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Berufspolitik

Landesweiter Erfahrungsaustausch der Senioren- und Behindertenbeauftragten

 

Der Versorgungsauftrag umfasst auch Menschen mit Demenz

Ausgabe 7, 2016

„Ich bin nicht nur ein Gero-Nerd, ich bin auch ein Demenz-Nerd“. Mit dieser Aussage war die Kieler Zahnärztin Dr. Claudia Ramm die ideale Referentin für den zweiten landesweiten Erfahrungsaustausch der baden-württembergischen Senioren- und Behindertenbeauftragten am 4. Juni im Zahnärztehaus in Stuttgart.

Ihr Nerd-Bekenntnis und die Beharrlichkeit, mit der Dr. Claudia Ramm auf einen umfassenden Versorgungs-auftrag der Zahnärztin und des Zahnarztes, der auch Menschen mit Demenz umfasst, hinwies, führte den Senioren- und Behindertenbeauftragten der Landeszahnärztekammer sicherlich auch vor Augen, warum sie sich als Zahnärztinnen und Zahnärzte ausgerechnet im Bereich der Alters- und Behindertenzahnheilkunde engagieren. Dr. Claudia Ramm stellte ihr selbst entwickeltes Konzept einer Sprechstunde für Menschen mit Demenz, basierend auf dem Marte-Meo-Prinzip vor.

Das Marte-Meo-Prinzip ist eine Kommunikationsmethode, die mit Videounterstützung versucht, Zugang und Vertrauen zu Menschen mit Demenz aufzubauen, damit eine zahnmedizinische Betreuung und Behandlung erfolgen kann. Claudia Ramm und ihre Mitarbeiterinnen haben mit diesem Konzept beeindruckende Erfolge in der Praxis bei der Behandlung von Menschen mit Demenz erzielt. Sie zeigte ihre Behandlungserfolge anhand von zahlreichen Videoaufnahmen. Grundlage für die erfolgreiche Umsetzung des Konzeptes in der Praxis ist umfassendes Wissen rund um eine demenzielle Erkrankung. Dr. Ramm skizzierte den Krankheitsverlauf vom Anfangsstadium bis zum schwersten Stadium, bei dem die Patienten sich oftmals nicht mehr selbst im Spiegel erkennen. Was erleben Menschen mit Demenz? Was brauchen sie? „Menschen mit Demenz haben die Fähigkeit verloren zu spüren und zu fühlen, wir arbeiten daher mit einem sogenannten Fühlkissen“, berichtete Dr. Ramm. „No brain, no pain“ – über die Vorstellungen einiger Kollegen kann sie nur den Kopf schütteln. Ihr uneingeschränkter Einsatz für Patienten mit Demenz kennt auch keine Entschuldigung für Angehörige, die aus Scham und weil sie nicht zu ihren dementen Eltern stehen können, nicht in die zahnärztliche Praxis kommen. „Dafür habe ich kein Verständnis“.

Die Zahnärztin, die auch Landesbeauftragte der Deutschen Gesellschaft für Alterszahnmedizin (DGAZ) in ihrem Bundesland ist, verstand es mit ihrer Herzenswärme die Senioren- und Behindertenbeauftragten zu sensibilisieren, wie mit Patienten mit Demenz umgegangen werden sollte und welche besonderen Anforderungen diese Patienten an die Zahnärztin und den Zahnarzt stellen. „Bezugs- und Vertrauenspersonen sind ganz wichtig“, empfahl Dr. Ramm, „und ein Versorgungsnetzwerk zwischen Zahnarzt, Hausarzt, Geriater, Internist sowie Logopäden und Ergotherapeuten“. Prävention und Kontinuität sind bei der Behandlung von Menschen mit Demenz der Schlüssel zum Erfolg.

Der Referent für Alterszahnheilkunde der LZK BW, Dr. Elmar Ludwig, zeigte sich beeindruckt vom Vortrag der Kollegin aus Kiel, obgleich er ihr Konzept bereits aus der gemeinsamen Arbeit in der DGAZ und seiner Forschungsreise als Walther- Engel-Preisträger kannte. „Es braucht Zeit, ein solches Konzept zu entwickeln – ich habe heute wieder viele Anregungen mitgenommen“.

Soziale Verantwortung. Respekt und Anerkennung zollte auch die Vorstandsvorsitzende der KZV BW, Dr. Ute Maier, den Ausführungen von Dr. Claudia Ramm zum umfassenden Versorgungsauftrag, „wir haben eine soziale Verantwortung als Zahnärzte und können uns nicht nur die angenehmen Patienten herauspicken – wir müssen daran arbeiten, dass in der Kollegenschaft ein Umdenken stattfindet“.

