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Titelthema

Integration

 

Ärztemangel: Ist Zuwanderung die Lösung?

Ausgabe 4, 2016

Immer mehr Menschen kommen nach Deutschland, aber nicht wenige kehren dem Land der Dichter und Denker auch (wieder) den Rücken. Mit 1,465 Millionen war die Zahl der hier gemeldeten Zuwanderer im Jahr 2014 besonders hoch. Nach Abzug der Abgewanderten blieb Deutschland ein Netto-„Zugewinn“ von 0,55 Millionen Einwohnern – der höchste Wanderungsüberschuss seit 1992. Dies lässt Arbeitgeber hoffen. Auch die Ärzteschaft setzt auf die Zuwanderung qualifizierter Kollegen. Könnte die Integration von Fachkräften aus dem Ausland ein Weg sein, den Ärztemangel in Deutschland zu kompensieren?

Der deutsche Arbeitsmarkt leidet seit Jahren unter Fachkräftemangel. Auch auf dem Gesundheitssektor sind viele Stellen unbesetzt. Ärztliche Standespolitiker klagen unter anderem über fehlende Hausärzte, zu wenig Spezialisten und Praxisschließungen. Besonders die Kliniken haben Nachwuchsprobleme. „Deutschlandweit ist davon auszugehen, dass die Kliniken mehrere tausend Ärztinnen und Ärzte zusätzlich beschäftigen könnten“, konstatiert etwa die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit auf ihrer Website „Make it in Germany“.

Die Gesamtzahl der berufstätigen Ärztinnen und Ärzte ist zwar in den letzten beiden Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen; auch im Jahr 2014 verzeichnete die letzte Ärztestatistik der Bundesärztekammer (BÄK) einen Zuwachs von 2,2 Prozent. Nach Einschätzung von BÄK-Präsident Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery reicht aber das leichte Plus bei Weitem nicht aus, um die Lücken in der medizinischen Versorgung zu schließen, die sich aus einer Reihe von gesellschaftlichen Entwicklungen ergeben.

Generation Y. So hat die nachrückende Ärztegeneration andere Vorstellungen von der „Work-Life- Balance“ als ältere Berufskollegen: „Wie zahlreiche Umfragen zeigen, legen diese jungen Ärzte großen Wert auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Beruf, Familie und Freizeit, auf feste Arbeitszeiten und flexible Arbeitszeitmodelle“, erklärte Montgomery. In der Folge entschieden sich immer mehr von ihnen für eine Anstellung und gegen die Niederlassung, und auch die Zahl der Teilzeitbeschäftigten habe sich in den letzten Jahren erhöht. Möglicherweise sei dies auch auf den steigenden Frauenanteil in der Berufsgruppe zurückzuführen, der sich binnen Jahresfrist um 0,5 auf 45,5 Prozent im Jahr 2014 erhöht habe.

Die Situation wird dadurch verschärft, dass das Durchschnittsalter berufstätiger Ärztinnen und Ärzte seit Jahren ansteige. Wie die BÄK berichtete, planen 23 Prozent der Niedergelassenen laut Umfragen, ihre Praxen bis zum Jahr 2020 aufzugeben. 2,4 Prozent sind dem Ärztepool bereits im Jahr 2014 durch Ausstieg aus der kurativen Tätigkeit verlorengegangen. Indessen verursachen das gehobene Altersniveau der Patienten, eine höhere Behandlungsintensität und neue Therapiemöglichkeiten einen personellen Mehrbedarf.

Bildung. Wird sich mit der wachsenden Zuwanderung aus dem Ausland das Problem des Fachkräftemangels lösen? Mit welchen Qualifikationen kommen die Zuwanderer nach Deutschland? Das Statistische Bundesamt hat im Mikrozensus Daten zum Bildungsstand der Bevölkerung für das Jahr 2014 erhoben. Von Interesse ist in diesem Zusammenhang der Bevölkerungsanteil „mit erstmaligem Zuzug ab 2010 in die Bundesrepublik Deutschland“, also die Zuwanderer. Wie die Zahlen belegen, konnten 45 Prozent von ihnen keinen beruflichen Bildungsabschluss vorweisen. 14 Prozent von diesen befanden sich noch in schulischer oder beruflicher Ausbildung. Zum Vergleich: In der deutschen Bevölkerung fehlte der berufliche Bildungsabschluss bei 23 Prozent, wobei 9 Prozent noch schulische oder berufliche Bildungsmaßnahmen absolvierten. Außerdem besaßen unter den Zugewanderten 10 Prozent keinen allgemeinen Schulabschluss. Unter den Deutschen waren dies 2 Prozent. Allerdings hatten immerhin 64 Prozent der Zugewanderten die Realschul-, Fachhochschul- oder Hochschulreife erreicht. Die Deutschen kamen hier auf 52 Prozent.

