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Leitartikel

Vorbildliche Präventionserfolge

Ausgabe 10, 2016

„Gesund beginnt im Mund“ – über ein Vierteljahrhundert begleitet dieser Slogan die Öffentlichkeitsarbeit für zahnmedizinische Prävention. Und er hat das Bewusstsein für die richtige Vorsorge vor Zahn- und Munderkrankungen nachhaltig geprägt. Eltern, Erzieherinnen, Politiker, Krankenkassen und viele andere wissen um die Wichtigkeit der zahnmedizinischen Prävention und um ihre Möglichkeiten. Das ist unter anderem der vorbildlichen Kommunikations- und Informationsarbeit, der zahnärztlichen Interaktion mit der Politik, den Krankenkassen und vielen Akteuren im Gesundheitswesen zu verdanken.

Eine beispielhafte Erfolgsgeschichte in der Zahnmedizin im Besonderen und in der Medizin im Allgemeinen wäre ohne die verfasste Zahnärzteschaft und ihr Engagement in Politik und Öffentlichkeit wohl nie geschrieben worden. Sie erwirkte 1993 den entscheidenden Passus im Sozialgesetzbuch V, der Weichen für eine erfolgreiche Prophylaxe stellte: Dort heißt es im § 21: „Die Krankenkassen haben im Zusammenwirken mit den Zahnärzten und den für die Zahngesundheitspflege in den Ländern zuständigen Stellen [...] Maßnahmen zur Erkennung und Verhütung von Zahnerkrankungen ihrer Versicherten, die das zwölfte Lebensjahr noch nicht vollendet haben, zu fördern und sich an den Kosten der Durchführung zu beteiligen.“

Die Finanzierung der Landesarbeitsgemeinschaft Zahngesundheit und deren gruppenprophylaktische Maßnahmen erfolgt vorwiegend durch die gesetzlichen Krankenkassen, durch die Kassenzahnärztliche Vereinigung Baden-Württemberg, die Landeszahnärztekammer und die Landesregierung. Leider verhallt bis heute die Aufforderung an die Private Krankenversicherung, sich an den Kosten der Gruppenprophylaxe in Kindertagesstätten und Schulen zu beteiligen, ungehört.

Erst das Zusammenspiel von Gruppen- und Individualprophylaxe und die damit verbundene Fissurenversiegelung hat diese Erfolgsgeschichte möglich gemacht. Die Deutsche Mundgesundheitsstudie V (DMS V), die im August 2016 vom Institut der Deutschen Zahnärzte vorgestellt wurde, belegt die Bedeutung der Fissurenversiegelung. „Als Ursachen für den weiteren Kariesrückgang können regelmäßige, kontrollorientierte Besuche in Zahnarztpraxen und die Versiegelung der Backenzähne ausgemacht werden.“ Heute weisen 70,3 Prozent der 12-Jährigen in Deutschland Fissurenversiegelungen auf und Kinder ohne Fissurenversiegelungen haben eine dreifach erhöhte Karieserfahrung (0,3 vs. 0,9 DMF-T).

Die Möglichkeiten und Chancen, die die präventive Zahnmedizin bietet, sind mittlerweile in den Köpfen von Groß und Klein, Jung und Alt verankert. Die neueste Mundgesundheitsstudie dokumentiert auf wissenschaftlicher Basis die stetige Verbesserung der Mundgesundheit – nicht nur bei den 12-jährigen Kindern. Bei den jüngeren Erwachsenen (35- bis 44-Jährige) ist die Anzahl der Zähne mit Karieserfahrung seit 1997 um 30 Prozent (4,9 Zähne) zurückgegangen. Darüber hinaus ist heute nur noch jeder achte Senior (65- bis 75-Jährige) zahnlos, im Jahr 1997 war es noch jeder vierte.

Zahnärztinnen und Zahnärzte haben wie kaum ein anderer Berufsstand im Gesundheitswesen an diesem Präventionserfolg mitgewirkt. Dabei werden auch diejenigen nicht vergessen, die wegen eines Handicaps nicht eigenverantwortlich handeln können. Dennoch gibt es bei dieser Gruppe noch erheblichen Nachholbedarf, was Versorgung und Prophylaxe angeht. Daher sollte die Politik Vorschläge und Konzepte zur noch besseren Versorgung schnellstens umsetzen. Baden- Württembergs Konzepte sind, auch was die Anliegen von Pflegebedürftigen angeht, dabei sicherlich wegweisend. Weiterhin wäre es wünschenswert, in den Schulen die Gesundheitsbildung durch ausgewiesene Experten, nämlich Ärzte und Zahnärzte zu etablieren.

Es gibt noch viel zu tun, beispielsweise bei der Verhütung von frühkindlicher Milchzahnkaries und bei der Einbeziehung von Familien mit einem vergleichsweise niedrigen Sozialstatus in die Prophylaxe. Doch auch bei diesen Gruppen zeigt die Fünfte Deutsche Mundgesundheitsstudie erste Erfolge. So haben auch benachteiligte Kinder und andere Risikogruppen wesentlich gesündere Zähne als noch vor 20 Jahren. Die Studie zeigt damit beispielhaft, dass Prävention, „die früh greift, gesundheitliche Ungleichheiten reduzieren kann“. Ein schönes Ergebnis!

Johannes Clausen, Chefredakteur Zahnärzteblatt Baden-Württemberg