Zahnaerzteblatt.de

 

Fortbildung

31. Karlsruher Konferenz am 18. März 2016

 

Zähne mit hohem Sachverstand erhalten

Ausgabe 5, 2016

Prof. Dr. Winfried Walther, Direktor der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung in Karlsruhe, eröffnete den mit rund 400 Teilnehmern gut besuchten Kongress mit einem Bibelzitat. Schon im vielleicht mehr als 3.000 Jahre alten Hohenlied Salomos werden schöne und vollständige Zahnreihen gelobt. Kein Wunder, dass Zahnmediziner in ihrer täglichen Praxis alles tun, um „Zähne zu erhalten und, falls nötig, mit Akribie und hohem Sachverstand zu restaurieren“. Damit dies auf Basis der neuesten Erkenntnisse geschehen kann, wartete die Tagung mit einem breiten Themenspektrum zur Konservierenden Zahnheilkunde auf.

Zu Beginn des Kongresses, der sich auf „Innovationen aus dem zahnmedizinischen Kernfach“ konzentrierte, ging es intensiv in die Grundlagenforschung: „Schmelzregeneration – was geht und was geht nicht?“ hieß das Thema, dessen sich Prof. Dr. Matthias Hannig, Homburg/Saar, annahm. Er gab einen Überblick über die in den letzten Jahren entwickelten Strategien, die basierend auf azellulären biomimetischen und bioinspirierten Verfahren, den natürlichen Zahnschmelz nachzubilden versuchen. Da nach Abschluss der Schmelzbildung und mit dem programmierten Zelltod der Ameloblasten kein Potenzial zur zellulären Regeneration vorhanden ist, suchen Forscher nach Möglichkeiten, die hierarchisch aufgebaute „Biokeramik“ mit ihrer komplexen Nano- und Mikrostruktur z. B. durch Apatit-Nanopartikel nachzubilden.

Weitere Forschung. Wirklich praxistaugliche Lösungen konnte der Leiter der Klinik für Zahnerhaltung, Parodontologie und Präventive Zahnheilkunde an der Universität des Saarlandes allerdings (noch?) nicht anbieten, denn die meisten Strategien zur azellulären Synthese wurden bisher nur in vitro erprobt – manche erfordern Temperaturen von bis zu 80 Grad Celsius. So stehen derzeit keine Verfahren zur Verfügung, mit denen man in der zahnärztlichen Praxis kleinere kariöse Läsionen ebenso wie Abfrakturen, Abrasionen, Erosionen oder Resorptionen mit einem schmelzähnlichen Material regenerativ behandeln kann.

Heal and seal. Neue Wege in der Zahnerhaltung bei der Behandlung der Approximalkaries beschreitet Prof. Dr. Hendrik Meyer-Lückel, Aachen. In seinem Vortrag „Therapieentscheid bei okklusaler und approximaler Karies“ plädierte er dafür, vom Prinzip „drill and fill“ zum „heal and seal“ überzugehen und die erste Kariesbehandlung möglichst hinauszuzögern, weil „technische Lösungen für biologische Probleme“ nicht das Mittel der Wahl seien. Seine Forschungsschwerpunkte, die u. a. Kariesprävention und mikroinvasive Kariesbehandlung umfassen, ließen ihn zu folgendem Ansatz gelangen: Die Geschwindigkeit der Kariesprogression richtig einschätzen (durchschnittliche Penetrationsdauer einer approximalen Karies bis in den inneren Schmelz ca. 6 Jahre bei Jugendlichen) und durch möglichst noninvasive Maßnahmen die Karies stoppen. Die therapeutische Lücke zwischen präventiven und invasiven Maßnahmen kann eine neue Therapiemöglichkeit füllen, die in einer Infiltration der kariösen Approximalflächen besteht. Die nächste Stufe der Therapie beschrieb Prof. Meyer-Lückel als „kreatives Bohren“ und Hören auf die Erfahrung und das Bauchgefühl.

Probiotika. Der kariogene Biofilm spielte im Vortrag von Prof. Meyer-Lückel eine große Rolle. Er machte deutlich, dass Karies keine Infektionskrankheit ist, sondern eine „ökologische Katastrophe“, bei der nicht den einzelnen Bakterien die Rolle des Bösewichts zukommt, sondern allein dem Zuckerkonsum. Dergestalt vorbereitet, konnte man am Nachmittag bei dem in englischer Sprache gehaltenen Referat von Prof. Dr. Svante Twetman, Kopenhagen, auf die am Vormittag gewonnenen Erkenntnisse mühelos aufbauen. Der dänische Spezialist für Kinderzahnheilkunde fragte, ob man in der Zahnmedizin schon bereit dafür sei, Probiotika als Mittel der Prävention anzuerkennen. Er führte zahlreiche Belege dafür an, dass Präparate mit lebenden nützlichen Bakterien nicht nur einen gesundheitsfördernden Einfluss auf das Immun- und Verdauungssystem haben, sondern dass probiotische Keime auch einen Schutzfilm gegen solche Bakterien bilden können, die für Entzündungen im Mundgewebe verantwortlich sind. Dabei ist nicht die vollständige Elimination schädlicher Bakterien das Ziel des sog. Biofilm-Managements, sondern die Herstellung eines gesunden Gleichgewichts der Keime. Auswirkungen der Probiotika auf die orale Gesundheit sind derzeit nur für Karies und Parodontitis beschrieben, obwohl positive Wirkungen auch bei Halitosis und Hyposalivation denkbar sind. Der genauere Wirksamkeitsmechanismus ist noch nicht völlig erforscht, man weiß aber, dass die positive Wirkung der Probiotika in der Mundhöhle nicht nur auf die Kolonisierung des oralen Biofilms zurückzuführen ist, sondern auch auf die immunologische Wirkung über den Gastrointestinaltrakt. Der lebhafte Vortrag und die Aussicht darauf, dass Laktobazillen und Bifidobakterien (in Joghurts, Ölen, Tabletten) zur Modulation der oralen mikrobiellen Ökologie genutzt werden könnten, wurde mit viel Beifall belohnt.

R2-Technik. Auf große Zustimmung musste auch Prof. Dr. Diana Wolff, Heidelberg, nicht verzichten. In ihrem Vortrag „Direkte plastische Restaurationen – gestern, heute, morgen“ berichtete sie von den Weiterentwicklungen in der Adhäsiv- und Komposittechnologie und ging ausführlich auf die Versorgung subgingivaler und auch tief subgingivaler Kavitäten mit Kompositrestaurationen ein. Bisher bezieht sich die Literatur über zweizeitige Restaurationstechniken auf ein direkt eingebrachtes Basismaterial und eine anschließende indirekte Versorgung mit Inlays oder Teilkronen. Mit der Heidelberger zweiphasigen direkten Kompositrestauration (R2-Restauration) ist es jedoch möglich, nach der Optimierung der Kavität in der ersten Phase in einer zweiten Phase eine direkte restaurative Versorgung vorzunehmen. Wie die Referentin in eindrucksvollen Bildern zeigte, können bei guter häuslicher Mundhygiene (unter Verwendung von individuell angepassten Interdentalbürstchen) auch extrem tiefe subgingivale Kompositrestaurationen entzündungsfrei bleiben, selbst wenn bei der Restauration der Toleranzbereich der biologischen Breite unterschritten wurde.

