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Fortbildung

Dentale Implantologie: Implantat-Abutment-Verbindung

 

Positionsstabilität und Mikrospalt im Fokus

Ausgabe 11, 2016

In zweiteiligen Implantaten ist die Implantat-Abutment-Verbindung als Anschlag- oder Konusverbindung gestaltet, welche die Höhensicherung des Abutments definiert. Die Verdrehsicherung (Rotationssicherung) des Abutments variiert zwischen drei geometrischen Designs (Polygonal, Polygonprofil, Nut-Nocken-Design). Bei De- und Remontage prothetischer Komponenten zeigen sich z. T. deutliche Positionsabweichungen, welche die weiteren prothetischen Schritte beeinflussen. Die Implantat-Abutment-Verbindung zeigt unabhängig von ihrem Design eine Mikrobeweglichkeit des Abutments und es besteht immer ein Mikrospalt zwischen Implantat und Abutment, der in Abhängigkeit von der Belastung variiert. Als Folge können Abriebpartikel im Implantatinneren auftreten. Neben der Besiedlung von Bakterien im Implantatinneren wird neuerdings auch die Freisetzung von Ionen und Partikeln aus der Implantat-Abutment-Verbindung diskutiert. Es bleibt bis heute allerdings ungeklärt, ob diese einen Einfluss auf das Hart- und Weichgewebe, beispielsweise im Rahmen der Periimplantitis, ausüben.

Implantat-Abutment-Verbindungen. Dem implantologisch tätigen Zahnarzt oder Oralchirurgen stehen heute sowohl ein- als auch zweiteilige Implantatsysteme in steigender Anzahl zur Verfügung. Bei den häufig verwendeten zweiteiligen Implantatsystemen unterscheidet man einen Implantatkörper, welcher in den Knochen inseriert wird, von einem Implantataufbau (Abutment), der durch eine Abutmentschraube fixiert wird. Auf diesem Abutment lässt sich die Suprakonstruktion befestigen (zementiert bzw. verschraubt).

Die Positionierung des Abutments im Implantat erfolgt im dreidimensionalen Raum, dies bedeutet, dass das Abutment in vertikaler (Höhensicherung) und horizontaler (Verdrehsicherung) Richtung sowie in Angulation gesichert platziert werden sollte. Die Höhensicherung des Abutments erfolgt auf einer Kontaktfläche zwischen Implantat und Abutment, je nachdem wie diese Kontaktfläche anguliert ist, wird grundsätzlich eine horizontale Anschlag- von einer Konusverbindung unterschieden (Abb. 1). Die Verdrehsicherung (Rotationssicherung) des Abutments variiert je nach Implantatsystem in ihrem geometrischen Design und wird auch als Positionierungsindex bezeichnet (Abb. 2) [Binon 2000]. Fast alle auf dem Markt erhältlichen zweiteiligen Implantatsysteme weisen eine der drei geometrischen Formen der Rotationssicherung auf: (a) Polygonal (b) Polygonprofil oder (c) Nut- Nocken Design (Abb. 2) [Binon 2000, Nelson 2013]. In den 1960er-Jahren wurde mit dem Brånemark- Implantat das erste dentale Implantat mit einer horizontalen Anschlagverbindung (butt-joint) und einem außerhalb des Implantatkörpers liegenden sechskantigen Positionierungsindex (externes Hexagon) eingeführt [Brånemark et al. 1977]. Zahlreiche Untersuchungen zeigen auf, dass bei Implantaten mit externem Sechskant ein erhöhtes Risiko für Lockerungen oder Frakturen der Abutmentschraube als mechanische Komplikationen besteht [Adell et al. 1990]. In den 1980er-Jahren wurde mit dem sog. ITI-Implantat erstmalig eine konische Implantat-Abutment-Verbindung eingeführt, diese besaß initial keinen Positionierungsindex; 1999 wurde in der Form eines Achtkant (Oktagon) ein Positionierungsindex eingeführt [Sutter et al. 1993].

Positionsstabilität. Während der prothetischen Zwischenschritte bis zur Eingliederung der Suprastruktur ist ein vielfaches Lösen und Repositionieren von Implantatkomponenten notwendig. Positionsänderungen der Implantatkomponenten oder des Abutments können zu Fehlpassungen der definitiven Restauration führen [Semper et al. 2010b].

Rotationssicherung. Aktuelle In-vitro-Untersuchungen verschiedener handelsüblicher Implantatsysteme zeigten mögliche Positionsänderungen des Abutments unterschiedlichen Ausmaßes nach wiederholter Remontage [Semper et al. 2010a, Semper-Hogg et al. 2013, Semper-Hogg et al. 2015]. Die Rotationsmöglichkeit heute erhältlicher Implantatsysteme entsprach in der Mehrzahl der bereits 1996 ermittelten Werte für das externe hexagonale Positionierungsindexdesign (4°) (Brånemark-Implantat) oder wies sogar gesteigerte Positionsabweichungen (> 7°) auf [Binon 1996]. Analytische Studien zur Rotationsfreiheit des Abutments beschreiben neben verschiedenen beeinflussenden Parametern für unterschiedliche Designs eine Abhängigkeit der Rotationsfreiheit von dem möglichen Spiel der Verbindung, das durch Herstellungstoleranzen beeinflusst werden kann [Semper et al. 2009a, Semper 2009b]. Nut-Nocken-Verbindungen erweisen sich aufgrund ihres geometrischen Prinzips im Rahmen der theoretischen Analyse im Vergleich zu Polygonprofilen und polygonalen Positionierungsindexdesigns als rotationsstabiler.

Höhensicherung der Position. Gesteigerte Höhenänderungen (15 bis 144 ?m) des Abutments wurden für Implantatsysteme mit Konusverbindungen beobachtet [Semper et al. 2010a, Semper-Hogg et al. 2013, Semper-Hogg et al. 2015]. Diese resultierten sowohl bei von den Herstellern für die prothetischen Zwischenschritte empfohlener handfester Verschraubung, als auch bei wiederholtem Anzug der Abutmentschraube mit systemspezifischem Drehmoment [Semper et al. 2010a, Semper-Hogg et al. 2013, Semper- Hogg et al. 2015].

