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Titelthema

Hintergrundbericht

 

Ein Berufsstand im Wandel

Ausgabe 6, 2020

Der Strukturwandel in der Zahnärzteschaft ist in vollem Gange:
War die Zahnmedizin jahrzehntelang ein männlich dominiertes Feld, ergreifen heute deutlich mehr Frauen den Beruf als Männer. Das Anstellungsverhältnis ist im Kommen, egal ob in einer Einzelpraxis, einer BAG oder in einem MVZ. Darüber hinaus sollen zum Wintersemester 2020/21 auch Änderungen im Studiengang umgesetzt werden. Wohin führt der Weg? Eine Darstellung der aktuellen Entwicklungen.

 

Herausforderndes Studium. Wer in Deutschland Zahnärztin oder Zahnarzt werden möchte, muss studieren. In Baden-Württemberg ist dies an den Standorten Frei-burg, Heidelberg, Tübingen und Ulm möglich. Dabei werden die Weichenstellungen der zahnmedizinischen Ausbildung an den Uni-versitäten entschieden. Seit 1955 galt unverändert dieselbe zahnärztliche Approbationsordnung, erst 2019 verabschiedete der Bundesrat eine Verordnung zur Neuregelung der zahnärztlichen Ausbildung, deren Umsetzung in zwei Schrit-ten beginnend mit dem Wintersemester im Herbst 2020 erfolgen soll. Was ändert sich nun mit der Einführung? Ursprünglich war ge-plant gewesen, dass Studierende der Zahnmedizin und der Human-medizin die Vorklinik gemeinsam absolvieren. Diese Reform wird aber vorerst verschoben. Dafür ist geplant, dass sich das Zahlenverhältnis von Lehrenden zu Studierenden in den Praxisteilen verbessert, Ausbildungsinhalte neu gewichtet werden – beispielswei-se soll der Strahlenschutz und die wissenschaftliche Kompetenz im Studium verstärkt werden – sowie mehr medizinische Unterrichtsveranstaltungen Platz finden. Fest steht: Das Studium wird herausfordernd bleiben.

In einer Befragung der Uni Konstanz lagen Zahnmediziner gar auf Platz 2 der zeitintensivsten Studiengänge. Die Anforderungen an Studierende sind vielfältig: Eine Befragung unter der Professorenschaft vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) ergab, dass neben einer Affinität zu Naturwissenschaften und Technik auch Sozialkompetenz, Lernbereitschaft und Belastbarkeit hilfreiche Eigenschaften sind.
Der zeitliche Rahmen des Studiums bleibt in Zukunft gleich. Drei staatliche Prüfungen sind über einen Zeitraum von mindestens fünf Jahren beziehungsweise zehn Semestern angesetzt. Für die Anerkennung von Prüfungen soll zukünftig gelten, dass Absolventen einer deutschen Universität und ausländische Antragsteller auf Erteilung einer Berufserlaubnis gleich behandelt werden.

 

Steigender Frauenanteil. Beim Blick auf die Studierendenzahlen der Zahnmedizin fällt auf, dass seit den 2000er-Jahren der Anteil der Studienanfängerinnen stark ange-stiegen ist. Mitte der 1990er Jahre lag ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis vor, nach neuesten Zahlen beträgt der Frauenanteil bei Studienanfängern in Baden-Württemberg rund 75 Prozent. Während aktuell mit 58 Prozent noch mehr Männer in dem Beruf arbeiten, werden in wenigen Jahren die Zahnärz-tinnen in der Mehrheit sein. Anders formuliert: Der Zahnarzt der Zukunft ist meistens eine Zahnärztin. Und im Gegensatz zur anfänglichen Diskussion haben inzwischen viele verstanden, dass damit auch positive Veränderungen zusammenhängen und im Wandel auch Chancen liegen.

 

Zahnärzteschaft Baden-Württemberg.Verteilung Männer und Frauen in Altersgruppen.