Vor diesem Hintergrund dürfte die Erwartung, dass die Zuwanderung ohne zusätzliche Maßnahmen eine schnelle und deutliche Entlastung des Arbeitsmarktes bewirkt, gedämpft werden. Und auch die weitere Analyse des Migrationsgeschehens gibt Anlass zum Nachdenken. Der eingangs erwähnte Wanderungsüberschuss von 0,55 Millionen im Jahr 2014 kommt durch mehrere MigrationsMigrationsströme zustande: 1,465 Millionen Zuwanderer kamen nach Deutschland, während 0,914 Millionen Personen aus Deutschland abwanderten. Unter den Zuwanderern waren 122.000 Deutsche (Spätaussiedler sowie aus dem Ausland zurückkehrende Deutsche), während sich unter den Abwanderern 149.000 Landsleute befanden. Der entscheidende Punkt ist: Es gingen 27.000 mehr Deutsche ins Ausland als nach Deutschland einreisten.

„Brain drain“. Schwer wiegt dabei, dass es vor allem junge und qualifizierte Personen sind, die es ins Ausland zieht, wie aus einer Studie hervorgeht, die im vergangenen Jahr vom Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) vorgelegt wurde. Neue Erfahrungen zu machen, war für 72 Prozent der Befragten das Hauptmotiv, Deutschland zu verlassen. 67 Prozent gaben berufliche Gründe an. Von 47 Prozent wurde in der (nicht repräsentativen) Befragung eine angestrebte Einkommensverbesserung genannt. Zu einer Rückwanderung fühlten sich die Befragten durch familiäre und partnerschaftliche Gründe veranlasst. Eine besondere Mobilität legten Deutsche mit Migrationshintergrund an den Tag, die familiäre Gründe in den Vordergrund stellten. Im Rahmen der Untersuchung („International Mobil – Motive, Rahmenbedingungen und Folgen der Aus- und Rückwanderung deutscher Staatsbürger“) wurde auch ermittelt, dass Deutschland von 2009 bis 2013 im Durchschnitt etwa 25.000 Staatsbürger verlor – also etwa die Größenordnung, die das Statistische Bundesamt für 2014 errechnet hat.

Zum Kollektiv der in der Bundesrepublik tätigen Ärztinnen und Ärzte, die ins Ausland abgewandert sind, liegen konkrete Zahlen der Ärztekammern vor: 2.364 Personen haben das Land im Jahr 2014 verlassen; 60,5 Prozent davon sind Deutsche. Damit ist nach einem kleinen Anstieg in 2013 wieder das Niveau von 2012 erreicht. Wie in den Vorjahren gingen die meisten Medizinerinnen und Mediziner in die Schweiz (754). Für Österreich entschieden sich 285, in die USA reisten 131 Personen. Die Motivation der Heilberufler wurde in der Publikation „Arbeitsmigration im Gesundheitswesen: Trends und Auswirkungen“, 2015 veröffentlicht von der Bundeszentrale für politische Bildung, unter die Lupe genommen.