Mikrospalt zwischen Implantat und Abutment. Seit 1997 zeigten In-vitro-Untersuchungen, dass weder die horizontale Anschlagverbindung noch die konische Implantat-Abutment-Verbindung eine Passage von Mikroorganismen und ihren Zerfallsprodukten (microleakage) verhindert [Jansen et al. 1997, Aloise et al. 2010, Hader 2010]. Die Visualisierung dieses Mikrospaltes gelang erstmalig unter Nutzung harter Synchrotronröntgenstrahlen und erlaubt heute eine erweiterte Einsicht in die Funktionsweise der Implantat-Abutment- Verbindung und somit dentaler Implantate (Abb. 3) [Rack 2010, Zabler 2012, Nelson 2013, Rack 2013]. Das Vorhandensein eines Mikrospaltes größer 0.1 ?m ohne Belastung und bis zu 30 ?m mit Belastung ist heute unstrittig. Das Microleakage wird bislang mit dem Auftreten verschiedener biologischer Komplikationen, beispielsweise einem erhöhten krestalen periimplantären Knochenverlust der sogenannten Periimplantitis assoziiert [Broggini et al. 2003, Weng et al. 2010, Canullo 2015]. Aktuelle Veröffentlichungen betonen, dass neben dem Microleakage und der damit assoziierten bakteriellen Kontamination des Implantatinneren sowie dem chirurgischen und prothetischen Vorgehen, weitere z. T. noch unbekannte Faktoren eine Periimplantitis begünstigen können [Albrektsson 2016].

Freisetzung von Metallpartikeln. Untersuchungen von unterschiedlichen Implantat-Abutment-Verbindungen nach Belastung mit unterschiedlichen Kräften zeigen Abriebspuren an den Innenflächen des Abutments und des Implantates sowie Abriebpartikel im Implantat (Abb. 4) [Stimmelmayr 2012, Blum 2015]. Eine aktuelle Hypothese geht davon aus, dass diese Partikel durch den Mikrospalt zwischen Implantat und Abutment, der nachweislich durch die Kaubelastung erweitert wird, in das umgebende Hart- und Weichgewebe gelangen könnten [Fretwurst 2016]. So zeigten Metallpartikel, die sich im Gewebe um Implantate mit Periimplantitis detektieren ließen, eine vergleichbare Zusammensetzung mittels EDX-Analyse (Energiedispersive Röntgenspektroskopie) wie Partikel in der Implantat-Abutment- Verbindung [Rack 2013, Blum 2015, Fretwurst 2016]. Metallpartikel und -ionen im periimplantären Weichgewebe mit und ohne Periimplantitis konnten in den letzten Jahren nachgewiesen werden [Olmedo 2013, Wilson 2015, Petterson 2016]. Dennoch bleibt unklar, ob diese Partikel von der Implantat-Verbindung generiert werden. Schließlich könnte auch Biokorrosion, das Inserieren des Implantates, die prothetische Versorgung oder die Oberflächenbearbeitung während einer parodontalen Therapie Ursache für eine mögliche Ionenoder Partikelfreisetzung in das Gewebe sein [Fretwurst 2016, Sdrihar 2016]. Ein Partikelabrieb durch die Implantation selbst wird in der Literatur widersprüchlich diskutiert. Einige In-vivo-Studien am Tiermodell konnten eine erhöhte Titankonzentration nach Implantation im periimplantären Gewebe darstellen, andere Autoren konnten diesen erhöhten Wert nach fünf Monaten nach der Implantation nicht mehr nachweisen [Schliephake 1993, Weingart 1994, Wennerberg 2004]. Zudem zeigt eine jüngst erschienene In-vitro-Studie, dass selbst ein Einbringtorque deutlich über dem empfohlenen Drehmoment von > 60 Ncm keine Partikelfreisetzung zur Folge hat [Sdrihar 2016b].

In der dentalen Implantologie ist bis heute kaum untersucht, welche Auswirkung Ionen und Partikel im periimplantären Gewebe ausüben. Zwei aktuelle humane Studien können zwar Metallpartikel in der Nähe von Makrophagen im periimplantären Gewebe detektieren, allerdings ist bisher keine Korrelation zwischen Metallgehalt und Immunantwort nachgewiesen worden [Olmedo 2013, Fretwurst 2016]. Im Gegensatz dazu zeigte die Arbeitsgruppe um Petterson in einer in diesem Jahr erschienenen In-vitro-Studie, dass die Zytokinexpression von Makrophagen in Kontakt mit Titan gering ist, allerdings umso stärker, wenn Makrophagen vorher mit einem „bakteriellen Stimulus” exponiert wurden [Petterson 2016]. Einen Einfluss von Metallpartikeln auf die Pathogenese der dentalen Periimplantitis wird in der aktuellen Literatur diskutiert [Fretwurst 2016, Sdrihar 2016].

Einfluss von Metallpartikeln im Gewebe. Aus orthopädischen Studien des letzten Jahrzehnts ist bekannt, dass einer der häufigsten Gründe für eine Revision von künstlichen Endoprothesen der sog. aseptische Knochenverlust (aseptic loosening) ist. Abriebpartikel vorrangig aus Metall, Keramik oder Polyethylen, werden durch die Belastung von Hüft- und Knieprothese freigesetzt und finden sich als nanometer- bis mikrometergroße Partikel im periimplantären Gewebe um orthopädische Implantate [Hallab 2009, Bitar 2015]. Dort führen sie zur Stimulation der Immunantwort und konsekutiv zu einer Osteolyse in Abwesenheit von Bakterien. Es wird davon ausgegangen, dass sowohl die Partikelzusammensetzung, als auch die Konfiguration, wie Größe und Form, entscheidende beeinflussende Parameter der lokalen Immunantwort sind [Bitar 2015]. Eine durch Metallpartikel induzierte Osteolyse wird auch für Wirbelsäulenimplantate in der Literatur beschrieben [Hallab 2003].

Auch wenn es in der Orthopädie eine deutlich höhere Studiendichte als in der Zahnmedizin gibt, ist der genaue Pathomechanismus auch hier nicht abschließend geklärt. Lohmann et al. gehen von einer durch Lymphozyten und Makrophagen gesteuerten Immunreaktionen aus [Lohmann 2014]. Bekannt ist, dass eine ganze Kaskade proinflammatorischer Zytokine und Mediatoren die Knochenlyse beeinflussen [Pajarinen 2013, Obando- Pereda 2014, Vasconcelos 2016].

Generell gilt es zu bedenken, dass sich die Erkenntnisse aus der Orthopädie nicht ohne weiteres in die Implantologie übertragen lassen und dass nur wenige Studien zu diesem Thema in der dentalen Implantologie vorliegen, sodass weitere Untersuchungen zeigen müssen, welchen Einfluss Metallpartikel im periimplantären Gewebe ausüben.

