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Berufspolitik

Alleine schafft es keiner!

 

Alleine schafft es keiner!

Ausgabe 6, 2020

„Alleine schafft es keiner!“ – mit diesen Worten zitierte LZK-Präsident Dr. Torsten Tomppert seinen Referenten für Alterszahnheilkunde, Dr. Elmar Ludwig, als er Lehrkräfte der Pflegeschulen in Baden-Württemberg am 11. Februar 2020 begrüßte. Im Rahmen einer Informationsveranstaltung stellte die Kammer ihre neuen Lehr- und Lernmittel für die Pflege in Stuttgart erstmals vor.

 

Übung. Auch viele Senioren- und Behindertenbeauftragte nahmen im Februar an der Veranstaltung teil und übten mit den Pflegepädagogen am Phantomkopf das Aus- und Eingliedern von Zahnersatz.

 

Ältere und Gebrechliche sowie Menschen mit Behinderungen haben heute mehr eigene Zähne, Implantate oder technisch aufwändigen Zahner-satz im Mund. In Bezug auf Karies, Parodontitis oder Komplikationen bei Zahnersatz ist die Mundgesundheit dieser Menschen allerdings bis heute nachweislich schlechter als in der Gesamtbevölkerung.

Dazu erklärte Dr. Ludwig: „Natürlich müssen wir Zahnärzte uns fragen, ob wir schon genug tun und ja, da ist noch Luft nach oben. Aber alle unsere Bemühungen setzen eine gute häusliche Zahn- und Mundpflege voraus – sonst ist alles, was wir tun, wenig nachhaltig. Dazu müssen die heute notwendigen Kenntnisse und Kompetenzen vermittelt wer-den und da gibt es in der Ausbildung wie in der Weiterbildung der Pflege große Defizite. Mundpflege kann sich heute nicht mehr auf Soor- und Parotitisprophylaxe beschränken! Und wir müssen die Pflegekräfte vor Ort gut unterstützen: Aspiration vermeiden und ergonomisch arbeiten – das muss uns gemeinsam gelingen, denn das sind wichtige Schlüssel zum Erfolg!“

 

Bewährt und prämiert. Baden-Württemberg hat bereits seit Jahren ein voll ausgearbeitetes Konzept mit Lehr- und Lernmitteln für die Mundhygiene in der Pflegeausbildung sowie für die Weiterbildung in der Pflege entwickelt – damals in Kooperation mit der Konferenz der Altenpflegeschulen in Baden-Württemberg. Das Konzept wurde 2012 im Rahmen einer Studie validiert und mit dem Wrigley-Prophylaxe-Preis prämiert. Seitdem werden die Materialien und das Konzept stetig überarbeitet und weiterentwickelt.

 

Was ist neu? Krankenpflege, Kinderkrankenpflege und Altenpflege – diese drei Berufe gehen nach dem Pflegeberufegesetz ab diesem Jahr in der Ausbildung gemeinsame Wege. Die sogenannte generalistische Ausbildung soll einerseits den Wechsel zwischen den Berufen erleichtern. Andererseits brauchen Altenpflegekräfte heute mehr medizinisches Wissen und umgekehrt brauchen Krankenpflegekräfte mehr Wissen z. B. über den Umgang mit multimorbiden bzw. demenziell erkrankten Patienten. Die Generalistik zielt zudem darauf ab, das Wissen und die Kompetenzen anhand konkreter Handlungs-anlässe bzw. Lernsituationen selbst-ständig zu erarbeiten.

 

Neu strukturiert. Die bisherigen Lehr- und Lernmittel für die Pflegeausbildung wurden aktuell erweitert, komplett neu strukturiert sowie Handlungsanlässe und Lernsituationen formuliert. Für die Heilerziehungspflege – also in der Betreuung von Menschen mit Behinderung – hat Dr. Guido Elsäßer als Referent für Behindertenzahn-heilkunde für die Kammer bereits vor Jahren ebenfalls ein Konzept erarbeitet und dafür im Jahr 2016 den Gaba-Präventionspreis erhalten. Dr. Elsäßer hat seine Materialien zwischenzeitlich ebenfalls an die Ideen der Generalistik angepasst.

Im Rahmen der Informationsveranstaltung stellten Dr. Ludwig und Dr. Elsäßer alle bisherigen Entwicklungen vor. Fragen und konstruktive Diskussionen aus dem Auditorium am 11. Februar und im Nachgang förderten gute Ideen und Anregungen zutage, sodass die Materialien weiter verbessert werden konnten.