 

Vielfalt der Berufsausübung. So wurden z. B. durch den wachsenden Frauenanteil im Beruf dringend erforderliche Änderungen bezüglich der Rahmenbedingungen bei der Berufsausübung angestoßen. Hiervon profitiert der gesamte Berufsstand. Arbeit in Teilzeit und mehr Vielfalt bei den Praxisstrukturen – junge Zahnärztinnen und Zahnärzte bringen neue Zielvorstellungen mit, und neben die niedergelassene Zahnärztin bzw. den niedergelassenen Zahnarzt in der selbstständigen Einzelpraxis treten in immer mehr Fällen andere Formen der Berufsausübung, etwa in größe-ren Praxis-Kooperationen. Hinzu kommen Teilzulassungen, häufigere Ortswechsel anstelle jahrzehntelanger Arbeit in ein und derselben Praxis oder auch Pausen aufgrund von Mutterschutz und Elternzeit für Zahnärztinnen und Zahnärzte.
In der Niederlassung scheint insbesondere die Form der BAG oder ÜBAG attraktiv zu sein. Dies ergab auch eine von der KZV Baden-Württemberg in Auftrag gegebe-ne forsa-Studie aus dem Vorjahr unter angestellten Zahnärztinnen und Zahnärzten: Eine überwiegende Mehrheit sprach sich hier für eine Niederlassung in einer BAG/ÜBAG gegenüber einer Einzelpraxis aus.

 

Praxisstrukturen in Baden-Württemberg. Neben die niedergelassene Zahnärztin bzw. den niedergelassenen Zahnarzt in der selbstständigen Einzelpraxis treten in immer mehr Fällen andere Formen der Berufsausübung, etwa in größeren Praxis-Kooperationen.

 

Anstellung im Kommen. Darüber hinaus setzt sich der Trend zur Anstellung fort. Die Zahl derer, die zumindest nicht sofort eine eigene Niederlassung anstreben, steigt mit jedem Jahr. Der aktuellsten Erhebung der KZV Baden-Württemberg nach, ist im Jahr 2020 bereits rund ein Viertel der Zahnärztinnen und Zahnärzte in Anstellung tätig. Die Gründe, weswegen nach Studium und Assistenzzeit die Entscheidung für eine Arbeit in Anstellung anstatt der Selbstständigkeit fällt, sind vielfältig. Sowohl die persönliche Lebensplanung als auch die eigenen Vorstellungen und Ziele im Beruf sind damit unmittelbar verknüpft. Betrachtet man das Geschlechterverhältnis der angestellten Zahnärztinnen und Zahnärzte, wird deutlich, dass Frauen überdurchschnittlich oft in Anstellung arbeiten: Lediglich 35 Prozent der angestellten Zahnärzte sind männlich, 65 Prozent sind weiblich. Die forsa-Studie unter angestellten Zahnärztinnen und Zahnärzten (2019) ergab, dass für die männlichen Befragten vor allem die Arbeit im Team und mehr Zeit für persönliche Interessen aus-schlaggebend für die Anstellung sind, bei den weiblichen Befragten überwiegt der Wunsch nach Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Entwicklung angestellte Zahnärzt*innen. Betrachtet man das Geschlechterverhältnis der angestellten Zahnärztinnen und Zahnärzte, wird deutlich, dass Frauen überdurchschnittlich oft in Anstellung arbeiten.

 

Zukunftsreferenten. Was be-deutet dieser Wandel für die Zahnmedizin der Zukunft? Die KZV Baden-Württemberg widmet sich dem Thema Zukunftsmanagement intensiv: So wurden Denkwerk-stätten gegründet und mit Dr. Flo-rentine Carow-Lippenberger eine Vorstandsreferentin für Frauen und Angestellte in der Selbstverwaltung sowie mit Dr. Christian Engel ein Zukunftsreferent ernannt, um gezielt die Perspektive junger Vertreterinnen und Vertreter der Zahnärzteschaft einzubringen. „Mein Ziel ist es, Impulse zu geben, wie die Zahnheilkunde auch für die kom-menden Zahnärztegenerationen attraktiv bleiben kann“, so Dr. Carow-Lippenberger. Für Dr. Engel ist es insbesondere wichtig, „eine Brücke zwischen dem Altbewährten und den neuen Trends zu schlagen.“ Für die KZV Baden-Württemberg ist dabei klar, dass trotz der vielfältigen strukturellen und gesellschaftlichen Veränderungen die hohe Qualität der flächendeckenden, wohnortnahen zahnärztlichen Versorgung im Land nie infrage stehen darf.

Benedikt Schweizer

 

Aktionen der zahnärztlichen Körperschaften für den zahnärztlichen Nachwuchs

 

Fit in die Zukunft

Ausgabe 6, 2020

Mit „FutureNow – Junge Zahnärzte in Baden-Württemberg“ hat die Landeszahnärztekammer (LZK) im Jahr 2014 ein umfangreiches Projekt ins Leben gerufen. Es richtet sich vor allem an junge Zahnärztinnen und Zahnärzte beim Übergang vom Studium ins Berufsleben, während ihrer Assistenzzeit und zu Beginn ihrer Berufsausübung. Ziel des Projekts ist es, diesen Personenkreis auf ihre Existenzgründung und die damit verbundenen Herausforderungen vorzubereiten und den fachlichen Austausch untereinander zu fördern. Seit dem Jahr 2015 wird der Arbeitskreis als gemeinsamer Arbeitskreis – von Landeszahnärztekammer und Kassenzahnärztlicher Vereinigung – fortgeführt.

