Zahnaerzteblatt.de

 

Fortbildung

Kieferkammatrophien und Knochendefekte

 

Alveolarfortsatzrekonstruktionen mit autologen Knochentransplantaten

Ausgabe 4, 2016

Heute gelingen auch bei komplexen Defektsituationen zufriedenstellende kaufunktionelle Rehabilitatio-nen der betroffenen Patienten. Das ermöglicht ein mittlerweile großes Portfolio an Techniken, die zum einen bereits dem Knochenabbau vorbeugen, zum anderen eine Rekonstruktion des knöchernen Lagers erlauben. Eine wesentliche Bedeutung kommt hierbei der implantatgetragenen prothetischen Versorgung zu, mit der ein Erhalt oder eine Wiederherstellung der Lebensqualität möglich wird. Im Alveolarfortsatzrekonstruktionen mit autologen Knochentransplantaten vorgestellt.

Für den langfristigen Behandlungserfolg ist das Vorhandensein eines suffizienten knöchernen Lagers zur Verankerung dentaler Implantate die Grundvoraussetzung. Buser und Chen fordern mindestens einen Millimeter periimplantären Knochen. Dieses Knochenangebot kann jedoch aus verschiedenen Gründen reduziert sein. Die häufigste Ursache dafür ist eine durch langzeitige Zahnlosigkeit bedingte Atrophie des Kieferkamms. Als weitere Ursachen für ein defizitäres knöchernes Lager kommen traumatische Zahnverluste sowie Knochendefekte nach ablativer Tumorchirurgie und bei angeborenen Fehlbildungen in Betracht.

Therapieverfahren. Abhängig von Ausprägung und Schweregrad des Knochendefekts sind verschiedene Therapieverfahren möglich. Für den Erfolg der geplanten Therapie ist eine umfassende klinische und radiologische Untersuchung des Patienten entscheidend. Nur bei richtiger Indikationsstellung ist der angestrebte Erfolg der gewählten Therapie vorhersagbar. Bei der Vielzahl der möglichen Behandlungswege sollte in jedem Fall eine befund- und patientenspezifische Entscheidung getroffen werden.

Für die klinische Beurteilung werden die Defektart (horizontaler und/oder vertikaler Knochenverlust), die Weichgewebsquantität und -qualität erfasst. Ebenfalls sollte der Status der Nachbarzähne evaluiert werden sowie die Kontur des Kieferkamms. Außerdem müssen die allgemeine Anamnese wie auch mögliche Noxen (Nikotinabusus) erfragt werden. Zur radiologischen Beurteilung komplexer Defekte ist eine dreidimensionale Analyse der knöchernen Anatomie mit Hilfe einer Digitalen Volumentomografie (DVT) oder einer Computertomografie unerlässlich. Erst deren Ergebnisse ermöglichen die präoperative Einordnung in entsprechende Klassifikationssysteme, die letztendlich die Therapiewahl entscheidend mit beeinflussen.

Goldstandard. Autologer Knochen stellt immer noch den Goldstandard in der Kieferkammrekonstruktion dar. Insbesondere in Fällen von ungünstiger Defektmorphologie können damit am ehesten vorhersagbare Ergebnisse erzielt werden. Bei seiner Verwendung zur lateralen Knochenblockaugmentation ist zudem der größte Zugewinn an knöcherner Breite erreichbar. Außerdem ermöglichen autologe Knochentransplantate im Vergleich zu rein osteokonduktiven Knochenersatzmaterialien eine schnellere knöcherne Einheilung.

Wegen der geringeren Komplikationsrate und reduzierten Entnahmemorbidität werden intraorale Entnahmestellen bevorzugt. Intraoral werden vorrangig Knochenblöcke aus der Kieferwinkelregion entnommen, da die dortige Entnahme die geringste Morbidität und Komplikationsrate aufweist. In der Literatur werden Komplikationsraten von 0 bis 5 Prozent dargestellt, während bei Knochenblockentnahmen aus der Kinnregion deutlich höhere Komplikationsraten von 10 bis 50 Prozent aufgeführt werden. Im Zusammenhang mit der Donorstelle Kinn wird von Sensibilitätsstörungen der Unterlippen- und Kinnregion sowie der Unterkieferinzisivi berichtet. Aber auch Zahnschädigungen, Narbenbildung, Wetterfühligkeit und Veränderung der Kieferkontur werden bei größeren Entnahmen beschrieben.

