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Im Blick

100 Jahre Zahnmedizinische Aus- und Fortbildung in Karlsruhe

 

Früchte der Wissenschaft

Ausgabe 10, 2022


Auf eine 100-jährige Geschichte blickt die Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe in diesem Jahr zurück. Aus diesem Anlass erscheinen in regelmäßiger Folge Beiträge zur Geschichte dieser Lehrinstitution. In den vorangegangenen Beiträgen (ZBW 3/2020, 7/2020, 8-9/2020) haben wir von der Eröffnung des Dentistischen Instituts, über die Umwandlung des Dentistischen Lehrinstituts zum ersten Fortbildungsinstitut, den großen Umbau 1978-1981 und den Amtsantritt von Prof. Dr. Michael Heners berichtet. Der neue Beitrag rückt die Wissenschaft in den Mittelpunkt.


Im Statut verankert.
Wie ist das Verhältnis zwischen einer Fortbildungseinrichtung und der Wissenschaft beschaffen? Soll die Einrichtung selbst Forschung betreiben? Diese Frage stellte sich 1960, als das erste Statut des frisch gegründeten Fortbildungsinstituts in Karlsruhe zur Diskussion stand. Die Wissenschaft wurde als wichtig erkannt – heute würde man wohl sagen als „systemrelevant“. Im Paragrafen 2 des ersten Statuts vom 30. Juli 1960 wird festgehalten, dass das Institut gemeinnützige Zwecke verfolgt „und zwar insbesondere durch die Förderung der öffentlichen Gesundheitspflege, Förderung der Wissenschaft und Förderung der Berufsbildung.“ Diese Listung wichtiger Aufgaben weist in eine Richtung, die bis heute die zahnmedizinische Forschung der Akademie bestimmt. Sie scheut vor gesundheitspolitischen Themen nicht zurück, analysiert das klinische Geschehen und spiegelt ihre Ergebnisse zurück in Poliklinik und Fortbildung. Das Statut der Akademie wurde Ende der siebziger Jahre durch das „Statut für die Fortbildungseinrichtungen der LZK Baden-Württemberg“ ersetzt. Darin wurde die Rolle der Wissenschaft in den Fortbildungseinrichtungen weiter konkretisiert. Hier steht im Paragrafen 1: „wissenschaftliche Maßnahmen und Weiterbildung werden im Rahmen der Fortbildungsaufgaben gefördert.“ Das bedeutet für die Akademie, die von ihr ins Programm eingebrachten Fortbildungsthemen werden durch sie auch selbstständig mittels wissenschaftlicher Studien untermauert.



Wissenschaftler als Direktor.
Schon zur Zeit des dentistischen Ausbildungsinstituts gab es vereinzelte klinische Berichte aus der Feder von Institutsmitarbeitern, die in zahnmedizinischen Zeitschriften veröffentlicht wurden. Der Beginn der systematischen Integration von Wissenschaft in das Konzept der Akademie fällt jedoch ohne Zweifel zusammen mit der Berufung von Professor Dr. Michael Heners als Direktor im Jahr 1981. Heners hatte sich in Homburg habilitiert und verfügte aus seiner Zeit in Kiel und Homburg über ein prägnantes wissenschaftliches Profil. Aber wie konnte er in einer öffentlich-rechtlichen Institution seine wissenschaftliche Arbeit fortsetzen? Es gab im Haus in der Sophienstraße kaum wissenschaftliche Infrastruktur. Es gab jedoch eine Poliklinik mit innovativen Behandlungskonzepten. Mit Phantasie und Tatkraft gelang es Heners, die Poliklinik zur Basis seiner weiteren wissenschaftlichen Arbeit zu machen, wodurch die Wissenschaft zu einem Lebensnerv der Akademie wurde. Schon 1984 entstand auch eine institutionelle Basis für die wissenschaftliche Arbeit in Karlsruhe. Die Akademie schloss unter der Leitung von Prof. Heners einen Kooperationsvertrag mit der Universität des Saarlandes. Seither sind Dissertationen und Habilitationen von Karlsruher Kandidaten an der Universitätsklinik Homburg möglich.