 

Voller Einsatz. Fachschaftsvertreter der Uni Freiburg mit Vorstandsmitgliedern der BZK Freiburg.

 

Mit verschiedenen Aktivitäten und Maßnahmen werden den jungen Zahnärztinnen und Zahnärzten Orientierungshilfen im Rahmen der zahnärztlichen Berufsausübung gegeben, sodass nach Möglichkeit eine optimale Unterstützung in den ersten Berufsjahren erfolgen kann.

LZK-Internetangebot. Auf der Webseite der LZK finden sich unter der Rubrik „Zahnärzte – Neuapprobierte und junge Zahnärzte“ verschiedene Informationsflyer, die in den unterschiedlichen Phasen der Berufsausübung als verlässliche Informationsquelle genutzt werden können. Auch stehen hier Ansprechpartner*innen mit den Kontaktdaten in den Zahnärztehäusern Freiburg, Karlsruhe, Stuttgart und Tübingen für jedwede Frage bereit. Darüber hinaus finden sich weitere Inhalte, die wichtige Themenbereiche rund um das Thema Existenzgründung beleuchten. So werden Informationen über die Formen zahnärztlicher Berufsaus-übung zur Verfügung gestellt und zusätzlich Infobriefe von den Themen „Erste Schritte nach dem Examen“ über „Versicherungen“ bis hin zu den „Weiterbildungsmöglichkeiten“ für die jungen Kammermitglieder detailliert beleuchtet. Ergänzend finden sich Checklisten für mögliche Praxisübernahmen und andere Themenbereiche, die im Rahmen der weiteren Berufsorientierung Sicherheit und Verlässlichkeit geben sollen und so-mit bei anstehenden Entscheidungen unterstützen können.

Netzwerken. Im Rahmen von dreitägigen Existenzgründer-Work-shops werden gemeinsam mit jungen Zahnärztinnen und Zahnärzten verschiedene Themen und unterschiedliche Wege in eine mögliche SelbstZudem finden bereits seit einigen Jahren an den baden-württembergischen Universitäten in Freiburg und Tübingen SummerDentivals bzw. Zahnikicke/Sommerfeste statt. Hier soll bereits der junge, noch studen-tische zahnärztliche Nachwuchs abgeholt und dabei in Erfahrung ge-bracht werden, welche Themen die Studierenden interessieren und wo die zahnärztlichen Körperschaften unterstützen können. Gemeinsam mit den Fachschaften und Studierenden findet somit ein regelmäßiges Netz-werken statt. Das Netzwerken wird insofern konsequent fortgeführt, als die Fachschaftsvertreter*innen auch regelmäßig bei den Sitzungen des Arbeitskreises FutureNow anwesend sind und direkt bestimmte Themen platzieren können.

Regionale Aktivitäten. Verschiedene regionale Aktionen in den Be-reichen Freiburg, Karlsruhe, Stuttgart und Tübingen runden das Angebot für die jungen Zahnärztinnen und Zahnärzte ab. Somit wird der Kontakt an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten der Berufs-ausübung gepflegt und weiter ausgebaut. Daran gilt es anzuknüpfen und weitere Maßnahmen sowie Hilfsmittel zu entwickeln, um den zahnärztlichen Nachwuchs zielführend zu unterstützen.

Thorsten Beck

 

Initiativen der Bezirke für junge Zahnärzt*innen

 

Netzwerken mit dem Nachwuchs

Ausgabe 6, 2020

Auf Bezirksebene gibt es vonseiten der zahnärztlichen Körperschaften schon seit vielen Jahren die Bemühungen, jungen Zahnärztinnen und Zahnärzten den Einstieg ins Berufsleben zu erleichtern und ihnen aufzuzeigen, welche Hilfestellungen ihnen von Kammer und KZV entgegen gebracht werden. Auf Landesebene fließen sämtliche Aktionen inzwischen im Arbeitskreis FutureNow zusammen. Die Angebote der zahnärztlichen Selbstverwaltungen in den Bezirken sind vielfältig und dienen gleichzeitig der Kontaktaufnahme, um den zahnärztlichen Nach-wuchs zu motivieren, sich an der standespolitischen Arbeit zu beteiligen.