Praktische Übungen. Mit zum Angebot der Karlsruher Konferenz gehören auch die Workshops am folgenden Tag, die in der für solche Veranstaltungen ideal ausgestatteten neuen Akademie in der Lorenzstraße stattfinden und auch praktische Übungen mit einschließen. So konnte neben dem Üben von Nahttechniken und endodontischen Kniffen auch kieferorthopädisches Know-how erworben und modernste Abdrucktechniken vermittelt werden. Gut besucht war auch der Workshop von Dr. Simone Ulbricht, Karlsruhe, die unter dem Titel „Der pulpitische und der avitale Milchzahn“ effiziente Techniken in der Kinderzahnheilkunde vorstellte.

Dorothea Kallenberg  info@zahnaerzteblatt.de

Weiterführende Links

Möglichkeiten und Grenzen der Schmelzregeneration

Kariesinfiltration  bzw. „heal and seal"
In den letzten Jahren wurde oftmals empfohlen, mit non-invasiven Präventionsmaßnahmen einen weiteren Zahnhartsubstanzverlust zu vermeiden. Nicht einfach ist es,  eine Grenze zwischen präventiver, Risiko reduzierender Therapie und Restauration zu ziehen.

Eine Cochrane-Studie zu mikroinvasiven Maßnahmen zur Behandlung von Approximalkaries in Milchzähnen und bleibenden Zähnen kommt zu dem Ergebnis,
dass mikroinvasive Behandlungen die Wahrscheinlichkeit eines Fortschreitens der Karies im Vergleich mit den beschriebenen nichtinvasiven Methoden signifikant verringern kann.

Probiotika in der Zahnheilkunde

Lactobacillus Reuteri Prodentis wirksam bei der Behandlung von Parodontose

Interview Prof. Dr. Diana Wolff über die 
R2-Technik zur zweiphasigen direkte Kompositrestauration

 

Karlsruher Tag der Zahnmedizinischen Fachangestellten

 

Fortbildung schafft Kompetenz

Ausgabe 5, 2016

Wie werden Patienten motiviert? Wie verändert die Digitalisierung den Praxisalltag? Mit welchen modernen Methoden werden kleine Zahndefekte erkannt und behandelt? Darum und um weitere aktuelle Themen ging es am 19. März beim Karlsruher Tag der Zahnmedizinischen Fachangestellten (ZFA). Sechs Vorträge vermittelten Wissen auf eine unterhaltsame und professionelle Art, was für positive Stimmung und Identifikation des Publikums mit den Referent/innen und den Themen sorgten.

Das schöne Wetter drang an diesem strahlenden Frühlingstag bis in den Veranstaltungssaal und wirkte sich positiv auf die Stimmung der Anwesenden aus. „Das Wetter wird besser und die Kommunikation freundlicher.“, mit diesem Anfangssatz eröffnete Dr. Robert Heiden, Referent für Zahnmedizinische Mitarbeiter/ innen der BZK Karlsruhe, die Veranstaltung und moderierte durch das gesamte Programm. Als besonderes Verdienst betonte er das Engagement der baden-württembergischen ZFA, die dazu beigetragen haben, das Land als europäischen Vorreiter der Jugendzahnpflege zu positionieren.

Nachhaltig behandeln. Andere Länder, andere Sitten: Studien zeigen, dass französische Zahnärzte viel früher zum Bohrer greifen als schwedische. Aber was ist die effizientere Methode? Mit dieser Frage beschäftigte sich Prof. Dr. Hendrik Meyer-Lückel aus Aachen in seinem Vortrag zum Thema „Die Behandlung von kleinen kariösen Defekten im Approximalraum“. Er erklärte die zeitliche Evolution der Kariestherapie vom klassischen „drill and fill“-Verfahren zum modernen „heal and seal“-Konzept, das davon ausgeht, dass der Kariesprozess in einem frühen Stadium aufgehalten werden kann, wenn kariesbegünstigende Faktoren reduziert werden. Er setzte sich für eine nachhaltige Kariestherapie mittels non- oder minimal-invasiver Eingriffe ein und stellte moderne Behandlungstechniken vor. Durch Beispiele und unterhaltsame Videos brachte Prof. Dr. Meyer-Lückel das Wissenschaftsthema verständlich und locker an das Publikum. Darüber hinaus bekamen die Teilnehmer/innen wichtige Tipps für das Erstellen hochqualitativer Röntgenbilder und für eine gute präventive Beratung der Patienten.

Den Praxisalltag managen. Nicht nur Zahnärzte zählten zu den Vortragenden, sondern auch die Zahnmedizinischen Mitarbeiterinnen waren auf der Bühne vertreten und referierten über eigene Erfahrungen aus dem Praxisalltag. Drei Vorträge fanden im Rahmen des Forums „Praxismanagement“ unter der Leitung von Axel Thüne statt. Zuerst sprach Antje Bley über die Lösung betrieblicher Probleme nach einer Praxisübernahme. Dann übernahm Frauke Nissen das Mikrofon, um den Teilnehmer/innen das Thema Mehrkostenvereinbarung näherzubringen, darüber hinaus erklärte sie, wie klare Ziele die Leistung des Praxisteams steigern können. Anschließend sprach Katja Wolf über eine bessere Praxisorganisation durch Checklisten und effiziente Teammeetings. Die drei Vorträge verliehen der Veranstaltung einen praxisnahen Touch und erzeugten eine hohe Identifikation der Teilnehmer/innen mit den Referentinnen. Im Anschluss an das Forum präsentierte Tamara Strobl moderne digitale Techniken der Aufklärung und Dokumentation und zeigte dabei detailliert wie deren Bedienung funktioniert.

Motivierend kommunizieren. Dr. Johan Wölber aus Freiburg trat als letzter auf und überraschte durch innovative Präsentationsmethoden. So wurden in seinem Vortrag unterschiedliche Kommunikationssituationen zwischen Zahnarzt und Patienten schauspielerisch inszeniert, um die Methode des Motivational Interviewing (MI, Motivierende Gesprächsführung) zu beleuchten. Anhand mehrerer Kommunikationsstudien zog Dr. Wölber eine Parallele zwischen klassischen und modernen Kommunikationstechniken und erklärte die Besonderheiten und Vorteile der motivierenden Gesprächsführung.

radu@lzk-bw.de

 

Walther-Engel-Preis 2016

 

Auszeichnung für Professor Dr. Stefan Rupf

Ausgabe 5, 2016

Seit 1986 verleiht die Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe den renommierten Walther-Engel-Preis. Der 29. Preisträger, Prof. Dr. Stefan Rupf, Homburg/Saar, erhielt die Auszeichnung im Rahmen der Karlsruher Konferenz Mitte März. Die Laudatio hielt Dr. Bernhard Jäger, stellvertretender Präsident der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg.

