung ist eine bundesweite Kooperation möglich: „Damit wir möglichst rasch unsere Produktion vergrößern können, sind wir auf die Mithilfe von Zahnarztpraxen und anderen Einrichtungen angewiesen, in denen die entsprechenden Drucker momentan nicht genutzt werden“, sagt Dr. Spies. So könnte flexibel auf einen möglichen akuten Mangel bestimmter Schutzartikel reagiert und die Produktion auf weitere benötigte Gegenstände wie Plastikteile für Beatmungsgeräte oder Masken erweitert werden.
Das Pilotprojekt wird von der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie sowie der Klinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie am Universitätsklinikum Freiburg unterstützt.

Uni Freiburg/IZZ

 

Im Gespräch mit dem Virologen Prof. Dr. Thomas Iftner

 

„Die Maßnahmen sind momentan völlig angemessen“

Ausgabe 5, 2020

Corona beherrscht das komplette Weltgeschehen: Die Grenzen sind geschlossen, die Wirtschaft ist auf Talfahrt, das öffentliche Leben nahezu lahmgelegt. Sämtliche Expert*innen, Forscher*innen und sogar die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschäftigen sich intensiv mit dem zoonotischen Erreger SARS-CoV-2. Bedauerlicherweise äußern sich immer wieder auch Laien und natürlich Verschwörungstheoretiker – die klare Einschätzung der Lage eines Virologen tut daher doppelt gut.

„Die Maßnahmen sind momentan völlig angemessen und man muss der Bevölkerung dankbar sein, dass sie diese so gut einhält“, beurteilt Prof. Dr. Thomas Iftner, die Situation. Der Leiter des Instituts für Medizinische Virologie und Epidemiologie der Viruserkrankungen am Universitätsklinikum Tübingen war schon Anfang April der Meinung, dass das Containment noch bis Anfang Mai eingehalten werden müsse.
Nach der Lockerung der Quarantäne-Maßnahmen ist es besonders für die ältere Bevölkerung und die Menschen mit Risikofaktoren wichtig, dass sie noch weitere drei Wochen von der restlichen Bevölkerung isoliert bleiben um sich nicht anzustecken und gar schwer zu erkranken.


Längere Phase. „Wir werden sicherlich nicht durch eine Phase von Wochen, sondern eher von Monaten gehen, bis wir in Deutschland über diese Pandemie hinweggekommen sind“.

Coronaviren keine Unbekannten. Als Virologe sind Prof. Iftner die seit 1960 bekannten Coronaviren geläufig. „Deren harmlose Vertreter wie z. B. OC43 sind für 30 Prozent aller respiratorischen Infekte in der Bevölkerung verantwortlich. „Nicht zuletzt durch die Ausbrüche von SARS 2003 und MERS 2012 sind mir als Allgemeinvirologen die Coronaviren bekannt“. Während der bisher größten SARSEpidemie in den Jahren 2002 und 2003 starben weltweit 774 Menschen.
Immer wieder werden Stimmen laut, die das Virus verharmlosen, es mit dem Influenza-Erreger gleichsetzen. Wesentlicher Unterschied: Die Influenza ist eine Krankheit, gegen die es einen Impfstoff gibt und zudem Medikamente. Beide Hilfemaßnahmen gibt es aktuell gegen das Coronavirus nicht. Zudem ist es wohl nicht saisonabhängig wie die bekannten Grippeviren, die mit dem Frühjahr abnehmen, sondern wird uns wohl über das laufende Jahr und darüber hinaus begleiten.

Kristallstruktur aufgeklärt. Das neue Coronavirus SARSCoV-2 wurde als Erreger der COVID-19-Pandemie identifiziert. Die virale Hauptprotease (Mpro, auch 3CLpro genannt) ist an der Bildung des Coronavirus-Replikationskomplexes und damit an der Vervielfältigung des Virus beteiligt. Ihre Kristallstruktur wurde durch die Forschungsgruppe von Prof. Dr. Rolf Hilgenfeld an der Universität zu Lübeck und im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) aufgeklärt. Schützen kann man sich nur durch Quarantäne-Isolation oder „die üblichen Basis-Hygiene-Maßnahmen wie häufiges Händewaschen, Desinfizieren, Nies- und Hustenetikette und Abstandhalten“, so Prof. Iftner.

Keine Aussage über Verlauf. Eine klare Vorhersage über den weiteren Verlauf zu treffen, ist laut dem Virologen aktuell nicht möglich, „aber wir werden sicherlich nicht durch eine Phase von Wochen, sondern eher von Monaten gehen, bis wir in Deutschland über diese Pandemie hinweggekommen sind“. Auch nach einer Lockerung des Containments ist damit zu rechnen, dass die Personen, welche isoliert und bislang nicht infiziert waren, sich infizieren können und es somit zu einem erneuten Anstieg der Zahl der Infizierten kommt. „Dann muss die Bevölkerung ruhig bleiben und die Medien sollten darauf gelassen reagieren, denn dieser zweite Anstieg ist zu erwarten und sollte schwächer ausfallen“. Dann ist es zu hoffen, dass wir weniger schwere Verläufe sehen.

Cornelia Schwarz

 

Schatten über der Seele – wenn Quarantäne auf die Stimmung drückt

 

Was tun gegen Niedergeschlagenheit und Existenzangst

Ausgabe 5, 2020

Nahezu die ganze Welt ist derzeit betroffen. Corona allerorten und kein Entrinnen: Während der oder die eine die Auszeit begrüßt, endlich das Buch zur Hand nimmt, das seit Monaten ungelesen herumliegt oder den Garten umgräbt, tigert der oder die andere ruhelos durch die heimische Wohnung. Was lässt sich tun gegen die Stimmungsschwankungen und auch die Existenzängste? Das ZBW hat bei Prof. Dr. Michael Dick, Arbeitspsychologe und Professor für Betriebspädagogik an der Universität Magdeburg, nachgefragt, der unter anderen Umständen auf der diesjährigen Frühjahrskonferenz als Referent vorgetragen hätte. Nun haben wir das Thema geändert, das Auditorium ist teilweise dasselbe.

Herr Prof. Dr. Dick, das Coronavirus hat auch psychosoziale Folgen. Angstzustände, Depressionen, Schlafprobleme. Wird Ihrer Ansicht nach der psychosomatischen Medizin derzeit genug Platz eingeräumt?

Das Zusammenwirken biologischer, psychischer und sozialer Einflüsse beim Entstehen von Krankheiten ist weitgehend anerkannt. Gleichzeitig aber ist es nicht mit den Mitteln nur einer Disziplin zu verstehen oder gut zu erforschen. Wenn wir uns beispielsweise den Übergang von psychischer Erschöpfung zu einem Burnout-Syndrom und weiter von diesem auf eine Depression vergegenwärtigen, dann ist es schwer, den jeweiligen Übergang zu bestimmen oder gar vorherzusehen. Die alltägliche Lebenssituation und deren dauerhafte Belastungen wirken genauso mit, wie individuelle Persönlichkeitsfaktoren und gesundheitliche Dispositionen. In der Forschung bräuchte es hier engere und langfristig angelegte Kooperationen zwischen Medizin, Arbeitswissenschaft und Psychologie/Pädagogik. In der Praxis müssten aus meiner Sicht die Allgemeinmedizin bzw. Hausärzt*innen eine deutlich wichtigere Rolle spielen. Ihnen wird aber in der Ausbildung – und wohl auch die der Vergütung von Leistungen – verglichen mit fachlichen Spezialisierungen weniger Aufmerksamkeit geschenkt.


