Zahnaerzteblatt.de

 

Beitrag von Hans-Edmund Glatzl

21. IZZ-presseforum, Tübingen (7. Juli 2017)

Zuhören, Zuschauen, Zusammenkommen

Das jährliche Presseforum des Informationszentrums für Zahnmedizin in Baden-Württemberg bildet seit 25 Jahren eine bemerkenswerte Vorreiterrolle in Kommunikation von Medizinern mit Journalisten. In seiner umfassenden Verbindung von Wissenschaft und Gesundheitspolitik, dem Brückenschlag  zwischen Wissenschaftsjournalismus und den Tagesmedien ist diese Tagung ein herausragendes Beispiel wie Kontakte zwischen den Welten der Informationsträger und ihrer Rezipienten auch in Zeiten der Reizüberflutung mitten in einer schnell drehenden Nachrichtenlandschaft dauerhaft funktionieren können, wenn das Umfeld stimmt.

Das IZZ-presse
forum ist für die Journalisten im bundesdeutschen Gesundheitswesen ein fester Termin im Jahreskreis. Abseits des oft hektischen Tagesgeschäftes, weg von der Terminhetze im Redaktionsalltag, tut es gut, sich wenigstens für zwei Tage auszuklinken, um sich  entlang von hochmotivierten Experten-Vorträgen eine geballte Ladung an Zahnmedizin, neuen Trends in der Wissenschaft und deren Umsetzung in der Praxis „reinzuziehen“. Die daraus gewonnenen Impulse reichen weit über den Tag hinaus und geben Anregung weiter zu recherchieren und die angerissenen Themenbereiche für die Nutzer mediengerecht je nach Zielpublikum angemessen aufzubereiten. 

Keine Einbahnstraße
Doch die Veranstaltung ist keineswegs eine kommunikative Einbahnstraße im  Frontalunterricht. Dafür sorgt schon die Möglichkeit sich an außergewöhnlichen Orten mit den Experten und den verantwortlichen Standespolitikern der Zahnärzte aus dem Ländle in angenehmer Atmosphäre auszutauschen und gesundheitspolitische Positionen zu hinterfragen.  Da werden die Abende lang und sind trotzdem leider oft zu kurz um alle Fragen abzuklären oder persönliche Kontakte zu vertiefen.  So auch in  diesem Jahr. Angereist aus dem Hauptstadtmoloch tut es gut sich beim Willkommabend zu beschnuppern und die Erfahrungen aus den letzten zwölf Monaten auszutauschen und  Erwartungen abzufragen. Gerade in politisch bewegter Zeit wie vor der Bundestagswahl im Herbst diesen Jahres  ist der Informationsbedarf auf beiden Seiten sicher groß, so dass ein zweiter Abend sicher von Vorteil für beide Seiten wäre. 

Mehr Sprechzeit
Gerade auch um die Eindrücke des eng getackteten  Vortragsprogramms etwas setzen zu lassen. So hätte der Qualitätsreport aus Sicht des gesundheitspolitisch interessierten Journalisten an der Schnittstelle zwischen Standespolitikern, den Patienten und den anderen Akteuren wie Krankenkassen, Ministerialbürokratie und den Gesundheitsexperten der Parteien im Berliner Raumschiff mehr Aufmerksamkeit verdient. Da ist ein Parforceritt von 20 Minuten nach der Mittagspause für 25 Jahre Patientenberatung einfach zu kurz und fällt dem Suppen-Koma zum Opfer. Schade!

Hans-Edmund Glatzl

Beitrag von Dr. Anette Brecht-Fischer

21. IZZ-presseforum 2017, Tübingen (7. Juli 2017)

Viel gelernt!

Die Zahnmedizin ist in der medizinischen Berichterstattung ein Stiefkind - zumindest was die Laienpresse angeht. Woran das liegt? Da haben sicher schon gescheitere Köpfe nach Erklärungen gesucht. Meine Erklärung ist simpel: Wer hat schon gern mit dem Zahnarzt zu tun? Weder Schreiber noch Leser sehnen sich nach derartigen Themen. Und dennoch gibt es äußerst spannende Entwicklungen der zahnmedizinischen Forschung, die sich hinter den Mauern der Universitätskliniken anbahnen und die es durchaus verdient haben, ins Licht der Öffentlichkeit gerückt zu werden.

Beim diesjährigen IZZ-Presseforum in Tübingen war die Bandbreite der Themen groß, so dass wohl jeder Medienvertreter „sein“ Thema finden konnte. Eingängig, gut zu vermitteln und zu verkaufen: die Kariestherapie von morgen, ebenso die Zahnverletzungen im Alltag. Dies sind echte Nutzwertthemen, wie sie viele Redaktionen ihren Lesern bieten möchten. Anderes dagegen war thematisch gesehen eher schwere Kost, so die Ausführungen über Mundhöhlenkarzinome und die Rekonstruktion von Kieferknochen und Weichgewebe oder die Beseitigung von Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, die oft mehrere Operationen umfasst. Trotzdem war es für mich äußerst faszinierend zu hören und zu sehen, welche technischen Errungenschaften wie z.B. das CAD/CAM-System heutzutage die Arbeit der Operateure unterstützen („Händisch kommen wir an diese Präzision nicht heran.“ J. Polligkeit). Auch die Problematik der Kiefernekrosen in Zusammenhang mit Bisphosphonaten, wie sie manchen Krebspatienten mit Knochenmetastasen oder Osteoporose-Patienten verschrieben werden, ist eine Berichterstattung  jenseits der Fachblätter wert. Meine Lernkurve ging an diesem Tag steil nach oben!