Dentale Implantate zeigen hohe Erfolgsraten in Langzeituntersuchungen und sind somit ohne Frage eine etablierte Versorgungsmöglichkeit in der modernen Zahnmedizin. Der Sachverhalt einer möglichen Metallpartikelfreisetzung aus der Implantat-Abutment-Verbindung als potenzieller Einflussfaktor, beispielsweise im Rahmen der Periimplantitis, sollte bei der jetzigen Studienlage nicht überbewertet werden.

Das Literaturverzeichnis finden Sie hier als PDF oder kann beim IZZ bestellt werden unter Tel: 0711/222966-14, Fax: 0711/222966-21 oder EMail: info@zahnaerzteblatt.de.

Dr. Tobias Fretwurst
Dr. Wiebke Semper-Hogg
Prof. Dr. Katja Nelson

 

Periostale Präfabrikation von vaskularisiertem Knochenersatzmaterial

 

Die BoneBox als Bioreaktor

Ausgabe 11, 2016

Die Rekonstruktion und prothetische Rehabilitation von Patienten mit ausgedehnten knöchernen Defekten des Ober- und Unterkiefers sind nach wie vor eine klinische Herausforderung. Tissue Engineering auf Basis individuell gefertigter Knochenersatzmaterialien stellt heute eine potenzielle Alternative zum Goldstandard autologer Knochentransplantate dar. Dennoch zählt die initiale Neovaskularisation nach wie vor zu den wichtigsten limitierenden Faktoren dieser Implantate.

Goldstandard bei der Behandlung und Rekonstruktion knöcherner Defekte in der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie sind nach wie vor autologe Knochentransplantate verschiedener intra- und extraoraler Spenderlokalisationen. Bei großen Kontinuitätsdefekten des Ober- oder Unterkiefers werden vorwiegend mikrovaskuläre Transplantate vom Beckenkamm, Skapula oder Fibula erfolgreich eingesetzt. Zur Defektrekonstruktion kleiner bis mittlerer knöcherner Defekte mit ausreichender Weichgewebedeckung sowie bei der Augmentation des extrem atrophierten Alveolarfortsatzes sind retromolare Knochenblöcke und avaskuläre Knochentransplantate vom anterioren Beckenkamm häufig eingesetzte Verfahren.1,3 Ein Vorteil autologer Beckenkammtransplantate ist die in klinischen Studien gezeigte überlegene Rehabilitation der Kau- und Schluckfunktion nach autologer Beckenkammtransplantation.4 Allen Methoden gemeinsam ist neben der limitierten Verfügbarkeit des Spenderknochens ein zweiter Operationssitus mit den in der Literatur beschriebenen Komplikationsmöglichkeiten wie Nervenverletzung, Schmerzen, Wundheilungsstörung, funktionellen Einschränkungen und Fraktur des Spenderknochens.

Therapieansätze. Auf der Suche nach neuen Therapieansätzen zur Vermeidung der Hebestellenmorbidität lag der wissenschaftliche Fokus in den vergangenen Jahren auf der Entwicklung alternativer Behandlungskonzepte der regenerativen Medizin und des Tissue Engineering. Hierzu wurden verschiedene Therapieansätze basierend auf Wachstumsfaktoren, Progenitorzellen, vorgefertigten Stützstrukturen (Scaffolds) und deren Kombination entwickelt.

Tissue Engineering. Auf diesem Gebiet hat die Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie von Professor Dr. Dr. Rainer Schmelzeisen eine lange Tradition und Vorreiterrolle. Bereits 2003 gelang in der Abteilung die erfolgreiche klinische Anwendung von Bone Tissue Engineering auf Basis periostaler Zellen zur Knochendefektheilung im Bereich der Kieferchirurgie.9 Weiterführende klinische Studien der Arbeitsgruppe konnten nachweisen, dass die Anwendung autologer mesenchymaler Stammzellen in Kombination mit geeigneten Knochenersatzmaterialien die Knochenneubildung anregen können. 10 Das Team um Dr. Dr. Fabian Duttenhoefer zeigte, dass die Kombination dieser Zellen mit autologer Proteinmatrix, gewonnen aus körpereigenen Thrombozyten, neben der Knochenneubildung die initialen Prozesse der Neovaskularisation anregen.11 So ist die initiale Blutversorgung eine Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Integration von Knochenersatzmaterialien.

Basierend auf diesen Erkenntnissen entwickelt die Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie erneut zukunftsweisende Chairside-Verfahren zur intraoralen Hart- und Weichgeweberegeneration.

Weiterführende Projekte. Verschiedene weiterführende Projekte, u. a. im Bereich patientenspezifischer 3D-Verfahren zur Knochenregeneration sind daraus entstanden. So entwickelte Dr. Duttenhoefer in Kollaboration mit Professor Dr. Götz A. Giessler (Chefarzt, Rekonstruktive, Ästhetische und Handchirurgie, Klinikum Kassel) und dem AO Research Institute in Davos eine CAD/CAM-Methode, mit der ein künstliches Trägermaterial besonders schnell mit Knochenzellen besiedelt und mit Blutgefäßen versorgt wird (BoneBox).

Periostale Zellen. Das klinische Anforderungsprofil war dabei die Rekonstruktion und prothetische Rehabilitation ausgedehnter Alveolarfortsatzatrophien, die nach wie vor eine große Herausforderung darstellen. Verschiedenste Knochenersatzmaterialien bieten heute potentielle Alternativen zum Goldstandard autologer und allogener Knochentransplantate. Indes sind die initiale Neovaskularisation sowie langfristige, stabile, vertikale Knochenverhältnisse die limitierenden Faktoren dieser Materialien. Frühere Arbeiten der Abteilung konnten nachweisen, dass körpereigene periostale Zellen ein hohes regeneratives Potenzial besitzen. Diese in der des Periosts lokalisierten Zellen können in der natürlichen Knochenbruchheilung die Gefäßeinsprossung in die Defektzone orchestrieren und mesenchymale Stammzellen dazu anregen neuen Knochen zu bilden.

Präfabrikation. Ziel der Arbeitsgruppe war es ein patientenspezifisches Verfahren zu entwickeln, das neuen Knochen in der Dimension des knöchernen Defekts auf Basis von Knochenersatzmaterialien präfabriziert. Um eine schnelle Translation in die klinische Anwendung zu ermöglichen sollten ausschließlich autologe (also direkt im Körper vorhandene) Zellen Verwendung finden und alle Materialien bereits medizinisch zugelassen sein.