Prof. Dr. Michael Dick

Ausgangssperre, Social Distancing und Infektionsschutzmaß- nahmen, dazu fehlende soziale Kontakte, negative Schlagzeilen im Akkord und die damit verbundene Zeit zum Grübeln. Was sollten Menschen tun, um in dieser verrückten Zeit nicht selbst „verrückt“ zu werden?

Unmittelbar umsetzbar ist es, sich den Alltag zeitlich zu strukturieren und einzuhalten. Ebenfalls unmittelbar umsetzbar ist es, sich mit konkreten Projekten oder Aufgaben zu beschäftigen, die die Konzentration binden, in die man sich vertiefen kann und die einem Erfolgserlebnisse geben. Einfache Beispiele: Puzzle spielen, Gartenarbeit, Renovierung, etwas Bauen, Malen, Musizieren. Soziale Kontakte kann man auch ohne große Voraussetzungen aufrechterhalten. Ebenfalls sofort und ohne Voraussetzungen können wir uns darum bemühen, unsere Toleranzschwelle bewusst zu erweitern. Nicht gleich über alles aufregen, stattdessen beim Spaziergang anderen ein Lächeln gönnen, aufmerksam sein und es nehmen wie es ist.

Und wie sieht es mit längerfristig angelegten Strategien aus?

Längerfristig können wir an unserer Resilienz arbeiten. Sie setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen: vertrauensvolle soziale Beziehungen, Optimismus und Selbstwirksamkeitsüberzeugung, körperliche Fitness und Ausdauer, Spiritualität. Dies stellt sich nicht einfach so ein, sondern muss eingeübt, erarbeitet werden.
Wichtig um durch eine Krise zu kommen, ist auch das sog. Kohärenzgefühl, zurückgehend auf das Konzept der Salutogenese von Aaron Antonovsky. Es besteht aus den Komponenten Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit der jeweiligen Situation und Anforderung. Bezogen auf die derzeitige Krise bedeutet das, wir müssen verstehen, warum diese Einschränkungen nötig sind, wir brauchen Handlungsmöglichkeiten – Aufgaben und Ressourcen – und das Zutrauen, die Situation zu überwinden.

Gibt es empfehlenswerte Übungen gegen emotionalen Stress?

Die gibt es. Derzeit finden Yogaund Entspannungskurse zunehmend über Videoschaltungen statt, man ist dort auch mit anderen verbunden. Es geht dabei nicht um Höchstleistung, sondern darum, sich mit sich, seinem Körper und Geist zu beschäftigen. Eine andere, gedankliche Übung ist das „Innere Team“ – nach Friedemann Schulz von Thun. Das ist eine Art innere, imaginierte Konferenz. Wir alle haben verschiedene innere Stimmen, eine ängstliche, eine mutige, eine kritische, eine begeisterungsfähige, eine kindliche, eine kontrollierende u. v. m. Wir setzen uns hin und fragen uns, welche von diesen Stimmen zu der akuten Situation etwas zu sagen hat. Alle kommen dran, jede Stimme kann nacheinander, ungestört durch die anderen, ihre Meinung äußern. Wir hören uns diese Stimmen unvoreingenommen an, würdigen jeden Beitrag und halten ihn in seinem Kern fest. Anschließend setzen wir uns mit den unterschiedlichen Positionen auseinander und finden die beste Lösung. Diese wird den inneren Stimmen mitgeteilt, damit diese darauf reagieren können.

Viele Menschen merken erst jetzt, dass sie mit dem Alleinsein bzw. der Einsamkeit Probleme haben. Wie können sie sich damit am besten arrangieren?

Das schwierige an der Situation ist, dass sie vorhandene Ressourcen, z. B. Familie stärkt, vorhandene Risiken und Einschränkungen, wie das Alleinleben oder Konflikte in der Familie, aber eben auch. Insbesondere die Menschen, die ohne Unterstützung nicht auskommen, können all die dargestellten Vorschläge nicht einfach umsetzen. Sie benötigen Ansprechpartner. Soziale Einrichtungen, Kirchen u. a. entwickeln derzeit Konzepte für eine Betreuung aus der Distanz und sind ansprechbar.

Nun geht es derzeit ja aber auch noch um mehr: Die Sorge, finanzielle Einbußen zu erleiden und damit verbunden Existenzängste machen den Menschen berechtigte Angst. Die Empfehlungen, sich eine Struktur für die Corona-Zeit zu schaffen, sich nicht gehen zu lassen etc., helfen hier nicht mehr. Was hält man diesen Gefühlen entgegen?

Aktivität, sich kümmern, dass man staatliche Unterstützung bekommt. Der Staat stellt derzeit sehr viele Mittel zur Verfügung. Wenn man sich allein nicht stark genug fühlt, dann wendet man sich an seine Interessenvertreter (Kammern, Berufsverbände, Interessengruppen, Bürgerinitiativen etc.). Hier gibt es häufig Kampagnen, denen man sich anschlie- ßen kann. Manchmal muss man sich auch über ein paar Schritte vorarbeiten, mehrere Telefonate führen, bis man an die richtigen Ansprechpartner gerät. Auf jeden Fall nicht alleine bleiben, lieber dumme Fragen stellen und sich herantasten!

Trotz Kontaktverboten sind Besuche beim Psychotherapeuten zwar möglich, doch Wartelisten und die Schwierigkeit, den geeigneten Therapeuten zu finden, sind zudem eine oftmals unüberwindbare Hürde. Welche Möglichkeiten haben Menschen mit psychischen Problemen in dieser Zeit?

Wenn man bereits in Behandlung ist, dann sollten die meisten Therapeut*innen auch Optionen anbieten, per Video oder Telefonat Kontakt zu halten und weiterzuarbeiten. Wenn man jemanden sucht, dann sollte man sich an die Psychotherapeutenkammern wenden, an die allgemeine Sozialberatung, psychosozialen Dienste in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, wenn man studiert, auch an die Studierendenberatung. Es gibt nach wie vor auch Not- und Sorgentelefone. Kontaktadressen und Telefonnummern stehen auch immer noch in den regionalen Tageszeitungen, aber auch im Internet bei der Stadtoder Kreisverwaltung.

Das Gespräch führte
Cornelia Schwarz

 

Corona-Tagebuch eines Brandenburger Zahnarztes

 

„Corona ist ein Clown“

Ausgabe 5, 2020

Der 58-jährige Potsdamer Zahnarzt Dr. Andreas Möckel erkrankte Mitte März schwer an Covid-19 und berichtete in einer FacebookGruppe täglich über den Verlauf seiner Krankheit. Mit seinem CoronaTagebuch wollte er sein dentales Umfeld nicht nur über die vielfältigen Symptome der Corona-Erkrankung informieren, sondern auch aufzeigen, welche Risiken der Praxisbetrieb in Zeiten von Corona birgt und mit welchen Schwierigkeiten er als Praxisinhaber zu kämpfen hat. Das Zahnärzteblatt veröffentlicht hier eine verkürzte Ausgabe seiner Tagebucheinträge.


Corona. Der Zahnarzt Dr. Andreas Möckel hat sich bei einem Patienten mit Corona angesteckt.

