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Titelthema

Zahnärzte-MVZ

 

Neue Chancen – oder neues Übel?

Ausgabe 3, 2016

Mit Inkrafttreten des GKV-Versorgungsstärkungsgesetzes im Juli 2015 können Zahnärztinnen und Zahnärzte Medizinische Versorgungszentren (MVZ) für rein zahnärztliche Leistungen gründen. „Dadurch ergeben sich Entwicklungschancen für Zahnarztpraxen, die den Dentalmarkt verändern können“, so die Prognose kürzlich in einem zahnärztlichen Wochenblatt. Und weiter: Der Trend zu größeren Praxiseinheiten werde „mit dem Z-MVZ einen weiteren Aufschwung erleben“. Was hier als zukunftsweisend gefeiert wird, werten viele Standespolitiker als Bedrohung für Einzel- und Gemeinschaftspraxen. Diese aber sind für die flächendeckende und wohnortnahe zahnärztliche Versorgung, besonders auf dem Land, unverzichtbar.

Nach bisheriger Gesetzgebung durfte ein MVZ nur fachübergreifend geführt werden, etwa von Ärzten verschiedener Facharzt- oder Schwerpunktbezeichnungen – eine Voraussetzung, die für Zahnärzte kaum zu realisieren war. Entsprechend dünn war die zahnärztliche Beteiligung. „Hier musste neben Zahnmedizinern ein Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg oder ein Allgemeinmediziner mit ins Boot – und selbst das wurde sehr restriktiv ausgelegt“, erklärte Dr. David Klingenberger, stv. wissenschaftlicher Leiter des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ). Heute seien ganz andere Konstrukte möglich, was auch daran liege, dass die Rechtsform sehr viel freier gestaltbar sei.

Lockerungen. Medizinische Versorgungszentren firmieren in der Regel als GmbH oder GbR. „Besonders die beschränkte Haftung (nicht bei Forderungen von KZV und Krankenkasse; Anm. der Red.) wird Interessen wecken, denn diese ist einer Berufsausübungsgemeinschaft oder Personengesellschaft bisher verwehrt“, vermutet Dipl.-Stom. Karsten Geist, Vorstandsmitglied der KZV Berlin. Den „größten Charme“ des MVZ sieht Susanne Müller dagegen im Wegfall der Begrenzung für angestellte Kollegen. Wie die Geschäftsführerin des Bundesverbandes Medizinische Versorgungszentren – Integrierte Versorgung e. V. (BMVZ) darlegte, gilt für MVZAngestellte die Vorschrift des Bundesmantelvertrages nicht, wonach ein zugelassener Vertragszahnarzt maximal zwei ganztags beschäftigte oder bis zu vier halbtags beschäftigte Zahnärzte anstellen darf, damit das Prinzip der persönlichen Leistungserbringung gewahrt wird. Für das MVZ gibt es keine Obergrenze.

Haftungsbefreiung und Angestelltenzahl sind in der Tat nachgefragte Punkte bei Z-MVZ-Informationsveranstaltungen, die seit einigen Monaten angeboten werden, wie die DZW (Die Zahnarzt Woche) berichtete. Im Zahnärzte-MVZ steckten viele Entwicklungs- und Karrierechancen. Dazu zählen der Nutzen von Synergien, attraktive Arbeitsplätze für die Generation Y und umfassende zahnmedizinische Behandlungsmöglichkeiten für Patienten aus einer Hand – das Ganze in einem rechtssicheren Raum mit weniger unternehmerischem Risiko für die Privatperson Zahnarzt. Häufig werde die Frage gestellt, ob Gründer von Zahnärzte-MVZ auch Investoren an Bord holen könnten. Die Antwort ist „ja“. Hier gelte jedoch, dass Inhaber und Anteilhaber vom Fach sein müssten: „Nur Zahnärzte, Ärzte, Krankenhäuser und Kommunen können ein MVZ gründen oder sich an einem solchen beteiligen.“

Strategien. Genau diese Punkte sind es aber auch, die die Berufspolitik sehr skeptisch werden lassen. Es ist zum Beispiel möglich, dass Vertragszahnärzte mehrere MVZ gründen, ohne darin tätig zu sein. Multiplikator-Investoren, nennt sie Prof. Dr. Wolfgang Merk, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für die Bewertung von Praxen und Unternehmen im Gesundheitswesen. Sie verfügten über ein gutes Konzept, das sie auf mehrere Standorte ausweiten möchten, und beschäftigten dort eine Vielzahl von Zahnärzten.

