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Wertschätzung und Außenwirkung

Dr. Herbert Martin als Gutachterreferent für Gerichts- und Privatgutachten hatte am 25. und 26. Juni erstmalig in der Geschichte der BZK Tübingen alle Privatgutachter und Mitglieder der Kommission für Fragen zahnärztlicher Haftung zur Tagung nach Schwendi ins Oberschwäbische eingeladen. Das Besondere an der Tagung waren die Dialoge der Zahnärzte mit dem anwesenden Leiter der Gutachterkommission, Dr. Werner Müller, sodass auch eine Bewertung aus juristischer Sicht stattfand. Katrin Sump, Geschäftsführerin der BZK Tübingen, konnte in ihren Vorträgen als Juristin kompetent glänzen.

In seinen Eröffnungsworten führte Dr. Martin an, dass das Gutachten eine Wertschätzung und Außenwirkung hat, die höchst professionalisiert mit Kompetenz zu erfüllen ist. Er stellte dar, dass auch eine Herausforderung in der Zukunft für alle Gutachter gegeben ist, denn industrieentwickelte Neuerungen halten die zahnärztliche Versorgung im Fluss. Er schnitt beispielsweise an, dass Keramikimplantate  zu bewerten sind und mögliche Materialunverträglichkeiten Bestandteil einer therapeutischen Sicherheitsaufklärung werden und eine Bewertung erhalten müssen.
In den Vorträgen von Katrin Sump waren die grundsätzlichen Unterschiede zwischen den verschiedenen Gutachtenarten – Privatgutachten versus Gerichtsgutachten – einer Gegenüberstellung ausgesetzt. Unterpunkte der Ausführungen waren Fragestellungen, wie die Auftragsvergabe, die Haftungsfrage für den Gutachter, die Entbindung von der Schweigepflicht, eine mögliche Vertragskündigung, die juristische Definition von Begriffen wie „Angemessenheit“. Natürlich war auch die Darstellung des gerichtlichen Beweisbeschlusses als zentraler Leitfaden für die Erstellung eines Gerichtsgutachtens Gegenstand der Diskussion.


Fallvignetten. Prof. Dr. Winfried Walther von der Zahnärztlichen Akademie in Karlsruhe führte in seinem Vortrag „Was können wir über die ZA-Patienten-Kommunikation im Gutachten lernen“ aus, wie Gutachter aus den Schriftsätzen der Parteien, Rechtsanwälte und Patienten über die Kommunikation Hintergrundinformationen erfahren. Er konnte zeigen, wie Patienten ein individuelles Erleben der zahnärztlichen Versorgung verstehen, und beschrieb die Ausführungen als authentischste Informationen, die uns der Patient für die Einschätzung im Gutachten geben kann. Die vorgestellten vier Fallvignetten machten das Theoretische anschaulich, die Leitfragen hierbei waren: Gelingt das Herstellen einer gemeinsamen Wirklichkeit? Welche Diskrepanzen gibt es in Bezug auf die Deutung der wahrgenommenen Zeichen? Wie ist die Sichtweise des Patienten, wie die des Zahnarztes? Welch soziales Verhalten entwickelt der Patient und an welchen Punkten bricht der Kommunikationsrahmen zusammen? Ein bleibender Kernsatz war die Aussage: „Was der Patient in wörtlicher Rede darstellt, das hat er gespeichert, das ist für ihn in der Wahrnehmung höchst bedeutend.“ Teilweise bestimmen auch subjektiv geprägte Krankheitstheorien die Ausführungen des Patienten, wenn zahnärztliches „Halb“-Wissen in der Auslegung gegen den Zahnarzt durch den Patienten verwendet wird. Angestoßen durch den Vortrag konnten die 34 Teilnehmer beim gemeinsamen Abendessen Kommunikation als zentrales Thema weiterführen.
Samstags waren Falldarstellungen aus den Reihen der Gutachter zur Besprechung anberaumt. Die kieferorthopädischen Kollegen diskutierten räumlich getrennt über Bewertungskriterien. Mit Dr. Monika Cremer, Referentin GOZ KFO, wurden „The big five –fünf kontroverse GOZ-Positionen in der KFO“ besprochen. Fallbetrachtungen moderierte Dr. Patrick Engelfried.

Kommissionsgutachten. Dr. Rainer Merz beschrieb in seinem Kommissionsgutachten den Fall einer inadäquaten Toxavit-Anwendung, die eine lokale Kiefernekrose und eine inverse Interdentalpapille nach sich zog. Der Kommunikationsaspekt und die notwendige Dokumentation des Gesprochenen in der Krankenakte waren hier für den Ausgang mitentscheidend.Warum die Lehrbücher – und insbesondere die Liste der Berufskrankheiten – neu geschrieben werden müssen, war für Dr. FlorianTroeger, in seinem Fall zur Bäckerkaries, gut darstellbar. Er zeigte auf, dass der antragstellende Patient keinen Anspruch auf Anerkennung seiner Zahnschäden als berufsbedingte Erkrankung habe. Darüber hinaus schaffte er es, den Begriff Bäckerkaries als nicht mehr existentes Krankheitsbild zu definieren. Den erstmaligen Eingang ins Lehrbuch fand der Begriff 1886, jedoch waren die Arbeitsplatzbedingungen zu dieser Zeit komplett different zu den heutigen. Auch der Vergleich in einer Studie zwischen Bäckern und Auszubildenden in der KFZ-Branche definiert keine signifikant erhöhten Zahndefekte, die eine Rechtfertigung zuließen. Die Bäckerkaries von damals kann heute auch als „Spezi und Cola“-Karies auftreten, ebenso als Scheidungskaries, wenn Jugendliche sich zum Zwecke der Aufmerksamkeitszuwendung selbst vernachlässigen.

Schmerzensgeld. Den Abschluss der Fallvortragsreihe machte Dr. Berthold Jäger. Ein noch nicht entschiedenes Verfahren um Schmerzensgelder nach umfangreicher zahnärztlich chirurgischen und prothetische Rehabilitation hinterließ ratlose und auch staunende Gesichter in den Reihen der Gutachter. Auffallend hierbei auch die schlechte Dokumentation durch den Behandler, die fehlende Kommunikation zwischen Behandler und chirurgischer Überweisungspraxis und der vom Hersteller nicht freigegebene, aber durch den Behandler vollzogene prothetischer Workflow, der eine nichtsachgemäße Verwendung der Implantatabutments bedeutete.

Kommunikation ist zentral – das ist mein Fazit – schon um Gutachtenfälle zu vermeiden. Die BZK Tübingen ist gut beraten, wenn sie diese erfolgreiche  Reihe zur gemeinsamen Diskussion weiter fortführt.

Dr. Martin Braun