Klinische Wissenschaft.
Implantologie und innovative prothetische Behandlungskonzepte waren der Schwerpunkt der klinischen Wissenschaft in Karlsruhe. 1983 verfasste Prof. Heners, zusammen mit Dr. Michael Wörle, die erste klinische Studie über den Erfolg verschiedener Implantationsverfahren. Der Erfolg von 306 Implantaten verschiedener Typen wurde statistisch ausgewertet. Solche Studien waren zu diesem Zeitpunkt eine Rarität. Stapel von Karteikarten mussten durchgeschaut werden. Eine EDV-Dokumentation gab es noch nicht. Die Ergebnisse der Studie erlangten große Aufmerksamkeit, insbesondere weil hier erstmalig der Erfolg des Tübinger Sofortimplantates realistisch eingeschätzt wurde (Abb. 2). Da eine Misserfolgsquote von 26,7 Prozent festgestellt wurde, kam es zu leidenschaftlichen und kontroversen Diskussionen in der Fachwelt. Die Ergebnisse der Studie wurden – wie auch viele spätere Studien – Gegenstand in den Fortbildungskursen der Akademie.

Zur Optimierung der klinischen Dokumentation wurde ab 1985 die subsequente Dokumentation entwickelt. Klinische Daten wurden in einem eigenen EDV-System erfasst, in dem bedeutsame prognostische Kovariablen der zu untersuchenden Fälle für die Auswertung zur Verfügung standen. Die wichtigste Zielpopulation für diese Dokumentation waren Patienten, die mit Konuskronenkonstruktionen versorgt worden waren. 1988 erschien die erste Studie auf Basis dieses neuen Dokumentationsverfahrens: „Klinische Bewährung der Konuskrone als perioprothetisches Konstruktionselement – Eine Langzeitstudie“. Der Fallverlauf von 871 Konstruktionen mit insgesamt 2793 Pfeilerzähnen wurde ausgewertet und dargestellt. Autoren dieser Studie waren Michael Heners und Winfried Walther, der mit Ergebnissen des neuen Dokumentationsverfahrens 1992 in Homburg habilitierte. Die klinische Forschung ist seit dieser Zeit ein fester Bestandteil im Leben der Akademie geworden. Über 100 Publikationen zum Erfolg klinischer Verfahren sind bis heute entstanden.



Versorgungsforschung.
Versorgungsforschung beschäftigt sich mit der Frage, wie die Effektivität der medizinischen Grundversorgung verbessert werden kann. Ferner werden Probleme analysiert, die das Gesundheitssystem im Allgemeinen betreffen. Von besonderer Bedeutung sind hier die Schnittstellen zwischen verschiedenen Versorgungsbereichen und auch die Schnittstelle Klinik – Fortbildung. Das Land Baden-Württemberg richtete im Jahr 2011 die „Nachwuchsakademie Versorgungsforschung“ ein. Erster Teilnehmer aus dem Bereich der Zahnmedizin war Dr. Andreas Bartols, dessen Studie die Effektivität einer neuen endodontischen Technologie untersuchte.

Einen starken Impuls erhielt die Versorgungsforschung in der Akademie durch die Einrichtung des Masterstudienganges „Integrated Dentistry“ in Kooperation mit der Universität Magdeburg. Die MasterStudenten hatten die Möglichkeit auch qualitative Studien durchzuführen, was das Spektrum der möglichen Themen erheblich erweiterte. Qualitative Forschung zielt nicht auf quantitative Ergebnisse. Die Fragestellung wird meist dadurch bearbeitet, dass man die Betroffenen zu Wort kommen lässt. Auf diese Weise konnte u. a. auch die Wirksamkeit von zahnärztlicher Fortbildung analysiert werden. Ein Beispiel für entsprechende Studien ist die von Simone Ulbricht verfasste Arbeit mit dem Titel „Die Wirksamkeit des Masterstudienganges „Integrated Practice in Dentistry“ – empirische Rekonstruktion von Lernerfahrungen entlang der Ziele der CPD“. Die Autorin erhob, welche Dimensionen der Berufspraxis, der Persönlichkeitsentwicklung und der professionellen Gemeinschaft im Rahmen dieses Fortbildungformates gefördert und weiterentwickelt wurden.

Besser behandeln.
In drei Beispielen soll hier veranschaulicht werden, wie Fortbildung und Wissenschaft in der Akademie zusammenwirken und das Ziel verfolgen, der Praxis den Weg zu einer besseren Versorgung zu weisen.