Traditionell beschließt der Verwaltungsrat der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe, wem der Walther-Engel-Preis verliehen wird. Der Vorstand der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg stimmte dem Beschluss des Verwaltungsrats der Akademie zudem einstimmig zu. „Prof. Rupf erhält den Preis, weil er sich um den wissenschaftlichen Gedankenaustausch und um die Ziele der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe verdient gemacht hat“, führte Dr. Bernhard Jäger aus. Zusammen mit Prof. Dr. Matthias Hannig habe Prof. Dr. Stefan Rupf 2014 „ein vollständig neues und einzigartiges Trainingsprogramm für die praktizierende Zahnärztin und den praktizierenden Zahnarzt entwickelt und durchgeführt“, lobte Dr. Bernhard Jäger die wissenschaftliche Leistung des Preisträgers. Das Curriculum dieses Trainingsprogramms „Wissenschaftliches Arbeiten – der Weg zum Dr. med. dent.“ umfasst sieben Veranstaltungen. Das Programm soll den „zahnmedizinischen Praktiker in die Lage versetzen, selbstständig wissenschaftliche Studien zu planen, durchzuführen und zum Abschluss zu bringen“, hob der stellvertretende Präsident der LZK BW die Vorzüge dieses Programms hervor. Entsprechend den Bedingungen des Statutes des Walther-Engel-Preises erhält der Preisträger die Möglichkeit, „einen Aufenthalt an einer wissenschaftlichen Institution im Ausland zu arrangieren“. Dr. Bernhard Jäger: „Prof. Rupf wird den Preis für einen Aufenthalt an der Universität Buffalo – The State University of New York – und an der Partneruniversität des Saarlandes, der Universität Nancy, nutzen.“

johannes.clausen@izz-online.de

 

41. Jahrestagung der südbadischen Zahnärzteschaft in Rust

 

Risiken sind allgegenwärtig

Ausgabe 5, 2016

Die wissenschaftliche Fortbildungstagung im Europark war ein voller Erfolg: über 800 Teilnehmer beim zahnmedizinischen Kongress und viel Zuspruch auch für das erstmals auf den Weg gebrachte Spezialpodium Kieferorthopädie. Ein lebhafter Pre-Congress mit acht praxisrelevanten Themen, Seminare für Studierende und für das Praxisteam, ein Get-together auf der vergrößerten Ausstellungsfläche und ein rundum gelungener Gesellschaftsabend – was wünscht man sich mehr.

Nach der positiven Resonanz auf den neuen Tagungsort lud die Bezirkszahnärztekammer Freiburg am 8. und 9. April 2016 erneut in das Confertainment-Center des Europa- Parks in Rust.

Der Vorsitzende der Bezirkszahnärztekammer Freiburg, Dr. Peter Riedel, der die zahlreich anwesende zahnärztliche Prominenz begrüßte und dabei auch Standesvertreter aus dem Elsass mit einbezog, musste nicht eigens erwähnen, dass im Vergleich zum ersten Kongress in Rust kräftig in die Tagungstechnik investiert worden war. Die großen Projektionen, ein angenehmes Klima und ein satter Raumklang waren sofort zu bemerken und boten ideale Voraussetzungen, um den Vorträgen mit ungeteilter Aufmerksamkeit folgen zu können.

Ständiger Begleiter. In Sichtweite von bis zu 70 Meter hohen Holz- und Stahlachterbahnen schien das Thema „Risiko erkennen – Risiko vermeiden“ durchaus in der Luft zu liegen. Der wissenschaftliche Leiter des Kongresses, Prof. Dr. Elmar Hellwig, Freiburg, hatte neun renommierte Referenten aus dem In- und Ausland eingeladen, die mit ihren Vorträgen dazu beitrugen, vor der Behandlung Risiken zu erkennen und bei der Behandlung Risiken zu vermeiden. Zu Beginn definierte er den Begriff Risiko und grenzte ihn gegen Wagnis und Gefahr ab. „Risiko ist unser ständiger Begleiter“, gab Prof. Hellwig zu bedenken – und „eine vollständige Risikobegrenzung in der Praxis kann man nur dann erzielen, wenn man dort nicht mehr arbeitet“.

Risikoreiche Implantate. Dass Implantate kein Zahnersatz ohne Risiko sind, machte im ersten Vortrag Prof. Dr. Giovanni Salvi, Bern, deutlich. Er riet von prophylaktischen Zahnextraktionen ab und appellierte an die Zahnärzteschaft, auch kompromittierten Zähnen zunächst eine Chance zu geben. Neueste Untersuchungen, die eine Zehn-Jahres-Überlebensrate von zahngetragenen Brücken (n 1218) mit 89,2 Prozent und von implantatgetragenen Brücken (n 219) mit 86,7 Prozent angaben, legten die Empfehlung nahe, zunächst zahngetragene Restaurationen in Betracht zu ziehen. „Implantate können Sie immer noch setzen.“ Vor einer Implantation sollte aber immer eine erfolgreiche Parodontitistherapie stehen. Die Überlebensrate von implantatgetragenen Rekonstruktionen hängt, so Prof. Salvi, von der Frühdiagnostik (klinisch und radiologisch) einer Periimplantitis, einer adäquaten Therapie und der langzeitigen Nachsorge des Patienten ab, wobei Implantate bei Rauchern höhere Verlustraten aufweisen. Als Risikofaktoren benannte er u. a. unentdeckte Zementreste im Sulkus, die eine signifikant höhere Prävalenz für periimplantäre Entzündung bis hin zu schwerem Knochenverlust aufweisen. Seine Alternative: Verschrauben und mit Komposit verschließen.

Sichere Materialien. Obwohl Unverträglichkeiten von zahnärztlichen Werkstoffen selten sind, muss der Zahnarzt den jeweils geeigneten Werkstoff auswählen und im Rahmen der „Risikokommunikation“ seine Patienten über unerwünschte Reaktionen informieren. Prof. Dr. Gottfried Schmalz, Regensburg, plädierte dafür, dem häufig vorinformierten Patienten zu erklären, dass es kein Null-Risiko gibt, aber bei Beachtung der entsprechenden Richtlinien die Häufigkeit von Nebenwirkungen auf zahnärztliche Werkstoffe gering ist. Dennoch werden immer wieder Substanzen, heute vor allem das Bisphenol-A aus Komposit-Kunststoffen, für Beschwerden verantwortlich gemacht. Nach dem gegenwärtigen Wissensstand kann man davon ausgehen, dass keine Gefährdung der Bevölkerung („allgemeines Risiko“) vorliegt. Dennoch muss das individuelle Risiko abgeklärt und bei nachgewiesenen Allergien, während der Schwangerschaft oder bei schweren Nierenschäden besondere Vorsicht an den Tag gelegt werden.

Direkte Restauration. Diesen Gedanken nahm am Nachmittag Prof. Dr. Diana Wolff, Heidelberg, auf, die über das Risiko subgingivaler Kompositrestauration sprach und die Heidelberger R2-Technik demonstrierte, mit der auch tief zerstörte Zähne mit direkten Restaurationen versorgt werden können. In eindrucksvollen Bildern zeigte sie, wie entzündliche Prozesse zu vermeiden sind, selbst wenn im Einzelfall der Toleranzbereich der biologischen Breite unterschritten wird.