Tag 1, 17. März 2020 Nachdem ich mich schon am Wochenende nicht so gut gefühlt habe, habe ich gestern Schüttelfrost bekommen und bin heute früh mit 38,5 °C Temperatur aufgewacht. Da ich zu 100 Prozent zum Risikopersonenkreis (über 50, männlich mit Vorerkrankungen) gehöre und bei Temperatur grundsätzlich zu Hause bleibe, habe ich das heute auch so gehandhabt. Also Ersthelferin angerufen, sie hat alles abbestellt. Dann Gesundheitsamt angerufen: Nach 5 Sekunden meldete sich eine sehr freundliche und nette Dame, die sofort meine „Selbstanzeige“ aufgenommen hat. Auf deren Empfehlung bin ich ins Corona-Abstrichzelt unseres Krankenhauses. Auch dort sofortige Testung, sodass ich nach zehn Minuten schon wieder auf dem Heimweg war. Nun liege ich mit Fieber im Bett, bin „häuslich abgesondert“ und informiere Zahntechniker, Hausverwaltung, die anderen Praxen im Haus, bevor die Gerüchteküche brodelt.

Tag 3, 19. März 2020 Soeben kam der Anruf des Gesundheitsamtes, dass ich positiv getestet worden bin und unter Quarantäne stehe. Bei meiner Frau wurde auch ohne großes Federlesen der Abstrich gemacht. Das bedeutet, dass wir beide in Quarantäne sind, noch für zwei Wochen. Jetzt habe ich erst mal Stress! Ich muss dem Gesundheitsamt ab zwei Tage vor den ersten Krankheitssymptomen alle Sozialkontakte von länger als 15 Minuten Dauer und Abstand unter 1,5 Meter auflisten. Das wird eine sehr lange Liste werden: alle Patienten, Kurierfahrer, alle Therapeuten, mit denen ich das Wartezimmer teile, usw. Besonderes Augenmerk legt man da auf die Senioren. Es war ein langes Telefonat und nun muss ich bis morgen diese Hausaufgabe erledigen. Alle Kontakte ersten Grades bekommen also Post vom Amt. Ich hatte am Nachmittag schon gedacht, auf dem Weg der Besserung zu sein, bevor mich gegen 18 Uhr ein Rückfall vom Feinsten ereilte. Schüttelfrost über Schüttelfrost und ein Temperaturanstieg innerhalb einer Stunde um 1,5 Grad, dazu Erschöpfung, Schwindel. Der Schlaf war eher schlecht, es kamen Rasselgeräusche in den Bronchien dazu. Unruhe, häufiges Aufwachen. Temperatur immer zwischen 38 °C und 39 °C, dazu ein Geschmack im Mund, übler als Toilette. Appetit total weg, Übelkeit, Bauchschmerzen, Essen musste ich mir regelrecht reinzwingen. Augenbrennen, Schwindel und eine totale Kraftlosigkeit. Zwischenzeitlich hatte ich auch Herzrasen und Luftknappheit. Aber, wie gesagt, ständig wechseln die Symptome.
Apropos Liste: Ist man positiv, muss man (wie erwähnt) alle Kontakte bis zwei Tage vor Beginn der ersten Krankheitszeichen auflisten. Wenn das Amt anruft, spricht es in aller Regel sofort eine Quarantäneverfügung für die Mitarbeiter aus. Damit beginnt das Problem: Wer geht in die Praxis, um die Liste auszufüllen? Keiner mehr da, alle in Quarantäne. Daher empfiehlt es sich für den Zahnarzt, täglich eine Liste aller behandelten Patienten mit Namen, Adresse und insbesondere Telefonnummer mitzunehmen. Bei allen, die wir behandelt haben, sind die Kriterien einer möglichen Übertragung erfüllt!

Tag 4, 20. März 2020 Ich habe die Liste der Kontaktpersonen ersten Grades erstellt – 40 Patienten, die nun auch in Quarantäne müssen. An zwei Tagen habe ich theoretisch 40 Menschen angesteckt – absolut krass. Exzellent ist die Betreuung durch das Gesundheitsamt: täglicher Anruf mit Frage nach dem Befinden usw. Mein Erstkontakt hat nun auch den Positivbescheid bekommen und bleibt damit die nächsten zwei Wochen in stationärer Isolation. Auch meine Perle im Sprechzimmer ist erkrankt und wurde von ihrem Hausarzt zum Abstrich geschickt.
Woran erkennt man Corona? Corona ist ein Clown, ständig wechselnde Symptome. Was sind erste mögliche Anzeichen? Bei uns war’s ein unerklärlicher Durchfall letztes Wochenende, ein allgemeines Unwohlsein, so, wie es geht, wenn man sich mal unterkühlt hat. Augenbrennen. Temperatur kam erst später dazu, recht stürmisch und schnell. Dann dieser absolut eklige Geschmack im Mund, Übelkeit, totale Appetitlosigkeit bis zur Abneigung vor Essen. Und die Kraftlosigkeit, da war einfach nichts mehr da. Was hilft? Beine hoch und ausruhen. Schlafen, wenn der Körper es will, ganz, ganz viel trinken. Ansonsten einfach symptomatische Therapie, aber dazu will ich mich nicht äußern, ich bin nicht der Tablettenesser. Wir haben uns entschieden, tapfer die Symptome durchzustehen und wir werden es überleben, da bin ich mir sicher. Gegen 15.30 Uhr ging es dann los: Rückfall. Schüttelfrost vom Allerfeinsten und die Temperatur stieg auf 39 °C. Natürlich reagiert das Herz da mit, Puls war 110. Gegen 18.30 Uhr bin ich schweißgebadet wieder aufgewacht. Ich kam mir vor, wie in der Badewanne! Und Herzrasen und Herzschmerzen, Temperatur 37,9 °C. Es ging mir so dreckig, ich hatte schon das Telefon in der Hand und wollte den Rettungswagen rufen.

Tag 5, 21. März 2020 Ich werde heute ganz vorsichtig machen, hab‘ direkt Angst vor einem erneuten Rückfall. Meinen Rat an alle Erkrankten: Nicht übermü- tig werden, wenn es scheinbar besser geht. Corona zeichnet sich aus durch ein ständiges Auf und Ab. Seitdem ich etwas gefrühstückt hatte, sind auch die Puddingbeine weg. Es geht also voran. Wenn auch nur im ersten Gang, aber es geht voran! Das Augenbrennen ist weg. Auch der Kopf ist deutlich klarer. Nur die Temperatur hält sich bei 38,0 °C, der schlechte Geschmack ist noch da und eben diese absolute Schwä- che.
Noch zu meiner Vorgeschichte: Ich bin 58 Jahre alt, werde von meiner Frau sehr gut gepflegt und hatte vor drei Jahren einen stressinduzierten Myokardinfarkt der Vorderwand. Meine Gefäße sind frei von Ablagerungen und ich habe mich nach dem Infarkt auch zügig wieder erholt. Seit dieser Zeit gehe ich regelmäßig zweimal die Woche zum „Versehrtensport“. Ebenso fahre ich konsequent die drei Kilometer in die Praxis mit dem Fahrrad. Ich behaupte, so fit, wie mein Körper gegenwärtig ist, war er zuletzt mit 35. Als Dauermedikation habe ich ASS100 und Bisoprolol 2,5 mg täglich. Im Alltag verspüre ich also keinerlei Einschränkungen.
Da ich positiv getestet und erkrankt bin, sind alle meine Helferinnen vom Gesundheitsamt als Kontaktpersonen ersten Grades ebenfalls unter Quarantäne gestellt worden. Die Praxis ist also zu und niemand darf dort mehr hingehen. Die Hälfte meines Personals ist ebenfalls erkrankt. So eine Erkrankung zieht halt Kreise.