Prioritäten. „Auch Ärzte und Pflegepersonal in Ländern mit höherem Einkommensniveau pendeln nachweislich zwischen Ländern hin und her, um sich in Hinsicht auf Bezahlung und Arbeitsbedingungen vorteilhaftere Arbeitsmärkte zu erschließen“, schreiben die Autoren. Wie sie explizit ausführen, wurde der Wunsch nach einer besseren Vereinbarkeit von Arbeitsund Privatleben von Ärzten in Deutschland als wichtiger Beweggrund für Abwanderung angegeben. Die Auswertung ergab weiter: „In Frankreich wurden die Arbeitsbedingungen von Ärzten wegen mehr Urlaubstagen und höherer Bezahlung besser als in Deutschland bewertet. In der Schweiz wurden Ärzte nicht nur besser bezahlt, sondern im Gegensatz zu Deutschland auch für ihren Bereitschaftsdienst entlohnt. In manchen Fällen erwies sich eine Beschäftigung außerhalb des Gesundheitssektors als attraktiver. Gegen Ende ihrer Ausbildung in Deutschland gaben einige Ärzte an, sie würden in die Industrie wechseln, vor allem in die pharmazeutische Industrie, wo Gehalt und Arbeitsbedingungen vorteilhafter seien.“

„Brain gain“. Glücklicherweise wird die Abwanderung medizinischer Fachkräfte aus Deutschland kompensiert: Die Zahl ausländischer Ärztinnen und Ärzte, die in Deutschland berufstätig sind, steigt laut BÄK-Ärztestatistik kontinuierlich an: Seit dem Jahr 2000 hat sich ihre Zahl auf 34.706 Personen im Jahr 2014 verdreifacht. Da der Zuwanderung von 3.470 ausländischer Ärzten im Jahr 2014 die oben erwähnte Abwanderung von 2.364 in Deutschland tätigen Ärzten im gleichen Jahr gegenübersteht, ergibt sich ein – überschaubares – Jahresplus von 1.106 Personen.

Die meisten ärztlichen Zuwanderer kamen aus europäischen Staaten. Die größten Gruppen bildeten Rumänen (3.857), Griechen (3.011), Österreicher (2.695) und Polen (1.936). Dass der Zustrom aus den neuen EU-Mitgliedsländern, die ausschließlich der Kategorie der Niedriglohnländer angehören, vergleichsweise hoch ist, erklären die Autoren der Veröffentlichung zur Arbeitsmigration mit ökonomischen Faktoren. „Schlechte Bezahlung war der im Rahmen der Untersuchungen am häufigsten genannte Grund für Abwanderung.“

Eigeninitiative nötig. Zumindest innerhalb Europas scheinen finanzielle Vorteile als Antriebsmotor für die Zuwanderung nach Deutschland demnach zu funktionieren. Dennoch reichen die Migrations- Zugewinne nicht aus, um den Arbeitsmarkt auf dem Gesundheitssektor wirklich zu entlasten. Insbesondere große Kliniken sind deshalb längst dazu übergegangen, freie Stellen auch international auszuschreiben und spezialisierte Agenturen mit der Rekrutierung von qualifizierten Fachkräften im europäischen und nichteuropäischen Ausland zu beauftragen. Sind die neuen Mitarbeiter aus dem Ausland eingetroffen, bieten viele Arbeitgeber in einem zweiten Schritt inzwischen auch vorbereitende und flankierende Trainings an, um den Start im deutschen Gesundheitssystem zu erleichtern.

Auch die Bundesregierung unternimmt neue Anstrengungen, um die angespannte Arbeitsmarktlage zu verbessern: Ein punktebasiertes Zuwanderungsmodell für Fachkräfte aus Nicht-EU-Staaten soll das leisten, was die Blue Card der EU bisher nicht vermochte. Im kommenden Herbst soll das auf drei Jahre angelegte Modellprojekt starten, das als Probelauf für ein Einwanderungsgesetz gedacht ist. Es wird also noch einige Zeit vergehen, bis die staatlichen Maßnahmen greifen – wenn es denn soweit kommt. Bis dahin heißt es für Arbeitgeber weiterhin: Selbst aktiv werden.

schildhauer@meduco.de

 

Fachsprachenprüfung und Kenntnisprüfung

 

Im Interesse des Patientenschutzes

Ausgabe 4, 2016

„Um als Zahnarzt in Deutschland tätig zu sein, benötigen Sie eine Approbation. Voraussetzung hierfür sind ausreichende Sprachkenntnisse.“ Diese Auskunft erteilt die zuständige Mitarbeiterin der Abteilung Aus-, Fort- und Weiterbildung in der Geschäftsstelle der LZK derzeit mehrmals wöchentlich, schriftlich und auch telefonisch. Selbst über den Facebookauftritt der Kammer erreichen die LZK entsprechende Anfragen. Für die Anerkennung eines ausländischen Studiums ist in Baden-Württemberg das Regierungspräsidium Stuttgart zuständig. Die Fachsprachenprüfung für ausländische Zahnärzte gibt es erst seit dem vergangenen Jahr.