Häusliche Gewalt. Eine ganz spezielle Form von Risiken sprach Prof. Dr. Stefanie Ritz-Timme, Düsseldorf, an. Die Direktorin des Institutes für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Düsseldorf geht davon aus, dass Zahnärztinnen und -ärzte die Spirale der häuslichen Gewalt zum Stillstand bringen können, wenn sie äußere Zeichen richtig deuten und sich klar machen, dass Gewalt in der Familie nicht mit einem bestimmten Bildungsstand, dem Einkommen oder einer sozialen Schichtzugehörigkeit assoziierend ist. Einer repräsentativen Umfrage zufolge hat jede vierte Frau zwischen 16 und 85 Jahren in Deutschland mindestens einmal Gewalt in einer Beziehung erlebt. Prof. Ritz-Timme machte klar, dass man die ärztliche Schweigepflicht brechen darf, wenn es dem Wohl des Gewaltopfers dient, es dadurch vor weiteren Übergriffen geschützt werden kann. Das gilt auch für den sog. dental neglect, die Vernachlässigung der Zahnpflege bei Kindern mit Auftreten zahnmedizinischer Befunde, was nicht nur eine Gefährdung des Kindeswohls darstellt, sondern auch den Verdacht auf Misshandlung nahelegt. Hilfreiche Downloads für das Erkennen der Folgen von Gewalt, die gerichtsfeste Dokumentation von Verletzungen sowie für Beratung und Weitervermittlung findet man unter gobsis.de

Praxis-Hygiene. Prof. Dr. Jürgen Becker, Düsseldorf, der als Leiter der Arbeitsgruppe Zahnmedizin die RKI-Empfehlung „Infektionsprävention in der Zahnheilkunde – Anforderungen an die Hygiene“ mit erarbeitete, gab in seinem Vortrag „Praxishygiene: Risiken erkennen und vermeiden“ einen Überblick über die aktuelle Rechtslage und erläuterte u. a. die großen regionalen Unterschiede. Die Praxisbegehungen, die derzeit in Baden-Württemberg für große Unruhe sorgen, sind Ländersache. Dabei arbeiten einige Länder eng mit den Zahnärztekammern zusammen, sodass im Bereich Westfalen-Lippe Sachverständige der Kammer für diese Kontrollen zuständig sind, in Nordrhein hingegen Beamte.

Lebenselixier Risiko. Der Festvortrag, bei dem die Extrembergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner in die Welt der Achttausender entführte, war abgestimmt auf das Tagungsthema und die Österreicherin zeigte anhand von eindrucksvollen Bildern und Videos, wie die hohen Berge zu ihrem Lehrmeister wurden. Die erste Frau, die sämtliche Achttausender ohne Flaschensauerstoff bestiegen hat, konnte nach sechs abgebrochenen Versuchen den K2, den zweithöchsten Berg der Welt, von China aus über die Nordflanke bezwingen. In ihrem Vortrag betonte sie wiederholt die Wichtigkeit von Willensstärke und Disziplin, beschwor aber auch Teamgeist, Vertrauen und Zusammenhalt.

Dorothea Kallenberg info@zahnaerzteblatt.de

Weiterführende Links

Zum Festvortrag „Risiko als Lebenselixier“
Gerlinde Kaltenbrunners Homepage
Aufstieg zum Gipfel des K2 in National Geographic


Buchtipp zur Biokompatibilität zahnärztlicher Materialien


Zum Risiko subgingivaler Kompositrestauration:

Die Heidelberger R2-Technik, eine  zweiphasige direkte Kompositrestauration

Zur „Häusliche Gewalt", der weltweit am stärksten verbreitete Menschenrechtsverletzung
https://www.re-empowerment.de/haeusliche-gewalt/ http://gobsis.de/projekt/
http://gobsis.de/anleitungen/

Zum Vortrag 
„Praxishygiene: Risiken erkennen und vermeiden“ Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO)

Empfehlungen der KRINKO zum Thema der Aufbereitung von Medizinprodukten

http://www.zwp-online.info/de/fachgebiete/dentalhygiene/hygiene-qm/korrekte-aufbereitung-nach-neuen-rki-empfehlungen

Literatur zur Aufbereitung von Medizinprodukten

 

41. Jahrestagung der südbadischen Zahnärzteschaft in Rust

 

Risiken bei Patienten minimieren

Ausgabe 5, 2016

Die Fortsetzung des Tagungsprogramms am zweiten Tag in Rust zum Thema „Risiko erkennen – Risiko vermeiden“ folgte mit vier weiteren Vorträgen. Auch diesmal stand der Patient im Vordergrund, der z. B. durch kardiovaskuläre Erkrankungen, Krebs oder Diabetes mit entsprechender Medikation zusätzliche Risiken mit sich bringt. Bei der zahnmedizinischen Behandlung muss diesem Umstand Rechnung getragen werden. Die Referenten gaben den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zahlreiche Hinweise und Tipps mit auf den Weg, die sie in der Praxis umsetzen können, um die Risiken bei der Behandlung zu minimieren.

Die Fortbildung in Rust folgt dem Motto: Konzentriert arbeiten, entspannt feiern, konzentriert arbeiten. Obwohl der erste Tagungstag erst in den frühen Morgenstunden nach einem rauschenden Gesellschaftsabend mit anschließender Disco zu Ende war, fand sich der Großteil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer am nächsten Tag wieder pünktlich im Dome ein. Die hochspannenden Referate wirkten dabei wie Koffein, denn die Konzentration war garantiert.

Risiko Kiefernekrose. Prof. Dr. Dr. Knut A. Grötz aus Wiesbaden berichtete in seinem Vortrag über Patienten, die aus unterschiedlichen Gründen wie z. B. Knochenmetastasen, primär malignen Knochentumoren, Osteoporose u. a. eine antiresorptive Therapie erhalten. Darunter versteht man die medikamentöse Behandlung mit Bisphosphonaten oder mit dem monoklonalen Antikörper Denosumab. Auf der einen Seite haben diese Medikamente durch hemmende Effekte an den Osteoklasten eine positive Wirkung, können aber in der Folge schwierig zu therapierende Kiefernekrosen mit sich bringen. Das Risiko steigt, je länger die Therapie andauert. Als wichtigste enorale Auslöser einer Kiefernekrose nennt Prof. Grötz Zahnentfernungen ohne Sicherheitskautelen, Prothesendruckstellen und die Parodontitis marginalis. Somit kommt dem Zahnarzt eine wichtige Rolle zu, weil er bei Patienten mit antiresorptiver Therapie durch präventive Maßnahmen einer drohenden Kiefernekrose entgegenwirken kann. Prof. Grötz empfahl, bei Risikopatienten einen Laufzettel einzusetzen, der unter www.onko-support.de heruntergeladen werden kann. Der Laufzettel soll die interdisziplinäre Kommunikation zwischen den Allgemeinmedizinern und den Zahnärzten bzw. Mund-, Kieferund Gesichtschirurgen verbessern. Evidenzbasierte Studien belegen, dass die Rate an Kiefernekrosen gesenkt wird, wenn der Zahnarzt um das Risiko weiß und auf Prophylaxe setzt. Zur Prävention von Kiefernekrosen riet Prof. Grötz bei Zahnentfernungen zu folgenden Maßnahmen: perioperative systemische antibiotische Abschirmung, Infektions-Prophylaxe z. B. mit Amoxicillin, atraumatische Zahnentfernung, keine thermische, mechanische o. ä. Knochenläsion, Glätten von scharfen Alveolenkanten, plastische Abdeckung und prolongierte Nachkontrollen. Das Vermeiden von Druckstellen bei Prothesen gehört ebenfalls zu wichtigen prophylaktischen Maßnahmen, die der Zahnarzt ergreifen sollte.