BoneBox. Das aus diesem Anforderungsprofil heraus entwickelte Konzept der BoneBox besteht aus einer freidimensionierbaren CAD/CAM-Box aus „medical grade" Polyetheretherketon (PEEK) mit einem Kern aus Knochenersatzmaterial (?TCP) (Abb. 1). PEEK ist ein hochtemperatur- und chemikalienbeständiger thermoplastischer Kunststoff, der wiederholt sterilisierbar, biokompatibel und röntgendurchlässig ist. Darüberhinaus lässt sich PEEK im CAD/CAM-Verfahren bearbeiten. Das als Knochenersatzmaterial gewählte ?TCP hat sich über Jahre klinisch bewährt und ließ somit eine gute Vergleichbarkeit der eigenen Ergebnisse mit anderen Studien zu.

Bioreaktor. Die BoneBox wird als Bioreaktor zwischen Periost und knöcherner Kompakta implantiert (Abb. 2). So hat das Knochenersatzmaterial Kontakt sowohl zur Knochenoberfläche als auch zur Kambiumschicht des Periost. Als Ort der Implantation der Bone- Box zur Knochenneubildung wurde der in der plastischen Chirurgie etablierte Corticoperiostale Lappen der medialen Femurkondyle gewählt. Dieser weist neben einem definierten Gefäßstiel, der Arteria genicularis descendens, eine exzellente operative Erreichbarkeit und geringe Spenderseitenmorbidität auf. Im Falle der BoneBox wird diese zusätzlich reduziert, da später kein autologer Knochen entnommen wird.

Knochenneubildung. Erste präklinische Studien wurden im Schafsmodell bereits erfolgreich durchgeführt. Die Auswertung mittels ?CT Scans erfolgten direkt postoperativ sowie nach zwölfwöchiger Einheilungsphase. Hierbei konnte bereits in der Kontrollgruppe, ohne Knochenersatzmaterial, eine hoch reaktive Bioreaktorkapazität mit basaler Knochenneubildung nachgewiesen werden (Abb. 3). Zur Dokumentation der Knochenneubildung wurden in-vivo Fluorochrome- Markierung nach vier (CalceinGreen) und acht (Xylenol Orange) Wochen durchgeführt. Nach zwölf Wochen in situ wurden die Präparate histologisch ausgewertet (Giemsa-Eosin, prämortale i. v. Tuscheinjektion).

Bereits nach vier Wochen zeigte die Fluorochrome- Markierung eine Knochenneubildung im Bioreaktor (Abb. 4). Nach zwölf Wochen ließ sich ein vermehrter Abbau und Ersatz des ?-TCP-Scaffolds durch neugebildeten Knochen sowie eine ausgedehnte Neovaskularisation ausgehend vom Periostlappen (Giemsa-Eosin, Tusche) nachweisen (Abb. 5). Über 50 Prozent des Knochenersatzmaterials waren dabei vertikal knöchern durchbaut, mit einer Total-Volumenzunahme von neun Prozent und einem Anstieg des Kalzifizierungslevels um 30 Prozent (Abb. 6).

Neovaskularisation. Zusammenfassend ließ sich feststellen, dass das CAD/CAM-Bioreaktorkonzept in hohem Maße die vertikale Knochenneubildung und Neovaskularisation des Knochenersatzmaterials fördert und der neugebildete, vaskularisierte Knochen stark kalzifiziert und für eine Transplantation geeignet ist. Der modulare Aufbau der BoneBox ermöglicht jetzt die passgenau Transplatation des neugebildeten Knochens sowohl avaskuläre als auch als mikrovaskuläres, gefäßgestieltes Transplantat in den andernorts zu therapierenden knöchernen Defekt. Das Verfahren soll zeitnah zur Behandlung von Patienten mit ausgedehnten Knochendefekten oder Knochenrückbildung, wie beispielsweise bei der ausgedehnten Alveolarfortsatzatrophie, klinische Anwendung finden.

Das Literaturverzeichnis finden Sie hier als PDF oder kann beim IZZ bestellt werden unter Tel: 0711/222966-14, Fax: 0711/222966-21 oder EMail: info@zahnaerzteblatt.de.

Dr. med. Dr. med. dent. Fabian Duttenhoefer

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Update Oralchirurgie

 

Ausgeprägtes Odontom im Unterkiefer

Ausgabe 11, 2016

Das Odontom stellt einen der häufigsten odontogenen Tumore dar. Häufig sind sie mit Störungen des Zahndurchbruchs und Zahnretentionen assoziiert. Kommt es zu einer rechtzeitigen Entfernung des Durchbruchhindernisses ist ein Spontandurchbruch der retinierten Zähne möglich. Im vorliegenden Fall konnte nach Entfernung eines ausgeprägten Odontoms im anterioren Unterkiefer eines kleinen Jungen der weitere Verlauf für über ein Jahr dokumentiert werden.

Ein achtjähriger Patient wurde von der Hauszahnärztin aufgrund einer Raumforderung im anterioren Unterkiefer überwiesen. Zum Zeitpunkt der Erstvorstellung wies der Patient keine Allgemeinerkrankungen auf. Der extraorale Befund war unauffällig. Intraoral imponierten, bei altersentsprechender Dentition im Oberkiefer, in der Unterkieferfront die persistierenden Zähne 73, 72, 71 und 81 sowie Zahn 42. Regio 73 bis regio 83 zeigte sich eine vestibulär tastbare, knochenharte, schmerzlose Auftreibung des Knochens bei intakter Mukosa (Abbildung 1). Die Zähne 73, 72, 71, 81 und 42 reagierten positiv auf den Kältetest, die Sensibilität des Nervus alveolaris inferior war nicht beeinträchtigt. Eine Schmerzsymptomatik bestand nicht.

Die Raumforderung war bis dato noch nicht aufgefallen, eine durch die Hauszahnärztin angefertigte Panoramaschichtaufnahme zur Abklärung der Lage der bleibenden Unterkiefer Inzisivi hatte zu dem Befund geführt. Auf der Panoramaschichtaufnahme imponierte eine im Durchmesser circa 20 mm große, scharf begrenzte intraossäre Veränderung in der anterioren Mandibula mit zentraler schmelzund dentindichter Verschattung und interponierten Aufhellungsarealen. Die persistierenden Milchzähne 72, 71 und 81 waren apikal deutlich nach lateral verdrängt, die retinierten Zähne 31, 32 und 41 waren deutlich nach lateral-kaudal verdrängt (Abbildung 2).

