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Sonderthema

ZBW-Umfrage zur Corona-Warn-App

 

Wie betrachten Sie den Einsatz?

Ausgabe 8-9, 2020

Seit die Corona-Warn-App Mitte Juni vorgestellt wurde, klickten bereits über 15 Millionen User die Downloadtaste. Die App, die helfen möchte, Infektionsketten nachzuverfolgen und damit zu unterbrechen, erfreut sich entsprechend dieser Zahlen einer großen Akzeptanz. Laut dpa sollen bisher rund 300 COVID-19- Infektionen über die deutsche Warn-App gemeldet worden sein (Stand 13. Juli 2020), die inzwischen auch in den Stores von Google und Apple in allen 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union sowie in Großbritannien und Norwegen erhältlich ist. Doch wie betrachten Nutzer den Einsatz der Corona-Warn-App? Chefredakteurin Cornelia Schwarz hat nachgefragt.

 

Winfried Kretschmann, 
Ministerpräsident des Landes
Baden-Württemberg

 

„Die Corona-Warn-App hilft Infektionsketten nachzuvollziehen und unterbrechen zu können. Dabei erfüllt die App höchste Ansprüche an Datenschutz, Datensicherheit und Transparenz. Ich mache mit und bitte, dass sich möglichst viele Bürgerinnen und Bürger ebenfalls dieses wichtige Instrument auf ihrem Smartphone installieren. Denn je mehr sich beteiligen, desto wirksamer kann die App zum Eigenschutz und bei der Eindämmung des Virus helfen. Jede unterbrochene Infektionskette ist am Ende ein Vorteil, den wir gegenüber dem Virus bekommen und nutzen können. Es ist in der augenblicklichen Situation aber essenziell, dass wir trotzdem weiterhin auf Hygiene- und Abstandsregeln achten und dort, wo wir den Abstand nicht einhalten können, Alltagsmasken tragen.“

 

Manfred Lucha, 
Minister für Soziales und Integration
Baden-Württemberg

 

„Die Corona-Warn-App ist kein Allheilmittel und kann einen wirksamen Impfstoff gegen das Virus selbstverständlich nicht ersetzen. Bis es allerdings soweit ist, hilft uns die App dabei, Infektionsketten zu ermitteln und frühzeitig zu unterbrechen. Die Kontaktpersonennachverfolgung ist nach wie vor ein elementarer Bestandteil der Pandemie-Bekämpfung. Hierfür ist die Corona-Warn-App ein wirksames und einfach zu bedienendes Tool. Viel wurde im Vorfeld über mögliche Datenschutz- und Technik-Hürden diskutiert. Die Download-Zahlen aber zeigen, dass diese Sorgen größtenteils umsonst waren. Ich selbst habe die App auf meinem Handy installiert. Bislang ist alles im grünen Bereich.“ 

 

Dr. Stefan Brink, 
Landesbeauftragter für Datenschutz
und Informationsfreiheit
Baden Württemberg

 

Am Erfolg der Corona-Warn-App lässt sich beispielhaft ablesen, ob die Bürger*innen in Krisenzeiten wie der jetzigen auf die Rechts-staatlichkeit der Regierung vertrauen. Nach derzeitigem Stand können 15 Mio. Downloads (02.07.2020, de.statista.com) gezählt werden – das ist noch recht weit entfernt von der erhofften 60 Prozent-Nutzer-quote. Wie aber kann der Staat unser Vertrauen in die Corona-Warn-App stärken? Erstens durch das Fördern eines gesellschaftlichen Diskurses, zweitens durch Transparenz hinsichtlich der Funktionen und Ziele, die durch die App verfolgt werden und drittens durch verbindliche Garantien für die Freiwilligkeit und Zweckbindung der App-Nutzung. Die ersten beiden Schritte wurden bereits getan: Kritik wurde gehört („zentral vs. dezentral“), Transparenz ist gewährleistet („open source“) – aber ohne den dritten Schritt kann die Corona-Warn-App nicht zum Erfolgsmodell digitaler Rechtsstaatlichkeit werden. Hierzu ist es unabdingbar, die freiwillige und zweckgebundene Nutzung der App gegenüber jedweder/jedwedem Interessenvertreter*in – sei sie/er kommerziell, gesundheitspolitisch oder altruistisch motiviert, sei sie/er privater oder öffentlicher Stelle zugehörig – abzusichern und damit jeden Rückgriff auf (sozialtechnische) Zwangsmittel klar und eindeutig auszuschließen. Das kann letztlich nur durch ein Parlamentsgesetz zur Corona-Warn-App erreicht werden. Zwang ist Gift in einer liberalen Gesellschaft und versucht mit Druckmitteln das zu ersetzen, was an Vertrauen in die demokratischen Prozesse fehlt. Darüber hinaus muss schon jetzt festgeschrieben werden, dass Krisentechnologien, wie die Corona-Warn-App, mitsamt den von ihnen erhobenen Daten rückstandslos gelöscht werden, sobald ihre Notwendigkeit nicht mehr besteht. Krisenzustände dürfen nicht der neue Normalzustand werden. Denn auch solche Szenarien erschüttern das Vertrauen in eine Corona-Warn-App, die nichts nötiger hat als unser Vertrauen.

