Zahnaerzteblatt.de

 

Regionen

In der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe

 

Oberbürgermeister Frank Mentrup zu Gast

Ausgabe 7, 2016

Zahnärztliche Fortbildung hat in Karlsruhe eine lange Tradition und ein beachtliches Innovationspotenzial. Davon konnte sich Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup einen sehr lebendigen Eindruck verschaffen, als er am 7. Juni die Akademie für Zahnärztliche Fortbildung kennenlernte. Der stellvertretende Präsident der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg, Dr. Bernhard Jäger, und der Direktor, Prof. Dr. Winfried Walther, empfingen den Gast in den Räumen der neugestalteten Akademie.

Natürlich war dem Oberbürger-meister die Akademie durch den Karlsruher Vortrag schon vorher ein Begriff, aber die neuen Räumlichkeiten der Akademie kannte er bisher noch nicht.

Langjährige Tradition. Als berufliche Bildungseinrichtung hat die Institution eine fast 100-jährige Geschichte, denn sie geht auf das „Dentistische Ausbildungsinstitut“ zurück, das im Jahr 1920 gegründet wurde. Erst 1960 wurde sie Teil der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg, die durch sie und das ZFZ in Stuttgart ihren gesetzlichen Fortbildungsauftrag erfüllt.

Seit 1920 ist sehr viel passiert in der Zahnmedizin und nirgendwo wird das deutlicher als in den hellen und freundlichen Räumen für Fortbildungsteilnehmer und Patienten, die in der Lorenzstraße entstanden sind. Ein Rundgang orientierte den Oberbürgermeister über die Aufgaben und die Leistungsfähigkeit der Akademie. Er freute sich über die großzügig gestalteten Hörsäle und die anderen Optionen, im neuen Haus der Akademie Unterricht zu gestalten. So ist ihre Poliklinik eine „Lernklinik“. Die hier stattfindende Versorgung der Patienten kommt der Fortbildung zugute. Die klinischen Einrichtungen werden im Rahmen des Kursbetriebes zu Lernzwecken eingesetzt.

Fortbildung für Zahnärztinnen, Zahnärzte und das ganze Praxisteam ist laut Statut die Hauptaufgabe der Akademie. Sie arbeitet kontinuierlich an neuen Methoden und Lernformaten, um dieser Funktion gerecht zu werden. Das Spektrum der Themen ist in den letzten Jahren stark erweitert worden. Ihr Ziel ist praxisnahe Fortbildung, die das ganze Team dabei unterstützt, Routinen zu verbessern, Innovationen einzuführen und die organisatorischen Voraussetzungen für eine bessere Versorgung zu schaffen. Dabei sollte das „Neue“ nicht ungeprüft zur Anwendung kommen.

Wissenschaft im Fokus. Ein weiterer Schwerpunkt der Akademie ist deswegen die zahnärztliche Wissenschaft. Die leitenden Zahnärzte, Dr. Anke Bräuning, Dr. Andreas Bartols und Dr. Michael Korsch, berichteten dem Oberbürgermeister aus ihrer Tätigkeit. Der Schwerpunkt ihrer Studien liegt in der klinischen Forschung sowie in der Versorgungsforschung. Die Akademie hat in den letzten Jahren ihre wissenschaftliche Tätigkeit verstärkt und international publiziert. Die guten internationalen Kontakte kommen in diesem Jahr wieder beim 6. Internationalen Workshop für Junge Prothetische Lehrer zum Tragen, der im Oktober stattfinden wird. Erwartet werden Prothetiker aus allen Kontinenten. Dr. Mentrup nahm die Einladung an, ein Grußwort zu sprechen. Bei einigen kleineren Anliegen der Akademie, wie einer besseren Ausweisung durch öffentliche Schilder, sagte er seine Unterstützung zu.

Oberbürgermeister Dr. Mentrup fühlte sich sichtlich wohl bei seinen zahnmedizinischen Kolleginnen und Kollegen. Er freute sich, einen direkten Eindruck von dieser zahnärztlichen Institution zu gewinnen, die für den Bildungs- und Wissenschaftsstandort Karlsruhe in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen wird.

Prof. Dr. Winfried Walther

 

TuTZiG Tagen und Treffen, Zahnärzt/innen im Gespräch

 

Notfall ist ein heißes Eisen

Ausgabe 7, 2016

TuTZiG ist ein Qualitätszirkel im Landkreis Tuttlingen, der seit fast zwanzig Jahren besteht und sich um fachliche Weiterbildung im Rahmen zahnärztlicher Kollegialität bemüht. Die Fortbildung aus der Gruppe heraus durch mehrmalige Treffen im Jahr ist die eine Aufgabe, eine Einladung für die gesamte Kollegenschaft in der Region zu einer Fortbildung mit Referenten aus Wissenschaft und Politik die andere.

„Der Akute Zahnmedi-zinische Notfall“ war das diesjährige Thema. Die Referenten Knuth Wolf, Direktor und Leiter der Hauptverwaltung der KZV BW und OA Dr. Andreas Bartols von der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung in Karlsruhe waren gebeten seitens der Selbstverwaltung und der Versorgungswissenschaft Stellung zu nehmen. Die exakte Abgrenzung zwischen sofort erforderlicher Behandlungsnotwendigkeit und aufschiebbaren Maßnahmen ist nicht immer möglich. Bedingt durch die bestehende Flüchtlingssituation tangiert der „akute zahnmedizinische Notfall“ die Praxen vor Ort verstärkt. Nicht das politische Hinterfragen stand im Vordergrund der Veranstaltung, sondern vielmehr eine Richtschnur für die therapeutischen Möglichkeiten zu erörtern.

