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„Offen für neue Herausforderungen“


Der Vorstand der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg – Vorstandsvorsitzende Dr. Ute Maier und die stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden Ass. jur. Christian Finster und Dipl.-Volkswirt Christoph Besters – im Gespräch über Zahngesundheit, die Gestaltung der strukturellen Veränderungen in der zahnmedizinischen Versorgung in Baden-Württemberg, die konstruktive Zusammenarbeit für den Berufsstand und die Zukunftsthemen.
   

Frau Dr. Maier, Herr Finster, Herr Besters – 2017, war das ein gutes Jahr für die Zahnärzteschaft und die KZV BW?  

Dr. Maier: Als Schwäbin würde ich sagen: Nicht geschimpft, ist genug gelobt. Zunächst ist es mir wichtig zu sagen, dass es für uns eine große Freude war, Ende letzten Jahres von der Vertreterversammlung für sechs Jahre als Vorstand bestätigt worden zu sein, und wir drei mit Elan, Tatkraft und Freude in die neue Legislatur starten konnten. Nach einem Jahr können wir neben vielen Projekten auf erfolgreiche Vertragsverhandlungen mit den gesetzlichen Krankenkassen blicken. Die Vergütung hat aus unserer Sicht eine zentrale Stellung für die vertragszahnärztliche Tätigkeit und damit auch für eine gute zahnmedizinische Versorgung der Menschen im Land, um nur zwei Meilensteine zu nennen.  

Besters: Dem kann ich mich nur anschließen, wenn wir uns ansehen, dass wir zudem gleich mit innovativen Projekten gestartet sind, wie z. B. dem Kommunalportal, welches die Kollegin Ute Maier salopp als „Datingplattform“ bezeichnet. Es soll Zahnärzte, die eine Praxis suchen, und Kommunen, die einen Zahnarzt benötigen, zusammenbringen. Damit sorgen wir vor, dass wir auch in Zukunft die gute Versorgung in diesem Land für die Menschen sicherstellen können. Als Ressortverantwortlicher für den EDV-Bereich haben meine Mitarbeiter diese Plattform geschaffen. Unsere Vorsitzende hat sich darum gekümmert, dass wir Kooperationspartner mit dem Gemeindetag, Städtetag und Landkreistag sowie der AOK Baden-Württemberg gewinnen konnten und Sozialminister Manne Lucha als Schirmherrn. Das ist ein echter Erfolg.  

Finster: Vor allem war es auf der Reformdauerbaustelle Gesundheitswesen aber auch ein dynamisches Jahr. Unsere Vision ist, die KZV BW weiterzuentwickeln, um sich in wandelnden Zeiten bestmögliche Dienstleistungen für die Vertragszahnärztinnen und Vertragszahnärzte leisten zu können. Eine starke, effektive und effiziente Vertretung der Zahnärzteschaft in Politik und Gesellschaft ist die zentrale Selbstverwaltungsaufgabe der KZV BW. Die Sorge um den Freien Beruf war für uns über weite Strecken im Jahr 2017 handlungsleitend.  

Sie vertreten über 7.800 freiberuflich tätige Zahnärzte, die die Versorgung von mehr als 9 Millionen Menschen in Baden-Württemberg sicherstellen. Was sind deren Sorgen und Nöte?  