 

Dr. Torsten Tomppert, 
Präsident der Landeszahnärztekammer
Baden-Württemberg

 

In der Corona-Warn-App sehe ich einen zusätzlichen Baustein im Kampf gegen COVID-19. Sie ersetzt jedoch keinesfalls die wichtigen Hygiene- und Abstandsregeln! Bei allen Maßnahmen hängt der Erfolg stark vom verantwortungsvollen Handeln der/des Einzelnen ab. Auch wenn die App bereits in den ersten drei Wochen rund 15 Mio. Mal heruntergeladen worden ist: Die Downloadzahl allein sagt nichts darüber aus, ob und wie die App verwendet wird oder ob sich Anwender*innen, die eine Warnung erhalten, wie gewünscht verhalten. Da die Pandemie vor Ländergrenzen nicht haltmacht, hätte ich außerdem eine europäische Lösung für die Warn-App begrüßt.

 

Dipl.-Volkswirt Christoph Besters,
stellv. Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung
Baden-Württemberg

 

Solange es keinen Impfstoff gibt, wird man sich in einer freien Gesellschaft nicht mit letzter Sicherheit vor einer möglichen Ansteckung mit dem Coronavirus schützen können. Umso mehr kommt es darauf an, dass sich die Bürgerinnen und Bürger diszipliniert verhalten und die bestehenden Kontaktbeschränkungen respektieren, weil sie eben nicht nur sich selbst gefährden, sondern auch andere in Mitleidenschaft ziehen können – sei es durch die unmittelbare Gefahr für die Gesundheit, sei es durch die Folgen von Maßnahmen zur Krisenbekämpfung, wie wir ja durch § 6a der Corona-Verordnung des Landes erfahren mussten. Das frühzeitige Identifizieren und Unterbrechen von Infektionsketten ist der entscheidende Schlüssel zur Eindämmung des Coronavirus. In diesem Sinne kann die Corona-Warn-App ein wichtiges Werkzeug sein, mit dem man nicht nur sich selbst, sondern auch sein Umfeld schützen kann. Dass man hier eine datensparsame Lösung gefunden hat, die auf dezentrale Datenverwaltung setzt und Rückschlüsse auf einzelne Personen ausschließt, begrüße ich ausdrücklich. Dies zeigt, dass der Nutzen moderner Technologie eben nicht automatisch zum Missbrauch sensibler Daten führen muss. Dies könnte eine Vorbildfunktion auch für andere Bereiche der Digitalisierung im Gesundheitswesen besitzen.

 

Die Irin Mary Mallon verbachte 26 Jahre ihres Lebens in Quarantäne

 

Mehr als 14 Tage

Ausgabe 8-9, 2020

Während der aktuellen Coronazeiten bedeutet Quarantäne im Normalfall  eine 14-tägige Auszeit. Zwei Wochen, die in der Regel in den eigenen vier Wänden gestaltet werden können und in dieser Relation Einschränkungen auf Zeit bedeuten. Dennoch beschwerte sich bereits eine Vielzahl von Menschen über diese Maßnahme zur Eindämmung der Pandemie und damit zum Schutz für die Gesellschaft. Die gebürtige Irin Mary Mallon verbrachte 26 Jahre ihres Lebens in Isolation. Eine Separation, während der es noch keine weltweite Vernetzung  über soziale Medien gab, die eine Art Unterhaltung und Teilhabe am  Weltgeschehen zumindest nur eingeschränkt möglich machen.

