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Fortbildung

42. Jahrestagung der südbadischen Zahnärzteschaft in Rust

 

Zukunftsweisende Konzepte

Ausgabe 6, 2017

Der Vorsitzende der Bezirkszahnärztekammer Freiburg, Dr. Peter Riedel, konnte am 28. und 29. April in Rust noch mehr Teilnehmer begrüßen als im vergangenen Jahr. Mit 870 Anmeldungen sprengten die Besucher des wissenschaftlichen Kongresses schon fast den weitgesteckten Rahmen des Confertainment Centers am Rande des Europa-Parks. Das war nicht zuletzt dem attraktiven Programm zu verdanken, zu dem sich neben der gesamten zahnärztlichen Prominenz aus dem Ländle und aus angrenzenden Bundesländern auch führende Standespolitiker aus dem nahen Elsass eingefunden hatten.

Unter der bewährten Ägide von Prof. Dr. Elmar Hellwig, Freiburg, referierten namhafte Experten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zum Tagungsthema „Zukunftskonzepte der restaurativen Zahnerhaltung“. Dabei gelang es wieder einmal, die durchaus anspruchsvolle Thematik praxistauglich aufzubereiten. Mit viel Bezug zum Kongressthema und zum Praxisalltag warteten auch die Stände der 58 Aussteller auf, die sich über großen Zuspruch freuen konnten. Ebenso gut besucht waren auch der Pre-Congress mit rund 400 Teilnehmern bei zehn Workshops und fünf Seminaren sowie die beiden Spezialpodien zu den Themen Kieferorthopädie und Oralchirurgie.

Minimalinvasiv. Priv.-Doz. Dr. Goran Benic, Zürich, hatte als erster Redner die eher rhetorische Frage „Ist minimalinvasiv besser?“ zu bearbeiten. Da sein wissenschaftlicher Fokus regenerativen Techniken und der minimalinvasiven rekonstruktiven Zahnmedizin gilt, kündigte er in seiner Antwort einen Paradigmenwechsel an. Unterstrichen hat er sein Plädoyer für den Schmelzerhalt mit eindrucksvollen Beispielen von minimalinvasiven Lösungen, mit denen er deutlich machte, was durch Feldspat und verstärkte Glaskeramik heute möglich ist. Und für den Erfolg dieser minimalinvasiven Rekonstruktionen ist die Adhäsion entscheidend. Daher lautete seine Botschaft: „Enamel is the key“. Er versicherte zwar, dass „analoge Technik noch viel zu bieten hat“, machte aber sehr deutlich, dass man seiner Ansicht nach „von der konventionellen Kronen- und Brückenprothetik wegkommen muss“.

Adhäsiv. Zu neuen Ufern brach auch Prof. Dr. Thomas Attin, Zürich, auf, der zur „Bisshebung im abrasiv/erosiv veränderten Gebiss mit direkter Adhäsivtechnik“ sprach. Er zeigte, wie stark geschädigte Abrasions-Erosions-Gebisse mit direkten adhäsiven Kompositrestaurationen erfolgreich versorgt werden können. Neben der maximalen Schonung der verbliebenen gesunden Zahnhartsubstanz und der guten Reparierbarkeit sprechen auch die verhältnismäßig geringen Behandlungskosten für diese Therapiemöglichkeit. Hilfreich für die Praxis waren auch seine Hinweise zum Vorgehen bei mangelnder Adhäsion bei erodiertem Dentin: „Unter Kofferdam und in Ruhe arbeiten“. Wegweisend auch seine Vermutung, dass viele Erosionen, die durch den Kontakt mit Magensäure entstehen, nicht auf klassische Refluxkrankheiten zurückzuführen sind, sondern vielfach auf Bulimie, die in westlichen Industrienationen in zunehmendem Maße beobachtet wird.

Digital. Nach einer überaus interessanten und lehrreichen Tour d‘horizon durch die verhältnismäßig junge Geschichte der digitalen Zahnmedizin wandte sich Prof. Dr. Dr. Albert Mehl, Zürich, dem aktuellen Stand der digitalen Verfahren für Diagnostik, Planung und restaurative Therapie zu. Speziell in Hinblick auf die zahnärztliche Praxis stellte der auch in Physik promovierte Cerec-Experte die Fortschritte bei der intraoralen dreidimensionalen Vermessung vor, die er als Ausgangspunkt für die Zahnmedizin 4.0. ansieht. Auf sehr einfache Weise lassen sich mit intraoralen Scannern große Abschnitte des Kiefers und des Gegenkiefers dreidimensional in Farbe erfassen, wobei es in der Genauigkeit keine Unterschiede gibt zwischen mattierten und puderfreien Verfahren. Ausführlich erklärte er die Aufnahmeprinzipien der unterschiedlichen Scansysteme: die aktive Triangulation (Streifenlichtmuster auf die Zahnoberfläche), die konfokale Mikroskopie (Lichtstrahlen fallen parallel auf die zu scannende Oberfläche) und die Stereovermessung (Bilder aus unterschiedlichen Winkeln, die miteinander verglichen werden).

Indirekt. Der Vortrag von Prof. Dr. Ivo Krejci, Genf, der die Berechtigung von indirekten Restaurationen unter die Lupe nahm, begann mit einem Blick auf die im September 2017 in Betrieb gehende Universitätszahnklinik in Genf, die mit modernstem Equipment wie einem digitalen Mikroskop an jedem Studentenarbeitsplatz und einem digitalen Patienten-Workflow aufwarten wird. Schon heute lernen die Studenten in der Universitätszahnklinik in Genf nicht mehr, wie man Zähne präpariert, Kronen sind verboten. Anstelle von Kronen werden heute sowohl an vitalen als auch an devitalen Zähnen adhäsive Overlays aus Komposit oder Keramik verwendet.