Risiko Antikoagulanzien. Ältere Patienten bringen wesentlich mehr Vorerkrankungen in die Zahnarztpraxis mit als jüngere und der Zahnarzt muss vor einer Behandlung besonders auf die Medikation achten. Prof. Dr. Gerhard Wahl aus Bonn hatte im folgenden Vortrag insbesondere Patienten mit Herzoder Gefäßerkrankungen im Blick, die mit Antikoagulanzien versorgt werden. Bei ihnen muss eine lebensbedrohliche Thromboembolie durch gerinnungshemmende Mittel vermieden werden. Auch bei Patienten, die ohne jegliche Grunderkrankungen in die Praxis kommen, muss man damit rechnen, dass sie z. B. prophylaktisch Acetylsalicylsäure einnehmen. Sie sind somit Patienten mit einem hohen Blutungsrisiko, das insbesondere bei zahnärztlich-chirurgischen Eingriffen berücksichtigt werden muss. Prof. Wahl empfiehlt eine interdisziplinäre Therapieplanung, um einerseits das Blutungsrisiko während und nach der Operation zu verringern und andererseits den Patienten keinem erhöhten Thromboembolierisiko durch Veränderung seiner Medikation auszusetzen. Er rät dringend davon ab, die Medikamente, wie früher üblich, für einen gewissen Zeitraum abzusetzen, da hier die größte Thromboemboliegefahr für den Patienten bestehe. Wer allerdings die „Neuen oralen Antikoagulanzien“ (NOAK) einnimmt, darf aufgrund des schnelleren Wirkungseintritts bei Operationen kurzfristig unterbrechen. Letztendlich muss aber immer eine Abstimmung mit dem behandelnden Kardiologen oder Hausarzt erfolgen, denn jeder Patient ist in Bezug auf sein Blutungsund Embolierisiko individuell zu beurteilen.

Kariesrisiko. Zwar weniger lebensbedrohlich, aber nicht minder wichtig war das Thema des dritten Vortrags. Prof. Dr. Nadine Schlüter aus Freiburg stellte das Kariesrisiko in den Vordergrund und beleuchtete insbesondere den supragingivalen Biofilm. Dabei bot Prof. Schlüter eine Übersicht über das breite Spektrum der Möglichkeiten zur Entfernung oder Modifikation des kariogenen Biofilms. So stellte sie hier verschiedene Verbindungen vor, die den Biofilm chemisch oder biochemisch entfernen oder so modifizieren sollen, dass er weniger kariogen ist, wie z. B. Chlorhexidin, Triclosan, polyvalente Metallkationen (z. B. Silber, Zinn), Xylit, Arginin oder Probiotika. Doch die Anwendung von Chlorhexidin, Triclosan oder Zinn ist mit Nebenwirkungen verbunden, während die anderen Verbindungen zwar keine negativen Begleiterscheinungen zeigen, aber die endgültige Evidenz des kariesprotektiven Effekts vermissen lassen. Die beste Plaquekontrolle ist somit nach wie vor die mechanische Entfernung des Biofilms sowie die Reduzierung des Zuckerkonsums.

Parodontitisrisiko. Mit einem aufschlussreichen Vortrag über den Sinn und Unsinn, Zusammenhänge zwischen Parodontitis und Allgemeinerkrankungen herbeizuführen, schloss Prof. Dr. Christof Dörfer aus Kiel die Fortbildungsveranstaltung in Rust. Er zeigte auf, dass es mittlerweile eine solide Datenbasis für ein Zusammenspiel der Parodontitis und bestimmten Erkrankungen wie Diabetes oder Endokarditis gibt, aber er legte den Zahnärzten ans Herz, die Parodontitis stets unabhängig von der Allgemeinerkrankung zu sehen: „Parodontitis ist eine eigenständige und behandelbare Erkrankung. Potenzielle Verbindungen zu anderen Erkrankungen spielen für die Indikation zur Therapie allenfalls eine untergeordnete Rolle!“, so Prof. Dörfer. Er gab den Teilnehmern dazu konkrete Handlungsempfehlungen mit auf den Weg.

Wer nach den beiden Fortbildungstagen in Rust immer noch nicht genug von Risiken und deren Vermeidung hatte, der konnte beim optionalen Besuch im angrenzenden Freizeitpark seine eigene Risikobereitschaft testen.

claudia.richter@izz-online.de

 

41. Fortbildungstagung der südbadischen Zahnärzteschaft in Rust

 

Erstes Spezialpodium Kieferorthopädie

Ausgabe 5, 2016

„Jetzt gilt es, dass auch die kieferorthopädischen Kolleginnen und Kollegen unsere Fortbildungslandschaft betreten!“ Treffend formuliert von Dr. Martin Haas in seinem Vorwort. Souverän und eloquent moderierte Dr. Martin Haas das 1. Spezialpodium Kieferorthopädie im Rahmen der 41. Fortbildungstagung der Bezirkszahnärztekammer in Rust. Der Vorstand der BZK Freiburg hatte bereits im Vorfeld der 41. Fortbildungstagung der südbadischen Zahnärztinnen und Zahnärzte mit seinem Beschluss Neuland beschritten, ein separates Podium für die kieferorthopädisch tätigen Kolleginnen und Kollegen ins Leben zu rufen.

Alle vier KFO-Ordinarien der Universitäten unseres Bundeslandes waren dem Ruf des Freiburger Kammervorstandes gefolgt, ebenso die Vorstandsvorsitzende der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, Dr. Ute Maier, und der Vorsitzende des Landesverbandes des Bundes der Kieferorthopäden (BDK), Dr. Thomas Miersch. Ein attraktives Programm mit namhaften Referenten erzielte eine Resonanz, die die Erwartungen des Freiburger Kammervorstandes bei Weitem übertraf – statt der ursprünglich erwarteten 60 füllten letztendlich über 130 kieferorthopädisch tätige Kolleginnen und Kollegen das historische Spiegelzelt im Confertainment-Center des Europarks.

Wissenschaftliches Programm. Prof. Dr. Christopher Lux, Heidelberg, war es vorbehalten, den ersten Beitrag zum wissenschaftlichen Programm des Spezialpodiums beizusteuern. Er sprach über „Kieferorthopädische Aspekte in der dentalen Traumatologie“. Vor allem die von ihm präsentierten Techniken zur langsamen und schnellen Extrusion, welche ein wertvolle Hilfe vor allem bei präprothetischen Fragestellungen sein können, stießen auf allgemeine Zustimmung des Auditoriums. Ein weiterer Vorteil, so Prof. Lux, liegt darin, dass ansonsten schwer zu versorgende Zähne durch eine kieferorthopädische Vorbehandlung für ein multidisziplinäres Therapiekonzept nutzbar gemacht werden können.

Der kommissarische Leiter der kieferorthopädischen Abteilung der Zahnklinik Tübingen, PD Dr. Timm Schott, referierte über „Mikroelektronische Tragezeitdokumentation in der Kieferorthopädie“ und stellte Sensoren vor, mit denen Tragezeiten und Trageverhalten von Patienten dokumentiert werden können, die mit herausnehmbaren Apparaturen behandelt werden. Schott weist dieser Form der Dokumentation höchste Wertigkeit zu, nicht nur aufgrund der Möglichkeit der Testung der Compliance des Patienten, sondern auch wegen der Option der Individualisierung der Standardtragezeitenverordnung.

Quasi ein Heimspiel hatte die Freiburger KFO-Chefin, Prof. Dr. Britta Jung, die ihre Ergebnisse zu „Kieferorthopädie zur Wiederherstellung von Ästhetik und Funktion“ vorstellte. Prof. Jung wies darauf hin, dass sich kieferorthopädische Behandlungen längst nicht mehr nur auf die Korrektur von Zahnfehlstellungen beziehen, sondern unter Nutzung heutiger Behandlungsoptionen, hier seien vor allem moderne Verankerungsmethoden genannt, auch Korrekturen bei komplexen Fehlbildungen, skelettalen und dentalen Wachstumsstörungen sowie bei degenerativen Veränderungen ermöglichen. Sie zeigte neben hervorragend dokumentierten Fallbeispielen Möglichkeiten, aber auch Limitationen der von ihr schwerpunktmäßig erläuterten Behandlungsoptionen auf.