Behandlungsrisiko?
Vor diese Frage war Michael Korsch im Jahr 2010 gestellt, als er Implantate nachuntersuchte. Es fiel ihm auf, dass Blutungen im Bereich des periimplantären Gewebes häufiger festgestellt wurden als dies in der Vergangenheit der Fall war. Es stellte sich heraus, dass in den betroffenen Fällen ein neuer temporärer Befestigungszement für die Suprakonstruktion eingesetzt worden war. Dieser Zement war auf einer Methacrylatbasis aufgebaut. Bei Abnahme der Suprakonstruktion zeigte sich, dass am Kronenrand und im periimplantären Sulcus kleine Fahnen des Zementes persistierten und offensichtlich mit den pathologischen Veränderungen in Zusammenhang zu bringen waren (Abb. 1). Diese Beobachtung war Anlass für die größte Rückrufaktion, die es bislang in der Akademie gab. Alle entsprechend versorgten Patienten – und auch solche, die mit einem anderen Befestigungszement versorgt worden waren – wurden einbestellt. Die Blutung auf Sondieren wurde erhoben. Suprakonstruktionen und Abutments wurden entfernt und auf Zementreste untersucht. Nach sorgfältiger Revision und Rezementierung mit einem Zinkoxid-Zement wurde der Patient entlassen und zu einer weiteren Nachuntersuchung einbestellt. Die quantitativen Ergebnisse wiesen eindeutig nach, dass der Einsatz des Methacrylatzementes mit pathologischen Veränderungen des periimplantären Gewebes verbunden war. Eine ganze Reihe von Studien, auch in Zusammenarbeit mit dem mikrobiologischen Institut des KIT, konnten diese Ergebnisse erhärten und die Unbedenklichkeit alternativer Zementierungsverfahren nachweisen. In 59 bis 62 Prozent der mit Methacrylatzement versorgten Fälle wurden überschüssige Zementreste nachgewiesen. Dieses Material kann mit Veränderungen des periimplantären Gewebes in Verbindung gebracht werden, die bis zum Verlust des Implantates führen können. Nach abgeschlossenem Habilitationsverfahren erhielt Michael Korsch 2016 seine Habilitationsurkunde aus den Händen von Prof. Matthias Hannig, Studiendekan der Universität des Saarlandes (Abb. 3).



Ist das Neue ausgereift? Diese Frage war Ausgangspunkt für eine Studie von Dr. Andreas Bartols, die 2008 im Rahmen der „Nachwuchsakademie Versorgungsforschung“ durchgeführt wurde. Hat es einen Vorteil, die endodontische Aufbereitung statt mit Handinstrumenten mit einem 1-Feilen-System durchzuführen? Andreas Bartols rekrutierte 10 Kolleginnen und Kollegen, die die Studie in ihrer Praxis durchführten. Der Ablauf der Studie ist in Abbildung 4 dargestellt. Zunächst behandelten die Studienteilnehmer wie gewohnt mit Handinstrumenten. Es wurde festgestellt, ob durch den Eingriff die erwartete Schmerzreduktion und die damit verbundene Erhöhung der Lebensqualität erreicht wurde. Außerdem wurde gemessen, wie lang der Eingriff dauerte. Dann gab es für alle zahnärztlichen Studienteilnehmer eine Fortbildung. Sie lernten, das 1-Feilen-System „WaveOne“ anzuwenden. Anschließend trat die Studie in die zweite Phase. Wieder wurde behandelt. Im Anschluss wurden dieselben Daten erfasst wie in Phase 1.

Die Ergebnisse zeigten, dass in Phase 2 genauso zuverlässig Schmerzreduktion erzielt wurde wie in Phase 1. Der Eingriff war jedoch wesentlich kürzer. Die gewonnene Zeit kann sinnvoll in die gründliche Desinfektion der Wurzelkanäle investiert werden. Die teilnehmenden Kolleginnen und Kollegen schätzten die neue Technologie zu Recht außerordentlich positiv ein.