Tag 6, 22. März 2020 Sechs Tage ununterbrochen Fieber, diese Abneigung gegen Essen und der Mundzustand haben Spuren hinterlassen: vier Kilogramm Gewichtsverlust. Auch mental kippt langsam die Stimmung, ein Ende sehe ich noch nicht, wer weiß, welche Symptome morgen sind und auch Komplikationen halte ich nicht mehr für ausgeschlossen.

Tag 7, 23. März 2020 Das Fieber hält sich hartnäckig. Schlimm ist die Mundtrockenheit, Wasser bringt da gar nichts, aber Fruchtsaft sofort. Ein seltsames Phänomen. Die Nase ist voll mit blutigen Borken. Aber die Bronchien sind frei, ganz selten mal einen Huster und keine Atemnot. Corona ist ein Clown, versteckt sich hinter ständig wechselnden Masken.
Am Abend war es fast so weit, ich war kurz davor, den Rettungswagen zu rufen. Gegen 21 Uhr bin ich mit doch kräftigen Herzschmerzen aufgeschreckt, ich habe am ganzen Körper geglüht. Temperatur – 39,3 °C! Blitzartig habe ich alle mir auf die Schnelle einfallenden Maß- nahmen ergriffen, nur damit die Temperatur wieder runter geht. Und ich hatte Erfolg, auch die Herzschmerzen waren sofort rückläufig. Hätte mein Körper nicht so reagiert, hätte ich mich abholen lassen.

Tag 8, 24. März 2020 Heute Abend war ich wirklich mit meinen Kräften am Limit. Dabei war der Tag so hoffnungsvoll gestartet. Die Nase wurde freier, insgesamt ging es mir so gut, dass ich es wagte, mich eine halbe Stunde in die Mittagssonne zu setzen. Ein herrliches Gefühl! Beim anschlie- ßenden Mittagessen merkte ich aber schon, wie mein Befinden umschlug und ich war froh, wieder in mein Bett zu können. Als ich wieder aufwachte – 39,0 °C Tendenz steigend. Erst bei 39,9 °C konnte ich diesen Schub stoppen. Ich glaube, jeder kann sich vorstellen, welche Belastung diese Temperatur für Kreislauf und Körper darstellen. Da döst man nur noch vor sich hin und hat zu nichts mehr Lust. Generell habe ich alle Aktivitäten total eingeschränkt.

Tag 10, 26. März 2020 Das Fieber steigt, das Fieber fällt. Der Rachen ist verschleimt und dadurch ist schon mal das Atmen etwas erschwert. Appetit, Kraft, Antrieb – alles Fremdworte. Ich hatte gestern ein längeres Gespräch mit der Amtsärztin: Natürlich kann ich jederzeit ins Krankenhaus und bei Atemproblemen muss ich ohne Diskussion einziehen. Aber die Klinik hat keine Wundermedizin, dort geht es primär um Sicherung der Atmung. Gedulden wir uns also weiter...

Tag 11, 27. März 2020 Mittlerweile gibt es täglich gar nicht so viel Neues zu berichten, ich wache morgens auf, Temperatur 38 °C. Schleiche so durch den Tag, freue mich über die kleinen Fortschritte, um dann abends wieder mit 39,0 im Bett zu liegen.

Tag 12, 28. März 2020 Endlich mal gefrühstückt und schön draußen in der Vormittagssonne gesessen. Die Sonne tat einfach unwahrscheinlich gut, die Nase wurde frei und auch das Atmen ging besser. Nach dem Mittagsdösen erneut in die Sonne, aber da musste ich nach einer halben Stunde abbrechen, weil mir fröstelte. Wieder im Bett – Temperatur 38,8 °C. Aber plötzlich merke ich Schweißperlen auf der Stirn – der Körper reguliert selber die Temperatur runter. Endlich! Gegen 21 Uhr lag die Temperatur bei 37,8 °C. Ich scheine also über den Berg zu sein! Aber Corona wäre nicht Corona, wenn da nicht noch eine Boshaftigkeit kommen würde – jetzt begannen die Atemprobleme. In der Standard-Liegeposition war alles in Ordnung, aber wenn ich mich aufrichtete, ging der Hals zu, kräftigste Hustenattacken bis fast zum Erbrechen und ich bekam einfach keine Luft. Da wollte ich den Rettungswagen rufen. Wieder im Bett in der gewohnten Position normalisierte sich die Atmung wieder innerhalb von fünf Minuten. Während der elf Tage der Erkrankung habe ich bisher sieben Kilogramm an Gewicht verloren. Corona hat seinen eigenen, ganz spezifischen Geruch. Wenn ich so mein durchgeschwitztes Bett rieche – so einen widerlich-süßlichen Geruch kannte ich bis dato einfach nicht.

Tag 13, 29. März 2020 Es wird langweilig, keine Überraschungen, keine Hiobsbotschaften, kein Rückfall. Ja, meine Temperatur ist in den letzten 24 Stunden unter der 37-Grad-Grenze geblieben. Der Appetit kehrt zurück, keine Dämmerphasen mehr, Kopfschmerzen total weg. So langsam kommen auch wieder die Alltagsgedanken ins Bewusstsein, wie geht es nun mit der Praxis weiter. Da muss ich nachher Anträge schreiben, Meldungen machen, Gelder beantragen, aber all das ist nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein.

Tag 15, 31. März 2020 Ich habe mich entschlossen, mein Tagebuch zu schließen. Es gibt einfach nichts täglich Neues mehr zu berichten. Mein Körper kommt Schritt für Schritt wieder zur Normalität zurück. Es wird zwar noch dauern, aber das sind einfach Fleißarbeit und Geduld. Corona ist ein Teufel, ein Clown mit ganz vielen Gesichtern! Ich denke, viele unterschätzen einfach diesen Virus. Soeben hat das Gesundheitsamt gefragt und ich wollte wissen, unter welchen Bedingungen ich wieder „auf die Menschheit losgelassen“ werde. Ich muss zunächst 48 Stunden symptomlos sein, dann werden noch zwei Abstriche gemacht, sind diese negativ, werde ich aus der Quarantäne entlassen.

