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Kultur

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe zeigt Elger Esser

 

Verwunschene Welt

Ausgabe 6, 2016

Anlässlich der Verleihung des Oskar-Schlemmer-Preises 2016, des Großen Staatspreises für Bildende Kunst des Landes Baden-Württemberg an Elger Esser, zeigt die Kunsthalle eine Ausstellung mit acht fotografischen Zyklen des 1967 in Stuttgart geborenen Künstlers.

Elger Esser war Student und Meisterschüler von Bernd Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie. Seine Position entwickelte sich in den neunziger Jahren im Umfeld der Becher-Klasse und damit im Wirkungsraum der vitalen Auseinandersetzung mit der dokumentierenden und klassifizierenden Praxis von Bernd und Hilla Becher. Doch Elger Essers Bilder widersetzen sich der Abbildfunktion des fotografischen Mediums, sie konterkarieren das digitale Bilderuniversum, das einige der Becher-Schüler in ihren Werken kommentieren.

Schöpferische Kunst. Elger Esser interpretiert Fotografie als freie schöpferische Kunst. Seine sorgfältig komponierten Bilder stehen im Spannungsfeld von spezifischen Traditionen der Malerei und des fotografischen Piktorialismus. Vor der Kontrastfolie der heutigen Medienpraxis machen sie Aussagen über das Entstehen von Bildern, über Zeit, Gedächtnis und Erinnerung. Elger Essers Aufnahmen von Landschaften, leerstehenden, teilweise dem Verfall oder Vergessen preisgegebenen historischen Bauten, die er vor allem in Frankreich ausfindig macht, inszenieren den Blick nicht nur durch Komposition, die Wahl des Ausschnitts und des Standpunkts. Sie erzeugen Atmosphären des Erinnerns vor allem auch über ein breites Repertoire fotografischer Strategien. Zu ihnen gehören Langzeitbelichtungen, Unschärfe, farbliche Verfremdungen und Retuschen, der experimentelle Einsatz ungewöhnlicher Materialien als Bildträger (zum Beispiel versilberter Metallplatten) und alter Druckverfahren (wie jenes der Heliogravüre).

Kollektives Bildgedächtnis. Esser spürt den Ablagerungen im kollektiven Bildgedächtnis nach, wenn er berühmte kunsthistorische Topografien wie die Küstenregionen der Bretagne oder Claude Monets Garten in Giverny zum Gegenstand seiner Aufnahmen macht. Auch Motive der Medien- und Kommunikationskultur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts nimmt er in seine Arbeit auf, indem er etwa Details alter französischer Postkarten stark vergrößert zum Bild macht, so dass sich deren Raster in eine an den Pointillismus erinnernde Auflösung verwandelt. Nie geht es dem Künstler um das Momenthafte einer Situation, sondern immer um dauerhafte und bedeutungsvolle Bildkonstruktionen.

Entschleunigung. Elger Essers Kunst ist ein Produkt des späten 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts, aber seine Bilder sprechen nur indirekt von der Epoche ihrer Entstehung. Sie handeln in einem grundlegenden Sinn von Fotografie und Zeitlichkeit. Jedes seiner Werke, die auch als Elemente einer Serie immer für sich stehen, trägt latent den Konflikt zwischen unterschiedlichen Zeitordnungen in sich aus: zwischen dem Zeitmodus der beschleunigten Gegenwart, die gerade in den Medien der Bilderzeugung immer schneller von Problem zu Lösung fortschreitet, und einer erinnernden Entschleunigung, die der Zeitmodus des kulturellen Gedächtnisses ist.

Kunsthalle Karlsruhe/IZZ

 

Candice Breitz im Kunstmuseum Stuttgart

 

Die „Ponderosa“ als Metapher

Ausgabe 6, 2016

Das Kunstmuseum Stuttgart präsentiert mit „Candice Breitz: Ponderosa“ erstmals in Deutschland einen retrospektiven Überblick zum facettenreichen Werk der 1972 in Johannesburg geborenen Künstlerin, die in Berlin lebt. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die Auseinandersetzung mit den komplexen Prozessen, die den Menschen in seinem jeweiligen sozialen und kulturellen Kontext prägen.

 

Anhand von fünfzehn oftmals raumfüllenden Installationen spannt die Ausstellung einen Bogen von den Neunzigerjahren bis heute und zeichnet so die Entwicklung von Breitz’ Schaffen nach. Dabei liegt der Schwerpunkt auf Arbeiten, die sich mit der Wirkung von Popmusik und Hollywoodfilmen auf ihr Publikum beschäftigen. Fragen der Persönlichkeitsbildung, Identität und Identifikation sind hierbei von zentraler Bedeutung und stellen zudem die inhaltliche Verbindung aller ausgewählter Arbeiten dar. Diese thematische Setzung spiegelt sich auch im Ausstellungstitel wider: Er verweist mit „Ponderosa“ auf die fiktive Ranch in der US-amerikanischen Westernserie „Bonanza“, die zwischen 1959 und 1973 für das Fernsehen gedreht wurde. Rückblickend war die Serie für Breitz eine erste Begegnung mit den Utopien und Fantasien, die von der populären Massenkultur entworfen werden. Der nostalgische Ort Ponderosa steht vor diesem Hintergrund als Metapher für die unerfüllbaren Versprechen, die wesentlich für die Anziehungskraft und den Erfolg von Produktionen der Unterhaltungsindustrie sind.

Videokunst. Die Ausstellung beginnt im Bereich der Sammlung im Erdgeschoss. Dort ist die Mehrkanal-Videoinstallation „Alien (Ten Songs from Beyond)“ aus dem Jahr 2002 zu sehen, in der Breitz Immigranten gefilmt hat, die bekannte deutsche Lieder singen. Allerdings fällt auf, dass ihr Gesang nicht zum Bild passt: Tatsächlich hat die Künstlerin die Stücke zunächst von deutschen Muttersprachlern aufgenommen und die Tonspur anschließend unter die Sequenzen mit den Immigranten gelegt. Durch diesen Verfremdungseffekt offenbart sich das komplexe Verhältnis von Herkunft, Identität und Sprache. Die ausgewählten Lieder transportieren vielfach ein Heimatgefühl, das möglicherweise von den gefilmten Personen nicht empfunden werden kann. „Alien“ ist eine frühe Arbeit zum Thema Migration.

Eigens produziert. Inhaltlich korrespondiert sie mit der Videoinstallation „Love Story“ (2016), die die Ausstellung im dritten Stock des Kubus beschließt. Breitz hat diese Installation eigens für „Ponderosa“ neu entwickelt. Sie zeigt die Hollywood-Schauspieler Alec Baldwin und Julianne Moore.

Kunstmuseum Stuttgart/IZZ