 

Beliebte Veranstaltung. Die Young Dentist Lounge erfreut sich als Netzwerkveran-staltung in Karlsruhe großer Beliebtheit.

 

Bereits während des Studiums stehen den Studierenden in den vier Bezirks-zahnärztekammern Freiburg, Karls-ruhe, Stuttgart und Tübingen spezi-elle Ansprechpartner zur Verfügung, die als Bindeglied zwischen Univer-sität und Körperschaft auftreten und sich auch nach dem Studium für die Berufseinsteiger einsetzen. Als Uni-beauftragte/Ansprechpartner für jun-ge Zahnärzt*innen stehen folgende Personen bereit:

  • Bezirk Freiburg: Dr. Helen SchulzBezirk

  • Karlsruhe: Dr. Florian Mannl

  • Bezirk Stuttgart: Dr. Sarah Bühler

  • Bezirk Tübingen: Dr. Dr. Heiner Schneider, Dr. Elmar Ludwig

Sie treten regelmäßig zum Ge dankenaustausch in Kontakt mit den Fachschaften und beantworten Fra-gen. Sie sind auch die Schnittstelle zum Arbeitskreis „FutureNow“ und liefern dort Informationen für weite-re zielgruppengerechte Angebote.

 

Bezirk Freiburg. Im Zahnärztehaus Freiburg hat der Infoabend für Studierende inzwischen einen festen Platz im Kalender. Die BZK Freiburg und die KZV BW Bezirks-direktion Freiburg laden regelmäßig Studierende der Zahnmedizin im neunten Semester ein, um den Ab-schluss der Berufskundevorlesungen feierlich zu begehen. Neben einem vielfältigen Informationsangebot zur Orientierung nach dem Examen bietet anschließend das gesellige Beisammensein die Möglichkeit, in einen intensiven Austausch zu treten und vom Erfahrungsschatz der Referenten der Berufskundevorlesungen zu profitieren.

 

Bezirk Karlsruhe. Bei den jungen Zahnärzt*innen im Bezirk Karlsruhe hat sich die „Young Dentist Lounge“ in den Räumen der Akademie Karls-ruhe als Netzwerkveranstaltung etabliert. Zweimal im Jahr treffen hier die Kreisvorsitzenden aus allen acht Kreisen des Bezirks mit dem zahnärztlichen Nachwuchs zusammen, um sich auszutauschen und wichtige Kontakte aufzubauen. In Heidelberg hat außerdem das Get-together im Bootshaus Heidelberg mit Studierenden bzw. Absolventen der Berufsfachkundevorlesung inzwischen Tradition. Auch hier wird von allen Beteiligten ein intensives Netzwerken betrieben.

 

Bezirk Stuttgart. Die BZK Stuttgart ist im Sommer 2019 mit einem neuen Veranstaltungsformat auf die neuen und jungen Kammer-mitglieder zugegangen. Im Rahmen der Sommerakademie in Ludwigsburg gab es einen „Welcome Day“, bei dem die berufspolitischen Vertreter*innen in legerer und un-gezwungener Atmosphäre mit den neuen Kammermitgliedern zusammentrafen, um ihre Aufgabengebiete vorzustellen und sich anschließend kennenzulernen und auszutauschen.

 

Bezirk Tübingen. Die standes-politische Nachwuchstagung, die die BZK Tübingen zusammen mit der KZV BW Bezirksdirektion Tübingen durchführt, gibt es schon seit mehr als 15 Jahren. Zu dieser zweitägigen Veranstaltung werden junge Zahnärzt*innen eingeladen, die sich in den ersten Jahren ihrer Praxistätigkeit befinden. Sie sollen dabei gezielt an standespolitische Themen herangeführt werden. Im Herbst 2019 verbrachten die Teilnehmer*innen die Nachwuchs-tagung im Biosphärengebiet Schwäbische Alb, um sich über die Aufgaben der BZK und KZV zu informieren und zu diskutieren.

Sämtliche Veranstaltungen auf Bezirksebene zeigen: Sie sind wichtig, um den Berufsanfängern aufzuzeigen, welche Aufgaben die zahnärztlichen Körperschaften wahrnehmen und dass sie den Zahnärztinnen und Zahnärzten in Baden-Württemberg mit Rat und Tat zur Seite stehen. Die zahnärztliche Berufsvertretung ist keine Selbstverständlichkeit, sondern lebt davon, dass sich möglichst viele daran beteiligen, gerade auch junge Menschen.

