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Dental Camps im Kathmandu-Tal - Behandlung unter besonderen Bedingungen (Langfassung)

Bereits zum dritten Mal flog der Eberbacher Zahnarzt Dr. Edgar Lauser auf Einladung der einheimischen Organisation „Women’s Foundation“ (W. F.) im Oktober 2016 zu einem zahnärztlichen Hilfseinsatz nach Nepal. Seine Kollegin Ines Bergmann begleitete ihn in die Region, die noch immer unter den Auswirkungen eines Erdbebens zu leiden hat. 

Materialien spendierten Kollegen unseres zahnärztlichen Arbeitskreises Neckar-Odenwald, die Firmen 3MEspe, Ivoclar Vivadent, FESMED sowie Kollegin Dipl.stom. Ines Bergmann aus Berlin. Allen bereitwilligen Spendern danke ich, auch im Namen von W.F., ganz herzlich. Da Ines, die ich seit 1993 kenne, noch in eigener Praxis tätig ist, flogen wir von Berlin über Doha nach Kathmandu. Wir wurden in Gästezimmern im Haupthaus mit warmer Gemeinschaftsdusche für dortige Verhältnisse komfortabel untergebracht. Auf dem Gelände liegen noch die Produktionsstätten für handgearbeitete Textilien, ein Biogarten und die Verwaltung einschließlich des Shops für zahlreiche Arten von Schals. Die W.F. hat sich zu einer großen Nichtregierungsorganisation mit zahlreichen Einrichtungen, 13 Zweigstellen und etwa 11.000 Mitgliedern entwickelt. Das Hauptziel ist Schutz und Förderung benachteiligter, teilweise auch misshandelter Frauen und Kinder.



Dental Camps.
Anderntags widmeten wir uns  der Einrichtung eines „Dental Camps“. Dazu wurde der Meditationsraum entsprechend umgestaltet. Aus der großen Metallkiste, in der Geräte, Instrumente und Material lagerten, entnahmen wir was wir benötigten und bauten es zusammen mit dem Mitgebrachten auf. Alle Instrumente sterilisierten wir im Dampfkochtopf. Durch gute Organisation und mit Hilfe zweier Assistentinnen, die uns auch dolmetschten sowie mit Taschenlampen in die Münder leuchteten, konnten wir in zwei Tagen einschließlich Auf- und Abbau nahezu 100 Patienten behandeln (siehe Abb. 2 ganz unten). Danach fuhren die Assistentinnen Sarada und Roma gemeinsam mit uns und drei Koffern voller Instrumente, Material, Geräte und zwei Behandlungsstühlen zunächst zur alten Königsstadt Bhaktapur. Auch hier ist noch einiges an Arbeit zu leisten, um die Erdbebenschäden zu beseitigen (Abb.3). Weiter ging es nach Osten bis zur Stadt Banepa im Distrikt Kavre. Hier erwarteten uns Mitarbeiter der dortigen W.F. Filiale und wir stiegen in einen Geländewagen um.

Unwegsam.
Auf teils unwegsamen Routen ging es überwiegend aufwärts zu einem in 2000 Metern Höhe gelegenen Dorf. Im Schulgebäude richteten wir in einem Klassenraum unser Camp ein und die Behandlung begannen (Abb.4.). Ines Bergmann hatte zuvor bereits sieben Mal Nepal besucht, vorwiegend für Trekkingtouren, und dabei Land und Leute kennen- und liebengelernt. Von Anfang an akzeptierten und schätzten die Mitarbeiter und Patienten sie. Ihre mitgebrachte Polymerisationslampe stand im Ladegerät griffgünstig zwischen uns. Dabei entpuppte sich die Ausführung mit Akku als großer Vorteil. Besonders als gerade der Strom abgeschaltet wurde, während ich das Füllungsmaterial einbrachte. Die Abschaltzeit des Elektrizitätswerkes dauerte täglich etwa sechs Stunden. Für die Menschen ist das Alltag und sie fanden sich nachmittags oder am nächsten Tag wieder zur Füllungstherapie ein. Zwischenzeitlich wurde uns durch die vielen notwendigen Extraktionen aber nicht langweilig.

Erdbebenspuren.
Beim Gang zum „Restaurant“ für ein gesundes Mittagsmahl (Reis, Mangold, Linsensuppe) sahen wir die Spuren, die das Beben hinterlassen hatte. Das Gebäude bestand, wie viele, lediglich aus einem Holzgerüst und Wellblech. W.F. wollte mit deutschen Spendengeldern 65 Häuser erdbebensicher wiederaufbauen, hat aber bis heute von den Behörden dafür noch keine Genehmigung erhalten. Sobald das Mahl bereitet war, kam unser Dampfkochtopf zum Sterilisieren der Instrumente auf die Gasflamme, da der gesamte Vorgang etwa eine Stunde dauerte. Nach Behandlungsende gegen 17 Uhr fuhren wir zu einem Hotel in Banepa. Die Zimmer liegen im viertobersten Stock mit Blick auf den Verkehrsknotenpunkt und die bergige Umgebung und sind mit eigenem WC sowie Dusche ausgestattet. Letztere ist Wellness für den stark beanspruchten Rücken. Nach der zweiten Nacht wurden wir samt unserer mobilen Praxis in entgegengesetzter Richtung zu einem anderen Dorf gefahren. In einem Straßenabschnitt stand etwa 30 Zentimeter hoch Wasser. Ich nannte ihn zur Freude unserer Assistenten „Swimmingpool“. Der Motorradfahrer vor uns zog die Beine hoch.