Knuth Wolf stellte das Asylbewerberleistungsgesetz aus dem SGB XII dar und dessen Konsequenzen für die Behandlung: Asylbewerber in den ersten 15 Monaten des Aufenthaltes in Deutschland haben Leistungsanspruch nach § 4 AsylbLG, d. h. die Behandlung ist unaufschiebbar und beschränkt sich dann auf die Beseitigung akuter Erkrankungen und Schmerzzustände. Im Bereich der zahnmedizinischen Versorgung sind dies die KCH-Behandlungen nach BEMA Teil 1 und die KBR-Behandlungen nach BEMA Teil 2. Eine KFO Therapie nach BEMA Teil 3 oder eine Zahnersatztherapie nach BEMA Teil 5 ist grundsätzlich eine Einzelfallentscheidung unter der Voraussetzung der vorherigen Genehmigung des Kostenträgers.

Für Asylbewerber, die sich länger als 15 Monate in Deutschland aufhalten, gilt der § 2 AsylbLG. Sie haben den gleichen Leistungsanspruch wie Sozialhilfeempfänger als GKV-Versicherte.

Unbegleitet minderjährige Flüchtlinge bilden einen Sonderfall. Sie unterstehen der Obhut des Jugendamtes und haben Anspruch auf Leistungen der Jugendhilfe nach dem SGB VIII.

Nach den Erklärungen zum Umgang mit dem Behandlungsausweis, ging Wolf auch noch auf die Behandlungspflicht entsprechend der Berufsordnung und der Aufklärungspflicht gemäß dem Patientenrechtegesetz ein. Bestehende Kommunikationsschwierigkeiten entbinden nie von der Aufklärungspflicht, und die dafür angewandten Methoden – Übersetzer, Piktogramme – sind unbedingt zu dokumentieren.

Die abschließenden Fragen zu dem Block wurden von Knuth Wolf und dem ebenfalls eingeladenen Vorsitzenden der KZV BW BD Freiburg, Dr. Hans-Hugo Wilms ergänzend beantwortet. Es blieben keine Fragen offen. Zusammenfassend ergab sich daraus das Resümee: Das Therapiespektrum zur Beseitigung des akuten Schmerzzustandes liegt im Ermessen des Behandelnden unter Berücksichtigung der gesetzlichen Vorgaben.

Was ist dieses Therapiespektrum? Nach einer Pause mit angeregten Gesprächen zum Thema unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ging OA Dr. Andreas Bartols darauf ein.

Brisanz. „Notfall ist ein heißes Eisen, an dem man sich nur die Finger verbrennen kann!“, zeigte er die Brisanz des Themas auf. Dr. Bartols unterscheidet zwischen der absoluten und relativen Indikation. Unfallverletzungen, pyogene Infektionen und Nachblutungen sind als absolute Indikationen sofort und unaufschiebbar zu behandeln. Wichtig war ihm, dass diese Zustände mit den nötigen Maßnahmen therapiert werden, z. B. Röntgendiagnostik bei Unfallverletzungen, Inzision bei Abszessen und nachhaltige Sofortmaßnahmen bei Nachblutungen. Eher ist der Patient der Klinik zuzuweisen.

Für die Traumatologie gab er Behandlungsstrukturen vor und verwies zudem auf die Internetseite www.dentaltraumaguide.org, die „kochbuchartig“ Hilfestellung gibt.

Die relativen Indikationen, Pulpitiden, Zahnfrakturen und Kariesläsionen wurden von ihm in einem angeregten Vortrag unter den Gesichtspunkten der Versorgungswissenschaft dargestellt. Dabei stellte er den Spagat zwischen dem Leistungsangebot der Zahnheilkunde und der Erwartungshaltung der Patienten, auch der Eltern dar.

Bartols ging auch auf die Möglichkeit der Knochentrepanation und der Heilanästhesie als Beseitigung der Schmerzzustände ein.

Die endodontische Behandlung wurde als „one visit“ Therapie mit den entsprechenden instrumentellen Maßnahmen als gleichwertig den konservativen Behandlungen mit medikamentösen Einlagen gegenüber gestellt.

Überraschend waren seine Ausführungen zu neuen Erkenntnissen der Kariestherapie. Nicht immer ist die vollständige Beseitigung der Karies bei der Gefahr einer Pulpenverletzung das Mittel der Wahl. Es werde diskutiert, dass auch das Belassen von Kariesresten bei einem bakteriendichten Verschluss, der aber im Bereich des Kavitätenrandes kariesfrei sein muss, zum Stillstand des Karieswachstums führe. Das wäre eine hilfreiche Therapie, z. B. bei Milchzähnen oder bei in der Compliance indifferenten Schmerzpatienten.

Fazit. Ein in der Praxisroutine täglich vorkommendes Thema, die Schmerzbeseitigung, bedarf eigentlich keiner Erklärung mehr. Unter dem Gesichtspunkt der Therapie von Asylbewerbern, also bei Patienten, zu denen wir sprachlich, organisatorisch und wirtschaftlich einen anderen Zugang haben, wurde das Thema durch die kompetente und gelungene Aufbereitung seitens der Referenten spannend. Die Veranstaltung brachte mehr Erkenntnisse und positive Möglichkeiten, als es die Initiatoren vorab erwartet hatten. Die Teilnehmer haben angeregt diskutiert, ihre Erfahrungen eingebracht und ihre Fragen offen gestellt. Die Behandlung akuter zahnmedizinischer Notfälle stellt auch eine Chance dar.

Dies wurde auch in einer kleinen abschließenden Lesung aus dem Roman „Sungs Laden“ von Karin Kalisa dargestellt. Das gemeinsame Abendessen in der guten Atmosphäre des „Hofgut Hohenkarpfen“ rundete eine gelungene Veranstaltung ab.

Dr. Klaus Sebastian & Dr. Thomas Schilling