Eine andere Option sei, dass zahnärztliche Unternehmer ihre Großpraxis in ein MVZ umwandelten und auf diese Weise mehr Zahnärzte anstellen könnten. Außerdem sei denkbar, so Merk, dass Finanzinvestoren mit strategischem Interesse auf dem Markt aktiv würden und Ketten bildeten. Wenn der Investor selbst kein Vertragszahnarzt sei, könne er indirekt gründungsfähig werden, indem er ein Plankrankenhaus kaufe. Denn Kliniken wiederum dürften MVZ im ambulanten Bereich gründen, zum Beispiel in Form einer GmbH. „Eine solche Konstruktion bietet den Vorteil, die hundertprozentige Kontrolle über ein MVZ zu gewinnen“, wird der Sachverständige in den ZM zitiert. „Ich kann mir vorstellen, dass im zahnmedizinischen Bereich insbesondere Dentaldepots ihre Chance nutzen werden, die bereits Knowhow auf dem Gebiet besitzen, und ein Business für junge Zahnärzte aufbauen werden.“

Fehlentwicklungen. Die Motive zur Gründung eines MVZ sind nach Klingenbergers Einschätzung „eindeutig durch die Vermutung getragen, dass sich hier mehr Geld verdienen lässt als mit einer Einzelpraxis oder in der Rechtsform einer Berufsausübungsgemeinschaft“. Wenig wünschenswert ist sicherlich ein gewinnfixiertes Gesundheitssystem wie z. B. in den USA. In einem solchen Szenario bliebe auch die Freiberuflichkeit auf der Strecke. Die Gefahr, dass MVZ den freien Beruf ein Stück weit aushöhlen, sieht auch Klingenberger. So bezweifelt er, dass in MVZ angestellte Zahnärzte in dem Maße eigenverantwortlich und fachlich unabhängig sind wie die in freier Praxis Niedergelassenen. Wenn die Firmenphilosophie bestimmte Behandlungsverfahren oder Materialien nicht vorsehe, dann könne der angestellte Zahnarzt sie dem Patienten nicht anbieten, auch wenn er es im Einzelfall für zahnmedizinisch sinnvoll hielte.

„Je mehr MVZ auf den Markt kommen, umso mehr Stellen werden angeboten, was den Trend zur Anstellung vermutlich verstärken wird“, sagte er im ZM-Interview. „Im Grunde werden hier die Grundfesten des Berufsbildes berührt: Wie lange wird die Zahnmedizin noch als freier Beruf ausgeübt?“

Zum gleichen Schluss kam Christoph Besters, stv. Vorstandsvorsitzender der KZV BW, bereits vor gut einem Jahr: „Die mit der Neuregelung verbundene Förderung der Tätigkeit von Zahnärzten im Angestelltenverhältnis widerspricht (...) grundlegend dem Selbstverständnis des Berufsstandes“, schrieb er im ZBW-Leitartikel (1/2015). „Nur ein selbstständig tätiger Zahnarzt ist unmittelbar seinen Patienten für eine qualitativ hochstehende zahnmedizinische Versorgung verantwortlich.“

Verdrängung. Ohne Einzel- oder Gemeinschaftspraxen hält Besters die flächendeckende und wohnortnahe Versorgung, insbesondere im ländlichen Raum, nicht für machbar. „Zudem garantieren nur diese Praxisformen das vom Patienten stets hervorgehobene individuelle Vertrauensverhältnis“, so der stv. Vorstandsvorsitzende. Ob sich die vielzitierten Vorteile des MVZ in Bezug auf Haftung und Steuer tatsächlich in dem behaupteten Umfang realisieren lassen, bedürfe einer umfassenden Prüfung im Einzelfall.

Die Möglichkeit der unbegrenzten Beschäftigung von angestellten Zahnärzten stelle jedenfalls einen massiven Wettbewerbsnachteil der Freien Praxis dar. Besters: „Unsere Forderung an die Krankenkassen sowie den Gesetzgeber ist, diese ungleiche Behandlung umgehend zu beseitigen!“ Welche entscheidenden Vorteile blieben dann noch im Vergleich zur Berufsausübung in Freier Praxis?

guido.reiter@kzvbw.de

 

Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird wichtiger

 

Feminisierung befördert Strukturumbau

Ausgabe 3, 2016

Seit Jahren nimmt der Frauenanteil in der Zahnmedizin zu. Ende 2014 lag er bundesweit bei 43 Prozent. In der Altersgruppe bis 35 allerdings stellten die Zahnärztinnen mit 62 Prozent schon die Mehrheit aller zahnärztlich Tätigen – mit wachsender Tendenz, wie die Studentenstatistik zeigt. Diese sog. „Feminisierung“ hat gravierende Folgen für den Berufsstand: Frauen, insbesondere Berufsanfängerinnen, setzen oftmals andere Prioritäten als die ältere, männlich dominierte Zahnärztegeneration und benötigen deshalb andere Arbeitsstrukturen. Die Work-Life-Balance ist vielen nachrückenden Berufskolleginnen, aber auch -kollegen, sehr wichtig.

