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Leitartikel

Fachliche Expertise gefragt

Ausgabe 3, 2018

Die Anforderungen an den zahnärztlichen Berufsstand sowie an den Betrieb einer zahnärztlichen Praxis sind vielfältiger Natur. Derzeit werden viele Zahnärztinnen und Zahnärzte mit erhöhten fachlichen und bürokratischen Anforderungen sowie verstärkten staatlichen Kontrollen bei den behördlichen Praxisinspektionen konfrontiert. Die Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg ist gefordert, antizipativ zu handeln und sich intensiver für die berechtigten Interessen von Patienten und Zahnärzten im gesamtgesellschaftlichen Kontext einzusetzen. Ein guter Ansatz dazu ist die enge Kooperation mit den zuständigen Landesbehörden durch die stärkere Einbindung der fachlichen zahnärztlichen Expertise.

Multiresistente Keime, Erkrankungen, die bereits als nahezu besiegt galten, wie Tuberkulose und Diphtherie, aber auch nach wie vor ungeklärte Übertragungswege von Infektionen stellen einige der großen Herausforderungen in der Medizin dar und sorgen für mediale Schlagzeilen. Der Staat reagiert darauf mit verschärften Hygieneanforderungen und verstärkten Kontrollen der medizinischen Einrichtungen. Hersteller von Medizinprodukten und Fachgesellschaften haben sich in diesem Markt positioniert und verfolgen auch eigene Interessen. In den Zahnarztpraxen führt das zu erhöhten Investitionen und Kosten sowie mehr Mitarbeitern und zusätzlicher Bürokratie.

In seinem Abschlussbericht „Mehr Zeit für Behandlung“ hat der Nationale Normenkontrollrat (NKR) bereits im August 2015 jährliche Bürokratiekosten in Höhe von 4,33 Mrd. Euro in den deutschen Arzt- und Zahnarztpraxen wissenschaftlich nachgewiesen und konkrete Maßnahmen mit erheblichem Optimierungspotenzial vorgestellt, die allerdings bisher noch nicht mit messbaren Erfolgen in die Praxis umgesetzt worden sind.

Um die Dringlichkeit der Problematik und weiteren Handlungsbedarf zu verdeutlichen, hat die Bundesversammlung der BZÄK deshalb auf Initiative der badenwürttembergischen Delegierten die Hygienekostenstudie des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ) veranlasst. Diese Studie ist dringend notwendig, um eine detailliertere Kostenbelastung in den deutschen Zahnarztpraxen zu erfassen und den Druck auf die Politik zu erhöhen, hier entsprechend zu agieren und notwendige Mittel einzufordern.

Ebenso wichtig ist in diesem Kontext der konstruktive Dialog mit der Dentalindustrie. Nicht praktikable Herstellerangaben, Materialinkompatibilität bei Standardaufbereitungsverfahren, überzogene Wartungs- und Validierungsanforderungen sind nicht akzeptabel. Die Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg befindet sich hier im Gespräch mit führenden Medizinprodukteherstellern. So wurde zum Beispiel Anfang Februar ein Gespräch mit der Firma Miele Professional geführt. Hier wurden aus unserer Sicht wissenschaftlich nicht belegte Normungsvorgaben kritisch hinterfragt und auf die aktuellen Probleme bei der Durchführung der Wartungen hingewiesen. In offener Gesprächsatmosphäre wurden zudem die Probleme und Lösungsmöglichkeiten in Bezug auf die Einhaltung der Wartungsintervalle und die Gewährleistung der normbasierten Validierungsintervalle in Reinigungs- und Desinfektionsgeräten angesprochen.

Bereits im Februar 2017 hat Kammerpräsident Dr. Tomppert im Gespräch mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann angeregt, die fachliche Expertise der Kammer am Beispiel behördlicher Praxisbegehungen stärker einzubinden.

Was lange reift, trägt gute Früchte. Im Folgegespräch des LZK-Präsidiums mit Staatsminister Klaus-Peter Murawski und Sozialminister Manfred Lucha im Januar dieses Jahres kamen die Vertreter der Landesregierung dem Wunsch der Zahnärzteschaft entgegen, zur Lösung der dargestellten Probleme intensiver zu kooperieren und einen ministeriellen Arbeitskreis unter Beteiligung der Regierungspräsidien und der LZK Baden-Württemberg unter Einbringung der zahnärztlich-fachlichen Expertise zeitnah einzurichten.

Neben der langjährig praktischen Unterstützung der Praxen durch die Kammer, als Stichpunkte seien hier als Serviceangebot das allseits geschätzte LZK-PRAXISHandbuch oder der LZK-Navigator genannt, sehen wir in den genannten politischen Gesprächen und den daraus resultierenden Maßnahmen einen guten und geeigneten Schritt zur Erleichterung der alltäglichen Praxisarbeit und zur Entlastung unnötiger bürokratischer Vorgaben.

Dr. Torsten Tomppert,Präsident der LZK BW
Dr. Norbert Struß, stv. Präsident der LZK BW