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Im Blick

Bericht über die Fachexkursion der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg

 

Südkorea – Land der Morgenstille und des Buddhismus

Ausgabe 1, 2016

Wenn man Südkorea sagt, denken wir Europäer vor allem an die Hauptstadt Seoul. Mit rund 23 Millionen Einwohnern ist diese Metropolregion nach Tokio der zweitgrößte Ballungsraum der Welt. Doch auch in Busan pulsiert das Leben: Die Hafenstadt am südöstlichen Zipfel der Halbinsel hieß uns willkommen, als wir nach langen Stunden im Flugzeug koreanischen Boden betraten. Das Hamburg Südkoreas ist berühmt für seinen Fischmarkt, den riesigen Containerhafen, das internationale Filmfestival und sein Nachtleben.

Eine Stadtrundfahrt vermittelt uns erste Eindrücke und einen Überblick über die zweitgrößte Metropole Südkoreas, wir genießen den Panoramablick vom Busan Tower, schlendern über den Fischmarkt und stellen in Gedanken unser Menü zusammen, überwältigt von dem Angebot aus Fischen und Meeresfrüchten, den Gerüchen und Düften und den Wortgefechten von Fischern und Kunden. Wir lernen die koreanische Tischkultur kennen, so ist z. B. das Schnäuzen bei Tisch äußerst unhöflich, gegessen wird mit Stäbchen aus Metall, Messer sind bei Tisch nicht zu finden – sie gelten als Waffe – zum Verteilen werden Scheren benutzt. Der Besuch des Tongdosa Tempels bringt uns den ersten Kontakt mit dem Buddhismus, wir lernen die verschiedenen Statuen und ihre Bedeutung kennen und bestaunen die Tempelkerze, die hier seit 1300 Jahren brennt.

Beruflicher Alltag. Der Besuch der Seomyeonstraße bringt uns in unseren beruflichen Alltag zurück. Auf dieser einen Kilometer langen Straße konzentrieren sich 160 medizinische Kliniken im Bereich Zahnheilkunde, kosmetische Chirurgie und Dermatologie.

In der Line Up Dental Clinic empfängt uns Oralchirurg Priv. Dozent Dr. Hong Hunpyo, berichtet über seine Tätigkeit, begleitet uns auf einem Rundgang durch die Klinik und im Anschluss ergibt sich nach einem Fachvortrag eine interessante und vielschichtige Diskussion zu den Themen: Interdisziplinäre Ansätze zwischen Kieferorthopädie und Oralchirurgie, ästhetische Chirurgie mit Mandibula- und Kinnplastiken sowie Muskelverlagerungen und der Einsatz verschiedener Implantat- Systeme.

Die chirurgische Ausbildung in Südkorea kennt nicht unser System der Doppelapprobation mit Studium der Medizin und Zahnmedizin, sondern vermittelt die chirurgischen Fähigkeiten in einer klinischen Facharztausbildung, die sich an das Zahnmedizinstudium anschließt und wesentliche Teile unserer Ausbildungsinhalte in der Mund-Kiefer- Gesichtschirurgie einschließt.

Schönheit made in Südkorea. Was wir nicht wussten: Südkorea ist weltweit eines der führenden Länder für Schönheitschirurgie. Während sich europäische und amerikanische Frauen erst ab 40 unters Messer legen, tun dies asiatische Frauen bereits in den Zwanzigern. Ein gutaussehender Partner, ein zufriedener Lebensstil und ein besser bezahlter und angesehener Job werden mit besserem Aussehen verbunden.

Mit einem leichten Schmunzeln erklärt uns Dr. Hunpyo den großen Erfolg der koreanischen Ärzte und den Zustrom der Patienten, besonders aus Japan, China und Russland. „Wir kombinieren deutsche Hightech mit unseren geschickten zierlichen Händen und akzeptablen Preisen“.

Eine Aussage, die uns zu angeregter fachlicher Diskussion über die Möglichkeiten und Grenzen in der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und der plastisch-chirurgischen Eingriffe führt. Anomalien der Angle- Klasse III liegen in Asien um das Zehnfache höher als in Europa. Zusätzlich spielt noch das koreanische Schönheitsideal eine große Rolle.