Derartige Themen direkt von den beteiligten Forschern und Anwendern vermittelt zu bekommen, wie es beim IZZ-Presseforum geschieht, ist für meine Arbeit als Journalistin sehr hilfreich. Sofortige Nachfragen sind möglich - genauso wie spätere Kontaktaufnahmen, wenn man mal wieder einen Experten für eine ähnliche Aufgabenstellung benötigt. Die Themen wurden umfassend in längeren Vorträgen beleuchtet, was im Gegensatz zum Häppchen-Journalismus steht, aber eben auch Lust macht, einen ausführlicheren Text zu schreiben. Manchmal hätte ich mir allerdings das Eingreifen eines Moderators gewünscht, um den geplanten zeitlichen Ablauf nicht allzu sehr aus dem Ruder laufen zu lassen. Leider sind derartige Veranstaltungen, in denen es um den unmittelbaren Informationsfluss aus der Forschung hin zu den Medien geht, in den letzten Jahren immer seltener geworden.

Umso besser, dass im nächsten Jahr schon das 22. IZZ-Presseforum ansteht.

Dr. Anette Brecht-Fischer

Beitrag von Barbara Waldvogel

21. IZZ-presseforum, Tübingen (7. Juli 2017)

Info-update für Journalisten

Treffpunkt Hörsaal der Universitätsklinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde in Tübingen:  Professoren berichten vor Journalisten im Rahmen des IZZ-Presseforums  von oralen Erkrankungen sowie deren modernen Diagnosen und Therapieverfahren. Man erwartet hochkarätige, aber auch hochkomplexe Ausführungen – und wird angenehm überrascht: Die Wissenschaftler verstehen es tatsächlich, von ihren Forschungen und praktischen Eingriffen nicht nur verständlich, sondern auch einfühlsam, spannend und mitunter sogar mit feinem Humor in Wort und Bild zu informieren.

So hat zum Beispiel Professor Dr. med. dent. Diana Wolff vom Universitätsklinikum Heidelberg einen speziellen Blick für Haustiere. Sie zählt dazu nicht nur Hund und Hamster, Katze und Kuh – bei ihr gehören auch die Bakterien dazu. „Sie haben sich mit uns entwickelt. Das sind unsere Haustiere“, betont sie in ihrem Vortag. Ins besondere geht die zukünftige Ärztliche Direktorin der Poliklinik für Zahnerhaltung am Universitätsklinikum Tübingen auf den Streptococcus mutans ein, der bei fast jedem Menschen im Speichel vorkommt – und Karies verursacht. Das Loch im Zahn, das übrigens auch schon den Steinzeitmenschen plagte, sei deshalb nicht nur ein simpler Defekt, sondern ein Symptom für die Erkrankung der Mundhöhle, erklärt die Professorin ihren Zuhörern. Ihr Fazit: Karies ist eine komplexe Erkrankung der Mundhöhle, hervorgerufen durch eine aus dem Gleichgewicht geratene Mikroflora – verursacht in erster Linie durch Rauchen, Zucker und schlechtes Zähneputzen.

Anders als in der Steinzeit weiß man heute allerdings, wie man Zähne zu pflegen hat, um sie zu erhalten. Als Vermittler dieser Erkenntnisse stehen nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Medien in der Pflicht. Deswegen sind solche Veranstaltungen, bei denen neueste Therapien und Forschungsergebnisse aus erster Hand geliefert werden, für Journalisten von elementarer Bedeutung. Dass gesundheitliche Informationen noch längst nicht bei allen Menschen ankommen,  konnten die Referenten an zahlreichen Beispielen belegen. So geht es zum Teil auf Ignoranz zurück, zum Teil aber auch auf Angst vor einem Besuch beim Zahnarzt, wenn etwa ein Mundhöhlenkarzinom extrem wüten kann, bevor sich der Betroffene in Behandlung begibt. Das machte Professor Dr. Dr. Joachim Polligkeit in seinem mit beeindruckenden Bildern bestückten Vortrag deutlich. Dass sich die Operationen in solchen Fällen bis zu 17 Stunden hinziehen können, nahmen die Zuhörer erstaunt zur Kenntnis.

Ein weiteres Thema: die Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte. Wird sie in England und Holland bei einem Fötus diagnostiziert, reicht das für einen Schwangerschaftsabbruch aus. Diese bedrückende Tatsache schilderte der Tübinger Professor Dr. Dr. Siegmar Reinert zu Beginn seiner Ausführungen über die heutzutage großartigen therapeutischen Möglichkeiten. Trotzdem: „Wir sagen den Eltern nie, dass man nachher nichts mehr sehe.“ Da bei 500 Geburten ein Kind betroffen ist, zählt die LKG-Spalte zu den häufigsten Fehlbildungen in Mitteleuropa.

Auch zur Kiefernekrose (OA Dr. Dr. Sebastian Hoefert), zur Chirurgie komplexer Kieferfehlstellungen (Dr. Alexandros Exarchou) und zu den häufigsten Zahnverletzungen im Alltag (Professor Claus Löst, OA Dr. Daniel Klein, Dr. Sophie Maier-Schell) gab es für die Journalisten Material in Hülle und Fülle. Wie groß das Bedürfnis der Patienten an Informationen ist, belegt auch der vorgestellte Qualitätsreport der zahnmedizinischen Patientenberatung 1991-2016. Danach gab es vom 1. Oktober 2014 bis 30. September 2015 insgesamt 1876 Beratungsgespräche über die telefonische Hotline. Auch diese Zahl beweist die Bedeutung der Öffentlichkeitsarbeit der Zahnärzteschaft, die in Baden-Württemberg seit 1991 mit 21. IZZ-Presseforen bemerkenswerte Qualitätsstandards setzt.

Barbara Waldvogel