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Dr. Arnold Waßner: Zwischen Taktstock und Bohrer

 

Mehr als ein Hobby

Ausgabe 8-9, 2016

Der Stuttgarter Zahnarzt Dr. Arnold Waßner hat vor dem Studium der Zahnmedizin schon Musik studiert. Heute wandelt er zwischen zwei Welten. In seiner Praxis behandelt er seine Patienten, in seiner Freizeit dirigiert er das Stuttgarter Ärzteorchester, das rund 60 Musiker umfasst. Seit 18 Jahren ist er verantwortlich. Die Zahnärztinnen und Zahnärzte sind die stärkste Gruppe im Orchester.

Manchmal sind es nur Nuancen, die das Stuttgarter Ärzteorchester nur für ausgewiesene Experten klassischer Musik noch von einem professionellen Orchester unterscheiden. Das mit den Nuancen fängt bei vielen Mitgliedern des Orchesters aber schon viel früher an. Denn manchmal entscheiden gar schon Nuancen zwischen einem Medizin- und einem Musikstudium. Manch ein Mitglied des Stuttgarter Ärzteorchesters hatte sich einst nach langem Überlegen oder gar nach einem abgeschlossenen Musikstudium dafür entschieden, doch in Richtung Medizin zu gehen. Dr. Arnold Waßner ist einer davon. Der Dirigent des Ärzteorchesters und Stuttgarter Zahnarzt studierte zunächst Musik, um anschließend ein Studium der Zahnmedizin folgen zu lassen.

Der richtige Weg. Heute ist er sich sicher: Der Weg, den er gegangen ist, war genau der richtige. Auch wenn die Musik nach wie vor einen großen Platz in seinem Herzen hat. Schließlich bekam er sie schon in die Wiege gelegt. Seine Mutter musizierte als Geigensolistin mit dem kurpfälzischen Kammerorchester in Mannheim. Nach der Schule war die Entscheidung schnell getroffen. Ein Gymnasiallehramtsstudium der Musik an der staatlichen Musikhochschule Heidelberg/ Mannheim sollte es sein. Als Hauptfach entschied Dr. Waßner sich für die Bratsche. „Im neunten Semester entstand in mir aber der Wunsch, Zahnarzt zu werden“, erzählt er. Warum? „Dieser Beruf ist medizinisch, manuell, intellektuell fordernd, die positiven Aspekte der Medizin sind damit abgedeckt und für mich schien das noch besser als die Musik.“ Mit dem Segen und der finanziellen Unterstützung seiner Eltern ließ er, nachdem er das Musik-Staatsexamen abgelegt hatte, das zweite Studium folgen. Und schnell merkte Dr. Waßner, dass es Gemeinsamkeiten der beiden Studiengänge gibt. „Sie beanspruchen einen beide sehr, das Pensum ist in 24 Stunden kaum zu schaffen.“ Bratsche, Klavier, Gesangsunterricht, Theorie – ein Musikstudium bringt einige Herausforderungen mit sich. Bei der Zahnmedizin ist das nicht anders.

