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Leserreise

Fachexkursion der Landeszahnärztekammer

 

Sieben Tage in Tibet

Ausgabe 7, 2016

Nach neunstündigem Flug hatten wir Peking erreicht, unsere örtliche Führung begleitete uns zum Hotel und sogleich begann das erste Abenteuer: Geldwechseln. Wir taten uns in einer Gruppe zusammen und so hielten wir nach etlicher Wartezeit unsere ersten Yuan-Banknoten in der Hand. Damit ging‘s auf zum ersten Erkundungsgang. Ein Spaziergang zum „Platz des Himmlischen Friedens“ und weiter zu den Toren der „Verbotenen Stadt“, die uns leider verschlossen blieben.

Nur wenige Stunden Schlaf blieben uns, denn um vier Uhr früh trafen wir uns im Foyer zur Abfahrt zum Flughafen; Weiterflug nach Xining, wo uns unsere zweite Führung, Daniel, in Empfang nahm, um uns sogleich in eine noch unbekannte Welt der tibetischen Klosteranlagen zu entführen. Das lamaistische Kumbum mit seinem großen Klosterbezirk, der heute noch von 1000 Mönchen bewohnt wird war die erste Station. Die Einweisung, wie man über die große Schwelle zu gehen hat, war uns fortan ein wichtiger Begleiter. Sich drehende Gebetsmühlen, der Duft der Rauchopferhäuschen, die Wärme der mit flüssiger Yakbutter gefüllten Opferkerzen, sowie das besondere Dämmerlicht im Inneren der Versammlungs- und Gebetsräume, der Anblick riesiger Buddhaskulpturen und die vielen bunten Fähnchen bildeten von nun an unsere geheimnisvolle Umgebung. Der Besuch des Tibetan Medicine Museum mit seinem weltlängsten Thanka, einem 618 Meter langen und 2,5 Meter breiten Seidenstoffgemälde, das alles zur tibetischen Geschichte und Kultur enthält, bildeten den kulturellen Abschluss dieses Tages, der mit dem Einsteigen in die Lhasa- Bahn enden sollte.

Lhasa-Bahn. Über zwanzig Stunden Fahrt für ca. 2000 Kilometer Länge auf der höchsten Eisenbahnstrecke der Welt lagen vor uns. Etliche Kollegen sammelten sich vor dem Höhenmessgerät im Zug, um die Höhenangabe zu bestaunen, der Tangula-Pass lag immerhin auf 5072 Meter Höhe und uns wurde ein wenig bange bei der Frage, wie wir mit der dünneren Luft zurechtkommen würden. Eine unbeschreiblich riesige und abwechslungsreiche Landschaft breitete sich vor uns aus. Am Nachmittag erreichten wir Lhasa, die einst verbotene Stadt und Tashi, unsere gute Seele und Reiseführer für die nächsten Tage, empfing uns und führte uns zum Hotel.

Die kommenden Tage brachten uns mit seinem großartigen Wissen, welches er uns mit seinem tadellosen Deutsch vermitteln konnte, aus dem Staunen nicht mehr heraus: Das eng an den Berg geschmiegte Kloster Drepung, die ehemalige Residenz des Dalai Lama und das Kloster Sera gehörten genauso dazu, wie der Besuch des Potala Palastes, dem beeindruckenden Winterpalast des Dalai Lama, der von unzähligen tibetischen Pilgern in einem nicht enden wollenden Besucherstrom umrundet wurde.