Tag 27, 13. April 2020 Eigentlich wollte ich ja vermelden, dass Corona für mich vorbei ist, aber ich habe meine Rechnung ohne den deutschen Amtsschimmel gemacht. Auf amtsärztliche Anordnung (der eine neue RKIEmpfehlung zugrunde liegt) muss medizinisches Personal zwei Negativtestungen im Abstand von 24 Stunden nachweisen. Das macht für mich auch Sinn und wie selbst erlebt, war mein Test vom 7. April noch positiv. Also Mittwoch und Gründonnerstag noch mal zum Abstrich, hat ja der Amtsarzt auch so angeordnet. Karfreitag kein Ergebnis, nun gut, die Labore arbeiten an der Belastungsgrenze. Gestern nun um 20.40 Uhr der Anruf vom Coronazentrum der Kassenärztlichen Vereinigung:
Die letzten Abstriche sind negativ. Aber der Hinweis, die Quarantäne wird durch den Amtsarzt aufgehoben, er hat die letzte Entscheidungsbefugnis. Ich bekomme die Testergebnisse per Post. Eben der Anruf vom Gesundheitsamt, den ich schon voller Vorfreude erwartet habe: Es liegen dem Amt keine Informationen von der KV vor, und wenn ich nichts von der KV per Mail oder per Fax bekommen habe, kann ich nur warten, bis der Brief da ist. Jetzt werde ich doch allen Ernstes weiter in Quarantäne gehalten, bis ich gegenüber dem Gesundheitsamt nachweisen kann, dass die Testungen negativ sind! Mal sehen, wann der Brief bei mir eintrudelt. Hoch lebe die Deutsche Bürokratie! Ich bin einfach nur sprachlos.
Zu meinem Gesundheitszustand: Es geht mir rundherum gut! Nur die Quarantäne wird langsam zur Gefangenschaft, es ist heute Tag 27.
Groß war dann am Abend die Überraschung, als meine Frau einen Brief von der KV im Briefkasten vorfand. Eine Mitarbeiterin hat ihn persönlich zugestellt. Das ist so eine Geste, die es einem absolut warm ums Herz werden lässt. Es ist nicht die Aufgabe der KV-Mitarbeiterin, aber sie macht es, um eine schnelle Lösung zu ermöglichen. Natürlich habe ich die Befunde sofort an das Gesundheitsamt gemailt und habe sehnsüchtig auf den heutigen Anruf gewartet. Der Sachbearbeiterin lag meine Mail nicht vor und weil ja heute Feiertag ist und die Poststelle nicht besetzt ist, kann meine Mail nicht ausgedruckt werden und meine Quarantäne nicht durch einen Arzt aufgehoben werden. Sie hat aber ihren Vorgesetzten so lange genervt, bis der entschieden hat und die Quarantäne aufgehoben hat. Zum Glück gibt es noch solche Menschen, die mit klugem Menschenverstand versuchen, in dieses Chaos etwas Normalität hineinzubringen. Und damit ist Corona für mich jetzt vorbei!

Tagebuchaufzeichnungen:
Dr. Andreas Möckel, Potsdam

 

Gründe für das Ende Roms

 

„Es war die erste Pandemie“

Ausgabe 5, 2020

Eine weltweite Seuche leitete den Untergang des Römischen Reichs ein, sagt der Historiker Kyle Harper – und erzählt im Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“, was man daraus für die Gegenwart lernen kann.

DIE ZEIT: Herr Harper, bisher lernten wir in der Schule, dass das Römische Reich untergegangen ist, weil es ein überdehntes Imperium war. Oder dekadent. Auf jeden Fall war das Scheitern menschengemacht. Ist das alles falsch?

Kyle Harper: Nicht falsch. Aber unvollständig.

Was fehlt?

Die Beziehung der menschlichen Gesellschaft zur Natur, zu ihrer Umwelt. Wir leben in einem Zeitalter, das die Wichtigkeit dieser Beziehung besser versteht und zu schätzen weiß. Aber bisher hat die Geschichtsschreibung die wichtigen Erkenntnisse, die sich daraus für unsere Zukunft ergeben, ignoriert. Etwa beim Klimawandel oder ganz aktuell beim Coronavirus ....

Was haben diese aktuellen Entwicklungen mit dem alten Rom zu tun?

Heute Historiker zu sein, ist gerade wegen der Naturwissenschaften so spannend. Sie gestatten uns neue Einblicke, etwa wenn Forscher das Klima der Vergangenheit rekonstruieren. Das lehrt uns Historiker Dinge über die Antike, die wir vor Jahren noch nicht hätten erfahren können.

Die Naturwissenschaften liefern den Geisteswissenschaften neues Datenfutter?

Exakt. Denken Sie an Infektionskrankheiten, die in meinen Augen Teil der Geschichte unserer Umwelt sind. In den vergangenen Jahren wuchs die Menge an verfügbarem genetischem Datenmaterial exponentiell. Daran kann man ablesen, wo, wann und wie sich Organismen oder Parasiten entwickelt haben. Und nun zeigt sich auch, dass sich hier neue Einsichten ergeben. Sie sind äu- ßerst wichtig, wenn man große, geschichtliche Erzählungen wie den Untergang des Römischen Reichs verstehen möchte.

Klären wir zuerst ganz kurz, was Wissenschaftler als den „Fall Roms“ bezeichnen. Wann war der? Und was galt bisher als Ursache?

Große Fragen! Der Untergang des Römischen Imperiums ist ein Prozess der politischen und ökonomischen Veränderung. Was im 2. Jahrhundert nach Christus eine bevölkerungsreiche, urbanisierte, vernetzte politische Einheit war, wurde bis zum 7. Jahrhundert zu einer zersplitterten, agrarischen, wirtschaftlich geschwächten Staatengruppe.

Warum ist das heute interessant?

Das Bild wird komplexer, wenn wir Klimawandel und Pandemien miteinbeziehen.

Um die geht es in Ihrem Buch „Fatum“. Lassen Sie uns mit dem Klima starten.

Gerne. Auf dem Höhepunkt der römischen Macht, von ungefähr 100 vor Christus bis 200 nach Christus, war das Klima relativ stabil. Es scheint auch, als sei es im Schnitt wärmer und in Teilen Südeuropas feuchter gewesen – verglichen mit dem übrigen Holozän, dem Zeitraum der vergangenen 12.000 Jahre.

Regionen, die heute trocken sind, waren damals fruchtbar und grün?

Wahrscheinlich. Und wenn es wärmer ist, dann fallen die Ernten größer aus, und Landwirtschaft kann in höher gelegenen Gegenden betrieben werden, wie eben in Italien.

Das war aber vor fast 2.000 Jahren. Wie können Sie nach so langer Zeit das Klima Italiens in der Antike rekonstruieren?

Dank Hinweisen in Eisbohrkernen und Baumringen oder anhand von Sedimentablagerungen in Höhlen und am Meeresboden. Wie Puzzlesteine fügen sie sich zu einem größeren Bild: Es erzählt davon, dass das Klima gegen Ende des Römischen Reichs instabil wurde. Es mündete in die sogenannte Spätantike Kleine Eiszeit.

Sie selbst haben Daten über den Fluss Nil gesammelt. Was verraten die?

Ägypten war die Kornkammer des Römischen Reichs. Aus einer Reihe von Dokumenten geht hervor, ob eine Flut gut oder schlecht war. Und mithilfe von Aufzeichnungen können wir die Entwicklung des Getreidepreises nachverfolgen. Knappe Ernten bedeuteten höhere Preise. Offensichtlich verschlechterte sich um 160 nach Christus herum die Situation plötzlich.

Forscher haben einmal argumentiert, dass der aktuelle Bürgerkrieg in Syrien die Folge einer Dürre sei. Macht man es sich – in der Gegenwart wie der Vergangenheit – nicht zu einfach, wenn man in historischer Gleichzeitigkeit Ursache und Wirkung erkennt?

In der Tat. Wir müssen uns immer um das ganze Bild bemühen. So entfalten sich die Auswirkungen des Coronavirus auf unsere Gesellschaft ja auch durch komplexe Strukturen, einschließlich Wirtschaft und Geopolitik.

Im Rom des Jahres 160 nach Christus kam ein zweiter nicht menschengemachter Faktor hinzu, eine Seuche ....

Selbst wenn sie in hervorragenden Umständen lebten, starben die meisten Menschen der Antike an Infektionskrankheiten wie Typhus, Malaria oder Tuberkulose. In den späten 160er-Jahren aber trat eine neue Seuche auf. Es war die erste Pandemie, also eine Epidemie, die auf mehreren Kontinenten wütet – die Antoninische Pest, benannt nach dem Geschlecht des Kaisers Mark Aurel.