Dr. Maier: Der Abbau der zum Teil überbordenden Bürokratie steht ganz oben: Ich war im Sommer zusammen mit Kollegen der Landeszahnärztekammer auf Tour in Baden-Württemberg und habe Politikerinnen und Politiker, Landräte, Oberbürgermeister und Bürgermeister eingeladen, Zahnarztpraxen vor Ort zu besuchen. Als Fazit aus 16 Praxisbesuchen nehme ich einmal mehr die Bestätigung mit, wie engagiert und mit welch intensiver Leidenschaft die Kolleginnen und Kollegen für ihre Patienten arbeiten, unabhängig davon, ob es sich um eine kleine oder große, um eine Land- oder Stadtpraxis oder um eine „normale“ oder „High-End-Praxis“ handelt. Der enorme Einsatz der Kolleginnen und Kollegen, der Geist der Freiberuflichkeit und die große Verantwortung, die diese jeden Tag übernehmen, um den Menschen zu helfen, ist für mich Ansporn genug, mich dafür einzusetzen und mit daran zu arbeiten, dass die Rahmenbedingungen der Kolleginnen und Kollegen so gestaltet werden, dass sie ihren Beruf leidenschaftlich ausüben können. Wenn mir ein Kollege sagt, dass ihm die bürokratischen Vorschriften über den Kopf wachsen, dass die Bürokratie praktisch nicht mehr bewältigbar und besonders zeit- und kostenintensiv ist, dann nehme ich das in unsere Arbeit für die Zahnärzte mit. Aus diesem Grund war es mir wichtig, die Politiker gleich mit in die Praxen zu nehmen, sodass sie ein Gefühl dafür bekommen, welche Auswirkungen ihre Entscheidungen in den Parlamenten letztendlich haben und welche Hürden im tagtäglichen Praxisablauf zu nehmen sind. Wir fordern die Entlastung von der Bürokratie ja nicht als Selbstzweck, sondern weil wir die Zeit und die Ressourcen für eine gute Behandlung der Menschen brauchen.  

Finster: Und deswegen ist unser Engagement in Richtung Europa auch so wichtig. Wir müssen deutlich darauf hinweisen, dass der erste Entwurf des Dienstleistungspakets der Europäischen Kommission, der Anfang des Jahres öffentlich wurde, ein großes Gefährdungspotenzial für die tägliche zahnärztliche Berufsausübung zur Folge hat. Werden unsere in Deutschland bewährten Strukturen, die Freiberuflichkeit und die Selbstverwaltung in Frage gestellt oder preisgegeben, dann ist Gefahr in Verzug. Die Freien Berufe würden schnell bis hin zur Unkenntlichkeit verändert werden können. Zusammen mit unseren Partnern in den AG KZVen wandten wir uns an die Bundeszahnärztekammer und an die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung zum Thema Zukunft der Freien Berufe und machten konkrete Vorschläge für eine Verteidigungsstrategie. Dort beruhigt man sich damit, dass man alles im Griff habe, aber immer ist noch nichts vom Tisch. Damit die Freiberuflichkeit in der Zukunft überhaupt eine Chance hat, müssen wir lautstark dafür kämpfen, und der Grundsatz der Subsidiarität muss bewahrt bleiben.  

Besters: Sicherlich ist auch die Digitalisierung eine große Chance, lästige Bürokratie einzudämmen, daran arbeiten wir mit unserem Projekt KZV BW 4.0, welches gerade die Belastungen für die Zahnärztinnen und Zahnärzte durch Nutzung des digitalen Fortschritts verringern soll. Da sind wir als KZV BW ganz vorne dabei. Eines muss ich jedoch in Richtung Politik anmerken. So wie die Themen Telematik und Einführung der elektronischen Gesundheitskarte angegangen werden, ist es ein Armutszeugnis für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes. Dieses Trauerspiel toppt noch das Toll-Collect-Drama bei der Einführung der Lkw-Maut und macht uns fassungslos. Vielleicht wird ja durch eine neue Bundesregierung nun alles gut (lacht).  

Wie steht es im Jahr 2017 um die Mundgesundheit im Land?  