Regeneration. Ein wissenschaftliches Thema, das mit vielen Tipps für die Praxis angereichert war, behandelte Prof. Dr. Till Dammaschke, Münster. Zu Beginn seines Vortrags über Dentinregeneration stellte er klar, dass nur eine vitale Pulpa Tertiärdentin bilden kann. Daher kommt der Versorgung der Pulpa- bzw. der Dentin-Pulpa-Wunde mit zahnärztlichem Material eine große Bedeutung zu. Außerdem sind Verfahren zur Vitalerhaltung der Pulpa konservative sowie vergleichsweise einfache und kostengünstige Behandlungen, die keine komplexen und kostspieligen Restaurationen nach sich ziehen. Klassischerweise wird für die Überkappung eine wässrige Kalziumhydroxid- Suspension eingesetzt. Prof. Dammaschke wies aber darauf hin, dass aufgrund der besseren werkstoffkundlichen Eigenschaften Kalziumsilikat-Zemente wie MTA oder Biodentine bei der Vitalerhaltung der Pulpa dem herkömmlichen Verfahren deutlich überlegen sind. Seine Tipps zur suffizienten Blutstillung und zum Schutz vor Mikroorganismen machten seinen Vortrag zusätzlich wertvoll.

Resorption. Nach einem dem Vernehmen nach überaus gelungenen Gesellschaftsabend begann am Samstagmorgen pünktlich und im vollbesetzten Saal Prof. Dr. Andreas Filippi, Basel, mit seinem Vortrag über Diagnostik und Therapie bei Wurzelresorption. Da die meisten Resorptionen von bleibenden Zähnen progredient sind, stellt sich immer wieder die Frage nach den Möglichkeiten des Zahnerhalts. Dies lässt sich laut Prof. Filippi aber in der Regel nicht mit einer nur zweidimensionalen radiologischen Darstellung beurteilen. Breiten Raum nahmen in seinem Vortrag kindliche Zahnunfälle ein, bei denen seiner Ansicht nach oft viel zu lange zugewartet wird, ehe man mit einer Wurzelkanalbehandlung beginnt. Eine Entscheidung zur Wurzelkanalbehandlung muss nach schweren Dislokationsverletzungen immer am Unfalltag getroffen werden – und auf keinen Fall aufgrund eines Kältetests, der in dieser Situation nichts über die Vitalität der Pulpa aussagen kann.

Biomechanik. Historisch begann Prof. Dr. Marc Schmitter, Heidelberg, seinen Vortrag über die Rolle der Okklusion. Er erinnerte daran, dass man noch in den 1970er Jahren durch Einschleifen oder Überkronung von gesunden Zähnen eine „Verbesserung“ der Okklusion erreichen und damit kiefergelenkspezifische Funktionsstörungen beheben wollte. Seit einigen Jahren können nun aufgrund der rasant voranschreitenden Computertechnik biomechanische Aspekte im stomatognathen System simuliert und genauer untersucht werden. Daraus resultieren zeitgemäße Okklusionskonzepte vor dem Hintergrund neuer Materialien und Verfahrenstechniken, die er ausführlich darstellen konnte.

Reparatur. Vor nicht allzu langer Zeit ein Tabu, ist die Reparatur von Restaurationen, vor allem bei lokalisierten Defekten, kleineren Chippingfrakturen oder überschaubarer Sekundärkaries inzwischen das Mittel der Wahl. Priv.-Doz. Dr. Anne-Katrin Lührs, Hannover, wies in ihrem vielbeachteten Vortrag darauf hin, dass komplette Neuversorgungen mit einer durchschnittlichen Kavitätenvergrößerung von etwa 30 Prozent einhergehen, Reparaturen dagegen die gesunde Zahnhartsubstanz erhalten und die Überlebensrate der Primärrestaurationen signifikant erhöhen – die richtige Indikationsstellung und ein geeignetes Reparaturkonzept vorausgesetzt. In ihrem Vortrag ging sie speziell auf „Universaladhäsive“ ein, die durchaus interessante Behandlungsmöglichkeiten bei der Reparatur zulassen.

Defekte. Mit eingeschränkten Behandlungsmöglichkeiten zufriedengeben muss man sich oft bei der Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH), die sich meist an den ersten bleibenden Molaren und bleibenden Frontzähnen manifestiert. Univ.-Prof. Dr. Katrin Bekes, Wien, sprach davon, dass MIH weltweit auftritt, wobei die Angaben in der Literatur zur Prävalenz zwischen 3,6 Prozent und 28 Prozent schwanken. Die Defekte zeichnen sich klinisch durch eine Veränderung in der Transluzenz des Schmelzes und durch Farbveränderungen aus. Wichtig ist, Patienten mit MIH frühzeitig zu erfassen und einer umfassenden Betreuung zuzuführen. Die Ätiologie des Krankheitsbildes ist immer noch nicht völlig geklärt, diskutiert wird ein multifaktorielles Geschehen. Bekannt ist, dass die Störung der Zahnentwicklung zwischen dem 8. Schwangerschaftsmonat und dem 4. Lebensjahr eintritt, da in dieser Zeit die Amelogenese der ersten Molaren und der Inzisivi stattfindet.

Dorothea Kallenberg

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2. Spezialpodium Kieferorthopädie

 

Premieren-Erfolg wiederholt

Ausgabe 6, 2017

Die Kieferorthopädie führt bei wissenschaftlichen Fortbildungstagungen oftmals ein Mauerblümchendasein. Nicht so bei der Bezirkszahnärztekammer Freiburg. Die Südbadener widmeten dem Fachgebiet bereits zum zweiten Mal ein eigenes Spezialpodium bei ihrer Jahrestagung in Rust. Während im benachbarten „Sala Bianca“ angesichts der wenigen verbliebenen rein oralchirurgischen Lehrstühle diskutiert wurde, ob die Oralchirurgie in Deutschland noch eine Zukunft hat, freute sich Vorstandsmitglied und Moderator Dr. Martin Haas, dass auch das 2. Spezialpodium von den vier KFO-Ordinarien der baden-württembergischen Universitäten bestritten wurde.

