Zahnaerzteblatt.de

 

Leitartikel

Wir alle mussten und müssen kämpfen, ohne Hilfe von außen

Ausgabe 8-9, 2020

„Die Bewältigung der Coronakrise ist ein Marathon“, meinte der bayrische Ministerpräsident Markus Söder und wir alle merken jeden Tag, wie wahr diese Aussage ist. Seit Ende Februar hält dieser Krisenlauf nun schon an und hat die Welt um uns verändert. Und das in einer Geschwindigkeit, die wir persönlich für nicht möglich gehalten hätten.

 

Auch wenn langsam wieder etwas Normalität einkehrt – eigentlich wissen alle, dass wahrscheinlich nichts mehr so sein wird, wie es vorher war. In den vergangenen Monaten seit März erlebten wir unerwartete Herausforderungen für den zahnärztlichen Berufsstand: von vermeintlichen oder befürchteten Gefahren durch Aerosole, über Einschränkung der Behandlungsfreiheit und die große Verunsicherung der Patient*innen. Die Möglichkeit einer Vorbereitung hierauf gab es nicht, kein Muster, weder in den Zahnarztpraxen noch in den Standesvertretungen. Es mussten und müssen auf dem Marathon zurück zur Normalität viele Steine weggerollt werden.

Eine besondere Herausforderung ist der erhebliche wirtschaftliche Einbruch. Während in Politik und Medien Zerrbilder von dem Zahnarzt als porschefahrendem Bohemien gezeichnet wurden, bekommen wir von Beginn an die Sorgen und Nöte der Zahnärzteschaft mit. Darunter junge Zahnärzt*innen, die erst vor einem halben Jahr ihre eigene Praxis eröffnet haben und verunsichert sind, wie sie ihre Kredite bezahlen, Praxisinhaber*innen, die ihre Teams in Kurzarbeit schicken mussten oder Zahnärzt*innen, die nicht wissen wie sie Praxis und Familie unter einen Hut bekommen sollen. Nicht nur ihnen muss die Weigerung der Politik, einen Rettungsschirm für die Zahnärzt*innen zu spannen wie bitterer Zynismus vorkommen. Nicht zu vergessen sind die zahlreichen angestellten Zahnärzt*innen, die Praxisteams, von denen viele in Teilzeit arbeiten, und nicht zuletzt die Angehörigen des Zahntechnikerhandwerks, die alle auf dem Höhepunkt der Coronakrise um ihre Jobs fürchten mussten.

Die mittlerweile vorliegenden Abrechnungsdaten, die erhebliche Umsatzrückgänge angeben, sind schwerwiegend. Finanzielle Herausforderungen einer solchen Größenordnung gehen auch bei wirtschaftlich gesunden, gut laufenden Praxen an die Substanz. Für die flächendeckende, wohnortnahe Versorgung eine immense Herausforderung. Unverständlich, dass das die politisch Verantwortlichen wohl tatsächlich kalt lässt und in Berlin ein Schutzschirm zwar angekündigt, schließlich aber nur eine Liquiditätshilfe oder besser gesagt Kredit präsentiert wurde. Ein ganzer Berufsstand wurde zum Spielball einer Koalitionsstreitigkeit. Und wir? Wir alle mussten und müssen kämpfen, ohne Hilfe von außen zu bekommen. Als Vorstand der KZV BW haben wir in den vergangenen Monaten alles uns Mögliche getan, die Aufrechterhaltung des Betriebs der Praxen zu unterstützen: Wir haben mit dem Ausbruch der Pandemie eine Coronahotline ins Leben gerufen, mehrmals die Woche über Rundschreiben Aktuell informiert, für das ganze Jahr 2020 die monatlichen Auszahlungstermine vorgezogen, Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel organisiert. Die Sicherstellung der Versorgung war uns ebenfalls von zentraler Bedeutung, deswegen haben wir ein landesweites Netz mit Schwerpunktpraxen für COVID-19-Er-krankte geschaffen und einen Sicherstellungsdienst mit über 600 Praxen eingerichtet. Wir haben als Selbstverwaltung getrommelt, richtiggestellt und erklärt – ob bei der Politik oder in den Medien. Dass unter anderem die Corona-Verordnung von Gründonnerstag zunächst relativiert und dann wieder abgeschafft wurde, lag an diesem Engagement.

Die Pandemie ist noch nicht durchgestanden, weder gesundheitlich noch wirtschaftlich bzw. finanziell. Das darf man nicht vergessen, aber es ist uns ein Anliegen, allen, die in den vergangenen Monaten Außerordentliches geleistet haben, zu danken: den Zahnärzt*innen im ganzen Land sowie deren Assistenzpersonal. Durch Ihren fortwährenden Einsatz, Ihre Bereitschaft zum Sicherstellungsdienst und Ihren gesunden Pragmatismus. Dieser Einsatz war und ist ein Musterbeispiel für den freien zahnärztlichen Berufsstand.

Ein großer Dank geht auch an die Kreisvereinigungsvorsitzenden, die eine ganz wichtige Rolle bei der Krisenbewältigung gespielt haben, sowie die Mitglieder der Vertreterversammlung und des Landesbeirates. Und schließlich auch ein herzlicher Dank an die Mitarbeiter*innen in unseren Standesorganisationen für ihren kräftezehrenden Einsatz in den vielen vergangenen Wochen.

Wir wünschen Ihnen eine gute Sommerzeit mit hoffentlich ein wenig Zeit zur Erholung nach den vergangenen Monaten.

Dr. Ute Maier, Vorsitzende der KZV BW
Dipl.-Volksw. Christoph Besters, Stv. Vorsitzender der KZV BW
Ass. jur. Christian Finster, Stv. Vorsitzender der KZV BW