Liegt jedoch eine ausgeprägte Atrophie eines kompletten Kiefers vor, kann nur mit extraoralem Knochen, primär Knochen aus der Beckenkammregion, augmentiert werden. Diese Entnahmestelle verursacht zwar die größte Morbidität im Vergleich zu den Entnahmestellen Kieferwinkel und Kalotte, erlaubt aber das Heben sehr großvolumiger kortikospongiöser Transplantate.

Knochen aus der Schädeldecke – hier wird nur die äußere Schale, die Tabula externa verwendet – ist aufgrund seiner kortikalen Struktur ein äußerst resorptionsstabiles Transplantat mit sehr geringer Entnahmemorbidität. Allerdings sind die zu gewinnenden Transplantate eher flach und somit nur in der Lage, in mehrschichtiger Anwendung eine mit Knochentransplantaten vom Beckenkamm vergleichbare Dicke zu erreichen. Jedoch zeigen diese Transplantate eine äußerst geringe Resorptionsneigung.

Die Augmentation vertikaler Knochendefizite stellt abhängig vom jeweiligen Ausmaß ein relativ komplexes Verfahren dar. Hinzu kommt, dass bezüglich vertikaler Augmentationen unter Verwendung verschiedener Techniken ein Komplikationsrisiko von bis zu 50 Prozent und eine initiale Knochenresorption von 40 Prozent in der Literatur angegeben wird. Somit ist das Risiko im Vergleich zu den horizontalen Augmentationstechniken deutlich erhöht.

Auflagerungsosteoplastiken mit Verwendung autologen Knochens sind bei ausgeprägten Knochendefekten eine gut dokumentierte Therapie. Je nach Ausmaß des Defektes kommen dazu intra- und extraorale Donorstellen in Betracht. Hinsichtlich des Einsatzes intraoralen Knochens beschreiben Jensen und Terheyden einen vertikalen Knochengewinn von bis zu 6 mm, mit extraoralem Knochen ist ein Höhengewinn von bis zu 12 mm erreichbar. Die Komplikationsrate liegt nach ihren Angaben bei ca. 30 Prozent, wohingegen das Review von Rocchietta bei intraoralen Knochenblöcken Probleme von bis zu 4 Prozent feststellt.

Zusammenfassung. Die Augmentation mit autologen Knochenblöcken ist am universellsten anwendbar. Allerdings sind je nach Donorstelle unterschiedlich hohe Resorptionsgrade im Rahmen der Einheilung zu erwarten. Das Ausmaß dieser Resorption muss bei der Planung mit einkalkuliert werden.

Das Literaturverzeichnis finden Sie unter www.zahnaerzteblatt. de oder kann beim IZZ bestellt werden unter Tel: 0711/222966-14, Fax: 0711/222966-21 oder E-Mail: info@zahnaerzteblatt.de.

PD Dr. Christian Mertens, Prof. Dr. Dr. Jürgen Hoffmann

 

Strukturierte Fortbildung Parodontologie am FFZ in Freiburg

 

Sehr empfehlenswert für den Praxisalltag

Ausgabe 4, 2016

Bereits zum 14. Mal fand die Strukturierte Fortbildung Parodontologie vom 11. November 2015 bis 20. Februar 2016 unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Petra Ratka-Krüger am FFZ in Freiburg statt. Sie wurde von weiteren namhaften Kolleginnen und Kollegen bei der Durchführung der Fortbildung unterstützt.