Claudia Richter

 

Überlegungen zur Nachfolgeregelung

 

Eine Praxis – zwei Generationen

Ausgabe 6, 2020

Es kann ein großes Glück sein, wenn die nächste Generation heranwächst und sich nicht nur für die privaten Neigungen der Eltern interessiert, sondern auch die berufliche Leidenschaft teilt. Es kann – aber oft müssen
auch erst einmal Reibungen durchstanden werden, bevor die beiden Generationen konfliktfrei miteinander arbeiten können. Wie verhält es sich in der Praxis? Wir haben in Endingen-Königschaffhausen nachgefragt.

 

ZBW: Die Übergabe eines Betriebs von der einen an die nächste Generation ist oft mit unterschiedlichen Emotionen verbunden. Manche Väter oder Mütter raten gar davon ab, andere wiederum sind zu begeistert und übersehen, dass Kinder gerne eigene Wege gehen würden. Wie war dies im Haus Heckle?

 

Team. Dr. Roland Heckle, Dr. Sophia Heckle, Dr. Victoria Heckle (v. l.) – eine Familie – eine Praxis – eine Berufung.

 

Dr. Roland Heckle: Grundsätzlich kam Abraten nie infrage, denn in dem Moment, als klar war, dass meine Töchter auch Zahnmedizin studieren, war für mich klar, dass es sicherlich die erste Option ist, die Praxis an die Töchter zu über-geben. Ich habe sehr lange als selbst-ständiger Praxisinhaber gearbeitet und möchte die Möglichkeiten und Chancen, die diese Praxis-form bietet, auch meinen Töchtern ermöglichen. Sophia und Victoria waren die Assistenzzahnärztinnen Nummer 13 und 14 in meiner Praxis, alle vorherigen haben sich erfolgreich selbstständig gemacht. Deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass meine Töchter dies auch schaffen.

 

Dr. Sophia Heckle: Ich habe meine Assistenzzeit gleich nach dem Studium in unserer Praxis sehr genossen und bin gerne geblieben. Natürlich wurden einige, in der Familie auch teils emotionale Konflikte ausgetragen, bis jeder seine Position gefunden hatte.

 

Dr. Victoria Heckle: Ich hingegen habe meine Assistenzzeit in München, wo meine Schwester und ich auch studiert haben, verbracht. Mir ist es nicht ganz leicht gefallen, mich direkt danach für den Schritt in die väterliche Praxis einzusteigen, zu entscheiden. Am Ende hat die Verbundenheit zur Heimat und zur Familie überwogen.

 

Können Sie mir den Moment beschreiben, als klar war, dass die berufliche Zukunft in der väter-lichen Zahnarztpraxis ablaufen würde?

 

Dr. Sophia Heckle: Das war bei uns beiden weniger ein Moment, eher eine Entwicklung mit Höhen und Tiefen.

 

Dr. Victoria Heckle: Man wächst quasi rein und irgendwann kann man es sich nicht mehr anders vorstellen.

 

Eine oftmals Emotionen berührende Schnittstelle im Berufs-leben ist die Praxisübergabe –hätten Sie sich Herr Dr. Heckle gedacht, dass Sie Ihre Praxis einmal mit Ihren Töchtern teilen? Was war das für ein Gefühl, den Behandlungsstuhl mit dem Nach-wuchs zu teilen?

 

Dr. Roland Heckle: Ja, das habe ich mir so vorgestellt. Dadurch, dass mir die Zusammenarbeit sehr viel Freude macht und meine Töchter bei unseren Patienten*innen und Mitarbeiter*innen sehr beliebt sind, teile ich den Behandlungs-stuhl sehr gerne und gehe eigentlich nur noch ungern in die Praxis, wenn sie nicht da sind. Gab es Wechsel-Gefühle – bei beiden Parteien?

 

Dr. Roland Heckle: Spannend und herausfordernd war und ist die Übergabephase jeden Tag.

 

Dr. Sophia Heckle: Wie bei jeder Übergabe gab und gibt es gute und weniger befriedigende Tage, letztere haben uns jedoch nicht an unserer Entscheidung zweifeln lassen.

 

Sophia und Victoria Heckle, empfanden Sie es eher als Vorteil, Tochter des Praxisinhabers zu sein? War es eher ein Einsteigen ohne Risiko? Oder ein Einsteigen mit Vorbelastungen?Oder keines von beidem?