Aus Ulm kam der früher an der Universität Freiburg tätige Prof. Dr. Dr. Bernd Lapatki, der fragte: „Lücke öffnen oder Lücke schließen?“ Eine in der Praxis überaus relevante Frage, wird das angeborene Fehlen von bleibenden Zähnen doch sehr oft angetroffen. Prof. Lapatki legte in seinen Ausführungen besonderen Wert auf eine systematische Herangehensweise bei der Entscheidung für eine patientenindividuell optimale Therapie. Er wählte hierzu den Weg der „Entscheidungspfade“, ein Weg, mit dem er ganz offensichtlich den Bedürfnissen des Auditoriums in besonderem Maße entsprach – nahezu jede Folie seines Vortrages wurde unzählige Male aus dem Auditorium via Handykamera für die häusliche Nachbearbeitung fixiert!

Standespolitisches Forum. Wer im standespolitischen Forum auf eine der üblichen vollkonsentierten Diskussionsrunden, die letztendlich gar keine sind, gesetzt hatte, sah sich getäuscht – hier wurde Klartext geredet! Nach einem Impulsvortrag der Vorsitzenden des Vorstands der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, Dr. Ute Maier, die über das „Spannungsfeld GKV und KFO“ sprach und vor allem auf die Unterschiede zwischen bestehenden bundesweit geltenden Regelungen im Bereich Kons-Zahnerhaltung auf der einen und auf die in Baden- Württemberg bestehende KFOVereinbarung über die Mehrkostenfähigkeit kieferorthopädischer Leistungen auf der anderen Seite hinwies, stellten sich Dr. Maier und der BDK-Landesverbandsvorsitzende Dr. Thomas Miersch den Fragen des Auditoriums.

Dr. Martin Haas, der die Diskussion leitete, warf den ersten Handschuh in den Ring, indem er offen die Patientenbeschwerden ansprach, die seit geraumer Zeit bei den Körperschaften eintreffen.

Diese Beschwerden beinhalten den Vorwurf, dass Kieferorthopäden sich weigern würden, ohne Zusatzkosten eine KFO-Therapie durchzuführen. Dr. Maier mahnte hier einen maßvollen Umgang mit den Mehrkostenregelungen an, auch um selbige zu erhalten. Hier wurde der BDK-Landesvorsitzende noch deutlicher: „Wer so agiert, dass er grundsätzlich kommuniziert: Ohne Zusatzkosten läuft hier nichts, den kann und wird der BDK-Landesverband nicht schützen.“ Angesichts der hier geführten Diskussion und der zahlreichen zustimmenden Wortmeldungen aus dem Auditorium verwunderte es nicht, dass rasch eine einhellige Meinung unter den Anwesenden zu dieser Frage erzielt wurde. Weitere Diskussionspunkte betrafen Probleme bei Erstattungen durch Krankenkassen und solche zum Gutachtenwesen.

Fazit. Ein neues Format in Rust – zweifellos! Ein Format das Aufmerksamkeit erregt und sehr gute Resonanz erhalten hat. Bemerkenswert auch die Tatsache, dass einige vornehmlich jüngere Kolleginnen und Kollegen zu einzelnen Vorträgen im KFO-Podium aus dem Mainpodium im Dome kurz ins Spiegelzelt switchten, um dann danach wieder zum Hauptprogramm zurückzukehren. Somit ein Format, das seine Feuertaufe bestanden hat und das sicherlich auch im nächsten Jahr wieder an den Start gehen wird, dann sogar noch ergänzt durch ein zweites Spezialpodium, welches sich dann der Oralchirurgie widmen wird.

Dr. Georg Bach, Freiburg im Breisgau

 

Seminar für Studierende und junge Zahnärzt/innen in Rust

 

Das Ziel ist die eigene Praxis

Ausgabe 5, 2016

In diesem Jahr platzte der Seminarraum des Colosseo-Hotels aus allen Nähten – über 30 angehende Zahnärztinnen und Zahnärzte, die teils noch im Studium, teils bereits in der Assistenzzeit sind, nahmen dort am Intensivseminar im Rahmen der 41. Jahrestagung der südbadischen Zahnärztinnen und Zahnärzte in Rust teil.

Sieben, acht, neun… eine junge Dame ist noch ein bisschen unentschlossen, schließlich hebt sie doch ihre Hand. Zehn Meldungen zählt Dr. Susanne Woitzik. Drei Stunden später sind es bereits 15 Handzeichen, die die Referentin auf ihre Frage verbuchen kann, wer sich eine selbständige Tätigkeit in eigener Praxis vorstellen könnte. Dazwischen hat die Referentin, Diplom-Kauffrau Dr. Susanne Woitzik, ein Feuerwerk an Energie und Motivation abgebrannt – für die Entscheidung der Nachwuchs- Zahnmediziner, später einmal selbständig in der eigenen Praxis tätig zu sein.

Entdecke die Möglichkeiten. Schritt für Schritt hat sie jedes Argument, das die Teilnehmer gegen die Selbständigkeit vorbrachten, entkräftet: Keine Freizeit mehr! Fehlanzeige – nach dem KZBVJahrbuch arbeiten Zahnärzte in selbständiger Tätigkeit durchschnittlich 42,5 Stunden die Woche, davon sind 34,3 Behandlungszeit, 8,2 Stunden werden für die Praxisverwaltung aufgewendet. Diese ist übrigens seit 1992 nur um 0,3 Stunden gestiegen – also von wegen Bürokratie-Last! Nicht genügend Zeit für die Familie und was tun, wenn die Kinder krank sind? Dr. Woitzik wusste zahlreiche Beispiele von kreativen Zahnärztinnen, die Praxis und Familie unter einen Hut gebracht haben.

Finanzielle Belastungen. Die Referentin gab erste Einblicke in die unerlässliche BWA, zeigte, wie eine Liquiditätsplanung funktioniert und wie die Gesamtrentabilität beurteilt wird. Die zunehmenden Reglementierungen des Zahnarztberufes! Kein Argument, die gibt es in jeder Branche. Angst vor der Personalverantwortung! Dieses Argument ließ die resolute Referentin schon gar nicht gelten. Mitarbeiterführung lässt sich lernen. Am Anfang steht die eigene Entscheidung: Wie will ich führen? „Nutzen Sie Ihre Assistenzzeit dazu herauszufinden, welcher Führungsstil zu Ihnen passt“, appellierte Dr. Woitzik, „hierarchisch, mit mehr Freiräumen oder kooperativ.“ „Und finden Sie heraus, wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf die verschiedenen Führungsstile reagieren“, rät die Expertin.

Voraussetzungen für den Erfolg. Gemeinsam mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern erarbeitete Dr. Woitzik die wichtigsten Voraussetzungen für den Erfolg als selbständig tätige Zahnärztin bzw. selbständig tätiger Zahnarzt und gab sieben Tipps für den erfolgreichen Start:

1. Legen Sie eine Strategie fest: Welche Leistungen wollen Sie in der Praxis anbieten, zu welcher Qualität? Wie wollen Sie die Praxis ausstatten und wieviel Zeit wollen Sie für die Praxis investieren?