Der Zahnarztberuf als Männerdomäne – das ist lange vorbei. Nicht unbedingt zur Freude mancher männlicher Kollegen, die diese Entwicklung anfangs, wie in der Presse nachzulesen ist, als „dramatisch“ ansahen, den „hochtechnisierten Beruf“ als unpassend für Frauen bezeichneten und sogar einen „merklichen Qualitätsverlust der Praxisführung“ ausgemacht haben wollten. Heute wird dies sicherlich differenzierter gesehen, und auch die Erfahrungen im Praxisalltag weisen in die entgegengesetzte Richtung: Zahnärztinnen gelten als besonders einfühlsam und sozial kompetent. Gerade in der vorsorgenden Zahnmedizin und in der Ästhetik der Zahnversorgung spielt die Frau als vertrauenswürdiger Partner in der Leistungsberatung eine zunehmend erfolgreiche Rolle.

Aber oftmals gibt es doch Probleme – nicht im Bereich des zahnmedizinischen Könnens, sondern hinsichtlich der ganz persönlichen Lebensplanung: Wie schafft es die Zahnärztin, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren? Wie steht es mit der finanziellen Absicherung im Fall einer Schwangerschaft – ganz abgesehen davon, dass das Berufs- und Familienleben auch nach der Ankunft des Nachwuchses organisiert werden muss? Wie unterschiedlich die Situationen sein können, zeigt ein kurzer Blick in drei Praxen.

Beispiel 1

Dr. Stephanie W. ist bereits einige Jahre als angestellte Zahnärztin in einer Praxisgemeinschaft tätig, als sie sich für ihr erstes Kind entscheidet und schwanger wird. Mit der Arbeit am Behandlungsstuhl ist es wegen der Infektionsgefahr vorerst vorbei. Die Umlagekasse zahlt ihr jedoch während der gesamten Ausfallzeit das volle Gehalt weiter.

Beispiel 2

Weniger gut trifft es ihre Kollegin Dr. Ann-Katrin H. Auch sie arbeitet in einer Praxisgemeinschaft, jedoch als selbständige Zahnärztin. So bekommt sie keinerlei finanzielle Unterstützung, als sie ein Baby erwartet. Vorsorglich hat sie Geld zurückgelegt, ist aber längerfristig dennoch auf finanzielle Hilfe ihres Partners angewiesen. Ihr früheres Arbeitspensum in der Praxis schafft sie nach der Geburt vorerst nicht mehr. Immerhin läuft der Praxisbetrieb problemlos weiter; sie kann sich mit ihrer Praxiskollegin arrangieren.

Beispiel 3

Finanzielle Klimmzüge und Durchhaltevermögen werden Dr. Julia M. abverlangt. Sie ist Inhaberin einer Einzelpraxis. Als sie schwanger wird, muss sie für die Monate ihrer Abwesenheit eine Urlaubsvertretung anstellen und bezahlen. Und nicht nur das: Die Verantwortung für die Praxis lastet schwer auf ihr – fast jeden Tag sieht sie nach dem Rechten und hofft, dass weder in Praxis noch Familie unvorhergesehene Probleme auftreten. Kaum ist der Nachwuchs da, steigt sie wieder voll ein – schon aus finanziellen Gründen.

Die Beispiele zeigen: Als Zahnärztin und Mutter hat frau es nicht leicht – meist geht es nicht ohne Abstriche, entweder in der Praxis oder in der Familie. Dennoch ist die Zahnmedizin für Abiturientinnen attraktiv wie nie. Im Wintersemester 2014/2015 zum Beispiel waren fast 65 Prozent der Studierenden weiblich; das sind 12,7 Prozent mehr als im Wintersemester 2000/2001. Ähnlich ist es bei den Promovierenden. Hier gab es im gleichen Zeitraum sogar ein Plus von 14,7 Prozent.

Selektion. Dass Frauen in aller Regel die besseren Abiturnoten und damit leichteren Zugang zum Zahnmedizin-Studium haben, ist aus Sicht mancher Standespolitiker nicht unproblematisch. So forderte der Landesverband Niedersachsen des Freien Verbandes vor einigen Monaten sogar die Abschaffung des Numerus clausus für Zahnmedizin und eine „Männerquote“, denn es gebe mittlerweile Studienjahrgänge mit 100 Prozent Frauenanteil. Junge Männer müssten verstärkt zum Studium ins Ausland ausweichen, weil ihre Abiturnote für einen deutschen Studienplatz nicht ausreiche.