War das eine Pest, vergleichbar mit dem Schwarzen Tod im Mittelalter?

Wir wissen noch nicht sicher, welche Erreger die Seuche verursacht haben, weil noch keine entsprechende DNA gefunden wurde. Bisher deutet aber alles auf die Pocken hin. Ziemlich sicher ist, dass die Pest von außerhalb der Grenzen des Imperiums stammte. Über dessen Handelswege wurde sie weitergetragen, bis nach Rom, der am engsten verbundenen, am dichtesten bevölkerten Gesellschaft, die die Welt bis dato gesehen hatte.

Klingt nach einer Einladung für Seuchen.

Zumindest hat das die Ausbreitung begünstigt. Und sollte es sich wirklich um die Pocken gehandelt haben, dann trat in diesem Moment ein Virus auf die Weltbühne, das zu einem der größten Killer der Menschheitsgeschichte werden sollte.

Wie wollen Sie wissen, dass es zuvor keine Pocken-Pandemie gab?

Diagnosen längst vergangener Krankheiten anhand von schriftlichen Überlieferungen zu stellen ist immer schwierig. Ganz sicher kann man nie sein. Aber es gibt zumindest keine ältere Quelle, die detailliert Symptome der Pocken beschreibt.

Welche Ausmaße hatte diese Seuche, die Antoninische Pest?

Wir wissen ganz sicher, dass sie auf der Arabischen Halbinsel wü- tete, in Ägypten, im Nahen Osten, in Griechenland, Italien, Zentraleuropa und dort bis an die Grenzen Westeuropas.

Wie viele Menschen starben?

Schwere Frage. Wir wissen, dass die Mieten runtergingen und die Löhne hoch. Und dass es für die Römer schwieriger wurde, ausreichend Soldaten zu rekrutieren, und generell in vielen Bereichen Arbeitskräftemangel herrschte. All das deutet auf eine plötzlich deutlich geschrumpfte Bevölkerung hin.

Später schlug eine zweite Plage zu. Was ist darüber bekannt?

Die Wahrheit ist, dass wir generell weniger über das 3. Jahrhundert und die Cyprianische Pest wissen – obwohl sie nach einem Bischof benannt ist, der selbst als eine der zentralen Quellen von der Krankheit berichtete. Ein anderer Schreiber deutete an, dass im ägyptischen Alexandria die Hälfte der Einwohner starb. Sicher, ein paar dieser Menschen werden aus der Stadt geflohen sein; trotzdem war ein großer Teil der Bevölkerung betroffen.

Begriffen die Menschen, was vor sich ging?

Ein generelles theoretisches Verständnis von Keimen hatten sie nicht. Das gibt es erst seit dem 19. Jahrhundert. Daher betrachteten sie diese Seuchen zuallererst unter dem religiösen Blickwinkel. Opfergaben zeigen, dass die Menschen glaubten, dass es sich um eine Bestrafung durch zornige Götter handele.

Von welchen Göttern sprechen wir hier?

Vor allem von Apollon, dem Gott der Heilkunst. Durch das Errichten von Statuen versuchten die Menschen ihn zu besänftigen. Sie glaubten, Ansteckung würde über „Miasma“ erfolgen, schlechte Luft mache alle krank. Durch ihre Beobachtungen entwickelten sie aber auch ein zumindest rudimentäres Verständnis von Übertragung. Die Priester eines großen Apollontempels erließen eine reichsweite Warnung, dass sich die Menschen zur Begrü- ßung nicht mehr küssen sollten, was im antiken Mittelmeerraum üblich war. Sie haben also ihre Schlüsse gezogen.

Diese zweite Seuche traf Rom 248 nach Christus – ein Jahr nach der Feier zum tausendjährigen Jubiläum der Stadtgründung. War die Cyprianische Pest der Anfang für einen schleichenden Niedergang des Imperiums bis hin zum Jahr 410, als Rom von den Goten geplündert wurde?

Ich denke, ja. Sie war Teil einer größeren Krise, die auch die Klimaveränderungen beinhaltete sowie geopolitische und soziale Dimensionen hatte. Es ist erstaunlich, dass sich Rom im späten 3. und Anfang des 4. Jahrhunderts unter Kaisern wie Diokletian und Konstantin überhaupt erholen konnte.

Es folgte die Teilung des Imperiums, der Aufstieg von Byzanz. Dort brach die dritte Epidemie aus. Was ist da geschehen?

In den 540er-Jahren regierte Kaiser Justinian in Byzanz. Er sorgte in seiner Regierungszeit für viel Wirbel, reformierte das römische Recht, baute mit der Hagia Sophia die größte Kirche der Welt und eroberte den einst römischen Teil Nordafrikas zurück. Doch gerade als er dabei ist, auch Italien wiederzuerobern, da schlägt diese Krankheit zu. Dank DNA-Funden aus mehr als einem Dutzend archäologischer Stätten wissen wir mit absoluter Sicherheit, dass sie durch den gleichen Erreger ausgelöst wurde wie der Schwarze Tod ...

... durch das Bakterium Yersinia pestis ...

... nun ist sie also da: die echte Pest, die Beulenpest. Es ist der Beginn einer Pandemie, die in den kommenden 200 Jahren alle 10 bis 15 Jahre zuschlägt und immer wieder für eine schrumpfende Bevölkerung sorgt.

Während die Pest den Menschen zu schaffen machte, brach auch die Spätantike Kleine Eiszeit über sie herein. Wie erlebten sie diese?

Die Paläoklimatologie ermöglicht es uns, die Vorgänge in den 530er- und 540er-Jahren, während der Regentschaft von Justinian, zu verstehen. Klimatisch gesehen war die Zeit dramatischer als alles andere im Holozän, der Erdneuzeit. Auslöser scheinen eine Reihe von Vulkanausbrü- chen gewesen zu sein. Das geht aus historischen und naturwissenschaftlichen Quellen hervor, die ein drastisches Bild zeichnen. So war anno 536 die Sonne für ein Jahr lang nur gedimmt zu sehen. Und der Zeitraum von 540 nach Christus bis ins 7. Jahrhundert muss einer der kältesten im ganzen Holozän gewesen sein.

Wie viel kühler wurde es im Durchschnitt?

Ein bis zwei Grad – ein deutlicher Temperatursturz. Das bedeutet aber immer noch weniger Veränderung, als sie bei einem Anstieg droht, der uns bis Ende des 21. Jahrhunderts erwartet. Die Geschichte lehrt uns also, was das für eine besorgniserregende Entwicklung ist.

Und was sind bei den Infektionskrankheiten die Parallelen zwischen der römischen und unserer Zeit – vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie?

Der offensichtliche Unterschied ist, dass wir die Grundsätze der Mikrobiologie sehr viel besser verstehen. Und dass wir daher eine viel bessere Kontrolle über die Entwicklung haben können, dank gut ausgebauter staatlicher Gesundheitssysteme, dank besserer Hygiene, Impfungen, Antibiotika. Die wichtigste Gemeinsamkeit ist, dass auch wir Teil des Ökosystems sind. Wir modernen Menschen sind Träger einer ungewöhnlich hohen Anzahl an Atemwegsviren. Weil wir in riesigen, eng verflochtenen Bevölkerungen leben und zugleich viel Kontakt mit wilden Tieren haben. Was im Falle des Coronavirus gerade geschieht, ist in den vergangenen 2.000 bis 3.000 Jahren immer wieder passiert. Krankheitserreger verändern sich dauernd, und sie waren immer schon eine der großen Bedrohungen für die Stabilität menschlicher Gesellschaften. Und das bleiben sie auch heute. Überall auf der Welt.

