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27. Fortbildungstagung der BZK Freiburg für Zahnmedizinische Fachangestellte

 

To live is to risk

Ausgabe 5, 2016

Kariesrisiko, Blutungsrisiko, Infektionsrisiko, Lebensrisiko – bei der 27. Fortbildungstagung der Bezirkszahnärztekammer Freiburg für Zahnmedizinische Mitarbeiter/innen drehte sich dieses Mal alles um das Risiko. Wie wir Risiken erkennen. Wie wir Risiken vermeiden. Aber auch wie wir unser Lebenselixier aus dem Risiko schöpfen, wie die Höhenbergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner.

Der erste Vortrag thematisierte das Kariesrisiko und wie es kontrolliert werden kann. Eigentlich ist die Kariesprävention eine der Erfolgsgeschichten der Zahnmedizin. Bei den Senioren kann von einer Erfolgsgeschichte allerdings keine Rede sein, die Wurzelkaries hat sich verdreifacht. Was sind die Gründe? Prof. Dr. Nadine Schlüter aus Freiburg benannte eine nicht ausreichende Mundhygiene, bestimmte Areale werden nicht erreicht. Weitere Risikofaktoren sind manuelle Einschränkungen bei älteren Patienten, Multibandapparaturen und im besonderen Maße die zuckerhaltige Ernährung. Neben der Entfernung des kariogenen Biofilms sind in den letzten Jahren verschiedene Verbindungen untersucht worden, den Biofilm chemisch zu modifizieren, um seine Pathogenität zu reduzieren. Möglichkeiten der Modifikation des Biofilms sind der Eingriff in den Stoffwechsel, die Beeinflussung der Virulenz der Plaque und der Ökologie der Mundhöhle, die Unterbrechung der Kommunikationswege zwischen den Bakterien und der Eingriff in den Stoffwechsel der Bakterien.

An chemischen Keulen im Kampf gegen die Bakterien stellte Prof. Schlüter Chlorhexidin CHX, Triclosan, die Metallkationen Silber und Zinn, Arginin zur Ammoniakbildung und Probiotika vor – ohne jeweils zu vergessen, auf die entsprechenden Nebenwirkungen einzugehen.

Blut, ein ganz besonderer Saft. Das Risiko Blutung war Inhalt des Vortrags von Prof. Dr. Gerhard Wahl aus Bonn. Da er am zweiten Tag auch bei den Zahnärzten referierte, sind seine Ausführungen im dortigen Beitrag zusammengefasst. Karies ist eine ökologische Katastrophe und wie sie entsteht, zeigte Prof. Dr. Elmar Hellwig mit seinem kurzweiligen Einstiegs-Comic auf spielerische Weise. Bei der Prävention der Karies geht es in erster Linie darum, den Biofilm zu bekämpfen und das, was die Säure zerstört hat, zu remineralisieren. Nachdem sich Prof. Schlüter mit dem Biofilm beschäftigt hatte, ging Prof. Hellwig in erster Linie auf die Remineralisierung ein und empfahl die Fluoridgabe – als Tabletten, im Speisesalz, als Lack, als Gel oder Spülung je nach Indikation. Zur wichtigsten Säule der Kariesprophylaxe gehört noch immer die Fissurenversiegelung. Die Behandlung neuer Kariesläsionen mit Infiltrant berge die Problematik, nicht röntgenopak zu sein. „Das ist ungeschickt bei einem Zahnarztwechsel, am besten in einen Pass eintragen“.