In drei systematisch und perfekt aufeinander abgestimmten Modulen wurden 15 engagierte Zahnärztinnen und Zahnärzte in einer konzentrierten und kollegialen Atmosphäre auf den neuesten Stand der modernen PA-Therapie, deren Behandlungskonzepte und -methoden gebracht. Alle Fragen konnten ausführlich und umgehend in der kleinen Runde beantwortet werden.

Modul 1. Im ersten Modul vom 11. bis 14. November 2015 wurde den Kursteilnehmern das Wissen über die Ursache der Parodontitis, deren Risikofaktoren, Befunde, Klassifikationen, Behandlungsabläufe in der PZR und geschlossenen PA-Therapie sowie der motivierenden Gesprächsführung für den Praxisalltag vermittelt. Am zweiten Kurstag konnten die Prophylaxehelferinnen aus den Praxen an der Fortbildung teilnehmen, was sehr gerne angenommen wurde. Ein weiterer Bestandteil dieses Moduls war die Ausstellung von speziellen für die PA-Therapie geeigneten Instrumenten und Geräten namhafter Hersteller, die bei den Teilnehmern auf großes Interesse stieß. Dafür ganz herzlichen Dank.

Modul 2. Das zweite Modul vom 20. bis 23. Januar 2016 beschäftigte sich mit den Grenzen der nichtchirurgischen PA-Therapie und den Techniken und Möglichkeiten der chirurgischen PA-Therapie. Besonders begeistert waren alle Teilnehmer, dass nach jedem theoretischen Vortrag das neu erlernte Wissen durch praktische Übungen an der Banane und am Schweinekiefer mit zur Verfügung gestellten OP-Sets und durch viele wertvolle Tipps vertieft wurde. Da die Übertragung der einzelnen OP-Schritte über die Videoleinwand stattfand, konnten die Teilnehmer unter der intensiven Betreuung der Referenten Step-by-Step erfolgreich nachoperieren.

Behandlungskonzept. Im dritten Modul vom 19. bis 20. Februar 2016 wiesen alle Teilnehmer erfolgreich ihr neu erlerntes Wissen und ihr aktuelles Behandlungskonzept anhand einer eigenen Fallpräsentation nach. Im Anschluss an jede Präsentation fand unter der Leitung von Prof. Ratka-Krüger in kollegialer Atmosphäre eine angeregte Diskussion und Fragerunde statt. Zum Kursausklang traf man sich dann mit Prof. Ratka-Krüger beim Italiener und verbrachte einen schönen und geselligen Abend.

Am letzten Kurstag fasste Prof. Ratka-Krüger die drei Module zusammen. Dabei legte sie den Schwerpunkt auf die Vermeidung von Komplikationen und Misserfolgen in der Parodontaltherapie.

Zufrieden und hochmotiviert stellten die Kursteilnehmer fest: Die Strukturierte Fortbildung Parodontologie am FFZ in Freiburg vermittelt fundiertes Wissen auf höchstem Niveau, das sich sehr gut in den Praxisalltag integrieren lässt.

Unser besonderer Dank gilt Prof. Dr. Ratka-Krüger und ihrem Team sowie allen Mitarbeitern des FFZ in Freiburg für die perfekte Organisation.

Übrigens: Die nächste Strukturierte Fortbildung Parodontologie startet am 23. November 2016.

Dr. Catrin Haen-Vogt

 

Forum Rottweil

 

Blick in die Molekularbiologie

Ausgabe 4, 2016

Auch wenn im klassischen Zahnmedizinstudium die Mundhöhle und das Kauorgan als oberster Abschnitt des Verdauungssystems dargestellt werden, so ist doch das Wissen um die gemeinsamen Zusammenhänge mit Darm und dessen Keimen noch unvollständig. Die Besiedelung der Schleimhäute des Menschen (Mund, Nase, Rachen, Darm etc.) mit der unglaublichen Zahl von 100 Billionen Mikroben wird erst in jüngster Zeit immer mehr entdeckt.