Dr. Maier: Sehr gut. Nehmen Sie die Ergebnisse aus der aktuellen Deutsche Mundgesundheitsstudie: Acht von zehn zwölfjährigen Kindern in Deutschland sind heute vollkommen kariesfrei, in Baden-Württemberg ist die Situation noch besser. Von den Kindern bis hin zu den Senioren hat sich die Zahn- und Mundgesundheit kontinuierlich verbessert. Unser Ansatz „Vorsorgen statt versorgen“ greift, die Erfolge sind eindeutig Ausdruck des Engagements und der fundierten Arbeit unseres Berufsstandes. Nichtsdestotrotz kann laut Studie immer noch ein Zusammenhang zwischen sozialem Status und Mundgesundheit festgestellt werden. Wir sehen darin – trotz aller Erfolge – eine Aufgabe für die Zukunft zusammen mit der Politik und den verantwortlichen Akteuren vor Ort (Landräten, öffentlichen Einrichtungen etc.). Für die Zahnärzteschaft lässt sich unmissverständlich festhalten: Es liegt nicht an der Behandlung oder dem nicht vorhandenen Behandlungsangebot. Dieses ist für jeden Menschen im Land gegeben, unabhängig vom sozialen Hintergrund. Die Frage ist: Wie bekommen wir die Menschen dazu, sich ihrer Eigenverantwortung für ihre Mundgesundheit bewusst zu werden, täglich die Zähne zu pflegen und auch auf die Ernährung zu achten? Zusammen mit der Landesarbeitsgemeinschaft für Zahngesundheit (LAGZ) und durch die Individualprophylaxe in den Praxen sind wir insoweit auf einem guten Weg. Aber nichts ist so gut, dass es nicht noch besser werden könnte. Und im Bereich der frühkindlichen Karies und bei der Versorgung von pflegebedürftigen Menschen und Menschen mit Behinderungen haben wir noch einiges vor uns. Deswegen werden wir uns auch in Zukunft diesen Themen widmen und aktiv auf Politik, Kommunen und Partner im Gesundheitswesen zugehen, um weitere Verbesserungen zu erreichen.  

Sehr geehrte Frau Dr. Maier, Herr Besters, Herr Finster, lassen Sie uns über die Zukunft sprechen – vor welchen Herausforderungen steht die Zahnärzteschaft?  

Dr. Maier: Die Welt ist nicht mehr dieselbe wie vor 30 Jahren. Sie hat sich grundlegend verändert. Diesem Wandel gerecht zu werden, das ist unsere Aufgabe in den nächsten Jahren. Gesellschaftliche Veränderungen sind nichts Neues und nichts, wofür oder wogegen wir uns entscheiden könnten. Sie sind ein Fakt. Was wir jedoch entscheiden können, ist, wie wir mit der Situation umgehen. Wir begreifen dies als Herausforderung und wollen die Chancen, die darin liegen, für uns nutzen. Es gab vor 30 Jahren, als ich mein Studium beendete, über 80 Prozent Männer in meinem Jahrgang. Heute ist es umgekehrt. Über zwei Drittel des zahnmedizinischen Nachwuchses sind weiblich. Es mag sich vieles dadurch verändern, was allerdings gleich geblieben ist, das ist die Leidenschaft unseres Nachwuchses für unseren Beruf. Sicher werden sich die Berufsausübungsformen noch stärker als bisher ändern. Es existieren andere Ansprüche an die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, viele junge Kolleginnen und Kollegen arbeiten heute lieber in einem Team und trauen sich, uns deutlicher zu sagen, dass ein Leben außerhalb des Berufes auch wichtig ist. Wir sollten das ernst nehmen. Als Wertschätzung an die junge Generation. Wir müssen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Jungen den Auftrag der Gesellschaft in einer sich ändernden Welt unter Berücksichtigung ihrer Interessen erfüllen können und wollen. Das ist eine Riesenchance für Alt und Jung.  

Besters: Wir machen uns da ja bereits Schritt für Schritt auf den Weg. So haben wir punktuell in Ballungsräumen, in denen dies von der Zahnärzteschaft getragen wird, wie in Karlsruhe, Mannheim, Heidelberg und Stuttgart, den Notdienst zentral durch Kooperationsverträge mit Kliniken oder einer eigenen Einrichtung organisiert. Damit gewährleisten wir für die Zahnärzteschaft ein Mehr an Vereinbarkeit von Familie und Beruf, und vor allem haben die Patientinnen und Patienten einen Nutzen: Sie haben immer dieselbe verlässliche Anlaufstation bei einem Notfall. Darüber hinaus wird der Notdienst durch die niedergelassenen Zahnärztinnen und Zahnärzte in ländlichen Regionen sichergestellt, was sehr positiv gesehen wird. Das ist eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.  