Voraussetzung für die Erteilung einer Approbation bzw. die Erlaubnis zur Ausübung des zahnärztlichen Berufes ist der Nachweis, dass die ausländischen Zahnärzte über die erforderlichen Kenntnisse der deutschen Sprache verfügen. Nach dem Beschluss der Gesundheits-ministerkonferenz vom 26. und 27. Juni 2014 müssen Zahnärzte auf der nachgewiesenen Grundlage eines GER-B2 (Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen für Sprachen) über Fachsprachenkenntnisse im berufsspezifischen Kontext orientiert am Sprachniveau C1 verfügen. Seit August 2015 führt die Landeszahnärztekammer im Auftrag des Regierungspräsidiums Stuttgart und in Zusammenarbeit mit der Bezirksärztekammer Nord-Württemberg diese Fachsprachenprüfungen für ausländische Zahnärzte durch.

Den Patienten verstehen. „Die Fachsprachenprüfung ist absolute Notwendigkeit“, betont Dr. Dr. Helmut Eisele. Der Zahnarzt ist einer von vier zahnärztlichen Prüfern im jeweils zweiköpfigen Prüfungsteam, das seit Einführung der Fachsprachenprüfung bisher 34 Prüfungen durchgeführt hat. „Hat der Patient das Gefühl, dass er vom Zahnarzt verstanden wird und kann der zahnärztliche Kollege das aufnehmen, was ihm vom Patienten vermittelt wird“. Darum geht es nach Auffassung von Dr. Eisele in erster Linie – insbesondere in einem Beruf, in dem die Kommunikation und das vertrauensvolle Gespräch zwischen Arzt und Patient zum Berufsalltag gehören. Um dies sicherzustellen, bedarf es ausreichender deutscher Sprachkenntnisse. Entsprechend ist die 60-minütige, dreiteilige Fachsprachenprüfung aufgebaut: Zunächst gibt es ein simuliertes Zahnarzt-Patientengespräch, es folgt die schriftliche Dokumentation eines Patientenfalls und den Abschluss bildet ein kollegiales Gespräch. „Im schriftlichen Teil, bei der Dokumentation gibt es die meisten Probleme“, weiß Dr. Eisele, „Grammatik und Rechtschreibung bereiten den Prüflingen große Schwierigkeiten“. „Auch bei den Fachtermini hapert es“, ergänzt Dr. Eisele aus seinen bisherigen Erfahrungen.

Ein Prüfungstag. Der erste Prüfling, der sich am 21. März dem zweiköpfigen Prüfungsteam bestehend aus Dr. Dr. Helmut Eisele und dem ärztlichen Prüfer Prof. Dr. Günter Schmolz vorstellt, kommt aus Syrien. Der 27-jährige syrische Kollege hat sein Studium 2013 beendet, seit zwei Jahren lebt er in Filderstadt. Bisher hat er zwei Wochen in einer Praxis in Hohenheim hospitiert.

„Ab jetzt bin ich Ihr Patient“, erläutert Prüfer Günter Schmolz das nun folgende Rollenspiel, in dem der Zahnarzt im Gespräch mit dem Patienten eine ausführliche Anamnese erheben soll: „Welche Beschwerden? Bluten beim Zähneputzen und Mundgeruch. Allgemeinerkrankungen? Vorhofflimmern. Medikamente? ASS 100. Allergien? Gegen Penicillin…“ Beim Ansehen der Röntgenaufnahme erklärt der Syrer seinem Patienten: „Sehen fortgeschrittenen Knochenabbau, eine Parodontose“. Eigentlich geht es um eine Überprüfung der Fachsprachenkenntnisse, „aber das ist ein schmaler Grat, man kann die Fachlichkeit nicht vollständig außen vor lassen“, betont Prof. Schmolz. „In der Humanmedizin wird auch auf die Fachtermini großen Wert gelegt“, erklärt der ärztliche Prüfer. Aus diesem Grund wird die Ärztekammer bei ihren Fachsprachenprüfungen künftig eine Fachtermini-Prüfung einführen.