Befund. Zur weitergehenden Diagnostik und Lagebestimmung der retinierten Zähne erfolgte die Anfertigung einer dentalen Volumentomographie. Hierbei imponierte der ausgedehnte Befund im anterioren Unterkiefer sowie die Verlagerung der Zähne 31, 32 und 41. Die Wurzel des in die kaudale Kompakta des Unterkiefers verlagerten Zahnes 31 wies eine deutliche Krümmung von 90 Grad bei nahezu abgeschlossenem Wurzelwachstum auf. Die Kompakta des Unterkiefers präsentierte sich im Bereich der Läsion deutlich ausgedünnt und aufgetrieben. Die radiologische Charakteristika erhärtete die Verdachtsdiagnose eines zusammengesetzten Odontoms (Abbildung 3 und 4).

In Intubationsnarkose erfolgte die Darstellung des Unterkiefers mittels eines Zahnfleischrandschnittes. Nach Präparation des Mukoperiostlappens und Entfernung der persistierenden Zähne 73, 72, 71 und 81 erfolgte die vorsichtige partielle Abtragung der dünnen, vestibulär den Tumor bedeckenden Kompakta (Abbildung 5). Nach Zerteilung des knochenharten Tumors konnte dieser unter Schonung der benachbarten retinierten Zähne in toto entfernt werden. Auf Grund der starken horizontalen Verlagerung und der massiven Wurzelkrümmung bei nahezu abgeschlossenem Wurzelwachstum erfolgte zusätzlich die Entfernung des retinierten Zahnes 31. Nach Reposition des Mukoperiostlappens erfolgte der primäre Wundverschluss mit resorbierbaren Nähten.

Das Resektat zeigt den gut abgegrenzten Tumor mit seiner glatten Oberfläche und der bindegewebigen Kapsel (Abbildung 6). Die histopathologische Aufarbeitung sicherte die Diagnose eines zusammengesetzten Odontoms. Der postoperative Verlauf gestaltete sich komplikationslos.

Kontrolle. Es erfolgten halbjährliche Kontrollen zur Überwachung des weiteren Zahndurchbruchs und der Einstellung der Zähne 33, 32 und 41. Nach sechs Monaten präsentierte sich radiologisch eine deutliche Einstellungstendenz der Zähne 33 und 41 sowie eine vollständige knöcherne Durchbauung der Resektionshöhle. Zahn 32 war bereits durchgebrochen. Nach zwölf Monaten präsentierte sich der Zahn 32 regelrecht eingestellt, Zahn 33 befand sich in regelrechter Position im Durchbruch und Zahn 41 befand sich kurz vor dem Durchbruch in deutlichem Vestibulärstand (Abbildung 7 und 8).

Nach vollständigem Durchbruch aller bleibenden Zähne ist eine kieferorthopädische Therapie mit Lückenschluss in der Unterkieferfront geplant.

Diskussion. Odontome sind gutartige Fehlbildungen oder Läsionen odontogenen Ursprungs, die heutzutage weniger als echte Tumoren sondern als entwicklungsbedingte Anomalie der Zahnleiste angesehen werden, jedoch weiterhin den odontogenen Tumoren zugeordnet werden [Barnes et al., 2005]. Hierbei stellt das Odontom einen der häufigsten odontogenen Tumore dar. Die Inzidenz variiert in der Literatur von 21 Prozent bis 75,9 Prozent [Soluk- Tekkesin et al., 2011].

Man unterscheidet zwei Formen des Odontoms: [Barnes et al., 2005]

- das komplexe Odontom,

- das zusammengesetzte Odontom (compound Odontom)

Das komplexe Odontom wird beschrieben als „Malformation, in welcher alle odontogenen Gewebe vorhanden sind. Einzelne odontogene Gewebe sind gut ausgebildet, aber kommen in einer mehr oder weniger ungeordneten Zusammensetzung vor“ [Kramer et al., 1992]. Es findet sich am häufigsten im posterioren Bereich des Unterkiefers, typischerweise im Prämolarenbereich [Amado Cuesta et al., 2003].

Das zusammengesetzte Odontom unterscheidet sich vom komplexen Odontom dadurch, dass gleichfalls alle Zahnbestandteile ausgebildet sind, diese aber in Form zahnartiger Partikel vorliegen. Als häufigste Lokalisation gilt der anteriore Oberkiefer [Kramer et al., 1992].

Odontome imponieren radiologisch häufig als kompakte, zahndichte Verschattung, wobei jedoch erhebliche Unterschiede hinsichtlich der Mineralisierung und damit der Röntgenopazität bestehen. Die Verdachtsdiagnose eines Odontoms ergibt sich dadurch schon häufig aufgrund des radiologischen Befundes.

Häufig sind Odontome mit verlagerten und retinierten Zähnen assoziiert und werden erst aufgrund von Durchbruchstörungen der bleibenden Zähne diagnostiziert [Hidalgo-Sánchez et al., 2008; Tomizawa et al., 2005].

Retentionen. Im Allgemeinen ist die häufigste Ursache von Zahnretentionen die nicht achsengerechte Durchbruchrichtung der Zahnanlage und Platzmangel. Daneben können die Retentionen aber auch, wie im vorliegenden Fall, durch pathologische Prozesse wie Tumoren und Zysten verursacht werden, wobei hierbei häufig Odontome die Ursache der Durchbruchstörung sind [Hisatomi et al., 2002].

Generell erfordert jeder verzögerte Zahndurchbruch oder Unregelmäßigkeiten im Zahnwechsel eine frühzeitige weitere radiologische Abklärung, um eine Schädigung der retinierten Zähne oder umgebenden Gewebe zu verhindern. Hierbei wachsen Odontome gutartig verdrängend und können dadurch zur Verdrängung von Nachbarstrukturen führen. Erst ab einer gewissen Größe kann es zu klinisch diagnostizierbaren Auftreibungen der Kiefer kommen. Im vorliegenden Fall erreichte das Odontom einen Durchmesser von knapp 20 mm. Durch die Größe der Raumforderung kam es zu einer Verlagerung der Zähne 32, 31 und 41 und damit einhergehend zu einer massiven Störung des orthograden Zahndurchbruchs. Zahn 31 wurde hierbei mit deutlicher Achsabweisung bis in den kaudalen Teil des Unterkiefers verlagert, sodass auf Grund der Wurzelkrümmung eine regelrechte Einstellung auch mit kieferorthopädischer Therapie als unwahrscheinlich betrachtet wurde. Aufgrund dessen fiel der Entschluss zur Entfernung und späterem kieferorthopädischen Lückenschluss. Die verlagerten Zähne 32 und 41 sowie der retinierte Zahn 33 brachen im weiteren Verlauf trotz der massiven Verlagerung ohne weitere Therapie in die Mundhöhle durch.