Gemeinsamkeiten. Ob die Gemeinsamkeiten auch der Grund dafür sind, dass es so viele Orchester bei den Ärzten gibt, wie sonst in kaum einem Berufsstand? „Ich habe bislang noch keine Antwort auf die Frage gefunden, warum das so ist“, sagt er. Möglicherweise gebe es einen Zusammenhang zwischen dem Bildungsbürgertum, aus dem viele Zahnärzte und Ärzte stammen, und der Affinität zur Musik. Denn so ähnlich sich die Studiengänge sind, in der alltäglichen Arbeit in der Praxis hat Dr. Waßner mit Musik keine Anknüpfungspunkte. Auch, wenn manch ein Patient sich gern mit dem Zahnarzt über Musik unterhalte. „Klar habe ich viele Musiker als Patienten.“ In der Freizeit ist er ihr trotzdem in all den Jahren treu geblieben. Während des Zahnmedizinstudiums in Hamburg und Berlin, wo er unter anderem als stellvertretender Konzertmeister Geige spielte. Die Violine war auch sein Instrument, als er in seine schwäbische Heimat nach Stuttgart zurückkehrte, wo er sich mit seiner eigenen Praxis niederließ, nachdem er seine Assistenzzeit bei Dr. Udo Lenke, Präsident der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg, absolviert hatte. Als der damalige Dirigent des Stuttgarter Ärzteorchesters 1998 seinen Rücktritt erklärte, trat Dr. Waßner an dessen Stelle und ist seitdem musikalisch dort angekommen, wo er noch heute steht – an der Spitze des renommierten Stuttgarter Ärzteorchesters. „Dabei wollte ich es eigentlich nur ein Jahr machen“, sagt er. Das Dirigieren hatte er schon an der Musikhochschule gelernt. „Ein Semester hat man sogar ein Orchester zur Verfügung“, erzählt Dr. Waßner. Für die neue Stelle im Orchester war er folglich prädestiniert. Inzwischen ist das Orchester mit und unter ihm gewachsen und gereift. In den 18 Jahren, die er nun schon Dirigent ist, hat sich einiges eingespielt. „Die Kollegen wissen, dass ich weiß, wovon ich rede“, sagt er, wohlwissend, dass ein Dirigent heutzutage nicht mehr die Autoritätsperson früherer Zeiten ist. Dr. Waßner weiß dennoch, sich durchzusetzen und das schätzen die Musiker.

Viele Zahnärzte. Unter seiner Ägide sind die Zahnärztinnen und Zahnärzte zur größten Gruppe innerhalb des Orchesters aufgestiegen, das sich jeden Mittwochabend zur Probe trifft. Die Musikkritiken in den großen Stuttgarter Zeitungen zeigen: Auch die Qualität des Stuttgarter Orchesters sucht ihresgleichen. Von „bemerkenswerten Leistungen“ und „kaum Unterschieden zu einem professionellen Orchester“ ist da regelmäßig zu lesen. Einer der Gründe dafür ist die hohe Professionalität, mit der die musizierenden Ärzte und Zahnärzte an die Projekte gehen. „Für uns ist das mehr als nur ein Hobby“, sagt Dr. Waßner, der dennoch seinen Beruf und die Musik ohne größere Probleme unter einen Hut kriegt. „Zeitlich ist das relativ entspannt“, erklärt er. Spannend wird es immer dann, wenn der halbjährliche Auftritt des Orchesters ansteht. Dann ziehen sich Dr. Waßner und seine Kolleginnen und Kollegen jeweils für einige Tage zurück und proben ihr aktuelles Repertoire, bis es sitzt. „Dann ist es 95 Prozent Arbeit und fünf Prozent Vergnügen“, gibt er zu, betont aber auch, dass es ein „kaum zu beschreibendes Hochgefühl“ sei, wenn aus den ersten Tönen nach einem halben Jahr ein aufführfähiges Stück geworden ist. Als Dirigent kümmert sich Dr. Waßner in dieser Zeit um die Programmauswahl, die Zusammensetzung, er achtet auf Tempo, Lautstärke und Beschleunigungen, behält die Klangbalance, aber auch den menschlichen Zusammenhalt im Auge. „Und das bei rund 60 Musikern“, sagt er. Erst im Juni stand der Sommerauftritt an. Nun laufen die Vorbereitungen auf die Konzerte im Dezember. Dann wird das Stuttgarter Ärzteorchester Beethovens 5. Sinfonie und das 21. Klavierkonzert in C-Dur KV 467 von Mozart spielen. Die Konzerte finden statt am Freitag, 2. Dezember 2016 in den Räumen der Kassenzahnärztlichen Vereinigung in Stuttgart-Möhringen und am Samstag, 3. Dezember in der Stuttgarter Liederhalle.

christian.ignatzi@izz-online.de