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Im Blick

Karlsruher Vortrag 2016

 

Mit vollem Herzen für den Klimaschutz

Ausgabe 5, 2016

Die Akademie für Zahnärztliche Fortbildung hatte mit Michael Zammit Cutajar einen besonderen Botschafter des Klimaschutzes als Referenten für den Karlsruher Vortrag gefunden. Der Leiter des UN-Klimasekretariats prägte über viele Jahre hinweg die Verhandlungen bei den weltweiten Klimaschutzkonferenzen. Obwohl er seit 2002 nicht mehr im offiziellen Dienst der UN steht, ist er dem Klimaschutz stets treu geblieben. In Karlsruhe berichtete er vor über 1000 geladenen Gästen nicht nur über seine ersten Schritte in Richtung Klimaschutz, sondern auch über die aktuellen Ziele bei der Klimaschutzkonferenz in Paris Ende 2015.

Dass der 76-jährige Malteser Michael Zammit Cutajar als ein Mann mit Beständigkeit gilt, zeigte nicht nur seine Krawatte, die er anlässlich des Festvortrags in der Stadthalle Karlsruhe trug – es war nämlich dieselbe, die er bereits bei der ersten UN-Klimakonferenz in Berlin im Jahr 1995 getragen hatte. Dort traf er übrigens auf Angela Merkel, die als damalige Bundesumweltministerin ebenfalls an der Klimakonferenz teilgenommen hatte. Selbst mehr als zwei Jahrzehnte später ist Cutajar in Sachen Klimaschutz immer noch sehr engagiert, während die beteiligten politischen Akteure im Laufe der Jahre stetig wechselten. Was 1991 für Cutajar mit der Ernennung zum ersten Sekretär des Sekretariats um das United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC) begann und wo er echte Pionierarbeit leistete, entwickelte sich über die Jahre hinweg zu seiner persönlichen Lebensaufgabe. In seiner Einführungsrede betonte deswegen Prof. Dr. Winfried Walther, Direktor der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe, dass sich Cutajar mit vollem Herzen dem Klimaschutz widme – dem Thema seines Lebens. Dabei war die Bestellung Cutajars zum ersten Sekretär der UN-Klimabehörde mehr einem Zufall geschuldet, weil er damals zur richtigen Zeit am richtigen Ort (Genf) war. 1996 zog das Klimasekretariat nach Bonn um, wo es immer noch sitzt und derzeit ein internationales Team von über 100 Mitarbeitern beschäftigt.

Klimawandel. Michael Zammit Cutajar betrachtet die Veränderung des Weltklimas bzw. die Erwärmung der Erdatmosphäre, ausgelöst durch den stetigen Anstieg der Treibhausgase in der Atmosphäre, als eines der zentralen Themen des 21. Jahrhunderts. Der Titel seines Vortrags „Protecting the Global Climate“ ist als Aufforderung an jeden Einzelnen zu verstehen, sich den Klimaschutz zu Herzen zu nehmen: „Das sind wir unseren nachfolgenden Generationen schuldig, vor allem aber den Ärmsten der Welt. Sie sind die eigentlichen Verlierer der Erderwärmung, denn der Klimawandel macht sich dort am schlimmsten bemerkbar, wo besonders viel Armut herrscht, in den Entwicklungsländern.“, so Cutajar. Der Kampf gegen den Klimawandel ist immer auch ein Kampf gegen die Armut. Zwar weiß jede Nation um die Bedeutung des Klimaschutzes, doch ihn letztendlich gemeinsam voranzutreiben, also umsetzbare Ziele für alle Nationen zu definieren, um die Emissionen an CO2 zu reduzieren, ist eine sehr mühsame und langwierige Aufgabe, die im Laufe der letzten 25 Jahre mal mehr, mal weniger gut gelang.

Klimakonferenzen. Aus Cutajars Erzählungen wird ersichtlich, wie schwer es bei den UN-Klimakonferenzen stets ist, verbindliche Klimaverträge auszuhandeln. Schränkt man die Entwicklungsländer in ihren Emissionen zu sehr ein, nimmt man ihnen gleichzeitig das Potential, sich wirtschaftlich entwickeln zu können. Außerdem haben die armen Länder gar nicht die Mittel und Möglichkeiten, einen effektiven Klimaschutz zu betreiben. Sie sind auf die Hilfe der Industrienationen angewiesen. Diese befinden sich jedoch im Verteidigungsmodus ihrer wirtschaftlichen Positionen und wollen nicht alle Bemühungen alleine tragen. Die UN-Klimakonferenzen haben also stets das Ziel, im Sinne des Fairplays alle Nationen entsprechend ihrer Möglichkeiten ins Boot zu holen.