Wird die Praxis besser? Verbessern wir die Versorgung, wenn wir neue Technologien einführen oder bleibt alles beim Alten? Diese Frage stellte sich Dr. Bartols, um zu erfahren, was durch neue endodontische Behandlungskonzepte in der Akademie letztendlich für den Patienten erreicht worden ist. Dafür musste die Dokumentation zeigen, was sie kann. Die Auswertung der elektronischen Patientenkartei ergab, dass im Zeitraum von Juli 1999 bis Oktober 2016 bei 5858 Patienten endodontische Behandlungen durchgeführt worden waren. Bei diesen Patienten wurden insgesamt 9967 Wurzelkanalbehandlungen durchgeführt. Auf Basis dieser Daten entstand eine der größten retrospektiven Studien zum Erfolg endodontischer Maßnahmen. Insgesamt konnten drei unterschiedliche Gruppen identifiziert werden, die nach unterschiedlichen Behandlungsprotokollen therapiert wurden (Gruppe 1 = Handinstrumente, Gruppe 2 = Rotationsinstrumente mit mehreren Feilen und Ultraschallspülung, Gruppe 3 = Reciproc-Instrumente und Ultraschallspülung). Insgesamt konnten 9938 Fälle in die Analysen einbezogen werden. Die Ergebnisse zeigten eine 5-Jahres-Überlebensrate ohne unerwünschte Ereignisse von 73,9 Prozent, 75,1 Prozent und 78,4 Prozent für Studiengruppe 1 (N = 5580), 2 (N = 1700) bzw. 3 (N = 2658).

Die Unterschiede zwischen der Gruppe 1 und 3 waren statistisch signifikant (p < 0,006). Dadurch wurde gezeigt, dass endodontische Behandlungsprotokolle mit Reciproc-Technik und Ultraschallspülung höhere Zahnüberlebensraten aufweisen als die Vorgehensweise mit Handinstrumenten. Ohne eindeutig definierte Behandlungsprotokolle und ohne eine große Vertrautheit im Umgang mit großen klinischen Datenmengen wäre diese Studie nicht möglich gewesen. Das Ergebnis weist aus, dass die Patienten heute wirklich eine bessere Prognose ihres endodontisch behandelten Zahnes erwarten können als noch vor ein paar Jahren. Wir werden also tatsächlich besser – aber es verlangt viel Knowhow, das nachzuweisen.

Dr. Dr. Hans Ulrich Brauer, M.A.,
Prof. Dr. Winfried Walther,
Akademie für Zahnärztliche
Fortbildung Karlsruhe

 

Dr. Forschner-Dannecker behandelt Menschen mit seelischen Problemen

 

Wir suchen gemeinsam die passende Behandlung

Ausgabe 10, 2020

Etwa jede*r fünfte Patient*in in einer Zahnarztpraxis weist Beschwer- den auf, bei deren Verlauf psychosoziale Faktoren eine Rolle spielen. Hier ist eine besondere Sensibilität gefragt, denn vielfach bereitet es den Betroffenen große Schwierigkeiten, sich in eine Praxis zu begeben, die Behandlung zuzulassen, mit dem/der Zahn*ärztin zu kooperieren und auf diese Weise mittelfristig zu einem Behandlungs- erfolg zu kommen. Dr. Susanne Forschner-Dannecker hat sich auf die Behandlung von Menschen mit seelischen Problemen spezialisiert und gibt uns Einblicke in ihre Arbeit.

Man müsse in schwierigen Situationen die „Zähne zusammenbeißen“, weiß der Volksmund. Damit ist ein direkter Zusammenhang zwischen Psyche und Zähnen schon in unserer Alltagssprache angelegt. Zähneknirschen als Ventil für emotionale Belastungen ist aber auch wissenschaftlich belegt.

Doch wie können Zahnärzt*innen mit Patient*innen mit seelischen Problemen umgehen und diesen helfen? Wenn starke psychische und psychosoziale Probleme auf das Kausystem projiziert werden, spricht man von Okklusaler Dysästhesie (OD). Laut Leitlinie der DGFDT und DGZMK handelt es sich dabei um „ein Beschwerdebild, bei dem Zahnkontakte, die klinisch weder als Fehlkontakte objektivierbar sind noch im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen (beispielsweise des Parodonts, der Pulpa, der Kaumuskulatur oder der Kiefergelenke ...) stehen, dauerhaft (länger als sechs Monate) als störend oder unangenehm empfunden werden. Der klinische Befund steht in keinem nachvollziehbaren Verhältnis zu Inhalt und Stärke der beklagten Beschwerden.“

Dr. Susanne Forschner-Dannecker kümmert sich als niedergelassene Zahnärztin mit Vorliebe um Patient*innen, die besondere Schwierigkeiten haben, sich auf eine Behandlung einzulassen – aber auch Patient*innen mit allen anderen Problemen und Erkrankungen, die eine Zahnbehandlung erschweren können. Es geht um Menschen, die häufig schon eine Odyssee hinter sich haben und das Gefühl mit sich tragen, „mir kann oder mir will keiner helfen“. Häufig hört sie dabei auch den Satz „Ich bin doch kein Psycho.“