Therapie. Die Therapie von Odontomen besteht in der vollständigen operativen Entfernung unter Schonung der Nachbarstrukturen. Odontome weisen in der Regel nach vollständiger Entfernung keine Rezidive auf [Barnes et al., 2005]. Nach der Beseitigung des Durchbruchhindernisses können verlagerte Zähne sekundär spontan durchbrechen oder gegebenenfalls mittels chirurgischer und kieferorthopädischer Maßnahmen eingestellt werden. Kommt es wie im vorliegenden Fall nicht zur frühzeitigen Entfernung, kann es neben dem progredienten Größenwachstum zur Beschädigung und massiven Verlagerung von retinierten Zähnen kommen, sodass eine Einstellung nicht mehr möglich ist. Aus diesem Grund sollten Odontome, die ein Durchbruchshindernis darstellen, möglichst frühzeitig entfernt werden [Ashkenazi et al., 2007].

Fazit. Der dargestellte Fall zeigt, dass Zahndurchbruchstörungen und Retentionen auch bei klinischer Asymptomatik im Zusammenhang mit pathologischen Veränderungen stehen können und daher unter Berücksichtigung des Alters eine frühzeitige radiologische Kontrolle im Hinblick auf therapeutisch relevante Ursachen anzustreben ist. Bei rechtzeitiger Diagnose und Therapie von Odontomen kann eine Schädigung und Verlagerung von Nachbarstrukturen und Zähnen oft vermieden werden. Häufig kommt es zu einem Spontandurchbruch der retinierten Zähne. Eine engmaschige Kontrolle des weiteren Durchbruchs und gegebenenfalls die Einleitung weiterer chirurgischer und/oder kieferorthopädischer Maßnahmen werden empfohlen.

Dr. Georg Huber, Fachzahnarzt für Oralchirurgie

 

Herbstkonferenz der BZK Karlsruhe und der Akademie Karlsruhe

 

Was die Arbeit leichter macht

Ausgabe 11, 2016

Wir leben im Zeitalter der Komplexität und der Beschleunigung, in dem sich das Leben der Menschen mit wachsender Geschwindigkeit verändert und die Arbeitsbelastung kontinuierlich steigt. Dauerleistung, zunehmende Flexibilität, Stress und Überforderung sind Hauptaspekte unseres aktuellen Arbeitslebens. Doch nur die wenigsten Menschen können mit diesen sich immer stärker ausprägenden Phänomenen umgehen. Die diesjährige Herbsttagung widmete sich dem wichtigen Thema der Arbeitserleichterung und zeigte Techniken, um Arbeitsprozesse effizienter zu gestalten und die Zusammenarbeit im Team zu optimieren.

Am 23. September herrschte im Konferenzzentrum Baden-Baden positive Fortbildungsstimmung. Zahnärztinnen und Zahnärzte sowie komplette Praxisteams aus Baden- Württemberg trafen sich an diesem Tag, um neue Impulse für die Gestaltung des Arbeitsalltags zu erhalten.

Dr. Norbert Engel, Vorsitzender des Bezirksvorstands Karlsruhe, und Prof. Dr. Winfried Walther, Direktor der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe, eröffneten die Fortbildungsveranstaltung und freuten sich über die rege Teilnahme. Prof. Walther betonte in seiner Eröffnungsrede die zunehmende Bedeutung des Fortbildungsthemas „Die Momente, in denen über die Arbeit nachgedacht wird, sind rar und die Handgriffe oft von Routine diktiert“. Gemeinsam mit Dr. Volker Bracher, Mitglied des Bezirksvorstands Karlsruhe, moderierte Prof. Walther die Vorträge und begleitete das Publikum durch die komplette Fortbildungsveranstaltung.

Live-Demonstration. Der Tag fing mit einem Highlight an: der Übertragung einer Live-Behandlung aus der Karlsruher Akademie. Dr. Andreas Bartols M.A. demonstrierte im Rahmen eines endodontischen Eingriffs die optimale Planung der Behandlung, erklärte die eingesetzten Instrumente und gab wichtige Tipps zu modernen Geräten und zum Instrumentarium. In seiner Demonstration ging es auch um den effizienten Einsatz der assistierenden zahnmedizinischen Mitarbeiterinnen und um das Thema ergonomisches Arbeiten. Während des Eingriffs beschrieb er im Detail die durchgeführten Arbeitsschritte und ermöglichte dadurch einen Einblick in die Praxisrealität.

Adäquate Stuhlassistenz. Bereits im Mittelalter gab es „Helfer des Zahnbrechers“. Als Einführung in das Thema „Was macht eine adäquate Stuhlassistenz aus?“ erzählte Dr. Jörg Augenstein M.A. die spannende Geschichte der Zahnmedizinischen Fachangestellten und betonte die lange Tradition dieses Berufs in Deutschland. Um das Thema praxisnah zu beleuchten, brachte Dr. Augenstein drei konkrete Konzepte für die optimale Zusammenarbeit am Patienten aus drei Zahnarztpraxen mit, die durch die Praxisinhaber und ihre Zahnmedizinischen Fachangestellten erklärt wurden. Dies ermöglichte wertvolle Tipps aus den Bereichen konservierende Zahnheilkunde (Michael Seitz M.A. und Kirstin Hennig), Chirurgie (Dr. Dragan Razmilic M.A. und Linda Demir) und Prothetik (Dr. Carmen Marin M.A. und Jasmin Weber).

Effizientes Delegieren. Im nächsten Vortrag vermittelte Axel Thüne dem Publikum die Kunst des Delegierens. Zuerst erklärte er, wie Stress- und Alarmreaktionen die Arbeitsleistung vermindern. In Stresssituationen wird ein jahrtausendealtes Gefahrenabwehrsystem aktiviert: die Amygdala. Wenn dieser Mandelkern die Kontrolle übernimmt, konzentrieren sich Menschen nur auf die Bewältigung unmittelbarer Gefahren und das menschliche System schaltet auf Kampf- und Flucht-Reaktionen. Der Körper wird rasch vorbereitet: Spannung, Herzschlag und Blutdruck steigen. Gleichzeitig werden die Fähigkeiten nachzudenken heruntergefahren. Die Verhaltenssymptome sind schnell erkennbar: chaotisches, aufgeregtes Agieren ohne Plan und Ziel, schnell eskalierende Konflikte, Leistungsschwäche.