Finster: Ob sich die Politik genaue Gedanken über Selbstverwaltung der Zukunft macht, ist offen, wohl eher nicht. Es beschleicht einen das Gefühl, dass der Staat keinen Plan hat und nur auf Probleme reagiert. Also müssen wir uns auf den Weg machen und selbst gestalten. Wir müssen die Frage beantworten: Was muss Selbstverwaltung aus eigener Kraft verändern? Wir müssen aufgrund der anstehenden Herausforderungen auf die Veränderungen reagieren und neue Funktionen der Selbstverwaltung identifizieren. Wir müssen Leitthemen entwickeln, die geeignet sind, die professionspolitischen Ziele zu erreichen. Zunächst müssen in diesem Sinne grundlegende erste Leitthemen gelistet werden. Unsere Zielvorstellungen müssen in den Berufsstand hineinvermittelt werden. Man muss Themen haben, die Sogkraft entfalten können und mit denen sich die Zahnärztinnen und Zahnärzte identifizieren können. Das Reden auf Länderebene ist wichtig. Wir müssen unsere Vorstellungen in die Ministerien transportieren.  

Wie ist die KZV BW darauf vorbereitet?  

Finster: Durch ein Zukunftsmanagement. Wir haben einen Denkwerkstättenprozess angestoßen. In verschiedenen Projektgruppen und einer eigenen Zukunftswerkstatt werden Themen wie die Digitalisierung bis hin zu notwendigen strukturellen Veränderungen prospektiv aufgegriffen. Dort ist ausreichend Platz für notwendige Diskussionen und innovative Ideen. Aus diesem Grund steht das Thema Compliance auf der Tagesordnung. Unser Governance Kodex, als Instrument der Transparenz, wird überarbeitet, und viele weitere Instrumente für eine zukunftsgerichtete Unternehmensführung stehen an. Ziel ist es, den Weg der vergangenen Jahre konsequent weiterzugehen und effizient, kostensparend und flexibel zu agieren. Meine Vision ist die, dass zwar auf unserem „Unternehmensschild“ Körperschaft des öffentlichen Rechts steht, aber bei unserer Arbeit der Geist eines Start-ups weht: dynamisch, schnell, innovativ und offen für neue Herausforderungen. Das hilft im Zweifel bei einer Umfirmierung.  

Dr. Maier: Unser Vorteil dabei ist, dass wir nicht nur professionelle Strukturen haben, sondern von einem engagierten Ehrenamt, welches ja das Kernstück der Selbstverwaltung ist, getragen werden. Wir nennen das Partizipationsmodell. Die KZV BW ist eine demokratische Selbstorganisation der Zahnärztinnen und Zahnärzte. Das ist ein Erfolgsrezept, um Freiheitsräume selbst zu gestalten.  

Besters: Was auch durch die Regionalität in unseren vier Bezirksdirektionen gelebt wird. Wir gewährleisten gute Strukturen, die es möglich machen, dass die Zahnärztinnen und Zahnärzte nach wie vor lokale Ansprechpartner haben und diese lokale Verbundenheit gelebt wird. Besonderes Augenmerk legen wir auf die regionale Fortbildung unter dem Dach des Fortbildungsforums Zahnärzte der KZV BW.  

Am 24. September 2017 wurde gewählt. Es wird eine neue Bundesregierung geben – was erwarten Sie von ihr? Möglichst bitte in einem Satz.  

Besters: Sie sollte sich darauf konzentrieren, Probleme zu lösen, die es gibt, und gegenüber der Zahnärzteschaft und den Menschen eine Kultur des Vertrauens und nicht des Misstrauens leben.  

Finster: Die Freiberuflichkeit in Europa verteidigen und Finger weg von der Selbstverwaltung.  

Dr. Maier: Die Verstärkung des Ansatzes, dass eine gute Gesundheitspolitik nur gelingt, wenn die Partner auf kommunaler, Landes- und Bundesebene mit den Akteuren der Selbstverwaltung gemeinsam in einem vernetzten Handeln die Verantwortung für die Gesundheit wahrnehmen: gemeinsam statt einsam. Das ist zielführender als jeder vorgeschlagene Radikalumbau des Versicherungssystems.  

Das war jetzt mehr als ein Satz ...  

Dr. Maier: … musste aber gesagt werden (lacht)!  

Herzlichen Dank für das Gespräch.

florian.wahl@kzvbw.de