Das Interview führte
Stefan Schmitt

 

Erfahrungsbericht eines Arztes aus dem Universitätsklinikum Ulm

 

Einsatz in der interdisziplinären Notaufnahme

Ausgabe 5, 2020

„Auf dem Gelände des Universitätsklinikums Ulm, in der Nähe der Zentralen Interdisziplinären Notaufnahme, kurz ZINA, haben wir zwei Container für Abstriche aufgebaut. Jeder Patient, jede Patientin, der/ die mit dem Rettungsdienst zu uns in die Klinik kommt, wird in der Liegendeinfahrt separiert und gescreent. Bei jedem Notfallpatient wird somit zunächst getestet, ob er/sie sich mit dem Coronavirus infiziert hat“. Mit diesen Worten wurde ich an meinem ersten Arbeitstag in der Zentralen Interdisziplinären Notaufnahme – kurz ZINA – der Uniklinik Ulm begrüßt.


Rettungswagen. Die Liegendeinfahrt mit den Krankenwagen ist genauso geblieben wie vorher – es kommen auch noch immer viele Patienten mit dem Rettungsdienst.

Dann ging es weiter mit einer Einführungstour. Die gesamte Notaufnahme wurde zweigeteilt. In einem Teil der ZINA sollen während der Pandemie Patient*innen behandelt werden, bei denen kein Verdacht auf eine Infektion mit COVID-19 herrscht – wie zum Beispiel Herzinfarkte, Verkehrsunfälle oder Bauchschmerzen. Im anderen Bereich der ZINA, dem COVID-Flügel, werden Patient*innen versorgt, bei denen eine unklare Infektsituation vorliegt, die zum Beispiel aus einem Risikogebiet kamen oder die fraglichen Kontakt zu positiv getesteten Menschen hatten. Diese Zweiteilung geschah in erster Linie, um nicht in benachbarten Kabinen Patienten mit und ohne COVIDInfektion zu haben, was eine Ausbreitung begünstigen würde .
Dieselbe Zweiteilung wurde bei den Ärzt*innen eingeführt. Es waren immer mindestens zwei Internisten in der ZINA – einer für den allgemeinen Bereich der ZINA, einer für den Coronatrakt.
Zwar trug jeder hier einen Mund-Nasen-Schutz, jedoch sah die Schutzkleidung im Coronaflur ganz anders aus: Sterile Einmalkittel, doppelt Handschuhe, entweder FFP2- oder FFP3-Masken, Haarnetz und eine Schutzbrille. Es sollte der maximale Schutz für Ärzt*innen, aber auch für die Patient*innen, erreicht werden, mit allen verfügbaren Mitteln. Das Ziel war klar – Zustände wie in Italien, also eine maximale Überlastung aller verfügbaren Ressourcen, müssen verhindert werden.

Konzept. Dieses Konzept begann bereits vor den Türen der Uniklinik Ulm. An jedem Eingang wurde Sicherheitspersonal stationiert. Auf Schildern stand groß „Aktuell Besucherstopp, wir bitten um Ihr Verständnis“. Nur, wer einen Mitarbeiterausweis bei sich trug, konnte das Krankenhaus betreten. Wer keinen MundNasen-Schutz trug, bekam diesen an der Tür, Händedesinfektion obligat. Drinnen ein Bild, wie ich es aus der sonst so geschäftigen Uniklinik nie gekannt habe – fast menschenleer, lediglich vereinzelt Ärzte oder Pfleger auf dem Weg zu ihren Stationen und Ambulanzen. Um genügend Kapazitäten für die erwartete Welle an Coronaerkrankten zu schaffen, wurde das elektive OP-Programm, also alle Wahleingriffe wie zum Beispiel Hüftprothesen, Nasenkorrekturen oder das Entfernen von Krampfadern abgesagt. Die Folge: Freie Betten, die auf den jeweiligen operativen und internistischen Stationen zur Verfügung standen. Durch das Zusammenlegen einiger Stationen konnte so eine komplette Station für COVID-Patient*innen geschaffen werden. Eine weitere Station, später noch eine zusätzliche wurde zur „Aufnahmestation“. Auf dieser wurde konsequent jeder Patient zunächst aufgenommen, bis ein negatives Abstrichergebnis vorlag.
Vor lauter Corona durfte man aber auch nicht vergessen, dass aktuell Grippezeit ist – so wurde jeder Patient zudem auf Influenza abgestrichen. Wenn dann das Ergebnis der Abstriche vorlag, ging es auf die weiteren Stationen: Wer positiv war, kam auf die COVID-Station. Die negativ getesteten Patient*innen wurden auf die jeweiligen Fachstationen verteilt – Herzinfarkte zur Kardiologie, Blinddarmentzündungen auf die Viszeralchirurgie und gebrochene Arme zu den Unfallchirurgen. Man darf in Zeiten der Pandemie nicht vergessen, dass es trotz allem noch gilt, eine Regelversorgung aufrechtzuerhalten.
Es bekamen aber nicht nur die stationären Patient*innen einen Abstrich. In den Containern vor der ZINA konnten Patient*innen nach einer kurzen Befragung ebenfalls virologisch getestet werden. Wie gut flächendeckendes Testen funktioniert, wurde in Südkorea verdeutlicht – dort sind die Neuinfektionen nach einem initialen Anstieg im Januar weitestgehend ausgeblieben. In den frisch installierten Testcontainern fand sich Personal, das aus allen möglichen Fachbereichen stammte. Augenärzte, Anatomen, medizinisch-technische Assistentinnen aus den chirurgischen Ambulanzen und viele freiwillige Studenten. Höchstmögliche Interdisziplinarität und genügend Personal, um die Ankommenden zu befragen und im Rachen abzustreichen.


Behandlungsraum. Das Behandlungszimmer für die Coronapatienten wurde im septischen Eingriffsraum eingerichtet, in einem Raum, den man sonst für fraglich kontaminierte Wunden verwendet. Da wegen Corona Reinigungskräfte durchgehend zur Verfügung stehen, die jedes Zimmer nach einem Patientenkontakt desinfizieren, können aktuell alle Wunden im aseptischen Eingriffsraum behandeln werden.

Risikoprofil. Wenn ein Patient in die Notaufnahme kam, ohne vorher am Container gewesen zu sein, so gab es am Eingang zum ZINA-Wartebereich eine sogenannte Vortriage – eine examinierte Pflegekraft oder ein Student im höheren Fachsemester, der die Patient*innen wieder nach ihrem Risikoprofil befragte und Fieber maß. Erst nach dieser Vortriage ging es dann zur eigentlichen Triage, also einer Art „Risikostratifizierung des Patienten“. Je dramatischer das Krankheitsbild, desto dringlicher muss der Patient einem Arzt vorgestellt werden. Im Anschluss kamen die Patient*innen in den Wartebereich und wurden dort angehalten, zwei Meter Abstand zueinander zu halten. War es an der Zeit, behandelt zu werden, ging es in die ZINA – fast wie in normalen Zeiten.
Drinnen angekommen, fand sich dann dieselbe hohe Interdisziplinarität wie schon vor den Türen. Um dem wachsenden Patientenstrom Herr zu werden, wurden aus allen Hausabteilungen Ärzte rekrutiert, die in der ZINA mithalfen. Herzchirurgen, Thoraxchirurgen, Gynäkologen, Orthopäden und Hals-Nasen-Ohren-Ärzte waren alle an der unmittelbaren Patientenversorgung beteiligt. In enger Zusammenarbeit mit den jeweiligen Oberärzten der zuständigen Abteilungen wurde so jeder Patient gewissenhaft behandelt. Kam zum Beispiel ein Patient mit Schmerzen auf der Brust, so wurde immer auch ein kardiologischer Oberarzt hinzugezogen, um die Befunde mit dem behandelnden Assistenzarzt auf der ZINA zu besprechen.

