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Wissenschaft

Forschung in Baden-Württemberg

 

Eine Stiftungsprofessur für die Zahnmedizin

Ausgabe 1, 2016

Mehr als 1000 Stiftungsprofessuren gibt es in Deutschland. Ein großer Teil von ihnen in Bayern und Baden-Württemberg. Bislang gab es in unserem Bundesland aber noch keine Stiftungsprofessur in der Zahnmedizin. Das änderte sich zum ersten Oktober. Lesen Sie im zweiten Teil unserer Serie zur Forschungslandschaft in Baden- Württemberg, was sich für die Klinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie der Universität Freiburg nun ändert.

Stiftungsprofessuren sind besonders in Bayern und Baden- Württemberg, aber auch in Berlin, Hessen, NRW und Niedersachsen präsent. Ganz vorn mit dabei sind deutlich Stiftungsprofessuren in den Wirtschaftswissenschaften und den anwendungsbezogenen MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Auch in der Medizin und in den Gesundheitswissenschaften sind sie weit verbreitet. Bislang allerdings – zumindest in Baden-Württemberg – nicht in der Zahnmedizin. Doch hierzulande ist die Forschung dennoch in der Spitze vertreten. Das Department für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Freiburg nimmt im CHE-Hochschul-Ranking seit Jahren einen Spitzenplatz ein. Über Jahre hinweg hat sich die Zahnmedizin im Breisgau einen Namen gemacht. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert ein Forschungsprojekt an der Uni Freiburg zum Thema Ernährung und Karies. Der Bereich Orale Mikrobiologie in der Klinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie wirbt seit Jahren erhebliche Drittmittel ein. Freiburger Zahnmediziner betreiben Stammzellforschung in der Zahnmedizin, gefördert mit einem Landesstipendium der Eliteförderung. Zudem ist die Klinik für Zahnärztliche Prothetik im Bereich der rekonstruktiven Zahnheilkunde seit 1988 als strategischer Partner für öffentliche Forschungsinstitutionen und deutsche und internationale Unternehmen aus der Dental- und Gesundheitsindustrie tätig. Forschungsschwerpunkte sind Grundlagen oraler Knochenund Gewebebiologie, Knochenersatzmaterialien, Osseointegration von Titan und von Strukturkeramiken, qualitativer Einfluss der Oberflächenstruktur von Implantaten auf das umgebende Gewebe und die Entwicklung von Substitutionsgewebe bei Alveolarkammdefekten.

Neues Projekt. Zum 1. Oktober wurde in der Klinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie in Freiburg ein neuer Bereich etabliert, auf den der Ärztliche Direktor Prof. Dr. Elmar Hellwig besonders stolz ist. CP GABA hat in der ZMK-Klinik eine Stiftungsprofessur eingerichtet, die in den kommenden fünf Jahren pro Jahr 250.000 Euro Unterstützung erhält. Dazu ist seitdem Prof. Dr. Nadine Schlüter in Freiburg. Die junge Professorin tritt ihre erste Professur an. Zuvor war sie in Gießen tätig. Nach ihrem Studium der Zahnheilkunde an der Georg-August-Universität Göttingen arbeitete sie von 1996 bis 2001 zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Gießen, ehe sie nach ihrer Promotion Oberärztin an der Poliklinik für Zahnerhaltungskunde und Präventive Zahnheilkunde der Justus-Liebig- Universität in Gießen wurde. Ihre Forschungsschwerpunkte Ätiologie, Epidemiologie, Prävention und Therapie der nicht kariesbedingten Zahnhartsubstanzdestruktionen, Pathomechanismus von Erosionen auf biochemischer und molekularbiologischer Ebene, Oral health maintenance (Studien zur Beobachtung von Mundhygienegewohnheiten, Interventionsstudien zur Vermittlung von Zahnputztechniken/Änderung von Gewohnheitsmustern unter besonderer Berücksichtigung motologischer und kognitiver Aspekte) wird sie in Freiburg weiter verfolgen.

