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Einer von uns

Armin Guther: Zahnarzt mit zwei Berufen

 

Ein Leben für Zahn und Stein

Ausgabe 6, 2017

Was haben Bildhauer und Zahnärzte gemeinsam? Beides sind begnadete Künstler, ist sich Armin Guther sicher. Der Heidelberger Zahnarzt war schon zu den Zeiten, als er noch in seiner Praxis tätig war, leidenschaftlicher Bildhauer. Zahlreiche Ehrungen und Preise über Jahre hinweg bezeugen sein überdurchschnittliches Können. In der Rubrik „Einer von uns“ stellen wir den Heidelberger Künstler vor.

Wer Armin Guther besucht, möchte meinen, er befinde sich inmitten einer Ausstellung, die Kunst der unterschiedlichsten Arten und Formen zeigt. Aquarelle hängen an den Wänden nebst Radierungen und Acrylmalereien. Porträts, Stillleben, Landschaftsbilder – diese Vielfalt zeugt bereits vom großen Können des Künstlers. Doch übertroffen werden die Werke noch von dem, was sie scheinbar allgegenwärtig umgibt. Auf Regalen, Böden, Tischen stehen die eigentlichen Meisterwerke Armin Guthers, seine Leidenschaft und größte Stärke zugleich: Skulpturen. „Zahnmedizin ist Kunst“, sagt der 86-Jährige, der bis in die späten 90er-Jahre als niedergelassener Zahnarzt in Heidelberg praktizierte, „und diese Kunst übertrage ich auf meine Skulpturen.“

Ästhetik. Die Ästhetik der Zahnmedizin, das Modellieren mit den eigenen Händen, das Formen – all das übertrug Armin Guther schon bald nachdem er sich niedergelassen hatte in sein Atelier. Der gebürtige Oberndorfer wurde 1958 approbiert und eröffnete seine Praxis ein Jahr später. Kurz darauf begann er mit der Bildhauerei, „weil ich einen Ausgleich zur Zahnmedizin brauchte.“ Als er wiederum einen Ausgleich für die Bildhauerei brauchte, begann er mit dem Malen. Er lächelt, als er von den ersten Jahren seines leidenschaftlichen Hobbys erzählt. Wobei es der Begriff Hobby nicht ganz trifft. Tatsächlich nennt Armin Guther die Bildhauerei seinen „Zweitberuf“. Schon in der Schule hatte er ein Faible für die Kunst. „Das war mein bestes Fach“, erinnert er sich. Er hätte sich die Bildhauerei auch als Beruf vorstellen können. „Ich hatte mich damals aber mit meinem Vater zusammengesetzt und wir haben beschlossen, dass ich etwas Anständiges lernen sollte.“

Ein anständiger Beruf. Die Zahnmedizin sollte fortan seine erste Leidenschaft werden. Der Beruf des Zahnarztes, den in seinen Augen so viel mit der Kunst verbindet. Doch immer, wenn es ihm möglich war, zog es ihn in sein Atelier. Ob er über die Jahre hinweg viele Marmorblöcke zerschlagen hat, bevor es so lief, wie er es sich vorstellte? Nein, versichert der Künstler. Etwas Ansehnliches sei tatsächlich auch schon bei den ersten Versuchen der Bildhauerei herausgekommen.

Dennoch bildete sich Guther bald weiter. Nach den ersten autodidaktischen Bildhauerarbeiten war er zwischen 1967 und 1970 Schüler bei Prof. Theo Siegle in Heidelberg. In dieser Zeit besuchte er zudem regelmäßig die Sommerakademie Salzburg. 1970 erhielt er den Ehrenpreis der Stadt Salzburg für ausgezeichnete Leistungen in der Bildhauerei und im Bronzeguss. Später kamen weitere Auszeichnungen hinzu, etwa die Ehre, die Skulptur „Dienstmann Muck“ im Auftrag der Stadt Heidelberg zu erstellen, die die Reisenden vor dem Bahnhof begrüßt.

Wie im Museum. Wie viele Skulpturen in all den Jahren zusammengekommen sind, wie viele er weggegeben hat und wie viele nach wie vor in seinem Besitz sind, kann Armin Guther kaum mehr zählen. Sein Haus gleicht längst einem Museum. Wenn er heute durch seinen Garten führt, bietet sich dem Besucher ein spektakuläres Bild. Hunderte Skulpturen in den unterschiedlichsten Größen blicken einem dort, teils lebensecht, entgegen. Da lugen zwei steinerne Reiher aus den Gräsern, an einem Gartenteich sitzt eine afrikanische Frau aus Bronze, die mit den Händen etwas zu waschen scheint und solch einen realistischen Eindruck erweckt, dass man sie auf den ersten Blick beinahe nicht als Statue wahrnimmt.

Weiblichkeit. Frauen, das fällt dem Betrachter schnell ins Auge, sind für Armin Guther Inspiration und wichtige Motive für sein künstlerisches Schaffen. „Sie haben eine besondere Ästhetik.“ Er stellt sie häufig mit all ihren weiblichen Rundungen und auch mit erotischer Strahlkraft dar. „Meine Frau hat damit kein Problem“, sagt er lächelnd und fügt an: „Der Mensch als Einzelperson oder in der Gesellschaft interessiert mich besonders. Er beschäftigt mich in seiner Darstellung und Problematik, wie er uns entgegentritt in Höhen und Tiefen, Nöten und Ängsten.“

Seine Arbeiten gingen deshalb fast alle auf eine persönliche, gefühlsmäßige, intellektuelle oder rein sinnliche Erfahrung zurück. Auch mit dem Zeitgeschehen setzt sich Guther bisweilen auseinander. Etwa mit einer Skulptur, die sich mit dem Terroranschlag auf das World Trade Center am 11. September 2011 auseinandersetzt und Trümmerteile zeigt.

Im Atelier. Am Ende des Gartens befindet sich der Außenbereich von Guthers Atelier, in das er sich über Jahrzehnte hinweg immer wieder zum Bearbeiten seiner Skulpturen zurückzieht. Klüpfel und Meißel liegen dort noch immer bereit. Mit einer Raspel bearbeitet Guther hin und wieder einen Block Marmor. Der harte Stein löst sich nur widerwillig in staubkorngroßen Splittern vom Block. Es ist nicht zu übersehen: Manch ein Werk dauert Wochen und Monate bis zur Fertigstellung.

Heute kann Guther der schweißtreibenden handwerklichen Arbeit des Bildhauens nicht mehr in dem Maße nachgehen wie noch vor Jahren. Deshalb beschränkt er sich eher auf kleine Arbeiten. „Ich habe angefangen, mit Holz zu arbeiten“, erzählt er und zeigt in seinem Atelierraum im Obergeschoss seines Hauses auf einen Holzblock, an dem er mit Werkzeugen schnitzt, die aussehen, als hätte er sie aus seiner Praxis mitgenommen. Die Bildhauerei und der Zahnarztberuf – sie sind sich wirklich ähnlicher, als man auf den ersten Blick denkt.

christian.ignatzi@izz-online.de