20 Minuten sind vorbei – jetzt muss der Syrer seinen auf der Grundlage des Patientengesprächs schriftlich formulierten Arztbericht vorlegen und im kollegialen Gespräch mit Dr. Eisele über die Anamnese des neuen Patienten berichten. Danach sind sich die beiden Prüfer ziemlich schnell einig: Der junge Kollege hat die Prüfung nicht bestanden. Der Bewertungsbogen zeigt für fast alle Prüfungsinhalte die Bewertungskategorie Minus oder ein doppeltes Minus. Was für die beiden Prüfer ziemlich klar auf der Hand liegt, möchte der syrische Kandidat nicht akzeptieren. Den Vorschlag, erst in einem halben Jahr zur Wiederholungsprüfung anzutreten, wischt er barsch zur Seite und beharrt auf einem Prüfungstermin kommende Woche.

Der Syrer ist einer von nunmehr fünf Prüflingen, der bei den bislang durchgeführten 34 Prüfungen durchgefallen ist.

Die nächste Prüfungskandidatin erscheint nicht – Zeit genug, das Prüfungsteam zu fragen, warum sie sich als Prüfer für die Fachsprachenprüfung engagieren. „Das ist eine verantwortungsvolle Aufgabe – das deutsche Gesundheitswesen ist international auf hohem Niveau und das muss auch so bleiben“, betont Prof. Schmolz mit Nachdruck. Auf den Flüchtlingszustrom nach Deutschland angesprochen, bekennt der ehemalige Leiter des Landesgesundheitsamtes, er sei „gespalten“. „Einerseits haben wir einen Fachkräftemangel im ländlichen Raum, anderseits verlassen hochqualifizierte Menschen ihre Heimat und der Verlust dieser geistigen Elite lässt Länder wie Syrien unversorgt an Medizinern“.

Der nächste Prüfungskandidat kommt aus Kroatien. Ihm wird derselbe Fall wie zuvor vorgelegt. Das erleichtert dem Prüfungsteam den Vergleich. Sämtliche Patientenfälle stammen von Dr. Eisele, er hat sie für die Prüfungen aufbereitet.

Im Arzt-Patienten-Gespräch macht es Prof. Schmolz dem 30-jährigen Kroaten nicht einfach: Er unterbricht den Zahnarzt, hat eine Menge Gedankensprünge, aber der Kroate lässt sich nicht durcheinanderbringen und erhebt in Ruhe und mit Geduld seine Anamnese. Das Prüfungsteam ist zufrieden, „man hat das Gefühl, bei ihm als Patient gut aufgehoben zu sein“. Einzig die falsch gestellte Diagnose einer Herzrhythmusstörung geht negativ in die Bewertung ein. Nachdem er seine Bescheinigung über die bestandene Prüfung erhalten hat, nutzt der Kroate sogleich die Chance, die Behandlungs- und Therapieplanung des fiktiven Falles zu diskutieren und die Ratschläge des erfahrenen Kollegen Eisele einzuholen. „Das haben wir noch nie erlebt“.

EU oder Nicht-EU. Gegen Vorlage der Bescheinigung über die bestandene Überprüfung der fachbezogenen Deutschkenntnisse wird der Kroate nun beim Regierungspräsidium Stuttgart auch umgehend seine Approbation erhalten, denn Kroatien gehört zur Europäischen Union. Bei Zahnärztinnen und Zahnärzten, die ihre Ausbildung im EU-Ausland abgeschlossen haben, wird davon ausgegangen, dass ein gleichwertiger Ausbildungsstand gegeben ist. Bei Nicht-EU-Ausländern wie dem syrischen Kandidaten muss der gleichwertige Kenntnisstand durch das Ablegen einer Kenntnisprüfung, die sich auf den Inhalt der deutschen Abschlussprüfung erstreckt, nachgewiesen werden. Dem Syrer steht also neben der zweiten Fachsprachenprüfung eine weitere Prüfung bevor: die Kenntnis- oder Gleichwertigkeitsprüfung. „Syrer haben ein gutes Ausbildungsniveau“, bescheinigen die beiden Prüfer aus ihrer Erfahrung. „Sie haben sehr viele Facharzt-Weiterbildungen“, ergänzt Prof. Schmolz.