 

Dr. Victoria Heckle: Eigentlich eher beides. Auf der einen Seite ist es sicherlich ein Vorteil, in eine gut geführte Praxis einsteigen zu können. Auch bei unseren Patienten herrschte wahrscheinlich von Beginn an eine Art „Grund-vertrauen“.

 

Dr. Sophia Heckle: Auf der an-deren Seite muss der Weg von „Töchtern des Chefs“ bis hin zur eigenständigen Führungsposition relativ hart erarbeitet werden, bei Mitarbeiter*innen und bei Patienten*innen. („Isch dr Chef nid do?“)

 

Wie empfanden Sie es als Vater, Herr Dr. Heckle? Wären Sie froh gewesen, die Praxis einfach irgendwann abgeben zu können oder empfinden Sie es schön, das Erbe in dieser Form weiterzureichen? Ist auch Wehmut dabei?

 

Dr. Roland Heckle: Es macht mich glücklich, die Praxis weiterhin in guten Händen zu wissen und hoffe auf eine Anstellung in Altersteilzeit.

 

Wie häufig wird fachlich diskutiert? Fallen diese Diskussionen eher einvernehmlich aus, oder sind sie mitunter auch kontrovers?

Dr. Roland Heckle: Ich habe bis-her mit all meinen zahnärztlichen Mitarbeitern abends die Patientenfälle besprochen und gemeinsam Fortbildungen besucht. Dadurch ist eine fachliche Nähe gewährleistet. Was auch von den Vorgängern als bereichernd empfunden wurde.

Dr. Victoria Heckle: Natürlich gibt es auch Bereiche, in welchen wir zum Beispiel durch die Lehre an der Universität modernere Ansät-ze mitgebracht haben. Wir empfinden die Diskussionen dabei als eher positiv, denn unser Vater ist immer offen für fachliche Neuerungen.

 

Wie gelingt die Trennung zwischen Privat und Beruflichem? Wird bei privaten Treffen häufig über Frontzahnrestaura-tionen oder Punktwerte diskutiert?

 

Dr. Roland Heckle: Zu Hause wer-den eher Fragen der Praxisführung erörtert, hier ist der räumliche Abstand zur Praxis ganz klar von Vorteil. Zahlreiche Unternehmen, die mit mehreren Generationen zusammenarbeiten, lassen sich von Mediatoren begleiten, die beispiels-weise von Anfang an hinsichtlich Zuständigkeiten etc. beraten.

 

Halten Sie dies für zielführend?

 

Dr. Roland Heckle: In der weiteren Phase meiner Praxisübergabe halte ich es sicherlich für zielführend, professionell beraten zu werden.

 

Dr. Sophia Heckle: Wir denken, es ist sinnvoll, eine externe Person mit einzubeziehen, die den vor-herrschenden familiären Beziehungen neutral gegenübersteht.

 

Die Übernahmeleidenschaft im Bereich Zahnarztpraxen hat sich leider gelegt. Waren vor rund zehn Jahren bei einer validen, wirtschaftlich und perspektivisch interessanten Praxis etwa sechs bis acht Zahnärzte an einer Übernahme interessiert, ergeben sich heutzutage – je nach Region – nicht selten drei oder weniger Interessenten. Die Tendenz ist zudem weiter abnehmend. Wie betrachten Sie diese Entwicklung?

 

Dr. Roland Heckle: Ich empfinde das als problematisch. Sicherlich ist die Niederlassungsfrage auch eine Geschlechterfrage zum Beispiel aufgrund der Familienplanung.


Dr. Sophia Heckle: Uns liegt die Versorgung im ländlichen Raum, wo sich nicht unbedingt große Gemeinschaftspraxen oder MVZs ansiedeln würden, am Herzen. Uns ist klar, dass wir sicherlich entgegen dem aktuellen Trend handeln, indem wir uns als Frau auf dem Land niederlassen. Aber zum Glück sind wir ja zu zweit, was vieles erleichtert.

 

Wagen wir einen gemeinsamen Blick in die Zukunft? Sehen Sie ihre berufliche Zukunft in En-dingen oder sieht es Ihr privater Entwurf vor, irgendwann eine eigene Praxis an anderer Stelle zu führen?

 

Dr. Victoria Heckle: Wir denken, dass wir unsere beruflichen Ziele in Endingen erreichen können und die Praxis zu unserer eigenen machen können – auch ohne einen Ortswechsel.

Das Gespräch führte Cornelia Schwarz