2. Eignen Sie sich BWL-Wissen an!

3. Kommunikative Fähigkeiten sind entscheidend!

4. Basiswissen in der Mitarbeiterführung ist unverzichtbar!

5. Verinnerlichen Sie den Praxissteuerungsprozess!

6. Investieren Sie mit Bedacht und behalten Sie Ihr Budget immer im Blick!

7. Steuern Sie Ihre Praxis aktiv!

Als besonderen Motivationsschub präsentierte Dr. Woitzik zahlreiche Erfolgsgeschichten von Zahnärztinnen und Zahnärzten aus der gesamten Republik, die sie im Rahmen ihrer Tätigkeit und über den „Ideenwettbewerb“ kennengelernt hat und die sie mit ihren kreativen und oftmals auch sehr ungewöhnlichen Visionen und Ideen begeistert haben.

Beim sich anschließenden Gettogether- Abend gab es für die jungen Zahnärztinnen und Zahnärzte dann Gelegenheit, untereinander sowie mit der Referentin und den erfahrenen Kollegen ins Gespräch zu kommen und den einen oder anderen persönlichen Tipp für die bevorstehende Praxisgründung einzuholen. Vorstandsmitglied und Moderator Dr. Martin Haas zog ein positives Fazit des Seminars: „Wir sind an unsere Selbständigkeit früher vor allem mit Selbstvertrauen herangegangen, Sie haben heute umfassende Hilfestellung und geballtes Wissen!“

mader@lzk-bw.de

 

Kieferkammatrophien und Knochendefekte

 

Implantatgetragene prothetische Versorgungen

Ausgabe 5, 2016

Heute gelingen auch bei komplexen Defektsituationen zufriedenstellende kaufunktionelle Rehabilitationen der betroffenen Patienten. Das ermo¨glicht ein mittlerweile großes Portfolio an Techniken, die zum einen bereits dem Knochenabbau vorbeugen, zum anderen eine Rekonstruktion des knöchernen Lagers erlauben. Eine wesentliche Bedeutung kommt hierbei der implantatgetragenen prothetischen Versorgung zu, mit der ein Erhalt oder eine Wiederherstellung der Lebensqualita¨t mo¨glich wird. Im dritten Teil der Serie zum Thema Kieferkammatrophien und Knochendefekte werden Algorithmen zur Versorgung von Patienten nach komplexen rekonstruktiven Maßnahmen beschrieben.

Bei der Therapie maligner oder benigner Tumoren im Kopf-Hals-Bereich stellt die Resektion des betroffenen Knochens und der angrenzenden Weichgewebe für die meisten Entitäten noch immer den Goldstandard dar. Kieferresektionen können ebenfalls im Zusammenhang mit Osteoradionekrosen nach Strahlentherapie oder auch bei medikamenteninduzierten Kiefernekrosen (MRONJ) erforderlich werden.

Für die betroffenen Patienten resultieren daraus je nach Größe, Lokalisation und Art der beteiligten Strukturen unterschiedlich starke funktionelle und ästhetische Einschränkungen. Unter ungünstigen Umständen können in der Folge das Abbeißen und Zerkauen fester Speisen sowie die Schluckfunktion stark bis vollständig eingeschränkt sein, sodass eine normale Nahrungsaufnahme unmöglich und die Ernährung z. B. über eine Magensonde (PEG) erforderlich wird.

Um diese Einschränkungen für Patienten auf ein Minimum zu reduzieren, gilt es, die resezierten Strukturen möglichst frühzeitig und adäquat („close to original“) zu rekonstruieren. Abhängig von der Defektgröße und -lokalisation sowie der Qualität der Empfängerstelle zeigt der Einsatz von autologen, nicht-vaskularisierten Transplantaten hier jedoch nur begrenzte Erfolgswahrscheinlichkeiten.

Zur Rekonstruktion des Gesichtsschädels ist heute der freie mikrovaskuläre Gewebetransfer, idealerweise mit knöchernem Transplantatanteil, an den Kliniken als Routineverfahren etabliert. Hiermit gelingt eine zuverlässige und ausreichende Rekonstruktion der betroffenen Strukturen. Für Rekonstruktionen des Ober- und Unterkiefers hat sich die Verwendung von mikrochirurgisch revaskularisierten Beckenkamm-, Fibula- und Skapulatransplantaten bewährt.

Diese Transplantate ermöglichen über den Defektverschluss hinaus auch die Wiederherstellung der knöchernen Kontinuität, eine funktionelle Verbesserung sowie die Voraussetzung für eine anschließende implantatgetragene kaufunktionelle Rehabilitation. Bei allen drei Transplantattypen ist die Knochenmenge in der Regel ausreichend, um dentale Implantate zu inserieren. Dennoch haben die beschriebenen Transplantate ihre jeweiligen Stärken und Probleme.

Beckenkammtransplantat. Das gefäßgestielte Beckenkammtransplantat, welches mit der A. circumflexa ileum profunda entnommen wird, bietet aufgrund seiner vertikalen Dimension eine gute Möglichkeit, die Gesamthöhe eines vollbezahnten Unterkieferkörpers zu rekonstruieren. Nachteil dieses Transplantats ist jedoch seine geringe Länge, weshalb es nur in der Lage ist, kürzere Strecken von 8 bis 10 Zentimeter, wie sie bei Unterkieferkontinuitätsresektionen entstehen, zu überbrücken. Eine weitere Einschränkung ergibt sich ferner durch die Länge des Gefäßstiels, welcher später das Transplantat versorgt.

Fibulatransplantat. Das gefäßgestielte Fibulatransplantat ist aufgrund seiner Anatomie in der Lage, besonders langstreckige Defekte zu überbrücken. Es ist aufgrund seiner Form ebenfalls geeignet, das Kiefergelenk zu ersetzen. Eine weitere Stärke liegt in der Entnahmemöglichkeit zweier getrennter Hautinseln, die sowohl intra- wie auch extraoral positioniert werden können. Ebenso ermöglicht sein sehr langer Gefäßstiel die gute Positionierbarkeit des Transplantates. Nachteilig ist jedoch die geringe vertikale Transplantatdimension. Während für einen atrophen Unterkiefer die vertikale Dimension ausreichend sein kann, tritt bei einem bezahnten Patienten ein deutlicher Niveauunterschied zwischen Restkieferkamm und Transplantat auf. Zur Kompensation dieses Problems kann das Transplantat in „gedoppelter“ Form eingesetzt werden oder aber der Niveauunterschied muss sekundär augmentativ mit freiem Knochen ausgeglichen werden.

Skapulatransplantat. Das gefäßgestielte Skapulatransplantat ist sehr gut geeignet, um sowohl Teile des Unterkiefers wie auch den kompletten Oberkiefer zu ersetzen. Abhängig von der Defektart kann das Transplantat im Oberkiefer sowohl horizontal wie auch vertikal eingesetzt werden. Mit dem Knochen kann ferner auch ein nahezu beliebig großer Weichteillappen transplantiert werden. Die intraoral freiliegende muskuläre Bedeckung der Skapula wandelt sich durch sekundäre Granulation in Gewebe um, welches der Mundschleimhaut sehr ähnlich ist. Nachteil des Transplantats ist das geringe Knochenangebot. Zwar reicht der seitliche Skapularand aus, um Implantate zu inserieren, allerdings muss bei der Transplantatpositionierung auf eine genaue Ausrichtung zum Unterkiefer besonders geachtet werden.