Den Auftakt des wissenschaftlichen Teils bildete Prof. Dr. Christopher J. Lux von der Universität Heidelberg mit seinen Ausführungen zum Timing kieferorthopädisch- kieferchirurgischer Maßnahmen bei Dysgnathiebehandlungen. Zum klassischen Ablauf mit präoperativer Ausformung der Zahnbögen kommen zugunsten kürzerer Behandlungszeiten für manche Patienten alternative Protokolle wie surgery first in Frage. Erkenntnisse des surgery-first- Ansatzes sind auch für die konventionelle kombinierte Therapie nützlich.

Prof. Lux verlieh seiner Überzeugung Ausdruck, dass das Timing immer patientenindividuell zu entscheiden ist, wobei sich die Kieferorthopädie aktiv einbringen müsse. Zum Schluss präsentierte Prof. Lux komplexe Fälle mit Hinweisen, welche Maßnahmen eher präoperativ und welche eher postoperativ angegangen werden sollten.

Patientencompliance. „Das beste Therapiekonzept ist unwirksam, wenn der Patient nicht mitarbeitet“. Diese Aussage ist wenig überraschend, aber nirgendwo ist sie zutreffender als in der Kieferorthopädie: Bei herausnehmbaren Zahnspangen ist die Tragezeit besonders therapieentscheidend.

Prof. Dr. Timm Schott von der Universität Tübingen stellte Sensoren und das Handy als Mittel zur Optimierung der Patientencompliance bei herausnehmbaren Zahnspangen vor. Anhand der elektronischen Tragezeitmesser konnte das Team von Prof. Schott feststellen, dass die verordnete Standardtragezeit von 15 Stunden realitätsfern ist und fast 85 Prozent der Patienten ihre Zahnspange nur unregelmäßig auch tagsüber tragen. „Die größten Unterschiede bei der Tragezeit gehen auf den Einfluss des Behandlers zurück“, resümierte Prof. Schott die Ergebnisse seiner Studie.

Ist die Compliance steigerbar, wenn die Patienten per SMS erinnert werden? Den erhofften großen Einfluss konnten die Tübinger nicht nachweisen, dennoch hilft eine wöchentliche Erinnerungs- SMS am Nachmittag – noch besser wäre eine WhatsApp-Nachricht.

Update KFO. Neuere Entwicklungen und Trends waren Inhalt des Vortrags „KFO in Theorie und Praxis – ein Update“ von Prof. Dr. Britta A. Jung von der Universität Freiburg. Prof. Jung stellte anhand einer Vielzahl von Beispielen fest, dass technische Neuerungen nur vor dem objektiven Hintergrund valider Studien und Forschung Bestand haben.

So hat das Team von Prof. Jung die Risiken einer Kontaktallergie eruiert und in Brackets sowie in allen anderen KFO-Materialien Nickel nachgewiesen, ohne dass die zulässigen Grenzwerte der EU überschritten oder erhöhte Allergisierungsraten festzustellen waren. Auch die aktuell beworbenen Neuerungen in der sogenannten „accelerated orthodontics“ konnten durch die aktuelle Studienlage bislang nicht positiv untermauert werden.

Designrichtlinien. Den wissenschaftlichen Teil des Podiums beschloss Prof. Dr. Dr. Bernd Lapatki von der Universität Ulm mit seinem Vortrag „Segmentierte Behandlungstechniken – Update und evidenzbasierte Design- Richtlinien“. Die evolutionäre Weiterentwicklung segmentierter Behandlungstechniken ermöglicht eine effektive Kraft- und Drehmomentkontrolle unter Minimierung von Nebenwirkungen. An ausgewählten klinischen Beispielen wie der Tiefbisskorrektur und der Frontzahnretraktion konnte Prof. Lapatki verdeutlichen, dass segmentierte Behandlungstechniken für das Verständnis der Biomechanik und zur Lösung klinischer Probleme unverzichtbar sind.

Standespolitisches Forum. Wie im Vorjahr schloss sich an den wissenschaftlichen Teil des Podiums ein standespolitisches Forum an, bestritten von den KFO-Referenten des Zahnärztehauses Freiburg.

Zunächst berichtete Dr. Gabriele Güde über Erfahrungen und Entwicklungen mit der GOZ 2012. Im Vortrag von Dr. Christian Wanura wurde die korrekte Umsetzung der Mehrkostenberechnung in der Kieferorthopädie behandelt, die im Interesse des Erhalts der Wahlfreiheit der Patienten unverzichtbar ist.

Bildimpressionen von der Veranstaltung finden Sie unter www.zahnaerzteblatt. de.

mader@lzk-bw.de
Dr. Martin Haas

 

1. Spezialpodium Oralchirurgie

 

Ein großer Erfolg

Ausgabe 6, 2017

Nachdem im Jahre 2016 erstmals ein Spezialpodium Kieferorthopädie in das Fortbildungsprogramm der Rust-Tagung integriert wurde, gab es 2017 eine weitere Premiere. Überrascht vom großen Erfolg des KFO-Spezialpodiums, entschloss sich der Vorstand der Bezirkszahnärztekammer Freiburg auch der zweiten großen Fachzahnarztgruppe ein eigenes Podium anzubieten. Analog zu den Erfahrungen mit den Kieferorthopäden durften wir erfreut feststellen, dass auch dieses neue Fortbildungsformat angenommen wurde.

Ursprünglich war das Spezialpodium für ca. 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer konzipiert. Diese Zahl wurde bereits mit einer Anmeldezahl von 86 übertroffen. Letztendlich füllten dann nahezu 130 Kolleginnen und Kollegen den Vortragssaal.

Professor Dr. Gerhard Wahl, Bonn, einer der renommiertesten deutschen Oralchirurgen und einer der letzten Inhaber eines rein oralchirurgischen Lehrstuhls ergriff zuerst das Mikrofon. Er stellte relevante Neuerungen und Trends für die Oralchirurgie vor – angefangen bei den Sedierungsoptionen mit Lachgas über Lokalanästhetika bis hin zur neuen Generation blutverdünnender Medikamente.

Knochentransplantat. Der Münchener Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg Professor Dr. Dr. Andreas Schlegel stellte die provokante Frage „Wird der autologe Knochen entbehrlich?“. Nach einem gründlichen Sichten und Darstellen der Literatur und der möglichen Augmentationsszenarien kam er zum Schluss, dass das autologe Knochentransplantat nach wie vor unverzichtbar ist. Insbesondere bei Defekten größeren Ausmaßes, wo bis dato alle verfügbaren Knochenersatzmaßnahmen versagen.

