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Leitartikel

Tag der Zahngesundheit

Ausgabe 10/2020

Am 25. September 2020 war es wieder soweit – der Tag der Zahngesundheit stand auf der Agenda. Leider fand die vom „Aktionskreis Tag der Zahngesundheit“ initiierte Veranstaltung in diesem Jahr meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Das diesjährige Motto „Gesund beginnt im Mund – Mahlzeit!“ verdient es jedoch, dass man ihm Aufmerksamkeit schenkt und bei Patienten und Multiplikatoren für eine mund- und zahngesunde Ernährung wirbt.

Die Allgemeingesundheit und das Wohlbefinden sind eng mit der Mundgesundheit verbunden. Trotzdem zählt Karies weltweit zu den häufigsten chronischen Erkrankungen, die Parodontitisprävalenz ist zu hoch, besonders die älteren Bevölkerungsgruppen sind betroffen und junge Menschen zeigen zunehmend Erosionen und Strukturstörungen.

Zeit gemeinsam aktiv zu werden und die Bedeutung der Mundgesundheit und damit auch die Systemrelevanz der zahnärztlichen Berufsgruppen zu unterstreichen. Der Mund ist wichtig für die Nahrungsaufnahme, das Sprechen, Schmecken, Fühlen und Atmen. Zahnschmerzen, Ess- und Kauprobleme, Sprech- und Schlafstörungen sind vermeidbar. Wichtig ist es daher, die Öffentlichkeit und auch die Patienten darüber aufzuklären, dass Karies und durch Parodontitis bedingte Infektionen mit entsprechenden Präventionsmaßnahmen vermeidbar sind. Die Verantwortung dafür liegt bei jedem selbst bzw. bei den Eltern, Pflege- und Bezugspersonen. Lassen Sie uns gemeinsam die Großen und Kleinen, die Jungen und Alten dabei unterstützen, ihre Zähne und ihren Zahnhalteapparat gesund zu halten! Dazu muss man vor allem jungen Eltern erklären, dass eine regelmäßige und sorgfältige Mundhygiene ab dem ersten Zahn und eine gesunde, zuckerrestriktive Ernährung wesentliche Säulen einer erfolgreichen Strategie zur Karies- und Parodontitisprävention sind. Die Ernährung sollte sich dabei grundsätzlich an den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) orientieren. Wasser ist Durstlöscher der Wahl. Zwischenmahlzeiten sind nach Möglichkeit zu reduzieren und wenig kariogen zu gestalten. Bei jeder Nahrungs- oder Getränkeeinnahme werden die enthaltenen Kohlenhydrate durch die oralen Mikroorganismen zu kariogenen Säuren verstoffwechselt. Der pH-Wert sinkt in einen kritisch sauren Bereich von unter 5,5 bei dem der Zahnschmelz in Lösung geht. Der Speichel benötigt danach etwa 30 bis 120 Minuten für die erneute pH-Neutralisation. Snacking, sog. häufige Nahrungsaufnahmen über den Tag verteilt und vor allem in der Nacht, wenn die schützende Speichelsekretion vermindert ist, verursachen einen frequenten Abfall des pH-Wertes und fortlaufende Demineralisation des Zahnschmelzes. Zucker- und säurehaltige Lebensmittel und Getränke wie Saft, Schorlen, Softgetränke, Babyfruchtsäfte, Smoothies und Co. enthalten neben der Fruchtsäure sehr viel Zucker (Glukose und Fruktose) und werden deshalb am besten zur Hauptmahlzeit oder als Dessert gereicht. Auch mit Wasser verdünnte Fruchtsäfte greifen die Zähne an. Dies ist besonders im Kleinkindalter relevant. Die frequente Verabreichung zucker- oder säurehaltiger Getränke mit der Saugerflasche zählt zu den wichtigsten Entstehungsfaktoren der frühkindlichen Karies. Viele Eltern wissen nicht, dass die frühkindliche Karies, eine besonders schwere Form der Karies ist, die häufig unmittelbar nach Zahndurchbruch beginnt und in nur sechs bis zwölf Monaten zur vollständigen Zerstörung des Zahnes und des gesamten Milchgebisses führen kann. Besonders wenn die Mundhygiene verspätet beginnt und durch die Eltern oder Bezugspersonen vernachlässigt wird. Der aktuelle Barmer Zahnreport 2020 zeigt, dass Milchzähne besonders häufig von Karies betroffen sind. Dies erhöht auch das Kariesrisiko im bleibenden Gebiss. Der Grundstein für eine zahngesunde Entwicklung muss deshalb bereits im Milchgebiss gelegt werden. Nutzen wir den Tag der Zahngesundheit, um die Öffentlichkeit gemeinsam darüber zu informieren.
Machen Sie Ihren Patient*innen klar, dass regelmäßige Zahnarztbesuche einen wichtigen Beitrag zur Früherkennung und -behandlung von Zahn- und Munderkrankungen leisten und eine damit verbundene entsprechenden Mundhygiene- und Ernährungsunterweisung einen wichtigen Beitrag zur Allgemeingesundheit leisten. Leider wird bundesweit nur von 35 Prozent der anspruchsberechtigten versicherten Kinder unter sechs Jahren eine zahnärztliche Früherkennungsuntersuchung (FU) in Anspruch genommen (Barmer Zahnreport 2020). Seit dem 1. Juli 2019 stehen den gesetzlich Versicherten drei zusätzliche FUs vom 6. bis zum vollendeten 33. Lebensmonat zur Verfügung. Die Chance, die Kinder bereits im ersten Lebensjahr dem Zahnarzt vorzustellen und die Familien frühzeitig für eine zahngesunde Lebensweise zu sensibilisieren. Familien sind in dieser Lebensphase dankbar für alle Tipps zum gesunden Aufwachsen und können über Maßnahmen zur Gesunderhaltung der Milchund der bleibenden Zähne informiert werden. Werben sollte man für eine zweimal tägliche gründliche Reinigung und für die Entfernung des Zahnbelags in Zusammenhang mit einer zuckerrestriktiven, gesunden Ernährung. Und im Sinne des Mottos des diesjährigen Tages der Zahngesundheit ist es, wenn Sie Ihre Patient*innen darauf hinweisen, dass alles, was mundgesund ist, auch der Allgemeingesundheit dient. Die Reduzierung des allgemeinen Zuckerkonsums hilft neben der Prävention von Zahnerkrankungen auch der Vorbeugung von allgemeinen Erkrankungen wie Diabetes, Übergewicht, Adipositas und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.Also seien Sie selbst Vorbild und sagen Sie Ja zu Vollkornprodukten, Kartoffeln, frischem Obst und Gemüse sowie Wasser anstelle von süßen Getränken als Durstlöscher! Werden diese wichtigen Verhaltensweisen frühzeitig erlernt, behält man sie in der Regel auch bis ins hohe Alter bei. Ein entscheidender Schritt für die Prävention von Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten in allen Bevölkerungsgruppen.

PD Dr. Yvonne Wagner, Projektleiterin/Lehrbeauftragte Poliklinik für Kieferorthopädie, Sektion Präventive Zahnheilkunde und Kinderzahnheilkunde, Universitätsklinikum Jena