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Kolumne

Was macht das Ärztliche des Zahnarztberufs aus?

Ausgabe 1, 2017

Der Zahnarztberuf ist ein Arztberuf. Der Arztberuf zeichnet sich als freier Beruf vor allem dadurch aus, dass er sich einer Gemeinwohlverpflichtung verschreibt. Arzt zu sein bedeutet, sich gerade nicht auf eine privatwirtschaftliche Denkweise reduzieren zu lassen, sondern zu erkennen, dass der Arztberuf ein von Grund auf gemeinwohlorientierter Beruf ist. Das macht seine Bedeutung und zugleich auch seinen Reiz aus, denn nur so hat man als Zahnarzt das Gefühl, jeden Tag etwas sehr Sinnvolles, ja Sinnstiftendes zu tun – als Arzt. Allerdings ist es wichtig, den Erwerbsdruck der Zahnärzte als unvermeidbare und selbstverständliche Realität ernst zu nehmen. Die Notwendigkeit, dass Zahnärzte Einnahmen erzielen müssen, darf nicht einfach zugedeckt werden, weil das ein realitätsfremder Überidealismus wäre. Man braucht die wirtschaftlichen Interessen der Zahnärzte ja auch gar nicht zu leugnen, aber die Strukturen müssen so sein, dass der Patient darauf vertrauen kann, dass er trotz des Erwerbsdrucks der Zahnärzte immer gut beraten werden wird, dass der Rat des Zahnarztes als Arzt eben primär dem Patienten gilt und nicht primär der Erwirtschaftung von Umsätzen.

In der Industrie zählt Absatzsteigerung, Gewinnmaximierung als Wert an sich und das gilt per se als Ausdruck von Erfolg; der Erfolg des Geschäftsmanns bemisst sich vorrangig nach diesen Zahlen. Der Erfolg des Zahnarztes aber bemisst sich nach ganz anderen Kriterien, nämlich nach Werten wie Sorgfalt, Geduld, Reflexivität, Zugewandtheit – alles Qualitäten, die ihn als Vertrauensperson ausmachen. Es ist gerade Aufgabe der Selbstverwaltung, eine Kultur in der Medizin zu ermöglichen, durch die deutlich wird, dass ein Zahnarzt nicht restlos altruistisch sein muss und interesselos, sondern dass es legitim ist, wenn ein Zahnarzt anerkannt und erfolgreich sein will. Aber für diese Anerkennung muss der Zahnarzt ein Qualitätssystem internalisieren, das die Ausrichtung am Wohl des Patienten zum Kernmerkmal seiner Qualität erklärt.

Es geht darum, ein System zu entwickeln, das den Zahnärzten verdeutlicht, dass es in ihrem eigenen Interesse ist, das Wohl des Patienten an die oberste Stelle zu stellen. Für die Zahnmedizin muss die Ausrichtung am Wohl des Patienten als eigentliche Voraussetzung für beruflichen Erfolg gewertet werden. Damit ein solches Credo aber auch tatsächlich überall Praxis wird, müssen die Kontrollsysteme so sein, dass sie diejenigen belohnen, die danach leben und zugleich auch die sanktionieren, die das private Gewinninteresse als leitend ansehen. Das private Gewinninteresse darf in der Zahnmedizin nicht geleugnet werden, aber derjenige, der den Gewinnimpuls vor das Patienteninteresse stellt, darf auf keinen Fall einen Wettbewerbsvorteil haben, sondern dieses Verhalten muss als Bremsklotz auf dem Weg zu einem erfolgreichen Zahnarzt spürbar gemacht werden. Oder positiv ausgedrückt: Der verantwortlich handelnde Zahnarzt muss eine Rückenstärkung erfahren durch das System, und er darf auf keinen Fall das Gefühl bekommen, dass er die verdiente Wertschätzung von Seiten seiner Patienten bezahlen muss durch die Inkaufnahme von Einnahmeeinbußen. Es darf keine Diskrepanz geben zwischen guten Zahnärzten und gut verdienenden Zahnärzten, denn jede erfahrende Diskrepanz dieser Art evoziert eine moralische Dissonanz, die à la longue die ethische Überzeugung und prosoziale Haltung der meisten Zahnärzte systematisch untergräbt.

Die Zahnärzte setzen als Freier Beruf keine Schaltpläne um, und sie befolgen keine strikt vorgegebenen Algorithmen, sondern sie müssen sich auf die unverwechselbare Einzelsituation des Patienten einlassen und in jeder Begegnung mit dem Patienten sich jeweils etwas einfallen lassen, wie man dieser Situation gerecht wird. Je mehr sich die Zahnärzte Mühe geben, sich auf ihre Patienten einzulassen, desto mehr sind sie ihrem Auftrag, dem Gemeinwohl zu dienen, gerecht geworden, und deswegen müssen die sich persönlich engagierenden Ärzte vom System als die eigentlichen Qualitätsträger anerkannt werden. Stattdessen leben wir in einer Zeit, in der durch die überbordende Kontrolle ein öffentlicher Vertrauensentzug stattfindet, in einer Zeit, in der man klar erkennen muss, dass das Anliegen der Freiberuflichkeit sich eklatant an einer Realität bricht, die diese Freiheit de facto nicht mehr ermöglicht. Daher sollte es Aufgabe gerade der ärztlichen Selbstverwaltung sein, darauf hinzuwirken, dass den Zahnärzten ihre Freiheit, im Interesse ihrer Patienten zu entscheiden, wieder zurückgegeben wird. Denn Arzt kann der Zahnarzt nur sein, wenn ihm ermöglicht wird, seinen Beruf als freien Beruf auszugestalten.