Launig und mit einem Exkurs in die Philosophie stellte Professor Dr. Dr. Johannes Kleinheinz, Münster, die „gehasste Geliebte“ Weichgewebe vor. Sein Fazit: Entscheidend für ein gutes Verhältnis zum Weichgewebe ist ein Verständnis der Anatomie, hier vor allem auch die Kenntnis der blutversorgenden Systeme, ein gerüttelt Maß an Können und letztendlich auch eine gewisse Portion Glück.

Zirkonoxidimplantate. Keinem in niedergelassener Praxis tätigen Kollegen ist es wohl so gelungen, eine Idee zu etablieren und dann auch noch mit hervorragender wissenschaftlicher Datenlage zu flankieren, wie dies Dr. Michael Gahlert, München, mit den Zirkonoxidimplantaten gelang. So konnte Gahlert souverän über Anwendungen und Langzeitdaten seines „Babys“, wie er das einteilige Zirkonimplantat nannte, berichten und hier ganz hervorragende Daten vorstellen. Seine Prognose: Die Zukunft der Implantologie, wenn nicht der gesamten Zahnheilkunde, ist metallfrei.

Dr. Georg Bach

 

Fortbildungstagung für Zahnmedizinische Fachangestellte der BZK Freiburg

 

Zukunftsvisionen in Rust

Ausgabe 6, 2017

Wie sieht die Zukunft der Prophylaxe aus? In welche Richtung entwickelt sich die deutsche Gesundheitsversorgung? Mit diesen und mit weiteren aktuellen Fragen beschäftigte sich die diesjährige Fortbildungstagung für ZFA der BZK Freiburg in Rust. Als wichtige Zielgruppe dieser Fortbildung freuten sich die teilnehmenden ZFA über spannende Vorträge und professionelle Referenten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die das Publikum über relevante Zukunftsthemen aufklärten.

Am 28. April war im Confertainment- Center Europa-Park Rust erneut Fortbildungszeit. Ca. 870 Zahnärztinnen und Zahnärzte sowie 820 ZFA aus Baden-Württemberg trafen sich an diesem Tag, um gemeinsam einen Blick in die Zukunft der Zahnmedizin zu werfen. Dr. Norbert Struß, stellvertretender Präsident der LZK BW und Vorstandsmitglied der BZK Freiburg, und Dr. Priska Fischer, stellvertretende Referentin für ZFA der BZK Freiburg, eröffneten die Fortbildungstagung für ZFA und freuten sich über die rege Teilnahme und das Interesse am Fortbildungsthema.

MIH – was nun? Der Tag fing mit dem Vortrag von Univ.-Prof. Dr. Katrin Bekes zum Thema hypomineralisierte Zahndefekte bei Kindern an. Laut der Fünften Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS V) lag die aktuelle Prävalenz der MIH bei 12-Jährigen in Deutschland bei 28,7 Prozent. Dieses Thema wird immer präsenter und bei den Patienten besteht Informationsbedarf. Für eine bessere Patientenaufklärung und als Hilfestellung für die komplette Praxis stellte Dr. Bekes die neusten Erkenntnisse und Diskussionspunkte bezüglich Ursachen, Diagnostik und Therapien der Molaren-Inzisiven- Hypomineralisation vor.

Vitale Zähne. Der nächste Vortrag behandelte das zentrale Thema Dentinregeneration. Prof. Dr. Till Dammaschke zeigte unterschiedliche Dentinarten und erklärte, in welchen Situationen die Neubildung von Dentin in der Zahnmedizin eine Rolle spielt. Außerdem sprach er über die Bedeutung, Voraussetzungen und Techniken der Vitalerhaltung des Zahnes und nannte auch Situationen, in denen Maßnahmen die die Pulpa erhalten, kontraindiziert sind.

Zukunft der Prophylaxe. Prof. Dr. Adrian Lussi zog in seinem Vortrag eine interessante Parallele zwischen heutigen und künftigen Prophylaxethemen und -methoden und konnte durch seine professionelle und unterhaltsame Präsentationsart bereits in den ersten Minuten seiner Rede die Zuhörer begeistern. Prof. Lussi sprach über Karies und dentale Erosionen und stellte aktuelle Fakten sowie Zukunftskonzepte der Prophylaxe vor. Durch Fragen bezog er das Publikum aktiv in seinen Vortrag ein und regte gleichzeitig zum Nachdenken an. Bei älteren Personen wird das Auftreten der Karies an der Wurzeloberfläche immer präsenter, Prof. Lussi stellte in diesem Zusammenhang neue Stoffe und innovative Prophylaxestrategien vor.

Kommunikationscoaching. Für Peter Edwin Brandt, selbständiger Unternehmensberater für Personalentwicklung, tätig als Coach, Trainer, Dozent und Moderator, ist Kommunikation Hauptaspekt und Fokus seiner täglichen Arbeit. Er trat als letzter auf und überraschte durch innovative Präsentationsmethoden, bei denen er sein schauspielerisches Talent gekonnt ins Szene setzte und das Publikum durch Mitmach-Experimente aktivierte und somit ins Geschehen involvierte.

Entspannte Atmosphäre. Die Fortbildungstagung in Rust verbindet Wissen mit Entspannung und Spaß und legt Wert auf eine positive Atmosphäre und Interaktion zwischen den Teilnehmern. Eine Dentalmesse, spannende Unterhaltungsmomente, ein interessantes Abendprogramm sowie ein Besuch im Europa- Park rundeten die Fortbildung ab. Weitere Bildimpressionen finden Sie unter www.zahnaerzteblatt.de.