Die dritte Prüfungskandidatin hat zwar die kroatische Staatsangehörigkeit, ihre Ausbildung jedoch in Serbien abgeschlossen. Aus diesem Grund muss sie in jedem Fall nach bestandener Fachsprachenprüfung eine Kenntnisprüfung ablegen, denn Serbien gehört nicht zur Europäischen Union.

Die 27-Jährige wohnt seit einem halben Jahr in Heilbronn. Sie ist mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen. Der jungen Frau ist ihre Anspannung im Gegensatz zu den vor Selbstbewusstsein strotzenden Männern vor ihr deutlich anzumerken. Dr. Eisele hilft ihr im Fachgespräch mit seinen einfühlsamen Nachfragen auf die Sprünge und ermöglicht ihr damit ein knappes Bestehen der Prüfung.

Im Gegensatz zum syrischen Kandidaten nimmt sie die Anregungen des Prüfungsteams sehr aufgeschlossen entgegen: „Ich brauche mehr Kontakt zu deutschen Kollegen, um deutsch sprechen zu können und zu üben“.

Kenntnisprüfung. Die Kenntnisprüfungen führt die Landeszahnärztekammer im Auftrag des Regierungspräsidiums Stuttgart durch. Nach wie vor zeigen die Ergebnisse der Kenntnisprüfungen, dass sie zu Recht sowohl im Interesse des Patientenschutzes als auch der Zahnärzteschaft durchgeführt werden. Die Durchfallquote ist hoch: 2015 sind bei 32 Prüfungen lediglich 13 Prüfungen sowohl im praktischen als auch im theoretischen Teil bestanden worden.

„Der Kenntnisstand der Prüflinge ist sehr unterschiedlich“, berichtet Dr. Carsten Ullrich, Mitglied der Prüfungskommission, „es kommt sehr darauf an, woher die Prüflinge kommen“. Sind die Ausbildungen in Südamerika oder im arabischen Raum abgeschlossen worden, spricht Dr. Ullrich davon, dass die Kenntnisse „durchaus vergleichbar“ seien. Allerdings gibt er zu bedenken, „dass wir nur absolute Basics prüfen und die Prüflinge in der praktischen Prüfung ein sehr großes Zeitfenster haben“.

Dass den Kenntnis- und auch Defizitprüfungen nunmehr die Fachsprachenprüfung quasi vorgeschaltet ist, erachtet er als „sehr sinnvoll“. „Früher mussten wir in der Defizitprüfung auch noch die Sprachbarrieren abarbeiten“.

Zur Vorbereitung auf die Kenntnisprüfung erteilt das Regierungspräsidium Stuttgart eine auf ein Jahr befristete Berufserlaubnis. In dieser Zeit dürfen die Prüfungsanwärter nur in abhängiger Stellung tätig werden.

LZK als Approbationsbehörde. Die Landeszahnärztekammer beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit der Thematik Heilberufe-Kammern als Approbationsbehörden und hat mehrfach dieses Thema in die Diskussion eingebracht. Bereits 2012 hat sich der LZK-Vorstand in seinem standespolitischen Programm für die 14. Kammerperiode die Übernahme der Aufgabe als Approbationsbehörde für Zahnärzte im Lande auf die Fahnen geschrieben. Zusammen mit der Landesapotheker-, der Landespsychotherapeuten- und der Landestierärztekammer ist die LZK auch bereits an das Staatsministerium Baden- Württemberg herangetreten, um dieses Ziel zu verfolgen. Unter anderem mit dem Hinweis, dass ein Interessenkonflikt zwischen der Aufgabe als Approbationsbehörde und der Aufgabe als Berufsaufsichtsbehörde bestehen würde, erteilte das Staatsministerium dem vorgetragenen Anliegen bisher eine Absage. Doch auch andere Berufsvertretungen wie die Rechtsanwalts- und Steuerberaterkammern sind bereits heute Zulassungsstelle. Formal ist die Übertragung dieser hoheitlichen Aufgabe als Approbationsbehörde auf die Kammern nicht ausgeschlossen.