Die Berge als Lehrmeister. Was hat eine Höhenbergsteigerin mit einer Zahnmedizinischen Fachangestellten gemeinsam? Gerlinde Kaltenbrunner fand viele Parallelen: In beiden Berufen geht es um das rechtzeitige Erkennen von Risiken und um die Minimierung von Risiken. Oftmals ist das Risiko aber auch zu groß. Als Bergsteigerin muss man dann – auch 100 Meter vor dem ersehnten Gipfel – umkehren. Denn oberste Priorität hat die gesunde Rückkehr! Sieben Versuche hat Gerlinde Kaltenbrunner gebraucht, um den K2 zu erreichen. Viele Rückschläge hat sie einstecken müssen, Zweifel haben sie beschlichen, ob sie den K2 jemals erreichen wird. Aber sie hat sich ihren Lebenstraum erfüllt und ist unendlich dankbar für dieses Geschenk. Entscheidend waren die Begeisterung ebenso wie der unbedingte Wille, das Vertrauen auf die eigene Intuition und der respektvolle Umgang mit dem Team.

Einprägsam und humorvoll. Selbstverständlich fasste jede Referentin und jeder Referent seine Ausführungen abschließend zusammen. Unschlagbar einprägsam und humorvoll waren jedoch die Zusammenfassungen von Dr. Norbert Struß, der es als Moderator bestens verstand, die über 800 fortbildungsbegeisterten Zahnmedizinischen Mitarbeiter/innen den Tag über zu unterhalten und zu begleiten:

1. Prof. Schlüter: Viel grünen Tee trinken, Xylit-Kaugummi kauen und ansonsten an den Stellen putzen, wo man nicht so gut hinkommt!

2. Prof. Wahl: Vorsicht mit Ginseng und Granatapfel. Druck ist immer gut und Vorsicht beim Absaugen!

3. Prof. Hellwig: Zähneputzen ist immer noch das Mittel der Wahl, wobei die Familienzahnbürste endgültig out ist!

4. Gerlinde Kaltenbrunner: Genehmigung und Visum abgelaufen – aber weit entfernt von jeglicher Zivilisation gibt es keine Kontrolle und keine Behörde. Wir machen einfach weiter!

Mit dieser Zusammenfassung schlug Dr. Struß auch die Brücke zum letzten Vortrag, der das Infektionsrisiko und die Praxishygiene in den Mittelpunkt rückte.

Der ehemalige Vorsitzende der Arbeitsgruppe der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention am RKI, Prof. Dr. Jürgen Becker aus Düsseldorf, wurde gleichermaßen mit Spannung wie mit Skepsis erwartet. Diese wusste er aber schnell zu zerstreuen, so überzeugend und schockierend waren seine statistischen Daten: 20.000 Verstorbene infolge mangelnder Hygiene, 225.000 Wundinfektionen in Krankenhäusern. Und die Schnittstelle zur Zahnarztpraxis ist offensichtlich: Über Angehörige werden MRSA-Erreger aus den Altenpflegeeinrichtungen in die Praxen getragen. Ebenso verhält es sich mit der hohen Prävalenz von MRSA-Erregern in Krankenhäusern und deren Übertragung durch Besucher, die dann als Patienten in die Zahnarztpraxis kommen. An Übertragungen in der Praxis gibt es nur wenige Beispiele, betonte Prof. Becker. Umso wichtiger sind der Infektionsschutz der Patienten und insbesondere der Arbeitsschutz der Beschäftigten. Prof. Becker zeigte sowohl die rechtlichen Rahmenbedingungen als auch die baulichen Anforderungen ebenso wie die Ausstattung und die Schutzmaßnahmen des Personals auf. Im Hinblick auf seine Zielgruppe ging er insbesondere auf die Erfordernisse des Arbeitsschutzgesetzes ein wie zum Beispiel die für jeden Mitarbeiter vom Praxisinhaber zu erstellende Gefährdungsbeurteilung.

Adrenalin pur. Zumindest auf ein kalkulierbares Risiko konnten sich die Zahnmedizinischen Mitarbeiter/ innen im Anschluss an ihre Fortbildungstagung einlassen: Sie konnten den Europapark Rust mit seinen Achterbahnen, Shows und anderen Attraktionen nutzen.

mader@lzk-bw.de