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Seminar für Studierende und junge Zahnärzt/innen

 

Führen und geführt werden

Ausgabe 6, 2017

Assistenzzahnärztinnen und -zahnärzte befinden sich in sogenannten „Sandwich-Positionen“ und spielen eine Doppel-Rolle in der Praxis. Einerseits übernehmen sie typische Führungsaufgaben wie Delegieren, Motivieren oder Kommunizieren und tragen Verantwortung für das operative Geschäft. Andererseits implementieren sie die Anweisungen des Chefs oder der Chefin. Dadurch können Identitätsprobleme und Rollenkonflikte entstehen. Dr. Susanne Woitzik zeigt Wege aus diesem Dilemma.

Wie Zahnärztinnen und Zahnärzte der Sandwich-Falle entkommen können, lernten junge Teilnehmerinnen und Teilnehmer am 27. April im Seminar zum Thema „Tatort Praxis: Im Fadenkreuz von Chef und Mitarbeitern – Die eigenen Ziele erreichen, sich behaupten und optimal auf die eigene Praxis vorbereiten“. Dr. Martin Haas, Vorstandsmitglied der Bezirkszahnärztekammer Freiburg, eröffnete das Seminar und ermutigte das Publikum dazu, sich mit eigenen Ideen, Wissen und Erfahrungen aktiv in den Dialog einzubringen. Darüber hinaus stellte er die Referentin vor: Dr. Susanne Woitzik. Als Expertin für betriebswirtschaftliche Praxisführung beschäftigt sich Dr. Woitzik in ihrer täglichen Arbeit mit Themen rund um das Management von Zahnarztpraxen und mit betriebswirtschaftlich relevanten Fragestellungen. Außerdem führt sie zahlreiche Referate, interaktive Seminare und Workshops durch.

Eisbrecher. Mit einer entspannten Kennenlernrunde startete das Seminar für Studierende und junge Zahnärztinnen und Zahnärzte im Hotel Colosseo des Europa-Parks Rust. Dabei lernten sich die Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer in zwangloser Atmosphäre näher kennen. Dr. Woitzik regte zu Interaktivität und Gesprächen an. Auf die Frage nach den eigenen Erfahrungen und Vorstellungen bezüglich der Sandwich-Position in der Zahnarztpraxis fielen die meisten Spontanantworten negativ aus. Als Reaktion auf die eher negativ geprägte Einstellung versprach die Referentin, in ihrem Vortrag die Lust auf das Chef-Sein bei allen Teilnehmern zu wecken und Begeisterung für dieses Thema zu erzeugen.

Rollenspiele. Zahnärztinnen und Zahnärzte in der „Sandwich- Position“ befinden sich oft in Rollenkonflikten zwischen Chefs und Praxismitarbeiterinnen und -mitarbeitern. Manchmal kollidieren Werte und Einstellungen und Identitätsprobleme können entstehen. Um den Rollenkonflikt zwischen „leader“ und „follower“ besser verstehen zu können, veranstaltete Dr. Woitzik realitätsnahe Rollenspiele. Dabei versetzten sich die Beteiligten in die Rollen der Chefs, der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und in die Sandwich- Positionen und reflektierten gemeinsam über Dos und Don‘ts sowie über Aufgaben und Zuständigkeiten in dieser Position. Anschließend wurden die Ergebnisse innerhalb der Gruppen dokumentiert und präsentiert.

Assistenzzeit als Chance. „Führen und geführt werden beginnt bei uns selbst“ – durch interaktive Mitmach-Experimente demonstrierte Dr. Woitzik, wie die eigenen Vorstellungen Realität werden und gab wertvolle Kommunikationstipps für mehr Führungskompetenz und Selbstbewusstsein.

Dr. Woitzik zeigte, wie die Assistenzzeit als Chance genutzt werden kann. In dieser Phase können sich junge Zahnärztinnen und Zahnärzte weiterbilden und durch die gewonnenen Einblicke in den Berufsalltag in bestimmten Bereichen spezialisieren. Außerdem können mehrere Praxen sowie unterschiedliche Strukturen kennengelernt werden. Einblicke in unterschiedliche Bereiche wie Software-Systeme und Betriebswirtschaftslehre erweitern den Horizont. Wer in dieser Zeit an seine Grenzen geht, gewinnt am meisten.

Anhand von praktischen Beispielen zeigte Dr. Woitzik Kommunikationstechniken und riet anschließend, Kommunikationssituationen mit einer guten Grundeinstellung zu begegnen: positiv, offen und selbstbewusst.

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Keramikveneers: minimale Präparation, maximale Wirkung (Teil 1)

 

Indikationen und ästhetische Planung

Ausgabe 6, 2017

Die Erfahrung zeigt, dass immer mehr Patienten bei notwendigen Zahnbehandlungen einerseits zwar minimalinvasive Therapieformen bevorzugen, andererseits aber keine Kompromisse hinsichtlich der Ästhetik im sichtbaren Bereich eingehen wollen. Adhäsiv befestigte Keramikveneers können bei geeigneter Indikation eine Lösung hierfür sein. Sie erlauben in vielen Fällen eine substanzschonende medizinische und ästhetische Therapie von verfärbten, kariösen, frakturierten, dysplastischen oder fehlgestellten Zähnen vor allem im Frontzahnbereich. Veneers können oftmals die Präparation von Vollkronen ersetzen. Die herausragende Ästhetik, das naturidentische Aussehen und die perfekte Lichtführung der Keramikveneers werden zusätzlich durch gute Resultate aus klinischen Langzeituntersuchungen von funktioneller Seite unterstützt.