Führungskräfte können solche Situationen vermeiden, indem sie Kommunikationsstrategien implementieren, die Ruhe und Zielorientierung fördern. Außerdem ist eine klare Definition von Verantwortlichkeiten wichtig und Handlungsräume zur Mitwirkung der Mitarbeiter.

Axel Thüne erklärte anhand von Beispielen wie die Mitarbeitermotivation gesteigert werden kann und wie mit Fehlern konstruktiv umgegangen wird.

Stressbewältigung. Als Sportpsychologe beschäftigt sich Dr. Thorsten Leber mit einer großen Bandbreite von Themen wie Umgang mit Stress, Umsetzung und Erweiterung des Leistungspotenzials, individuelle Zielsetzung, Karriereplanung bis hin zu Burnout und Depression. Dr. Leber erklärte in seinem Vortrag, dass sich Leistungssport und normales Arbeitsleben sehr ähneln. Wie auch im Sport ist die Regeneration im Arbeitsleben von enormer Relevanz. Denn nicht nur für Sportler ist der Körper das Werkzeug, mit dem täglich harte Arbeit geleistet wird.

Aufgrund von permanentem Leistungsdruck sind viele Menschen mentalem Dauerstress ausgesetzt. Doch nur die Wenigsten wissen, dass Stress steuerbar ist und die menschliche Wahrnehmung trainiert werden kann. Dr. Leber zeigte, wie das biopsychosoziale System ins optimale Gleichgewicht gebracht werden kann und erklärte praktische Strategien zur Stressbewältigung. Unterstützt durch praxisnahe Beispiele eröffnete der Referent dem Publikum neue Blickwinkel und Denkanstöße.

Visualisierung. Lange bevor es eine Verschriftlichung der menschlichen Sprache gab, haben bereits Bilder existiert. Für Albrecht Kresse, Gründer der edutrainment company, ist Visualisierung Hauptaspekt und Fokus seiner täglichen Arbeit. Auf unterhaltsame und humorvolle Art fasste er am Ende des Fortbildungstages alle Vorträge visuell auf Flipcharts zusammen und half dadurch dem Publikum, sich die wichtigsten Inhalte besser einzuprägen.

Auch Meetings können von der Visualisierungstechnik profitieren, denn Bilder erleichtern das Verständnis von Inhalten. In dem Mitmach-Experiment „Jeder kann zeichnen“ demonstrierte Albrecht Kresse, wie mit einfachen Strichen professionell aussehende Zeichnungen entstehen. Darüber hinaus gab es interessante Tipps für effizientere Teammeetings.

Herbstkonferenz 2017. Nach wissensreichen und unterhaltsamen Vorträgen klang die Fortbildungsveranstaltung mit einem gemütlichen Abendessen und einem sportlichen Bowlingfest aus. Auch im nächsten Jahr werden die Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe und die Bezirkszahnärztekammer Karlsruhe kooperieren, um eine spannende Herbstkonferenz mit einem vielfältigen Fortbildungsprogramm anzubieten.

radu@lzk-bw.de

 

20. KH-Symposium und Herbsttagung der BZK Stuttgart

 

Rückblicke und Ausblicke

Ausgabe 11, 2016

Zum 20. Mal lud die Vereinigung für wissenschaftliche Zahnheilkunde Stuttgart zusammen mit der Bezirkszahnärztekammer Stuttgart zu einem gemeinsamen Symposium. Zur Jubiläumsveranstaltung am 8. Oktober 2016 in der Alten Reithalle des Maritim Hotels waren renommierte Vertreter aus den verschiedenen Fachgesellschaften der Zahnheilkunde zusammengekommen, um aus ihrer fachspezifischen Sicht auf die Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte zurückzublicken und einen Ausblick auf die Zukunft zu wagen.

Professor Dr. Dr. Dieter Weingart, der vor 20 Jahren bei seinem Antritt als Ärztlicher Direktor der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Katharinenhospitals am Klinikum Stuttgart das gemeinsame Symposium mit der Bezirkszahnärztekammer ins Leben rief, erinnerte an die zurückliegenden Veranstaltungen, zu denen renommierte internationale Referenten eingeladen wurden, sodass in Stuttgart eine herausragende Fortbildungsreihe geschaffen werden konnte.

Die Themen der vergangenen Jahre berührten viele für die Zahnmedizin wichtigen Arbeitsfelder wie zum Beispiel „Innovative Methoden der Tumortherapie im Kiefer-Gesichtsbereich“ (1999), „Der Risikopatient in der zahnärztlichen Praxis“ (2001), „Juristische Fallstricke in der zahnärztlichen Praxis“ (2002), „Infektionen in der zahnärztlichen Praxis“ (2005), „Der zahnärztliche Notdienst: Was tun und was besser lassen“ (2009) und „Rechtliche Stolperdrähte im Praxisalltag“ (2011).

Besonders lobte Prof. Weingart die gute Zusammenarbeit mit Dr. Konrad Bühler, der als Vorsitzender der BZK Stuttgart das Symposium die letzten 16 Jahre begleitet hatte und verabschiedete ihn herzlich. Dr. Bühler gibt sein Amt zu Jahresende an Dr. Eberhard Montigel ab, den Prof. Weingart im neuen Amt willkommen hieß.

In seinem persönlichen Rückblick erinnerte Dr. Bühler an den Beginn des Symposiums – damals noch in deutlich kleinerem Kreis im alten Hörsaal der Mund-Kiefer- Gesichtschirurgie, der inzwischen den Neubaumaßnahmen am Klinikum Stuttgart weichen musste; später dann – bei großem Zuspruch der Kolleginnen und Kollegen und stetig wachsenden Teilnehmerzahlen – im Lindenmuseum sowie im festlichem Ambiente der Alten Reithalle.

Fortschritt. „Parodontologie im Jahre 2016 – Fortschritt oder Rückschritt?“: Zum Auftakt der Veranstaltung wies Prof. Dr. Dr. Holger Jentsch, Leiter des Funktionsbereichs Parodontologie am Universitätsklinikum Leipzig sowie Generalsekretär der DG PARO, auf die Rolle der Parodontologie als Fundament der Zahnheilkunde hin. Die Fünfte Deutsche Mundgesundheitsstudie habe belegt, dass die Parodontaltherapie in den letzten Jahren sehr erfolgreich durchgeführt wurde. Der Trend gehe weg von der chirurgischen Therapie, wobei die internistische Komponente der systemischen Erkrankung Parodontitis immer mehr in den Vordergrund rücke. Zu wenig sei bisher die Entzündungssituation im Körper erforscht, die durch Ernährungsumstellung und Probiotika positiv beeinflusst werden könne. In Zukunft müsse vermehrt auf die veränderten Bedingungen durch die Demografie sowie den Wunsch nach langfristigem Zahnerhalt eingegangen werden.