 

Zeitungs-Illustration von 1909. Mary Mallon kochte in den schickeren Gegenden von Manhattan in den Häusern von sieben Familien und in jeder wurden Menschen krank.

 

Bevor die Worte Lockdown und Pandemie zu unserem alltäglichen Wortschatz zählten, machten wir uns relativ wenig Gedanken darüber, was es bedeutet, in Quarantäne zu leben, eine Isolation zu organisieren und den Tanz mit einem todbringenden Virus zu meistern. Zwar gibt es keine offiziellen Zahlen und Angaben darüber, wie viele Menschen sich allein in der Bundesrepublik in den vergangenen Monaten in Quarantäne begeben mussten, aber betroffen war in der jüngsten Vergangenheit fast jede*r von den Beschränkungen. Und auch wenn unser Leben durch quarantänebegleitende Maßnahmen in mehrfacher Hinsicht geprägt wurde, so war die Zeit des Rückzugs doch begrenzt. Was jedoch bedeutet es für einen Menschen 26 Jahre isoliert zu leben, nicht arbeiten zu dürfen und keine gesellschaftlichen Kontakte zu pflegen, weil man Träger eines todbringenden Bakteriums ist?

 

Hoffnung auf die Neue Welt. Mary Mallon wurde 1869 in Cookstown, County Tyrone einer nordirischen Stadt etwa 70 Kilometer westlich von Belfast, geboren. Sie verließ Irland bereits als Heranwachsende, um in der Neuen Welt ein Leben fern von Plagen wie Armut, Hunger und Seuchen aufzubauen. Ein Vorhaben, das zunächst gelang: Zwischen den Jahren 1900 und 1907 war die Auswanderin als Köchin für verschiedene wohlhabende Familien in und um New York City tätig. Den historischen Daten zufolge arbeitete Mary Mallon in den schickeren Gegenden von Manhattan. Während dieser Zeit kochte sie in den Häusern von sieben Familien – der letzten in der Park Avenue – und in jeder von ihnen wurden Menschen krank oder verstarben gar. Eine Verbindung der Krankheits- und Todesfälle zur Köchin im Haus war lange Zeit nicht naheliegend, was Mary Mallon die Möglichkeit gab, sich immer wieder an anderer Stelle als Köchin anstellen zu lassen.


Krankheit der Armen. Typhus war damals bereits eine todbringende Krankheit, aber sie gehörte nicht in die Welt der Reichen und Schönen, sondern hatte ihre Heimat in den Slums. Als die Herrin der Kochtöpfe schließlich im Jahr 1906 von Charles Henry Warren angestellt worden war und dieser sie mit in sein Sommerhaus genommen hatte, wo am Ende sechs der insgesamt elf im Haus anwesenden Personen an Typhus erkrankt waren, beauftragte die Familie eines der Opfer den promovierten Hygieniker George Albert Soper, der sich auf die Suche nach den Ursachen für die Armenkrankheit im reichen Villenviertel begab – und fündig wurde.

 

Gesunde Überträgerin. Die irische Köchin wurde festgenommen und in die Isolationsanlage auf North Brother Island im Fluss außerhalb von New York gebracht. Durchgeführte Labor-Tests ergaben schließlich, dass sie tatsächlich die erste bekannte gesunde Typhusüberträgerin Nordamerikas war. In den Jahren 1906/1907 waren etwa 3000 New Yorker mit dem Typus-Erreger Salmonella Typhiinfiziert. Mehreren Berichten zufolge wird vermutet, dass die Irin Mallon Hauptgrund des Ausbruchs sein könnte. Die Immunisierung gegen Salmonella Typhi wurde erst 1911 entwickelt, und eine Antibiotikabehandlung war 1948 verfügbar. Die Isolation eines Bakterienträgers war damit oberstes Gebot der damaligen Stunde.

 

Persönlicher Lockdown. Ihre Quarantäne verbrachte Mary Mallon zunächst abgeschottet von der Allgemeinheit, wogegen sie rechtliche Schritte plante, denn, so sagte sie wohl gegenüber ihrem Anwalt, „es scheint unglaublich, dass in einer christlichen Gemeinde eine wehrlose Frau auf diese Weise behandelt werden kann.“ Scheinbar hat nie jemand versucht, der Köchin die Bedeutung eines „Trägers“ zu erklären. Stattdessen wurde sie, so ist es zumindest in „The lessons of the Pandemic“, von G. A. Soper aus dem Jahr 1919 nachzulesen, erfolglos mit Hexamethylenamin, Abführmitteln, Urotropin und Bierhefe behandelt.