Cutajar befürwortet eine gemeinsame Verantwortung, aber sie sei differenziert zu betrachten, d. h. die entwickelten Länder müssten sich mit der Einhaltung von verbindlichen Emissionszielen an die Spitze setzen. Nicht jede Klimakonferenz war jedoch von Erfolg gekrönt, wie z. B. in Kopenhagen im Jahr 2009 als man bei den Verhandlungen in eine Sackgasse geriet und die Klimaziele völlig aus den Augen verloren hatte. Aber gerade auf definierte Ziele komme es beim Klimaschutz an, betonte Michael Zammit Cutajar in Karlsruhe, denn den Kampf gegen den Klimawandel könne man nur mit Ehrgeiz führen.

Klimabotschafter. Cutajar sieht sich heute als Botschafter des Klimaschutzes. In seiner Heimat Malta wurde ihm der Titel „Ambassador on Climate Change“ verliehen. In dieser Funktion ist er nach wie vor bei den UN-Klimakonferenzen aktiv dabei, obwohl er aus dem offiziellen Dienst der Vereinten Nationen bereits 2002 ausgeschieden ist. Durch sein langjähriges Klimaschutz-Engagement und seine diplomatische Erfahrung ist er immer noch weltweit als Berater gefragt. Zuletzt war er bei der Klimakonferenz in Paris Ende 2015 dabei, um den französischen Präsidenten François Hollande zu beraten.

Die Pariser Konferenz hat folgendes ambitionierte Ziel erklärt: Die globale Erwärmung soll auf deutlich unter 2° C, möglichst auf 1,5° C begrenzt werden. Damit dies erreicht werden kann, müssen alle Länder der Welt die Nettotreibhausgasemissionen zwischen 2045 und 2060 auf Null herunterfahren. Ab 2020 bis 2025 sollen die reichen Nationen und Hauptverursacher der Klimaerwärmung zusätzlich 100 Milliarden Dollar pro Jahr bereitstellen, um die schwachen Länder bei der Anpassung und Abmilderung zu unterstützen. Doch ob sich die Politiker letztendlich an das Abkommen halten werden, sei laut Cutajar aber fraglich. Das Klimaabkommen ist zwar völkerrechtlich bindend, bei Missachtung drohen jedoch keine Strafen. Gerade die USA haben sich in der Vergangenheit immer wieder geweigert, die Klimaziele zu akzeptieren, obwohl sie weltweit am meisten CO2 ausstoßen.

Futter zum Nachdenken. Mit seinem flammenden Vortrag wollte Cutajar das Auditorium wachrütteln und zum Nachdenken und späteren Diskutieren anregen: „Welche Welt wollen wir vor dem Klimawandel eigentlich retten? Die arme Welt oder die reiche Welt?“ Er machte deutlich, dass wir den Armen nicht einfach die Energie verwehren dürfen. Damit sie sich entwickeln können und dabei trotzdem dem Weltklima nicht schaden, sollten wir ihnen erneuerbare Energien anbieten. Eine der wichtigsten Herausforderungen der Zukunft sei es, die wirtschaftlichen Player zum Umdenken zu bewegen, damit sie auf Nachhaltigkeit und neue Technologien setzen, „denn Vorbeugung ist besser als späteres Heilen“, so Cutajar, „und dazu brauchen wir die Ermutigung durch die Politik“. Es gilt also, neue Formen zu finden, um erneuerbare Energien zu fördern, auf die man wirtschaftlich aufbauen kann. Sein Vorschlag: Die Nationen sollten 500 Mrd. Dollar pro Jahr für erneuerbare Energien ausgeben.

Für seinen leidenschaftlichen Einsatz in Sachen Klimaschutz bekam Michael Zammit Cutajar anschließend den „Mund-auf-Preis“ aus den Händen des Karlsruher Oberbürgermeisters Frank Mentrup (SPD) überreicht. Er dankte Cutajar dafür, dass er unermüdlich versuche, „den Stein den Berg hinaufzurollen“.

claudia.richter@izz-online.de