Das Therapiespektrum der modernen Zahnheilkunde bietet heute vielfältige Methoden, die Funktion und Ästhetik der Zähne im Frontzahnbereich wiederherzustellen bzw. zu optimieren. Hierzu zählen, je nach Ausgangssituation, polychromatische mehrschichtige direkte Kompositrestaurationen, laborgefertigte oder industriell hergestellte Kompositveneers, Keramikveneers, Kronen (Metallkeramik, Vollkeramik) und kieferorthopädische Maßnahmen. Vollkeramische Veneers erlauben in Verbindung mit der Adhäsivtechnik in geeigneten Fällen eine substanzschonende medizinischfunktionelle und gleichzeitig ästhetische Therapie und können in vielen Situationen die Präparation von Vollkronen an den betroffenen Zähnen ersetzen [1]. Das Haupteinsatzgebiet von Veneers liegt überwiegend im Frontzahnbereich, vor allem im Oberkiefer, sie sind aber nicht hierauf beschränkt, ihr Indikationsgebiet reicht auch in die Prämolarenregion und extendiert sich in Einzelfällen sogar bis in den Molarenbereich [2]. In vielen klinischen Situationen werden Veneers in Zusammenhang mit weiteren zahnärztlichen Behandlungsmaßnahmen, oft gleichzeitig in Kombination mit Frontzahnkronen für stärker zerstörte Zähne oder in Kombination mit direkten Kompositrestaurationen für weniger komplexe Defekte, eingesetzt (Abb. 1a bis 1c) [3, 4]. Die Abgrenzung des Einsatzbereiches von Keramikveneers zu direkten Kompositrestaurationen ist gegeben durch sehr große Frontzahndefekte, anspruchsvolle Farb- und Textursituationen und durch hohe ästhetische Ansprüche der Patienten [5].

Ästhetik. Keramikveneers ermöglichen eine herausragende Ästhetik mit einer Lichtdynamik im restaurierten Zahn, die von natürlicher Zahnhartsubstanz praktisch nicht zu unterscheiden ist (Abb. 2) [6], bei gleichzeitig besonders schonendem Umgang mit gesunden Zahnhartgeweben [7]. Der Substanzabtrag für ein Veneer beträgt je nach Präparationstyp zwischen 3 Prozent und 30 Prozent der Hartsubstanz einer natürlichen Zahnkrone (bei Vollkronen bis zu 72 Prozent) (Abb. 3a bis 3c) [7]. Im Einzelfall kann bei entsprechender günstiger Stellung der betroffenen Zähne auf die Präparation komplett verzichtet werden (sogenannte „Non-Prep“- Veneers) [8]. Die dünnen Veneers haben Schichtstärken von ca. 0,3 mm bis 0,7 mm, im Einzelfall auch bis zu ca. 1 mm (Abb. 4). Die Präparation findet normalerweise überwiegend auf der labialen Zahnfläche statt. Der geringe Abtrag an Zahnhartsubstanz hat für den Patienten erhebliche Vorteile. Neben der Schonung gesunder Zahnstruktur ist das Risiko von postoperativen Problemen ebenso deutlich reduziert wie die Gefahr eines Vitalitätsverlustes infolge eines Präparationstraumas. Auch die Integrität der marginalen Gingiva und der biologischen Breite wird bei korrekter Lage und Gestaltung der zervikalen Präparationsgrenze nicht negativ beeinträchtigt [9]. Des Weiteren konnte in einer Studie zu den psychologischen Auswirkungen von ästhetisch motivierten Behandlungen mit Keramikveneers ein positiver Effekt auf das Selbstwertgefühl der betroffenen Patienten gezeigt werden [10]. Keramikveneers lieferten nach zwei Jahren intraoraler Verweildauer eine signifikant bessere Patientenzufriedenheit als direkte Kompositfüllungen [11].

Indikation und Planung. Die Indikation für Veneers kann aus ästhetischen oder medizinischen, das heißt funktionellen und zahnprotektiven Gründen gestellt werden. In vielen Fällen lässt sich bei einer primär medizinischen Behandlungsnotwendigkeit aber gleichzeitig auch eine Verbesserung der Ästhetik erzielen [12- 14]:

Indikationen für Keramikveneers

- Verbesserung der Ästhetik

- Abänderung einer störenden Zahnfarbe

- Fluorotische Veränderungen

- Große ästhetisch mangelhafte Kompositfüllungen (Abb. 5a bis 5d)

- Oberflächliche Defekte und Strukturstörungen des Schmelzes

- Verbesserung der Oberflächentextur bzw. -struktur

- Korrektur der Zahnform

- Dysplastische Zähne

- Hypoplastische Zähne

- Notwendige Formänderungen aufgrund von erfolgten gezielten Zahnbewegungen (z. B. kieferorthopädischer Lückenschluss durch Mesialisierung von oberen Eckzähnen) (Abb. 6a bis 6c)

- Zustand nach Zahnfraktur

- Zahnverlängerungen

- Korrektur der Zahnstellung bzw. Zahnausrichtung

- Schließen von Lücken (kongenital fehlende Zähne) bzw. einzelner oder multipler Diastemata

- Schließen von dunklen Räumen bzw. schwarzen interdentalen Dreiecken nach Gingivarezession oder Papillenverlust

-Zahndrehungen, -kippungen und Achsenkorrekturen (sofern KFO nicht sinnvoll möglich oder vom Patienten abgelehnt wird)

- Funktionelle Korrekturen

- Palatinale Veneers (z. B. an einem Oberkiefereckzahn) zur Rekonstruktion von funktionellen Führungsflächen für den Aufbau bzw. zur Wiederherstellung einer Front-Eckzahn-Führung

- Schutz der Zahnhartsubstanz oder Ersatz bzw. Aufbau fehlender Zahnhartsubstanz

- Erosionen, Abrasionen

- Bisshebung bzw. Veränderung der vertikalen Dimension (Seitenzahnbereich: okklusale Veneers, Table Tops)

- Versorgung kariöser Defekte

- Reparatur des Verblendungsanteils prothetischer Restaurationen

Neben den Indikationen gibt es auch Situationen, bei denen eine Versorgung mit Veneers problematisch oder nicht angezeigt ist:

Kontraindikationen für Keramikveneers

- Ungenügende Schmelzquantität (< 50 Prozent der Labialfläche) und -qualität

- Zervikale Ränder der Veneers nicht schmelzbegrenzt oder zu geringe Schmelzretention

- Zirkuläre kariöse Läsionen am Übergang zur Gingiva

- Tief subgingivale Präparationen

- Sehr stark verfärbte Zähne können nur ungenügend maskiert werden

- Sehr breite Lücken zwischen den Zähnen

- Sehr große Verlängerung der Zähne notwendig

- Patienten mit sehr starken Parafunktionen (Bruxismus, Knirschen) oder Habits (z. B. Bleistift kauen)