Es ist inzwischen gute Tradition, dass Dr. Ute Maier beim SuBErfahrungsaustausch über die aktuellen Entwicklungen betreffend die Abrechnung, gesetzliche Neuerungen und den Stand der Kooperationsverträge nach § 119b SGB V informiert. „Und wir sind Ute Maier auch sehr dankbar, dass sie sich diese Zeit bei ihrem vollen Terminkalender nimmt“, dankte Dr. Ludwig.

Dr. Maier berichtete zunächst über die am 5.5.2016 in Kraft getretene Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) über die Verordnung von Krankenfahrten, Krankentransportleistungen und Rettungsfahrten nach § 92 Absatz 1 Satz 2 Nummer 12 SGB V (Krankentransport-Richtlinie). Zahnärzte können demnach bei zwingender medizinischer Notwendigkeit im Zusammenhang mit einer vertragszahnärztlichen Behandlungsbedürftigkeit Krankenfahrten u. a. für Pflegebedürftige (Pflegestufe 2 oder 3) und Menschen mit Behinderungen (Schwerbehindertenausweis/ aG/BI/H) zur ambulanten Behandlung verordnen. Dabei ist aus Sicht der KZV-Vorsitzenden die Entscheidung, welches Transportmittel jeweils das geeignete ist, aufgrund der Multimorbidität und den damit einhergehenden Risiken für den Zahnarzt nicht immer möglich. Sie empfiehlt deshalb grundsätzlich die vorherige Kontaktaufnahme mit dem Hausarzt und kündigte eine Hilfestellung zum Umgang mit der neuen Richtlinie in Zusammenarbeit mit Dr. Ludwig an. Breiten Raum in ihren Ausführungen und auch auf großes Interesse seitens der Senioren- und Behindertenbeauftragten stieß das Thema Kooperationsvertrag zwischen Altenpflegeeinrichtung und Zahnarzt. Der Abschluss der Verträge sei in Baden-Württemberg zwar anfangs etwas schleppend angelaufen, „inzwischen bekommen wir aber pro Woche einen bis zwei neue Verträge.“ Man dürfe allerdings nicht auf eine unzureichende zahnärztliche Betreuung der Pflegeeinrichtungen in Baden-Württemberg schließen, da viele Zahnärztinnen und Zahnärzte Einrichtungen auch ohne Vertrag betreuten, sagte Dr. Maier. Im Rahmen ihres Berichts zu den Ergebnissen der aktuellen Vertragsverhandlungen informierte sie über ein besonders erfreuliches Ergebnis für alle, die sich in der aufsuchenden Betreuung engagieren: „Zukünftig sind Mengensteigerungen, die mit dem Aufsuchen von Versicherten in häuslicher und stationärer Pflege erbracht werden (Annexleistungen in Folge § 87 Abs. 2i und 2j sowie 119b SGB V) budgetfrei bei AOK BW und SVLFG-LKK.“ Bei Krankenkassen, bei denen die Ausgabenvolumina unterschritten werden, gilt dies sowieso“.

Hochrisikopatient. Dr. Elmar Ludwig verwies als Hilfestellung zur Ausgestaltung eines Kooperationsvertrages auf einen Beitrag in der Juniausgabe des Freien Zahnarztes, in dem er den organisatorischen Ablauf des eigenen Kooperationsverhältnisses mit einer Pflegeeinrichtung Schritt für Schritt beschreibt. Ein neues Formular zur Dokumentation eines Besuchs im Webauftritt der LZK sowie ein Powerpointvortrag und der Film über SuB Torben Wenz auf dem LZK-YouTube-Kanal ergänzen die Palette an praktischen Hilfestellungen zur Ausgestaltung von Kooperationsverträgen für die Kollegenschaft.

Bei seinen weiteren Ausführungen konzentrierte sich Dr. Ludwig auf die Thematik der Delegation zahnärztlicher Leistungen im Zusammenhang mit der Behandlung von „Hochrisikopatienten“, zu denen Bewohner in Pflegeeinrichtungen zählen. Im Kreis der Beauftragten herrschte Einigkeit darüber, dass die Mundhöhle Hochrisikogebiet ist und eine Behandlung von pflegebedürftigen Bewohnern in Altenpflegeheimen ausschließlich dem Zahnarzt vorbehalten bleiben muss. Eine Aufweichung des Delegationsrahmens in dieser Hinsicht wird strikt abgelehnt. Dr. Ludwig verwies auf eine entsprechende Stellungnahme der DGAZ.

mader@lzk-bw.de