Andrea Mader

 


 

IDZ-Hygienekostenstudie

 

Hygienekosten in Baden-Württemberg am höchsten

Ausgabe 6, 2020

Die baden-württembergischen Delegierten hatten bei der Bundesversammlung der BZÄK 2015 die Durchführung einer Hygienekosten-studie gefordert. Am 14. April hat das mit der Durchführung der Studie beauftragte IDZ die Studie „Hygienekosten in der Zahnarztpraxis“ veröffentlicht. Die Studie zeigt, dass die Hygienekosten in den baden-württembergischen Praxen bundesweit die höchsten sind. „Das muss auch bei Honorarverhandlungen Berücksichtigung finden“, fordert LZK-Vize Dr. Norbert Struß. Das ZBW hat mit dem LZK-Referenten für Praxisführung über die Ergebnisse der Studie gesprochen.

 

ZBW: Wie würden Sie als einer der Anstoßgeber zur Durchführung einer Hygienekostenstudie die jetzt vorliegende IDZ-Studie kurz beschreiben?

 

Dr. Struß: Die baden-württembergischen Delegierten hatten bei der Bundesversammlung der BZÄK im Jahre 2015 die Durch-führung einer aktuellen Hygienekostenstudie gefordert. Wir hatten seinerzeit gehofft, dass die Ergebnisse schneller vorliegen würden. Aber jetzt hat das IDZ am 14. April die Studie „Hygienekosten in der Zahnarztpraxis“ (Nicolas Frenzel Baudisch) veröffentlicht und wie sich zeigt, ist die Gesamtkosten-ermittlung unter Berücksichtigung regionaler Aspekte auch durchaus komplex. Hygiene ist ein zentrales Element der zahn-ärztlichen Berufsausübung. Viele alltägliche Praxisabläufe bergen Hygienekosten. Diese Allgegen-wart macht sie zugleich zu einem schwer fassbaren und zugleich erheblichen Kostenfaktor. In die-ser Untersuchung wurde versucht, die umfangreichen Hygienemaß-nahmen der Zahnärzteschaft so umfassend wie möglich zu erfas-sen. Dazu wurden drei gesonderte Datenquellen verwendet. Zum einen wurden die hygienebeding-ten Tätigkeiten in Zahnarztpraxen beobachtet und im Rahmen von Zeitmessungen erfasst. Dann wurden die Geräte- und Materialkosten mittels Fragebogen in zufällig ausgewählten Zahnarzt-praxen aus jedem Bundesland erfasst. Und schließlich wurden Sekundärdaten aus Quellen wie dem Statistischen Bundesamt mit einbezogen. Die Einbindung dieser Daten ermöglicht auch zu-künftig mit vertretbarem Aufwand die Aktualisierung der Ergebnisse.

 

Welche Schlüsse ziehen Sie aus den vorgelegten Ergebnissen?

 

Auch wenn die vorliegende Studie aus methodischen Gründen nicht direkt mit früheren Untersuchungen vergleichbar ist, ist dennoch deutlich geworden, dass die Hygienekosten in den Zahnarztpraxen stark gestiegen sind. Laut IDZ übersteigen sie die entsprechen-den Kosten einer Hausarztpraxis um etwa das Zehnfache.

Obwohl heute viele Schritte der Medizinprodukteaufbereitung maschinell durchgeführt werden, fällt der Faktor „Mensch“ mit einem Anteil der Personalkosten von ca. zwei Dritteln an den Gesamthygienekosten besonders ins Gewicht. Das ist ein Beleg für gelebte Hygiene in den Zahnarztpraxen, ins-besondere, wenn man bedenkt, dass viele Untersuchungen aus dem Kranken- und Pflegebereich einen immanenten Zeitmangel und -druck belegen.

Neben individuellen Praxis-strukturen haben die Standortfaktoren einen signifikanten Einfluss auf die Hygienekosten. Die Studie zeigt, dass die Hygienekosten in den baden-württembergischen Praxen bundesweit die höchsten sind. Sie betragen 95.000 Euro jährlich und liegen damit 35,7 Prozent über dem Bundesdurch-schnitt. Das ist meines Erachtens Ausdruck für ein hohes Hygiene-niveau und muss auch bei Honorarverhandlungen Berücksichtigung finden.

Andrea Mader