- Kleine Defekte („Overtreatment“)

- Patienten mit ungenügender Mundhygiene bzw. hoher Kariesaktivität

Ästhetische Analyse. Bei jeder Versorgung eines Patienten mit Veneers steht eine sorgfältige funktionelle und ästhetische Planung am Beginn der Therapie [8, 15, 16]. Dies gilt bereits für das Einzelveneer, aber natürlich umso mehr für komplexe, umfangreiche Fälle mit einer Vielzahl von Restaurationen in einem eventuell notwendigen interdisziplinären Behandlungsansatz. Komplexe, umfangreiche Sanierungen erfordern oft schwierige Entscheidungen in Bezug auf das ästhetische und funktionelle Endergebnis. Hierbei ist es für den Behandler präoperativ eine große Hilfe, das geplante Therapieziel mit den angestrebten definitiven Endpositionen und Außenkonturen der anzufertigenden Restaurationen bereits zu Beginn zu visualisieren [16]. Sämtliche für die Behandlung notwendigen klinischen Schritte sollten im Rahmen der Planung möglichst umfassend in ihrem Ergebnis und in ihren Auswirkungen auf das stomatognathe System im Vorhinein bewertet werden, ehe irreversible Maßnahmen ergriffen werden [17]. Die deutliche Kommunikation des von allen beteiligten Parteien akzeptierten Therapieplans, der darin enthaltenen Einzelmaßnahmen und der hierfür angesetzten Zeitintervalle innerhalb des Behandlungsteams (Hauptbehandler, hinzugezogene Spezialisten, Zahntechniker) und gegenüber dem Patienten hilft, Missverständnisse zu vermeiden und steigert die Sicherheit, das angestrebte klinische Ziel zu erreichen [18]. Zu den notwendigen Kernelementen der Behandlungsplanung innerhalb der ästhetisch-restaurativen Zahnheilkunde zählen die ästhetische Analyse, ein präoperatives analytisches Wax-up („Blaupause“) und die daraus abgeleitete diagnostische Schablone, die intraorale Visualisierung des Therapieplans (Einbeziehung des Patienten) und die Präparationsplanung.

Studie. Eine Studie von Layton aus dem Jahr 2007 über 304 Keramikveneers zeigt, dass diese Art von Versorgungen überwiegend im Oberkieferfrontzahnbereich, hauptsächlich mit dem Wunsch nach ästhetischer Verbesserung, eingesetzt werden (Abb. 7a bis 7c) [19]. Die Realisierung des für jeden Patienten individuellen funktionellen und ästhetischen Optimums erfordert daher bereits zu Beginn, schon in der Phase der Behandlungsplanung, eine enge Zusammenarbeit mit dem spezialisierten Zahntechniker [20]. Eine patientenspezifische optimale Stellung und Form der Veneers wird angestrebt.

Die Dokumentation der Ausgangssituation mit digitaler Fotografie und schädelbezüglich einartikulierten Planungsmodellen ist unbedingt zu empfehlen [15]. Sind größere Veränderungen geplant, ist zudem eine sorgfältige Modellanalyse unverzichtbar. Die Kombination aus Wax-up, Mock-up und Tiefenmarkierungen ist nachfolgend in der Umsetzung der Präparation von unschätzbarem Wert und sichert einen minimalinvasiven Umgang mit der Zahnhartsubstanz [21, 22]. Ein im Dentallabor hergestelltes präoperatives Wax-up und die daraus abgeleitete diagnostische Schablone (Abb. 8), im Regelfall eine transparente Tiefziehschiene, liefern wichtige Grundlagen, um die Vorhersagbarkeit des Behandlungserfolges zu steigern. Mit diesen vorbereitenden Maßnahmen werden im Sinne eines „Backward- Planning“ die Stellung, Ausrichtung, Konturen und der Platzbedarf der späteren definitiven Restaurationen unter funktionellen und ästhetischen Aspekten bestimmt. Dies hat zum einen Einfluss auf die Materialauswahl (Schichtkeramik, unterschiedliche Presskeramiken), zum anderen kann die diagnostische Schablone mit Komposit gefüllt und somit die Situation des Wax-up in ein intraorales Mock-up übertragen werden [22]. Dieses Vorgehen hilft, dem Patienten das Behandlungsergebnis und das Veränderungspotenzial durch die Verblendschalen vor Beginn der Präparation zu visualisieren (Abb. 9a und 9b) und erleichtert so bei unsicheren Patienten oftmals die Entscheidung für die geplante Behandlung [23]. Weiterhin erlaubt das Mock-up dem Behandler ein minimalinvasives Vorgehen bei der Präparation, da der für das jeweilig gewählte Restaurationsmaterial notwendige Zahnhartsubstanzabtrag von den Außendimensionen der späteren Versorgung und nicht nur von der vorhandenen Zahnstellung und dem augenblicklich existenten Zahnvolumen determiniert wird. Bei der Planung der Präparation ist zu berücksichtigen, dass der Zahnschmelz mit zunehmendem Lebensalter durch Erosion, Abrasion und Attrition fortschreitend ausgedünnt wird und somit bei älteren Patienten im Regelfall labial weniger Schmelz entfernt werden muss, um eine natürlich wirkende Zahnform bzw. das ursprüngliche Zahnvolumen mit den Veneers wiederherzustellen [2, 24]. Das Mock-up fungiert somit als Leitlinie für die Präparation. Der Abtrag erfolgt kontrolliert durch den Einsatz von Tiefenmarkierungen mit speziellen Diamantschleifkörpern, die die Außenkontur des Mock-ups im zervikalen, mittleren und inzisalen Zahndrittel durchschneiden (Abb. 10a bis 10h). Die Präparation findet daher ausschließlich an den notwendigen Stellen statt und sichert einen ökonomischen Umgang mit gesunder Zahnsubstanz [25]. Hierdurch ergibt sich in Fällen mit Veränderung der Zahndimensionen (Form, Stellung) ein großer Vorteil gegenüber der traditionellen, veralteten Methodik, bei der der Substanzabtrag allein durch die Verwendung von Tiefenmarkierungsdiamanten ohne zusätzliche Präparationsschablone bestimmt wurde.