„Alle Aufgaben und Dienstleistungen, die im Zusammenhang mit dem Berufsstand stehen, sollten bei den Kammern angesiedelt sein“, betont der stv. LZK-Präsident Dr. Bernhard Jäger. „Die Übernahme weiterer hoheitlicher Aufgaben erweitert die gesellschaftliche Akzeptanz der Selbstverwaltung und stärkt sie.“

mader@lzk-be.de


Kommentar

Qualifikation vor Integration!

Die geschätzten Zahlen sind eindeutig: Bis zum Jahre 2030 fehlen Zehntausende von Ärzten. 25 Prozent aller (Zahn-)Mediziner sind über 55 Jahre alt und gehen in Pension. In einer Studie wurde nachgewiesen, dass die Lage viel prekärer ist als bisher angenommen. Junger deutscher Nachwuchs ist Mangelware und sehr viele emigrieren ins europäische Ausland. Dort sind die Arbeitsbedingen und die Verdienstmöglichkeiten wesentlich besser. Der Fehlbedarf ist unbestritten und wird immer deutlicher. Zudem wird demografisch bedingt die Zahl der Senioren, die Gruppe, die den höchsten Bedarf an Behandlung aufweist, größer. Deswegen häufen sich Forderungen aus verschiedensten Gruppierungen an die Politik, mehr Ärzte aus dem Ausland anzuwerben. Dabei wird vergessen, den Beruf des Arztes oder Zahnarztes für den deutschen Nachwuchs in jeder Hinsicht attraktiver zu gestalten. Meiner Meinung nach bedarf es dringend einer Überarbeitung der Zulassungsregularien zum Studium der (Zahn-)Medizin. Nicht (nur) der Notendurchschnitt darf eine Rolle spielen, sondern ebenso sollte soziales Engagement, Kreativität und persönliches Engagement im Arztberuf gewichtet werden. Das Gesundheitsstärkungsgesetz aus dem Jahre 2015 brachte bisher wenig Erfolg, um diese Misere zu beheben. Der Mangel an Ärzten in ländlichen Regionen und das Fehlen von qualifizierten Fachkräften in der Krankenund Altenpflege machen Deutschland für ausländische Erwerbstätige deswegen immer attraktiver. Mehr als 80 Prozent der Mediziner sind im Krankenhaus tätig. Wenn Sie sich in Kreiskrankenhäusern oder in Universitätskliniken umschauen, sehen Sie eine immer größere Anzahl von ausländischen Ärzten. Diese tragen gewiss dazu bei, die Versorgungsdichte hochzuhalten. Sie werden zum Teil in nicht europäischen Staaten „angeworben“. Dadurch wird aber in diesen Ländern die ärztliche Versorgung mit qualifizierten Ärzten ausgedünnt und die Gesundheitsversorgung in diesen Ländern gefährdet. Das halte ich für bedenklich! Zudem konkurrieren wir in der „Anwerbung der Besten“ mit vielen anderen Ländern, wie USA, Kanada, Norwegen, Schweiz usw. Zuwanderung ist gut, auch für unsere Profession, da der eigene Nachwuchs ausdünnt. Aber dazu gehört eine gleichwertige Ausbildung, eine gleichwertige Berufsauffassung und eine gleichwertige Berufsausübung! Die LZK trägt dazu bei, die Gleichwertigkeit ausländischer Berufsabschlüsse zu überprüfen – mit den Gleichwertigkeits- und Defizitprüfungen, die wir im Wege der Amtshilfe übernommen haben. Im praktischen Bereich, in der Theorie und jetzt auch bei den vorgeschriebenen Fachsprachenprüfungen. Zudem sollten wir auch Approbationsbehörde sein! Das wäre der richtige Weg. Denn es gilt: Qualifikation vor Integration!

Dr. Bernhard Jäger