 

Klage am Obersten Gerichtshof. Mit der Hilfe ihres Anwalts gelang es Mallon schließlich doch, gerichtlich gegen die Quarantänemaßnahmen vorzugehen. 1909 verklagte sie die New Yorker Gesundheitsbehörde und erreichte, dass ihr Fall vor dem Obersten Gerichtshof verhandelt wurde. Damit löste sie nicht nur eine Grundsatzdebatte darüber aus, wie weit staatliche Autoritäten gehen dürften, um ihre Verantwortung in einer Gesundheitskrise wahrzunehmen, sondern auch die Diskussion darüber, welches Gut höher wiege, das des individuellen Rechts auf Selbstbestimmung oder das gesundheitliche Wohl der Gesellschaft.

 

Mary Mallon in Quarantäne. Die Köchin verbrachte 26 Jahre ihres Lebens in Isolation. 

 

Falsche Versprechung. Unter der Voraussetzung, sich nie wieder als Köchin zu betätigen, wurde sie dann doch aus der Quarantäne entlassen. Zunächst hielt sich die Virusträgerin an die Abmachung und verdingte sich als Wäscherin. Als es 1915 im New Yorker Sloane-Krankenhaus jedoch erneut zu einem Typhusausbruch kam, fand sich in der dortigen Küche eine alte Bekannte unter falschem Namen. Als Mary Brown hatte Mary Mallon dort die Kochkelle geschwungen. Sie kam erneut in Isolation, dieses Mal allerdings für den Rest ihres Lebens. Sie starb 23 Jahre später, im Jahr 1938 als fast Siebzigjährige an einer Lungenentzündung.

 

Katastrophale Bilanz. Mindestens 47 Infektionen und fünf Todesfälle soll sie nachweislich verursacht haben. Letzten Endes ist es jedoch nahezu unmöglich mit Sicherheit zu sagen, für wie viele Todesfälle sie schlussendlich belastet werden konnte. Immer wieder wurde Mary Mallon mit den Worten zitiert, „Ich habe doch nie in meinem Leben Typhus gehabt, ich verstehe das nicht“. Kaum einer wusste damals etwas über gesunde Überträger. Auch hier zeigt die Historie eindrucksvolle Parallelen zur aktuellen Gegenwart, denn auch heute ist es nicht allen Menschen bewusst, dass nicht nur kranke Menschen Überträger sind, sondern auch gesunde Menschen eine Viruslast haben können und ein wesentlicher Prozentanteil der Übertragungen durch junge, gesunde, wenig belastete, wenig Symptome habende Menschen erfolgt, die keine Anzeichen einer Erkrankung zeigen.

 

Umgang mit Quarantäne. In verschiedenen Studien wurde das Verhalten der Menschen, die sich in Deutschland seit Beginn der aktuellen Pandemie, in Quarantäne begeben haben, untersucht. Dabei wurden Daten erhoben, wann sie aufgestanden sind, wann sie sich duschten, wie viel Zeit sie im Internet verbrachten, wie oft sie die Yogamatte ausrollten und wie viele Teile die neu erworbenen Puzzles hatten, die sie sich zum Zeitvertreib besorgt hatten. Zahlen, die belegen, dass diesen Menschen eine Vielzahl an Beschäftigungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, sie sich jederzeit den Hörer für Telefonate in die ganze Welt schnappen, Pakete schnüren und verschicken oder aber online einkaufen gehen konnten. Mary Mallon hatte all‘ das nicht. Ihr Leben beschränkte sich 26 Jahre lang auf ein Rehazentrum, zum Ende ihres Lebens hin teilte sie sich zudem einen Schlafraum mit mehreren anderen kranken Frauen. Zwar erlangte sie durch die schlummernden Bakterien in ihrem Körper eine gewisse, wenngleich auch traurige Berühmtheit, da immer wieder Journalisten über die eigentümliche Geschichte der Irin berichteten – allerdings stets sorgsam darauf bedacht, nicht zu viel körperliche Nähe zuzulassen, damit keinem todbringenden Bakterium der Weg in den gesunden Körper möglich war. Freundschaften, eine Liebesbeziehung, ein Leben mit Alltäglichkeiten blieben ihr jedoch verwehrt – und das nicht nur 14 Tage lang.

Cornelia Schwarz