Herausforderung. Für die junge Professorin ist es etwas Besonderes, nach Baden-Württemberg zu kommen. „Das ist meine erste Professur und sie hier in Freiburg zu bekommen, ist wirklich eine Auszeichnung aber auch angesichts des ausgezeichneten Rufes der Klinik eine Herausforderung“, sagt sie. Prof. Hellwig gibt die Lorbeeren zurück. „Sie ist hervorragend in der Grundlagenforschung, eine sehr integre Person und gut in der Personalführung.“

Zu den Kriterien der Professorenstelle gehörten Erfahrungen auf dem Gebiet der Zahnhartsubstanzforschung insbesondere im Bereich De- und Remineralisationsvorgänge und Kenntnisse für die Durchführung GCP-konformer klinischer Studien auf dem Gebiet der Kariesprävention. Eine enge Kooperation mit dem Bereich Orale Mikrobiologie war erwünscht. Prof. Schlüter passte perfekt ins Raster. Prof. Hellwig sieht es als Bestätigung der guten Arbeit, die Freiburg seit Jahren in der zahnmedizinischen Forschung macht, solch eine talentierte junge Professorin zu bekommen. „Sie ist jemand, der uns massiv verstärken wird.“ Die Stiftungsprofessur generell sei ein großer Gewinn für die Universität Freiburg, da Stiftungsprofessuren in der Zahnmedizin generell „sehr selten“ seien.

Andere Schwerpunkte. Tatsächlich konzentrieren sich die Stiftungsprofessuren an badenwürttembergischen Universitätskliniken auf andere Schwerpunkte. Das Zugpferd der Tübinger Universitätsklinik ist eine Stiftungsprofessur zum Thema Arbeits- und Sozialmedizin der Firma Südwestmetall. Sie läuft über zehn Jahre und umfasst eine Förderung von insgesamt vier Millionen Euro. Laut Statistischem Bundesamt und den Zahlen aus dem Jahr 2013 lag der Anteil der gewerblichen Wirtschaft an Drittmitteln in der Tübinger Uniklinik bei 24 Prozent. Etwas niedriger lag er in Ulm bei 23 Prozent. Dort gibt es in der Summe deutlich weniger Stiftungsprofessuren als in Tübingen. Besonders bedeutend sind dort die mit einer Million Euro geförderten Professuren für Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Betriebswirtschaftliches Informationsmanagement des DRK-Blutspendendienstes und die Stiftungsprofessur für Neurophysiologie, der Hertie-Stiftung. Am Universitätsklinikum Heidelberg ist der Anteil an Drittmitteln aus der Wirtschaft mit 28 Prozent am höchsten in Baden-Württemberg.

Dafür gibt es dort auch mit Abstand die meisten Stiftungsprofessuren. Standortbedingt liegen die Schwerpunkte auf der Krebsforschung. Die größte Fördersumme sind laut Statistik 2,5 Millionen Euro von der Dietmar-Hopp-Stiftung für die Stiftungsprofessur zur Erforschung der Molekulargenetik des Mammakarzinoms.

In Freiburg ist die Quote der gewerblichen Wirtschaft an Drittmitteln schließlich am niedrigsten. Fast 14 Millionen von knapp 67 Millionen Euro bedeuten rund 21 Prozent. Die erste Stiftungsprofessur in der Zahnmedizin lässt diesen Prozentsatz nun steigen. „Die Professur macht eine Steigerung von 20 Prozent unseres Forschungsvolumens in der Zahnerhaltungskunde“, sagte Prof. Hellwig. Während die Freiburger Forscher also enorm profitieren, hofft auch die stiftende Firma darauf, dass die Professur neue Erkenntnisse im Bereich der Zahnhartsubstanz liefert. Die Grundlagenforschung soll verwertbare Ergebnisse liefern.

Unberechtigte Kritik. Das lässt schnell aufhorchen: Unternehmen finanzieren über Stiftungsprofessuren Forschung in für sie relevanten Bereichen und binden damit indirekt auch zukünftige spezialisierte Arbeitnehmer an sich. Zum anderen könnten sie das Image eines Unternehmens verbessern und für einen zusätzlichen Werbeeffekt sorgen. „Allerdings wird die Forschung nicht von der Firma gelenkt“, betont Prof. Hellwig. „Was Prof. Schlüter hier macht, ist Grundlagenforschung.“ Das, sagt der Professor, sei elementar wichtig. Denn viel zu häufig sei eine Stiftungsprofessur in der öffentlichen Wahrnehmung negativ belegt, wegen angeblicher Einflussnahme.