Das oben beschriebene Vorgehen eignet sich ideal bei geplanten additiven Veränderungen der Zahnstellung und -formen (Zahnverlängerungen, Zahnverbreiterungen, Verlagerung der Zahnkontur nach labial, Ersatz fehlender Zähne, Lückenschluss) umfangreicher Behandlungsfälle [16]. Liegen die Dimensionen der derzeitigen Zahnformen und -stellung an einigen wenigen Positionen außerhalb der Außenkonturen des Wax-ups, so müssen die entsprechenden Bereiche in der Übertragungsschablone zur intraoralen Visualisierung für den Patienten entfernt werden, da sonst eine exakte Positionierung der Schiene nicht möglich ist. Für Fälle, in denen der Behandlungsentwurf überwiegend eine Kürzung, Verkleinerung oder Verlagerung der Zieldimensionen nach oral vorsieht, ist die beste Möglichkeit der Visualisierung das Wax-up selbst.

Für die Versorgung eines Patienten mit einzelnen Veneers ist der komplette, oben beschriebene Planungsprozess normalerweise nicht nötig, da hier die Außenkonturen der Restauration durch die Form, Größe und Stellung der Nachbarzähne und der Gegenbezahnung determiniert werden. Der Planungsaufwand wird hier auf die notwendigen Aspekte reduziert.

Einzelveneers versus „Smile Makeover“. Zu unterscheiden ist der Einsatz von Veneers an einzelnen Zähnen, bei denen es darauf ankommt, dass sich diese möglichst unauffällig in die vorhandene Umgebung integrieren, vom kompletten „Smile Makeover“. Bei letzterem ist erheblich mehr Planungsarbeit erforderlich. Es werden hier alle beim Sprechen und Lachen exponierten Zähne, d. h. in der Regel sämtliche Frontzähne, patientenbedingt aber auch häufig die Prämolaren und seltener die ersten Molaren, mit Veneers versorgt und somit eine deutliche Veränderung im Aussehen der Patienten erreicht. Auch an den Zahntechniker sind hier erhöhte Anforderungen an dessen Abstraktionsvermögen, Planungskompetenz und künstlerische Gestaltungsfähigkeit gestellt. Allerdings ist darauf zu achten, ein natürlich wirkendes Erscheinungsbild zu erhalten und nicht ein in Mitteleuropa eher befremdlich wirkendes „Hollywood-Smile“ zu schaffen. Für ein Optimum an Funktion und Ästhetik ist somit eine gute Kommunikation und Zusammenarbeit mit dem Zahntechniker eine unabdingbare Voraussetzung [26].

Vorbehandlung vor Therapie. Die Ergebnisse der klinischen Befundaufnahme, der ästhetischen Analyse und der Behandlungsplanung ergeben für jeden einzelnen klinischen Fall individuell unterschiedliche Notwendigkeiten an Vorbehandlungsmaßnahmen, bevor die eigentliche Zieltherapie mit Keramikveneers begonnen werden sollte. Neben Maßnahmen zur Verbesserung der Mundhygiene und der Herstellung entzündungsfreier gingivaler und parodontaler Verhältnisse zählen dazu natürlich die Versorgung primärkariöser Läsionen, der Austausch insuffizienter Füllungen und die Durchführung eventuell notwendiger endodontischer Maßnahmen. In diese Phase fallen ebenso die Ursachenanalyse von Verfärbungen und eine eventuell durchzuführende Aufhellung starker Diskolorationen mittels Bleichtherapie. Hierbei muss allerdings bedacht werden, dass der Effekt durch chemisches Bleichen nicht absolut langzeitstabil ist [27-29] und ein Nachdunkeln der Zahnhartsubstanz vor allem unter sehr dünnen transluzenten Veneers störend wirken kann.

KFO-Behandlung. Mit einer kieferorthopädischen Vorbehandlung zur Verbesserung der Zahnstellung kann in vielen Fällen mit verschachtelt oder irregulär stehenden Zähnen eine Minimierung des für die anschließende Veneerversorgung notwendigen Zahnhartsubstanzabtrags, eine funktionelle Verbesserung durch die Elimination von Gleithindernissen oder durch eine gleichmäßige Verteilung der Zahnlücken – z. B. bei einem vorliegenden Missverhältnis zwischen Zahnbreiten und Breite der Kieferbasis – ein harmonischeres Gesamtresultat erreicht werden [30-33].

Patienten mit myogenen bzw. arthrogenen Auffälligkeiten werden funktionstherapeutisch vorbehandelt und anschließend nochmals reevaluiert, ob die Versorgung mit Veneers in der geplanten Art klinisch umgesetzt werden kann. Patienten mit deutlichem Verlust von Zahnhartsubstanz im Seitenzahnbereich in Kombination mit einer entsprechenden Absenkung der Vertikaldimension der Okklusion erfordern eine umfassende Planung mit notwendiger Neufestlegung der horizontalen und vertikalen Kieferrelation und ausgedehnte Testung (herausnehmbare Schiene, festsitzende Langzeitprovisorien) dieser neuen Position, ehe die definitiven Versorgungen angefertigt und eingegliedert werden können [12, 34-37].

Liegt ein unregelmäßiger, disharmonischer Verlauf der marginalen Gingiva vor, sollte mit dem Patienten eine eventuelle Korrektur durch einen parodontalchirurgischen Eingriff besprochen werden, um die ästhetische Ausgangssituation zu verbessern, ansonsten wird auch nach der restaurativen Therapie immer ein unbefriedigendes ästhetisches Gesamtergebnis resultieren.

In Teil 2 des Beitrages werden die Präparationsregeln für Veneers und Aspekte zur adhäsiven Befestigung behandelt.

Das Literaturverzeichnis finden Sie hier als PDF oder kann beim IZZ bestellt werden unter Tel: 0711/222966-14, Fax: 0711/222966-21 oder EMail: info@zahnaerzteblatt.de.

Prof. Dr. Jürgen Manhart