Abläufe. Für Coronapatienten gab es dann noch die abteilungseigenen Oberärzte der Notaufnahme, jeder einzelne ein erfahrener Notarzt. Die Abläufe bei einem eintreffenden ernsten COVIDFall wurden in Flow-Charts und Diagrammen festgehalten und gut sichtbar aufgehängt – in der ärztlichen Leitstelle, in der pflegerischen Leitstelle, im Pausenraum. Jeder Ablauf, jeder Handgriff sollte sitzen, wenn ein kritischer Coronapatient eintraf. Und sie trafen ein. Anhand multipler Parameter versuchten wir, das Risiko eines jeden einzelnen Infizierten so genau wie möglich einzuschätzen. War zum Beispiel die Sauerstoffsättigung unter 90 Prozent, lag eine Tumorerkrankung zugrunde oder war der Patient bereits über 60, so wurde meist direkt bei Eintreffen eine Computertomografie der Lunge durchgeführt, auf der Suche nach den typischen „farbklecksartigen“, diffusen Milchglastrübungen.
Jeder einzelne Arzt, der hier auf der ZINA arbeitete, erhielt zu Beginn eine Einweisung in die Beatmungsgeräte. Es fanden Schulungen zur Intubation, also der Sicherung der Atemwege statt. Jeden Tag eine weitere Fortbildung – wie man arterielle Zugänge legt, wie man eine Narkose einleitet, wie man die Lunge im Ultraschall beurteilt. Alles nur für den Fall der Fälle.


Ausweichräume. In einer der beiden Garagen für die Notarztwagen wurde vorsorglich ein Lazarett für Corona-Patienten eingerichtet. So kann man, sollten einmal die Räumlichkeiten der Ambulanz nicht ausreichen, diese Betten belegen. Für die Fahrzeuge wurden andere Unterbringungsmöglichkeiten geschaffen; Garagen für die Notarztfahrzeuge sind außerdem über ganz Ulm verteilt.

Arbeitsalltag. Viel schöner als das Lernen und Vorbereiten für den Katastrophenfall war jedoch der Alltag auf der ZINA. Durch die vielen unterschiedlichen fachlichen Hintergründe der Ärzt*innen kam es dazu, dass „im kleinen Kreis“ kleine Fortbildungen durchgeführt wurden. Der Thoraxchirurg erzählte etwas über das korrekte Anlegen von Thoraxdrainagen, der kardiologische Oberarzt vermittelte uns sein Wissen über seltene Herzrhythmusstörungen und ich fand die Gelegenheit, mit einer Gynäkologin über Mittelgesichtsfrakturen zu fachsimpeln. Es kam immer wieder vor, dass man bei Patienten noch eine „Zweitmeinung vom Fachmann“ abholen konnte. War man sich zum Beispiel bei der Genese von Bauchschmerzen nicht sicher, so ist es sehr angenehm, wenn gynäkologische, urologische und viszeralchirurgische Ursachen mal eben auf dem kurzen Dienstweg mit abgeklärt werden können – ein Traum von interdisziplinärer Notaufnahmetätigkeit. Hätte uns nicht der große Bildschirm mit den Zahlen der JohnsHopkins-Universität in Baltimore stets an die Lage der Welt erinnert, man hätte die Pandemie zeitweilig fast vergessen können.
Um möglichst wenig Personal pro Tag einzusetzen, und Patientenübergaben und -kontakt so gering wie möglich zu halten, wurden 12-Stunden-Schichten eingeführt. Von morgens acht bis abends acht. Oder eben dasselbe über Nacht. Unter normalen Umständen sind solche Schichten fast nicht machbar. Kümmert man sich als Chirurg beispielsweise einmal intensiv um einen schweren Verkehrsunfall, so hat man im Anschluss das Wartezimmer voll mit Fahrradstürzen, angestoßenen Zehen, Schnittwunden und umgeknickten Fußballern. So stauen sich die Patienten meist an, oftmals bis zur Übergabe an den nächsten Kollegen.
Interessanterweise sind die 12-Stunden-Schichten während der Pandemie angenehmer als außerhalb der Sondersituation. Es wirkt, als hätte die breite Bevölkerung einen zu hohen Respekt und eine zu große Furcht vor der Notaufnahme in diesen Tagen – keiner will wegen einer Schnittwunde am Finger riskieren, sich mit COVID anzustecken. Sollte der Eindruck entstehen, dass die Notaufnahmen dann quasi leer sein müssten, so ist das weit an der Realität vorbei. Es stellen sich nur neue Herausforderungen, wenn jeder Patient die notfallmäßige Versorgung auch wirklich dringend nötig hat. Nur, weil gerade eine weltweite Pandemie herrscht, hören die Herzinfarkte, die Schlaganfälle und die entzündeten Blinddärme ja nicht auf zu existieren. Auch wenn viele Patienten diese als weniger dringlich einschätzen als sie in der Realität sind. So fiel auf, dass ein ums andere Mal Patient*innen erschienen, die einen Herzinfarkt bereits seit einigen Tagen mit sich herumtrugen, allerdings nicht „gleich in die Notaufnahme“ gehen, sondern zunächst abwarten wollten, ob sich die Symptomatik nicht von selbst bessere. Die Behandlung gestaltet sich dann oft schwieriger als in der Akutsituation.

Unterstützung. Durch die vielen langen Schichten ergeben sich zwingend auch einige freie Tage – und mit diesen kommen die nächsten Herausforderungen. Denn was tut man an seinen freien Tagen, wenn man angehalten ist, Haus und Hof nicht zu verlassen? Wenn man auf Kontakte weitestgehend verzichten soll, so gilt das für Mitarbeiter*innen einer Notaufnahme und Coronaambulanz gleich doppelt. Ein Hochrisikoarbeitsplatz bedeutet nun mal, dass man zum Schutze anderer selbst besonders zurückstecken muss.
Allerdings erfährt man derzeit eine nie dagewesene Unterstützung aus der Bevölkerung. Sei es durch Pizzadienste, die gratis Essen „für die Helden“ an die Uniklinik liefern, Einkaufshelfer aus der Nachbarschaft oder durch kostenlose öffentliche Verkehrsmittel.
Wenn man dann am Ende des Arbeitstages die Klinik verlässt, und noch einen letzten Blick auf die Zahlen aus Deutschland wirft – die hohe Infektionszahl und die erstaunlich geringe Todeszahl – dann fällt einem alles gar nicht mehr so schwer.

Dr. Robert Schappacher

 

Die Zahnärzteschaft während der Coronakrise

 

Pressespiegel

Ausgabe 5, 2020

In den vergangenen Wochen wurde in allen Medien viel über die Situation der Zahnärzteschaft berichtet. Dabei ging es vor allem um den fehlenden finanziellen Schutzschirm für Zahnarztpraxen, die nicht vorhandene Schutzkleidung, Herausforderungen bei den Behandlungen, aber auch um die Unsicherheit bei Patient*innen und auch Zahnärzt*innen.