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Mannheimer Vesperkirche

 

Anlaufpunkt für die Gestrandeten

Ausgabe 2, 2018

Nahrung für Leib und Seele – das möchte die Mannheimer Vesperkirche leisten. Über 500 Menschen erhalten in der Citykirche Konkordien viel mehr als eine warme Mahlzeit. Sie bekommen Zuneigung, Rat und vor allem: das Gefühl, Mensch zu sein. Und auch die medizinische Betreuung gehört seit Jahren mit zum Angebot. Sie wurde in diesem Jahr erweitert. Die Allgemeinmediziner um Dr. Johannes Hechler erhielten in diesem Jahr zahnmedizinischen Beistand durch Dr. Bernhard Jäger. „Ich kann in der Kirche natürlich keine Untersuchungen vornehmen. Dafür stellt mir ein Kollege im Quadrat Q 5 ein Behandlungszimmer seiner Praxis zur Verfügung.“ Den ersten Zahn hat er dort bereits gezogen. Das Zahnärzteblatt druckt den Beitrag aus dem Darmstädter Echo vom 12. Januar nach.

Menschen mit Rucksäcken und abgetragener Kleidung sind auch in der Vesperkirche zu Gast. In Taschen oder Plastiktüten tragen sie ihre gesamte Habe – zumindest den Teil, den sie nicht direkt am Körper tragen. Eine Arztpraxis haben viele schon lange nicht mehr von innen gesehen. Der fehlende Versicherungsschutz spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. „Oft ist es auch Schamgefühl, sich in ein Wartezimmer zu anderen Menschen zu setzen“, weiß Pfarrerin Ilka Sobottke. „Die Angst vor dem Arzt ist hier schon ausgeprägt“, erklärt Allgemeinmediziner Hechler. Seit er im Jahr 2003 seine Praxis in der Innenstadt aufgegeben hat, kam er über die Obdachlosensprechstunde der Stadt Mannheim mit der Vesperkirche in Kontakt.

Unterstützung. Anfangs war der heute 76-Jährige zwei Mal pro Woche als Ansprechpartner vor Ort, unterstützte den Sanitätsdienst der Johanniter. Mittlerweile teilt er sich den Dienst mit weiteren pensionierten Kollegen, ist an fünf Tagen der Woche ein Arzt in der Kirche. „Die Behandlungen haben sich seither nicht großartig geändert“, so seine Beobachtung. „Es geht vor allem um Verbände und die Behandlung kleinerer Wunden.“ Gerade bei den Obdachlosen kommen Hautkrankheiten und Erkrankungen an den Füßen häufiger vor. „Es wurde nicht anders, es wurde nur mehr“, so der Arzt.

Armut. Als Indikator für eine steigende Armut sieht er die seit Jahren steigende Zahl in der Essensausgabe aber nicht. „Es spricht sich einfach nur stärker herum. Hierher kommen die Gestrandeten.“

Denen will auch Zahnarzt Dr. Berhard Jäger helfen. Andreas Kandefer, ein alter Freund, der mittlerweile bei den Johannitern eingesetzt wird, hatte den Friedrichsfelder zur Vesperkirche gebracht. „Ich bin in erster Linie Ansprechpartner“, so seine Erfahrung aus den ersten Tagen in der Citykirche. Denn die Angst vor dem Arzt sei beim Zahnmediziner noch ein wenig stärker ausgeprägt. Trotzdem hilft er gerne.

Medizinische Betreuung. Die medizinische Betreuung gehört für Pfarrerin Sobottke zum Gesamtangebot, das in jedem Jahr noch ein wenig ausgefeilter werde. „In diesem Jahr haben wir erstmals eine Friseurin, die an ihrem eigentlich freien Montag Termine an Obdachlose vergibt.“ Und außerdem: „Unser Eingangsbereich ist neu, wir haben eine bessere Beleuchtung und mehr Platz. Mein Eindruck ist, dass die Menschen dadurch viel freundlicher und entspannter zu uns kommen.“ Das sieht auch Harald so. Der heute 62-Jährige trägt seine Habe bei sich, strahlt, als ihm eine der Helferinnen den Kuchen zum Nachtisch bringt. „Die Vesperkirche ist für mich ein Gottesgeschenk.“

Volker Endres