Frauen aber, so die Verbandssprecherin Annette Apel, würden viel seltener als ihre männlichen Kollegen das Risiko einer Praxisgründung eingehen. Nach der Kinderpause wählten nur etwa 30 Prozent diesen Weg. Die meisten würden aus Gründen der Familienplanung lieber in ein Angestelltenverhältnis gehen. Tatsächlich hat die „Existenzgründungsanalyse Zahnärzte 2014“ von IDZ und apoBank ergeben, dass zwar fast die Hälfte aller neuen Praxen von Frauen gegründet werden, sich aber dennoch deutlich mehr Frauen gegen die Selbständigkeit entscheiden. Die innerhalb einer Praxis abhängig Beschäftigten sind zu über 60 Prozent weiblich.

Erfordernisse. Doch ob eine Männerquote die Lösung des Problems darstellen könnte, ist sehr fraglich. Für männliche Abiturienten hat das Berufsziel „Zahnarzt“ offenbar an Attraktivität verloren. Über die Gründe kann nur spekuliert werden. Sicherlich spielt mit, dass die finanziellen Bedingungen sich verschlechtert haben, während Risiko und Arbeitsbelastung gestiegen sind, nicht zuletzt durch wachsenden Verwaltungsaufwand. Zudem hat das Ansehen des Berufes in der Öffentlichkeit einige Schrammen davongetragen – alles Dinge, die Frauen offenbar bereit sind, in Kauf zu nehmen, wenn sie dennoch ihre Lebensentwürfe umsetzen können. Dies funktioniert aber nur mit Strukturen, die vor allem familienfreundlich sind oder im weiteren Sinne eine ausgeglichene Work- Life-Balance ermöglichen.

Eigentlich dürfte die Umstrukturierung der zahnärztlichen Arbeitswelt nicht nur den jungen Zahnärztinnen entgegenkommen, sondern auch ihren gleichaltrigen Kollegen. Denn die Suche nach sinnvollen Aufgaben ist in der „Generation Y“ verbreitet, wie einige Soziologen meinen. Diese zwischen 1980 und 1995 Geborenen seien zwar ausgesprochen leistungsorientiert und an lebenslanges Lernen wie auch an den Umgang mit modernen Medien gewöhnt. Aber ihnen sei ein hohes Einkommen weniger wichtig als Wir- Werte wie Familie, Partnerschaft und Freunde. Die Ausgewogenheit von Berufs- und Familienleben, die sich beispielsweise durch Elternzeit und flexible Arbeitszeiten realisieren lässt, hat einen hohen Stellenwert.

Lebensphasen. Die Work-Life- Balance lässt sich jedoch nicht an bestimmten Strukturen festmachen, da Anforderungen und Wünsche unterschiedlich sind und sich im Laufe der Zeit verändern. Während des Studiums ist intensive Arbeit gefordert. Dann aber folgt in der Regel die Phase der Familiengründung, und gerade Berufstätige mit Kindern müssen hier die Arbeitszeit zugunsten des „Life“-Anteils zurückschrauben. Ab etwa 40 Jahren kann die Arbeitszeit häufig wieder zunehmen: Die Zahnärztin ist noch voll leistungsfähig, muss aber auch schon langsam ans Alter denken und die Altersversorgung aufbauen. Und etwa ab 60 möchte man noch etwas mehr vom Leben haben und fährt die Arbeitszeit wieder zurück.

Eigentlich kommt der Zahnarztberuf solchen Wünschen durchaus entgegen, freilich nur schwer in einer Einzelpraxis. Aber die Liberalisierung hat schon vor einigen Jahren Freiräume geschaffen. Längst ist die Einzelpraxis nicht mehr Maß aller Dinge. Flexibel ausgestaltete Anstellungsverträge sowie Gemeinschaftspraxen, Medizinische Versorgungszentren (etwa in Form einer GmbH) oder Tageskliniken bieten neue Möglichkeiten, Beruf und Familie zu vereinbaren. Angepasste Arbeitszeiten, Teil- und Elternzeit oder auch die Rückkehr in den Beruf nach längerer Pause sind hier viel leichter möglich als in einer Einzelpraxis. Dennoch sollte die Niederlassungsbereitschaft junger Zahnärztinnen in eigener Praxis, wie die Beratung in den Körperschaften zeigt, grundsätzlich nicht unterschätzt werden.

schildhauer@meduco.de