Die Fortschritte der Molekularbiologie, der Gentechnik, machen es möglich, detailliertere Analysen der verschiedenen Spezies durchzuführen. Ziel dabei, erwünschte und unerwünschte Funktionen der Mikroben zu erkennen und Zusammenhänge mit Erkrankungen des menschlichen Körpers aufzudecken. Eine spannende neue Welt tut sich auf!

Interessiert an diesen Zahn + Medizin- Zusammenhängen trafen sich Ende Februar über 70 Zahnärzte, Kieferorthopäden und Kieferchirurgen in Rottweil. Die überregionale Fortbildungsinitiative Forum Rottweil unter der Leitung von Dr. Reinhard Schugg hatte den Ernährungsmediziner Prof. Dr. Stephan Bischoff von der Universität Hohenheim/ Stuttgart sowie Prof. Dr. Ulrich Schlagenhauf von der Universitätszahnklinik Würzburg zum Thema Mikrobiota und Probiotika eingeladen.

Prof. Bischoff konnte Erstaunliches aus der aktuellen medizinischen Forschung berichten. Dass der menschliche Darm ca. 1 kg (im Mund ca. 10 g) Bakterienmasse enthält, zeigt die immense Leistungsfähigkeit des Darmsystems bei der Verwertung der Nahrung und gleichzeitig der Unterstützung der Immunabwehr durch Förderung des mukosalen Immunsystems und der Abwehr von Pathogenen und Toxinen.

Und diese Immunabwehr spielt auch auf den Schleimhäuten des Mundes eine Rolle. Für alle erstaunlich, dass laut Prof. Bischoff das Mikrobiom im Darm auch für die ZNS-Regulation eine Rolle spielt: „Gut-Brain Axis“ war ein Stichwort, sowohl über den Vagus als auch humoral. „Gute Keime – böse Keime“: Die Wechselwirkungen sind Gegenstand der aktuellen Forschung in der Medizin.

Prof. Bischoff führte aus, dass eine Störung der intestinalen Barriere Wegbereiter für eine Vielzahl von Erkrankungen sein kann, nicht nur Adipositas, Diabetes, auch Rheuma, ZNS-Störungen wurden genannt. Ganz wesentlicher Störfaktor, und hier treffen sich Medizin und Zahnmedizin, ist Zucker. Viel Zucker, und hier besonders Fructose, verursacht die gefährliche Barrierestörung. Dies bringt das Gleichgewicht des Mikrobioms durcheinander, Dysbiose ist die Folge.

Aktuelle Zahlen zeigen einen in 20 Jahren um 300 Prozent gestiegenen Zuckerkonsum. Versteckte Zucker in Lebensmittel („convenient food“) und ganz besonders in den beliebten Softdrinks. Die Zunahme der Adipositas in der Bevölkerung, schon bei Kindern und Jugendlichen, entwickelt sich zur Zeitbombe für Gesellschaft und das Gesundheitssystem.

Die positive Rolle von Präbiotika (lösliche Ballaststoffe, z. B. Inuline) sowie von Probiotika in der Allgemeinmedizin wurde von Bischoff dargestellt. Waren es bis in die 90er-Jahre Naturheilkundler und Heilpraktiker, die diese Zusammenhänge betonten, gewinnt nun die evidenzbasierte Medizin dank Gentechnik und Molekularbiologie immer neue Erkenntnisse dazu.

So konnte Bischoff von klinischen Studien mit sehr positiven Wirkungen bei der Prävention von Atemwegsinfekten berichten, ebenso beim Reizdarmsyndrom (RDS) und bei Durchfallerkrankungen nach Antibiotikatherapie (AAD). Dass dieses kleine Symposium von Forum Rottweil zu „Zahn + Medizin“ terminlich in die Fastenzeit fiel: ein Zufall. Dass die Ernährung eine so bedeutende Rolle für das Mikrobiom in Mundhöhle und Darm spielt: Wer hätte das vorher gedacht.

Dr. Reinhard Schugg/Rottweil www.forum-rottweil.de

Hier geht es zur Langfassung des Artikels.