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Leitartikel

Autonomie bewahren

Ausgabe 5, 2016

Die zahnärztliche Profession hat schon lange die Wichtigkeit der Fortbildung erkannt. Deshalb bietet sie eine Vielzahl von Fortbildungen an. Innerhalb der Kammer gibt es die Akademie Karlsruhe und das ZFZ Stuttgart, sowie das FFZ Freiburg der KZV BW. Es gilt, sie intensiv zu nutzen.

„Und so muss denn der Arzt sein Leben lang Herz und Hand, Verstand und Charakter fortbilden, damit er ein Ganzes werde und als solcher dem Kranken gegenübertreten kann, der selbst als Ganzer genommen werden will.“ Dies schrieb Johann Wolfgang von Goethe in einem Brief an den Arzt Christoph Wilhelm von Hufeland. Die zahnärztliche Profession hat dies schon lange erkannt und bietet eine Vielzahl von Fortbildungen in den unterschiedlichsten Formaten an: in unseren kammereigenen Fortbildungseinrichtungen, der Akademie Karlsruhe und im ZFZ Stuttgart, im FFZ Freiburg, in den Bezirken, in den Kreisvereinigungen und Qualitätszirkeln. Fortbildung ist schon nach Goethe mehr als der „Nürnberger Trichter“, obwohl wir als Zahnärzte natürlich für die tägliche Arbeit in den Praxen Sachwissen brauchen. Dieses Sachwissen hat natürlich ein Verfallsdatum, da Wissenschaft vergänglich ist. Deshalb muss das Wissen in unsere Köpfe, damit wir unseren Patienten nicht eine „veraltete“ Behandlung zukommen lassen und damit kein „gesellschaftlicher Schaden“ entsteht. Es sind also Fortbildungsveranstaltungen anzustreben, die den Kolleginnen und Kollegen das Wissen schnell, effizient und mit möglichst geringem Aufwand an Zeit und Kosten zugänglich macht. Wer ein volles Fortbildungshaus und damit eine hohe „Einschaltquote“ vorweisen kann, hat Recht. Aber hat er damit alles richtig gemacht? Zählt Masse? Höher, weiter, besser? Vielleicht möchten dies gerade die jungen Kolleginnen und Kollegen, die solche Fortbildungen besuchen. Fortbildung mit gleichzeitigem Event. Wissen, Industrie und Vergnügen aus einer Hand. Jedenfalls sind es Fortbildungsformate, die den Trend zeigen und in die Zukunft weisen. Einerseits wird die Zeit, die für Fortbildung zur Verfügung steht, durch die hohe Arbeitsdichte immer knapper, andererseits wird die Notwendigkeit zur Fortbildung durch die Arbeitsbelastung größer. Wir sollten deshalb alle unsere Fortbildungskonzepte auf den Prüfstand stellen und einer kritischen Revision unterziehen. Zeit wird kostbarer, die für Fortbildung zur Verfügung steht. Die Notwendigkeit zur Fortbildung wird aber durch Vorgaben, Normen des Gesetzgebers und Ansprüche der Patienten immer mehr erhöht. Gleichzeitig haben wir viele zahnmedizinische Berufsanfänger, die ein Studium absolviert haben, welches ihnen einen Zugang zum theoretischen Teil und zum praktischen Teil des Faches ermöglicht hat. Aber nach dem Examen beginnt der „Ernst des Lebens“ und die angehenden Zahnmediziner merken, dass das Studium sie nur sehr bedingt auf die Anforderungen der Praxis vorbereitet hat, weil die Erfahrungen in der Praxis komplexer sind als ein Studium ist. Lehrbuchwissen versus Praxisfälle. Sie benötigen Training in kleinen Gruppen, um gute Zahnärzte zu werden. Praktische Fähigkeiten müssen vertieft werden, aber mit „Herz und Verstand“, was die Themen Kommunikation, betriebswirtschaftliche Überlebensstrategien und Mitarbeiterführung usw. betrifft.

„Der Zahnarzt steht in einem Spannungsverhältnis zwischen den hohen Erwartungen seiner Patienten und dem eigenen Wissen über die begrenzten Möglichkeiten, diesen Erwartungen gerecht zu werden. Er hat seine Entscheidungen nach wissenschaftlichen Sachkriterien zu treffen und muss gleichzeitig den ethischen Prinzipien der Profession gerecht werden, die seiner Kunst immanent sind“, schrieb einmal Prof. Walther von der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung in Karlsruhe in einem Beitrag.

Die Handlungsorientierung ist klar: Fortbildung ist immer mit guter Wissensvermittlung verbunden. Gleichzeitig aber mit einem Wertebezug, der auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist. Und die Autonomie müssen wir uns bewahren, nicht nur zur Wahrung der Interessen des Berufsstandes, sondern als Aufgabe jeder einzelnen Zahnärztin und jedes einzelnen Zahnarztes.

Dr. Bernhard Jäger, stv. Präsident der Landeszahnärztekammer BW