400 km quer durch Korea. Vom Südosten nach Nordwesten, vom Japanischen Meer ans Gelbe Meer, führt uns die mittlere Etappe unserer Reise ca. 400 km quer durch Korea mit tollen Eindrücken von Land, Leuten, Kultur, Religion, Sitten und Gebräuchen. Eine kleine Aufzählung der Höhepunkte ruft die Bilder nochmal in Erinnerung: Die historische Stadt Gyeongju beeindruckte uns mit ihren Zeugnissen aus der Zeit des Silla-Königreiches aus dem 7. bis 10. Jahrhundert. Imposante Grabhügel als Königsgräber, der Osterpalast in der Abendstimmung und die berühmteste Glocke Südkoreas, deren Klang man über 30 Kilometer weit hören kann, ergänzen den Besuch des Nationalmuseums. Im Weltkulturerbe-Dorf Yangdong erleben wir traditionelles konfuzianisches Leben im Alltag und sehen, wie diese Philosophie das moralische Fundament des Landes bildet und von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Im Haeinsa Tempel erwartet uns Koreas Version des Buddhismus – verewigt auf mehr als 80.000 Holzdruckplatten. Die große Gebetshalle und die dreistöckige Steinpagode davor verstärken den majestätischen Eindruck dieses tausendjährigen Tempels.

Hauptstadt. Seoul empfängt uns mit dem Stakkato einer niemals wirklich schlafenden Großstadt. Die Stadt, die Yonsei Universität, das Zentrum für traditionelle chinesische Medizin und die demilitarisierte Zone bilden allesamt die Bausteine unserer dritten und letzten Etappe der Korea.

Hoher Bildungswert. Die Yonsei Universität ist eine der größten und renommiertesten Hochschulen Koreas, entstanden aus einer 1885 gegründeten Medizinschule und mit fast 40.000 Studenten macht der Campus auf uns den Eindruck einer Kleinstadt. Persönliche Beziehungen von zwei Teilnehmern unserer Reisegruppe, Dr. Bechtold und Prof. Dr. Göz, ermöglichen uns einen warmherzigen Empfang, eine ausführliche Führung durch die verschiedenen Departements der Zahnklinik und viele gute Gespräche und Diskussionen. Prof. Dr. Chung Ju Hwang und Priv. Dozentin Dr. Yoon Jeong Choi begleiten uns, machen uns mit den einzelnen Abteilungsleitern bekannt und übernehmen Übersetzeraufgaben. Die Ausbildung der Studenten ist eng angelehnt an das amerikanische System mit gradualer und postgradualer Abstufung und weitgehender Spezialisierung. Ungewohnt auch für uns die akademische Ausbildung des Hilfspersonals, wobei sich beide Seiten sehr für die jeweils andere Art der Ausbildung interessierten. Dies zeigt sich auch in einem erst wenige Monate zurückliegenden Besuch einer koreanischen Delegation bei der Zahnärztekammer in Hamburg, die sich über das System der dualen Ausbildung in Deutschland informierte. In Korea ist Bildung ein Wert an sich. Leistung in Schule und Studium, Bildungsniveau und Karriere spielen eine zentrale Rolle und gehören zum Grundverständnis der Gesellschaft, ebenso wie die Tatsache, jedem Kind nach Möglichkeit das Beherrschen eines Instrumentes zu lehren. Vielleicht eine Erklärung dafür, dass die Länder des „Konfuzius-Zirkels“ – China, Singapur, Japan, Hongkong und Südkorea – Bestnoten im Pisa- Test erzielen.

Geteiltes Land. Am Ende unserer Fachexkursion – vor dem Rückflug über Shanghai – auf dem Weg zurück in unsere Heimat mit vielen neuen Eindrücken kommen wir tatsächlich am Ende der Welt vorbei. Wir stehen am 38. Breitengrad in der demilitarisierten Zone und blicken nach Nordkorea, erinnern uns an die Teilung unseres Landes, wenn der Blick über Sperrzonen und Todesstreifen geht. Und wir wünschen den Koreanern eine ähnlich glückliche Stunde der Geschichte, wie sie unserem Land beschieden war.

Dr. Konrad Bühler