Unter dem Titel „20 Jahre Zahnerhaltung: Was haben wir erreicht, wo geht es hin?“ lobte Prof. Dr. Roland Frankenberger in seiner Position als Direktor der Abteilung für Zahnerhaltungskunde der Universität Marburg sowie Past-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung die Zahnärzteschaft, die in der Kariesprävention sehr gute Arbeit geleistet habe. Heutzutage hätte man durch eine Weiterentwicklung der Adhäsivtechnik sowie Minimalinvasivität enorme Vorteile. Ein besonderes Augenmerk legte er auf die Erneuerung der universitären Ausbildung und wies auf die veraltete Approbationsordnung hin, deren Überholung dringend notwendig sei. Auch durch enormen wirtschaftlichen Druck sowie horrende Hygienekosten sei eine adäquate, zukunftsorientierte Ausbildung des zahnärztlichen Nachwuchses gefährdet.

Endodontie. „20 Jahre Endodontie – was kam und was bleibt?“. In seiner Funktion als Oberarzt der Universitätspoliklinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie der Martin-Luther-Universität Halle- Wittenberg und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Endodontologie und zahnärztliche Traumatologie (DGET) stellte Prof. Dr. Christian R. Gernhardt die Frage: „Was ist der „bessere Zahn“? Implantat oder endodontologisch behandelter Zahn?“. In den letzten 20 Jahren sei die Problematik der Periimplantitis erkannt worden und auch die demografische Entwicklung habe Zahnerhalt wieder „hip“ werden lassen. U. a. durch elektronische Aufbereitung und Längenbestimmung sowie die Möglichkeiten der digitalen Volumentomografie seien inzwischen Erfolgsraten von über 90 Prozent möglich.

Prothetik. „State of the art – Zahnärztliche Prothetik gestern, heute und morgen“ lautete das Thema von Prof. Dr. Meike Stiesch-Scholz, Präsidentin der DGPro sowie Direktorin der Klinik für Zahnärztliche Prothetik an der Medizinischen Hochschule Hannover. Patienten blieben heutzutage länger „gesund im Mund“, was einen erhöhten Bedarf an prothetischer Versorgung nach sich ziehe, erläuterte sie. Wichtig seien hierfür auch in der Zukunft die Patientensicherheit, Innovation und neue Technologien – wie z. B. antibakterielle Werkstoffe – und Nachhaltigkeit. Besonders sei hier auch die Weiterentwicklung des digitalen Workflows voranzutreiben. Sie hat die Vision eines biologischen Zahnersatzes mittels Tissue- Engineering aus Stammzellen oder Milchzähnen.

Unter dem Titel „Die Rolle der Kieferorthopädie in der zahnärztlichen Praxis“ wies Vizepräsident der DGKFO Dr. Peter Wasiljeff darauf hin, dass bei steigender Ausbildungszahl der Kieferorthopäden ein hoher Qualitätsstandard in der Weiterbildung gewahrt werden sollte. Besonders auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit spiele eine große Rolle, was Dr. Wasiljeff anschaulich anhand einiger Fallbeispiele aus seiner Praxis darstellte.

Laserzahnheilkunde. „Was hat die Laserzahnheilkunde verbessert?“ fragte Prof. Dr. Dr. Siegfried Jänicke, Ärztlicher Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am Klinikum Osnabrück. Er gewährte einen Einblick in das gesamte Spektrum der Laserzahnheilkunde und erinnerte an die Gründung der DG Laser vor 25 Jahren in Stuttgart. Je nach Wellenlänge habe jeder Laser seine eigene Indikation in der Zahnheilkunde. Dies reiche von chirurgischen Eingriffen bis hin zur Kariesentfernung oder der photodynamischen Desinfektion. Zukünftig werde auch das neue Verfahren des „Selective Laser Melting“ eine große Rolle spielen, denn es ermögliche die exakte und spannungsfreie Herstellung z. B. von Rekonstruktionsplatten bei großen Knochendefekten.

Oralchirurgie. Mit dem Thema „Die Entwicklung der Oralchirurgie als integraler Bestandteil der Zahnheilkunde und Weiterbildungsfach“ beschäftigte sich Prof. Dr. Gerhard Wahl, Direktor des Zentrums für ZMK-Heilkunde der Universität Bonn. Er mahnte an, dass die Approbationsordnung seit 1955 nicht geändert worden sei, der medizinische Kontext des Faches Zahnmedizin sich allerdings stark geändert habe und gerade internistische Erkrankungen, wie Diabetes mellitus, eine sehr große Rolle spielen würden. Eine suffiziente Ausbildung von Oralchirurgen in weiterbildungsberechtigten Praxen sei schwierig, da oft der klinische Background fehle. Dies könne auch nicht über teure Wochenendkurse aufgeholt werden. Mit großer Sorge blicke er auf den Stand der Oralchirurgen bei stetiger Abnahme oralchirurgischer Lehrstühle. Eine Doppelapprobation als Voraussetzung für eine zahnärztlichchirurgische Tätigkeit sollte nicht das Ziel sein.

Digitalisierung. „20 Jahre MKGChirurgie – Entwicklungen und Trends“ – als Abschluss des Symposiums berichtete Dr. Rolf Bublitz, leitender Oberarzt der Mund-, Kieferund Gesichtschirurgie des Katharinenhospitals am Klinikum Stuttgart, von der Entwicklung der letzten 20 Jahre, welche vor allem durch die Digitalisierung geprägt war. Jetzt – im digitalen Zeitalter – habe durch Digitalisierung der Bilddaten, Digitale Volumentomografie und neue Technologien, wie Navigation oder virtuelle Operationsplanungen, eine Revolution in der Medizin und auch in der MKG-Chirurgie stattgefunden. Auch die Schlafmedizin sei als neuer Tätigkeitsschwerpunkt aus der MKG hervorgegangen und so könne man durch Schienentherapie, Laserbehandlung oder Kieferumstellung die Beschwerden bei Schnarchen oder Schlafapnoe lindern.

Wie es seit 20 Jahren Tradition ist, wurde auch die Pause des gut besuchten Symposiums zum Meinungsaustausch und für Diskussionen genutzt – und dabei der Imbiss genossen.

Dr. Sabine Schild