Reisernte.
 Da Reis-Erntezeit war, konnten wir unterwegs alle Formen des Getreides sehen: Gemäht auf dem Feld, in Büscheln zum Transport sowie an Straßen und auf Plätzen als Körner, zum Trocknen aufgeschüttet. Unser Ziel befand sich wieder im Klassenzimmer einer Schule (Abb.6). Vor Behandlungsbeginn führten wir Mundhygieneunterweisungen bei den kleineren und größeren Kindern durch (Abb.7). Das macht mehr Freude als das Ausgraben von Wurzelresten. Nach einem weiteren Behandlungstag hieß es wieder alles Einpacken. Die Fahrt ging zunächst zum Zweigbüro von W.F. nach Banepa. Die Präsidentin verabschiedete uns mit herzlichen Worten des Danks und wir bekamen einen Kranz aus orange leuchtenden Tagetes und einen landestypischen Schal umgehängt sowie ein kleines Souvenir mit den Symbolen des Landes. An der Wand hing ein Bild von Raiffeisen, dem Erfinder des Genossenschaftsprinzips. Die Präsidentin erklärte, ihre Frauen-Kooperative sei ebenfalls genossenschaftlich organisiert, vergebe Mikrokredite und habe etwa 700 Mitglieder mit unterschiedlichen Berufen wie Bäuerin, Schneiderin und Verkäuferin. Nachdem wir uns ebenfalls bei allen Helfern für die gute Betreuung, Organisation und Unterstützung  bedankt hatten, fuhren wir bei beginnender Dunkelheit zurück nach Kathmandu, wo wir rechtzeitig zum Abendessen eintrafen. Präsidentin Renu berichtete uns von der Gleichberechtigungs-Konferenz der Frauen mit mehr als 15.000 Teilnehmern, wo sie eine Rede gehalten und die Präsidentin von Nepal getroffen hatte.

Child Care.
Am nächsten Tag versorgten wir wieder unsere Ausrüstung in der Metallkiste. Ein Junge von W.F. zeigte uns später das in der Nähe gelegene Child Care Center für Kinder im Alter von einem bis fünf Jahre. Vor allem alleinstehende Mütter können hier ihre Kinder abgeben, bevor sie zur Arbeit gehen und danach wieder abholen. Zehn Betreuerinnen kümmern sich um 40 Kinder. Wir kamen gerade zur Zeit des Mittagschläfchens (Abb.9). Anschließend besichtigten wir eine Ganztagsschule für Fünf- bis 16-Jährige. Der Direktor berichtete von 400 Schülern und 40 Mitarbeitern. Die Schule trägt sich durch das Schulgeld selbst. W.F. übernimmt es für ihre Kinder. Zum Shelter, dem Heim, wo sie leben, brachte uns Rama nach einer zwanzigminütigen Autofahrt Richtung Norden. Hier leben 65 Kinder. Die Älteren kommen erst um 19 Uhr mit dem Schulbus an. Angegliedert ist ein Gebäude mit Pilzzucht und etwas Gelände für organischen Gartenbau. Rama erzählte von einem Jungen, der heute vier Jahre alt ist. Seine junge Mutter habe ihn gleich nach der Geburt verlassen. Als man sie ausfindig gemacht hatte und ihr anbot mit ihrem Baby wenigstens die ersten drei Monate kostenfrei im Heim zu leben, habe sie sofort abgelehnt. Nach dem Beben stellte W.F. erdbebengeschädigten Schwangeren zum Wohnen die Gemeinschaftsräume zur Verfügung bis ihre Babys drei Monate alt waren. Zum Abschied boten uns die anwesenden Kinder eine Tanzvorführung. Plötzlich verstummte jedoch der Lautsprecher, da wieder der Strom abgeschaltet wurde. Nun musste Singen und Klatschen die Musik ersetzen. Wir gaben der Betreuerin Zahnpastatübchen, Zahnbürsten und Kugelschreiber als Dankeschön zum Verteilen. Innerlich bewegt kehrten wir zurück.

Rückkehr.
Am letzten Tag unternahmen wir nochmals einen Rundgang über das Gelände der W.F., schauten den Frauen zu am Webstuhl, am Spinnrad und in der Färberei, besuchten die Verwaltung und endeten im Shop, wo wir Schals für unsere Lieben kauften. Die Präsidentin hatte außer Haus Termine, deshalb versammelte Projektmanagerin Sarada einen Großteil der Belegschaft, um uns zu verabschieden. Mit warmen, von Herzen kommenden Worten, dankte sie uns für unseren Einsatz, den wir für die Armen ihres Volks gezeigt haben. Sie überreicht uns einen wärmenden Schal, den wir wegen des Temperaturunterschieds von mindestens 15 Grad in Berlin gut gebrauchen konnten. Anschließend dankte ich allen, die uns so engagiert unterstützten, dass wir in sechs Tagen etwa 260 Patienten beraten und behandeln konnten. Als kleines Dankeschön reichte ich Sarada „Little Sun“, eine wirkungsvolle Solarleuchte in Form einer Sonnenblume. In diesen wenigen, jedoch intensiv erlebten Tagen durften wir fühlen, dass Geben tatsächlich zufriedener und glücklicher machen kann als Nehmen. In diesem Sinne danke ich auch allen Spendern ganz herzlich, die nach meinem Artikel im vorigen Jahr immerhin etwa 4000 Euro für die Erdbebengeschädigten aufgebracht haben. Wenn Sie weitere Dental Camps unterstützen möchten, erbitte ich Ihre Überweisung an:

Zukunftsstiftung Entwicklung 
IBAN: DE05430609670012330010
Zweck: Womens Foundation, Dental camp. 
Für Zusendung einer Spendenbescheinigung  noch hinzufügen: Straße, PLZ, Ort

Dr. Edgar Lauser                                                                                                                                                                                              
Abbildung 2Abbildung 6Abbildung 3Abbildung 9Abbildung 7