Eine ideale Orientierung der Knochentransplantate wird heutzutage durch Verwendung präoperativ konfektionierter Osteosyntheseplatten und Resektionsschablonen („Cutting Guides“) garantiert. Die Osteosyntheseplatten werden dabei entweder an mittels 3D-Druckern ausgedruckten Schädelmodellen vorgebogen oder CAD-CAM gestützt durch additive Verfahren („Laser Melting“) hergestellt.

Jede Kieferkammrekonstruktion sollte auch eine dentale Rehabilitation ermöglichen. Aufgrund der häufig stark veränderten anatomischen Situation nach Resektion und Rekonstruktion, ist das Tragen von schleimhautgetragenen Teil- oder Vollprothesen in den meisten Fällen nicht möglich. Auch eine strahleninduzierte Xerostomie kann eine konventionelle Prothetik verhindern. Daher ist es in vielen Fällen nur durch die Insertion von dentalen Implantaten möglich, entsprechend betroffene Patienten wieder kaufunktionell zu rehabilitieren.

Mehrere Faktoren. Bei der Planung einer Versorgung mit dentalen Implantaten ist grundsätzlich eine Reihe von Faktoren zu beachten. Neben einem ausreichenden knöchernen Lager ist die Position des transplantierten Knochens entscheidend. Das ist insbesondere bei teilbezahnten Patienten, die noch über eine entsprechend hohe Zahl eigener Zähnen verfügen, relevant. Abhängig vom vorhandenen Knochenangebot muss fallweise über sekundäre Augmentationen nachgedacht werden. Die Anzahl und Position der noch vorhandenen Restzähne hat wesentlichen Einfluss darauf, wie viele Implantate zu inserieren sind. Insbesondere bei bestrahlten Patienten gilt es immer, die Restzähne kritisch auf ihre Erhaltungsfähigkeit hin zu beurteilen.

Einfluss auf die konkrete Planung hat zunächst, ob eine festsitzende oder eine abnehmbare Versorgung gewünscht und realisierbar ist. Die abnehmbare Versorgung hat hinsichtlich der Reinigungsfähigkeit bei komplexen weichgewebigen Verhältnissen klare Vorteile. Falls jedoch, speziell bei jungen Patienten, eine festsitzende Versorgung erwünscht ist, werden primär verschraubte Versorgungen hergestellt. Die potenzielle Erweiterbarkeit einer Arbeit sollte zudem immer mitbedacht werden.

Die Implantate müssen bestmöglich in Bezug auf das vorhandene Knochenangebot und unter Berücksichtigung der Antagonisten bestmöglich positioniert und orientiert sein. Hierbei gilt es auch, die weichgewebige Situation zu berücksichtigen.

Um hierbei möglichst vorhersagbare Ergebnisse zu erreichen, erfolgt die radiologische Diagnostik nach entsprechenden Vorbereitungen wie folgt:

Wachsaufstellung. Nach Abformung der intraoralen Situation (bei komplexen Schleimhautsituationen auch mittels individueller Löffel) wird nach Bissnahme eine Wachsaufstellung durch das zahntechnische Labor hergestellt. Nach intraoraler Kontrolle und gegebenenfalls notwendigen Korrekturen wird diese in eine röntgenopake Bariumsulfatschablone überführt, welche dann vom Patienten im Rahmen der Schichtbilddiagnostik getragen wird. Damit können in der durchgeführten Röntgenaufnahme das Knochenangebot des Restkiefers sowie des Transplantats, die bedeckende Schleimhautdicke und die ideale prothetische Position der späteren Versorgung sowie die Antagonisten beurteilt werden. Die Daten werden in eine entsprechende Planungssoftware eingelesen. Mit deren Hilfe wird nach virtueller Implantatplanung eine stereolithographische Bohrschablone hergestellt, die je nach klinischer Situation entweder zahngetragen, knochengetragen oder schleimhautgetragen funktioniert. Nach erfolgreicher Implantatinsertion ist bei den Patienten die veränderte Schleimhautsituation zu beachten und ggf. noch vor der prothetischen Versorgung operativ zu korrigieren. Gerade bei intraoralen Hautlappen müsste das Implantatabutment bis zu 2 cm Weichgewebe durchragen. Dadurch können sehr ungünstige Hebelkräfte entstehen. Der lange Durchtritt durch das Weichgewebe stellt außerdem eine Prädilektionsstelle für periimplantäre Entzündungen dar. Aus diesen Gründen müssen Hautlappen meist im Rahmen der Implantatfreilegung stark ausgedünnt werden.

Schrumpfungen verhindern. Anschließend werden ferner noch operative Weichgewebskorrekturen im Sinne von Vestibulum- und Mundbodenplastiken erforderlich. Während die entsprechenden Bereiche bei kleineren Wundausmaßen mittels freier Schleimhauttransplantate vom Gaumen gedeckt werden können, ist bei größeren Wundbereichen die Entnahme von Spalthaut, z. B. vom Oberschenkel, zur Verhinderung postoperativer Schrumpfungen des operierten Bereichs erforderlich. Der Einsatz von Spalthauttransplantaten ist insbesondere dann unumgänglich, wenn gleichzeitige Zungen- oder Narbenlösungen umzusetzen sind. Um der narbigen Schrumpfung der Transplantate entgegenzuwirken, erfolgt der Einsatz von Verbandplatten. Diese werden über die Implantate verschraubt und dienen im Rahmen der Wundheilung als Formgeber. Sie werden später herausnehmbar gestaltet, sollten jedoch bis zur Eingliederung der prothetischen Versorgung getragen werden.

Auch bei Patienten ohne Hautlappen in der Mundhöhle muss das Weichgewebe fast immer operativ korrigiert werden, weil bei diesen nach Tumorresektion meist im betroffenen Bereich keine keratinisierte Gingiva mehr vorliegt. Der Implantatdurchtritt befindet sich dann oft vollständig in der beweglichen Wangen- oder Mundbodenmukosa. Da dies meist schon frühzeitig zu periimplantären Entzündungen und Knochenresorptionen führt, ist die Schaffung keratinisierter Schleimhaut mittels freier Schleimhautransplantation unabdingbar.

Auf Grundlage einer genauen präoperativen Planung ist es ebenfalls möglich, die Dimensionierung des Zahnersatzes so gering wie möglich zu halten. Da aufgrund der Hygienefähigkeit den Patienten primär abnehmbare Lösungen empfohlen werden, werden abhängig von der jeweiligen intraoralen Situation teleskopierende Techniken oder Stegversorgungen durchgeführt. Diese lassen eine optimale Kontrolle der Mundschleimhaut zu und ermöglichen zudem immer noch weitere operative Maßnahmen am Weichgewebe, ohne die Gesamtkonstruktion zu gefährden. Ferner ermöglichen sie meist auch eine gute Erweiterbarkeit der Versorgung.

Zusammenfassung. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich auch bei komplexen Kieferdefekten nach umfassender präoperativer Planung sowohl vor dem rekonstruktiven Eingriff als auch vor der Implantatinsertion zuverlässig und vorhersagbar gute Behandlungsergebnisse erreichen lassen. Gleichwohl ist die engmaschige Kontrolle zum einen aus onkologischer Sicht wie auch zur Sicherung einer stabilen periimplantären Situation, obligat. Das Literaturverzeichnis finden Sie unter www.zahnaerzteblatt.de oder kann beim IZZ bestellt werden unter Tel: 0711/222966-14, Fax: 0711/222966-21 oder E-Mail: info@zahnaerzteblatt.de.

PD Dr. Christian Mertens Prof. Dr. Dr. Jürgen Hoffmann