Pässe. Zwischendurch fuhren wir mit dem Bus auf der Südroute 370 Kilometer nach Gyantse zum Kloster Pälkhor Chöde, wo bei unserer Ankunft ein großes Fest der Mönche der Gelbmützen und Rotmützen in vollem Gange war und weiter nach Shigatse. Pässe wie der Kampa La und der in 5560 Meter Höhe gelegene Karo La Gletscher, sowie der heilige Yamdrok See auf über 4400 Metern ließen uns träumen. Steinböcke, Yaks und traditionell gekleidete Tibeter sorgten für nicht enden wollende Eindrücke. Wer unterwegs mal in einer persönlichen Toilettenangelegenheit unterwegs war, sollte unweigerlich damit konfrontiert werden, dass dies in Tibet keineswegs eine persönliche Angelegenheit ist. Die Tibeter begegneten uns freundlich, wenn ein Mönch eine Kamera zur Verfügung hatte, zögerte er nicht, auch uns zu fotografieren. Jeden Morgen wurden wir von Tashi im Bus mit einem fröhlichen „Tashi delek!“ begrüßt. Es klingt noch heute in unseren Ohren. In der Provinzstadt Shigatse besuchten wir am nächsten Tag bei strahlendem Sonnenschein das Kloster Tashilhunpo, den Sitz des Panchen Lama, dem ranghöchsten religiösen Würdenträger der Gelugpa, der Tugend-Schule. Zuvor gab es bei einem reichhaltigen Frühstücksbüfett die Möglichkeit neben dem Gewohnten auch Traditionelles wie Reissuppe, Yakbuttertee, Glückskekse (da ziemlich hart) und Tsampa, gekneteten Bällchen aus Hochlandgerstenmehl, zu probieren.

Auf dem Weg zurück nach Lhasa hatten wir die Gelegenheit, die Herstellung von Räucherstäbchen in einer Manufaktur zu beobachten, ein Besuch in einem traditionellen tibetischen Dorf in der Abendsonne rundete die Eindrücke des Tages ab. Beim gemeinsamen Abendessen gab es wieder eine reiche Auswahl an gedünstetem Gemüse, neben Hühnchen auch Yakfleisch, Gerstennudeln, Reis und ein tibetisches Bier.

Nationalheiligtum. Am nächsten Tag in Lhasa kamen wir vom belebten Barkhor Platz zum Nationalheiligtum Tibets, dem Jokhang Tempel. Um ihn führt ein innerer Wandlungsweg, der Barkhor, der von zahllosen tibetischen Pilgern im Uhrzeigersinn begangen wird. Entlang dieses Weges befinden sich bunte kleine Geschäfte, die endlich unseren Wunsch nach kleinen Andenken erfüllen konnten. Postkarten? Fehlanzeige. Die gab es nur im China Post Office. Dafür konnten wir etliche Straßenzahnärzte bei der Behandlung beobachten, was diese jedoch nicht so gerne sahen. Ein reichhaltiges Angebot an Zahnersatz wurde den Interessenten in der Auslage auf Plastikfolien angeboten. Dort lagen die Patienten auf improvisierten Stühlen und harrten ihrer Behandlung.

Am letzten Tag unserer Reise wurden wir von Professor Dr. Tre Wang Tan Paim im „Traditional Tibetan Hospital“ empfangen, er hielt vor den gemalten Lehrtafeln einen beeindruckenden Vortrag über die traditionelle tibetische Medizin, im Nebenraum waren die maßgeblichen Buddhas zu finden. Er erklärte uns die ganzheitliche Sichtweise, die bei uns in der westlichen Medizin wegen der starken Spezifizierung doch oft zu kurz kommt. Erstaunt packte er unser mitgebrachtes Geschenk aus, eine echte Schwarzwälder Kuckucksuhr, von Bernd Pflughaupt überreicht. Dieser ließ es sich nicht nehmen, beigefügte Instruktionen auf Englisch und Chinesisch zu erläutern. Wir hoffen alle, dass er damit die Kuckucksuhr zum Funktionieren bringen kann.

Anschließend hatten wir noch eine Diskussionsrunde mit einem dort tätigen Zahnarzt über den anscheinend in Tibet immer noch verbreiteten Karieswurm. Karius und Baktus sind dort noch nicht angekommen. Auch die Entstehung der Parodontitis wurde ebenso wie die Verwendung von Füllmaterialien noch lebhaft diskutiert. Nach dem Besuch des Sommerpalastes des Dalai Lama mit einem schönen Parkspaziergang klang unser Tag aus.

Eine beeindruckende Reise ging zu Ende und bereichert von vielen neuen Erlebnissen und Erfahrungen traten wir die Heimreise an – in Gedanken hatte ich schon längst eine Ausgabe von Heinrich Harrers „Sieben Jahre in Tibet“ bestellt, um damit die Reise nachklingen lassen zu können. Sehr empfehlenswert.

Gabriele Schluchter, Prof. Dr. Ulrich Keller