Code of Conduct. Damit solche Befürchtungen von Beginn an ausgeschlossen sind, halten sich die meisten Hochschulen an den Code of Conduct des Deutschen Stifterverbands. Er empfiehlt, auf bestimmte Punkte besonders zu achten. Wichtig sei zunächst die Unabhängigkeit. Die Hochschulen entscheiden frei über die Annahme von Stiftungsprofessuren. Hochschule und Förderer verständigen sich einvernehmlich über das zu bearbeitende Forschungsfeld. Der Geldgeber darf später keinen Einfluss auf Forschung und Lehre und die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen nehmen. Daneben müssen Forschung und Lehre frei bleiben. Heißt: Die Unabhängigkeit der jeweils geförderten Hochschule von wirtschaftlichen und sonstigen Interessen muss gewährleistet sein. Der Förderer hat deshalb auch keinen Anspruch auf die Verwertung von Forschungsergebnissen. Zweck und Inhalt der Förderung müssen daneben für die Öffentlichkeit erkennbar und nachvollziehbar sein. Die Hochschule garantiert laut Empfehlungen des Stifterverbands die zweckentsprechende Verwendung der Mittel und legt regelmäßig schriftlich Rechenschaft darüber ab.

All das hält die Universität Freiburg ein. Prof. Hellwig hofft deshalb ausschließlich auf positive Effekte der Stiftungsprofessur. In der Forschung wird uns das nochmal einen Aufwind bringen“, sagte Prof. Hellwig. „Wir sind ja bereits jetzt im QS World University Ranking unter den ersten 50 der Welt.“

Schritt nach vorn. Und auch für sich persönlich hat Prof. Schlüter in Freiburg, wo es ihr der Schwarzwald schon jetzt angetan hat, einiges vor: „Ich erwarte mir eine Weiterentwicklung meiner Expertise und Wissenschaft auf hohem Niveau“, sagt sie. Reizvoll findet sie zudem, dass sie in Freiburg mit mehr talentierten Nachwuchsforschern zusammenarbeiten dürfe. „Es ist an solch einem guten Standort sicher leichter, jemanden zu finden, als an Standorten, an denen die Zahnmedizin eher stark von der Lehre geprägt ist.“

Zwei Sprechstunden. Ihre Arbeit in den fünf kommenden Jahren wird zwar auch Lehre und Krankenversorgung umfassen, ihr Hauptaugenmerk wird aber auf der Forschung der Zahnsubstanzdestruktion liegen. Ihren Forschungsschwerpunkt hat sie aus Gießen mitgebracht. In Freiburg wird sie zwei Sprechstunden einrichten. Einerseits wird es dabei um nicht-kariesbedingte Zahnhartsubstanzdefekte mit dem Schwerpunkt Erosion gehen. „Ich werde Patienten betreuen, die an einer Essstörung leiden“, sagt sie. Diese Sprechstunde hatte sie schon in Gießen. Neu wird eine Sprechstunde zur Prävention für Patienten mit Tumorerkrankungen und oralen Nebenwirkungen der Tumortherapie sein. Wenn etwa durch eine Chemo- oder Strahlentherapie der Speichelfluss versiegt, will Prof. Schlüter nach Behandlungsmöglichkeiten suchen. „Oft gibt es auch ein massives Problem mit Karies. Doch es gibt keine systematischen Konzepte“, sagt Prof. Schlüter. „Das Ziel der kommenden fünf Jahre ist, sie zu finden.“ Prof. Hellwig sieht im Rahmen der Sprechstunden Möglichkeiten zu Verknüpfungspunkten der Klinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie mit der MKG-Klinik, der Onkologie oder der Klinik für Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. „Das dürfte im Interesse der Patienten sein“, ist er sicher.

christian.ignatzi@izz-online.de