Ich besuche Dr. Forschner-Dannecker an einem Donnerstagnachmittag in ihrer Praxis, um mehr über ihre Arbeit zu erfahren. „Viele Kollegen stöhnen auf, wenn ‚wieder so einer‘ kommt, der sieben Garnituren Zahnersatz auf den Tisch legt, wovon keine passt, und sagt: ‚Sie sind meine letzte Rettung‘“, erzählt sie. „Ich schicke niemanden weg, ich sehe das als Herausforderung.“

Spezialgebiet. Dass sie sich diese Herausforderung gesucht hat, sei mehr oder weniger zufällig passiert. Schon mit 23 Jahren habe sie in der Praxis angefangen und sich damit ihren Kindheitswunsch, Zahnärztin zu werden, erfüllt. In den ersten Jahren hätten sich viele Patient*innen bei ihr angesammelt, „die sich nicht gern anfassen lassen, empfindlich sind oder Angst haben.“ Dabei habe sie deutlich die Grenzen der zahnärztlichen Heilkunst erfahren und infolge dessen den Entschluss gefasst, sich im Umgang mit dieser Zielgruppe ausbilden zu lassen. Nachdem sie eine psychotherapeutische Ausbildung absolviert hatte, sei es besser geworden. „Am Schluss machte es mir immer mehr Spaß mit Menschen zu arbeiten, die sonst keiner haben will und das macht es auch noch heute“, erläutert Dr. Forschner-Dannecker.



Psychotherapie. Normalerweise ist es schwer vorstellbar, dass mehrere Zahnarztpraxen nacheinander ein zahnmedizinisches Problem nicht lösen können. Doch bei manchen Patient*innen komme es eben vor, dass der Zahnersatz oder die Behandlung generell einfach nicht toleriert werde, so Dr. Forschner-Dannecker. Um zum Behandlungserfolg zu kommen, müsse diese Blockade gelöst werden, wenngleich sich viele Leute scheuen würden, sich ihren Problemen zu stellen und diese behandeln zu lassen. „Ich versuche dann, erstmal ein Gespräch anzubieten, so dass sie ganz ohne Spiegel und Zange darüber reden können, was in der Vergangenheit war, was jetzt ist und wie es ihnen geht“, sagt Dr. Forschner-Dannecker. Im Obergeschoss – getrennt von ihrer Zahnarztpraxis – hat sie auch eine Praxis für medizinische Hypnose und Gesprächstherapie. „Das ergänzt sich prima“, ist sie überzeugt. Ein solcher Ansatz könne ein Schlüssel sein, um zahnmedizinischen Problemen zu begegnen, bei denen andere nicht weiterkommen. „Wenn man in einer schweren Depression steckt, ist Zahnpflege das letzte, was einen interessiert.“ Schwierig sei der Weg zum/zur Zahnärzt*in besonders für diejenigen, die sich des Zustandes ihrer Zähne schämen. „Die weinen schon, wenn sie reinkommen.“ Da müsse man vor einer Behandlung erst das Vertrauen gewinnen.


Abrechnung.
Für diese Gruppe braucht es also viel Geduld und natürlich mehr Zeit. Ob das in irgendeiner Form in der Abrechnung abgebildet wird, frage ich. Für die Behandlung in der Privatpraxis für medizinische Hypnose und Gesprächstherapie erhalten die Patient*innen von vornherein eine Privatliquidation. Bei der Behandlung in der Zahnarztpraxis werden die nicht im GKV-Leistungskatalog enthaltenen Leistungen bei GKV-Patient*innen zusätzlich vereinbart und wie bei Privatpatient*innen entsprechend den Vorgaben der Gebührenordnung für Zahnärzte abgerechnet. Meine Mitarbeiterinnen sind geschult, schon am Telefon bei der ersten Terminvereinbarung die richtigen Fragen zu stellen. Wenn sich jemand telefonisch meldet, könne man anbieten: „Wir haben auch ein spezielles Programm für Patienten mit solchen Sorgen wie den Ihren.“

Gesprächstechniken. Wie bekommt man jedoch die Patient*innen dazu, sich behandeln zu lassen? „Es gibt ganz konkrete Vorgaben und Gesprächstechniken, die man lernen kann, wenn man das Vertrauen gewinnen möchte“, erläutert Dr. Forschner-Dannecker. Es gehe darum, dass die Patient*innen sich vom ersten Moment an ernst genommen fühlen. Man dürfe nichts abtun, nicht abwinken und schon gar nicht das Gesicht verziehen. „Ich lasse mein Gegenüber reden und höre zu. Manche weinen erstmal zehn Minuten lang. Da muss ich signalisieren: Lassen Sie es raus, hier darf geweint werden. Danach notiere ich die wichtigsten Punkte. Diese wiederhole ich dann in denselben Worten, die der Patient gebraucht hat. So bekommt er das Gefühl: Ich habe verstanden, was er sagt. Es entsteht eine gemeinsame Basis.“


Passende Behandlung. Erst, wenn das persönliche Vertrauen aufgebaut ist, könne man gemeinsam den passenden Weg für die Zahnbehandlung finden. Es geht dabei nicht allein darum, was man als Zahnärzt*in fachlich für geboten hält. Dieser individuelle Weg nimmt Rücksicht darauf, was der/ die Patient*in mitzugehen imstande ist. Somit zeigt sich der Fortschritt nicht nur in einem langfristigen Behandlungserfolg, sondern „Sitzung für Sitzung, wenn wir gemeinsam schaffen, was man sich für heute vorgenommen hat. Das entwickelt sich mit der Zeit und in kleinen Schritten, so wie es die Betroffenen aushalten können.“


Weg in die Praxis. Aber wie kommen die schweren Fälle, die teilweise Jahrelang nicht beim Zahnarzt waren, überhaupt in die Praxis? Es scheint, als habe sich die Zahnärztin längst einen entsprechenden Ruf erarbeitet. Die Hausärzt*innen wie auch die Kolleg*innen wissen es, auch bei den Krankenkassen in Biberach und beim sozialpsychiatrischen Dienst kennt man ihr Spezialgebiet. Teilweise kommen Leute, die über Bekannte davon gehört haben, manche sogar von weit her.

Auch ich habe an diesem Nachmittag die Möglichkeit, mit einer Patientin zu sprechen. Klara Wegmann (Name geändert) ist nach Empfehlung einer Freundin seit Anfang des Jahres bei Dr. Forschner-Dannecker in Behandlung und bekommt eine neue Prothese. Bis vor sieben Jahren sei sie mit ihrem Zahnersatz zufrieden gewesen, dann gingen die Probleme los. In dieser Zeit habe sie mehrere Praxen besucht, sich aber nirgendwo wahrgenommen gefühlt. Man merkt, dass ihr die Konfrontation mit ihren Erfahrungen schwerfällt. Sie erzählt viel aus ihrem Leben und scheint dankbar zu sein, dass sie reden kann und jemand zuhört. Dr. _Forschner-Dannecker wiederum hat schnell gespürt, dass die Patientin eine bestimmte Not in ihre Zähne proJiziert. Zunächst hat sie daher Gespräche geführt, um Vertrauen zu gewinnen und Problemen auf die Spur zu kommen. Nach wenigen Monaten gebe es deutliche Fortschritte und die Behandlung ist auf einem guten Weg. Wie sie das geschafft hat, frage ich Frau Wegmann. „Frau Dr. Forschner-Dannecker hat einfach zugehört. Die Kommunikation stimmt. Sie fängt mich auf.“ Und auf meine weitere Frage welches Gefühl sie mit dem Terminzettel von ihrer Zahnärztin im Kalender verbindet antwortet sie ohne zu zögern: „Das fühlt sich gut an! Bei jedem Besuch fühle ich mich noch mehr verstanden und zuhause.‘


Ausblick. Bietet die Methode von Susanne Forschner-Dannecker Hoffnung für andere Patient*innen mit einer schwierigen Vorgeschichte? Dieser Eindruck hat sich während meines Besuchs sehr verfestigt. Sie selbst kennt jedoch in Baden-Württemberg nur einen einzigen Kollegen, der mit abgeschlossener psychotherapeutischer Ausbildung ein ähnliches Profil hat. Dabei ist dieser Ansatz im Sinne eines Versorgungsangebots, das alle Menschen erreicht, sehr vielversprechend und sicherlich auch ein Zukunftsmodell für junge Kolleginnen und Kollegen.

Dr. Holger Simon-Denoix
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