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Fortbildung

Lückengebisssituation

 

Verkürzte Zahnreihe – wann, wie, womit versorgen?

Ausgabe 3, 2018

Verkürzte Zahnreihen sind wohl die Lückengebisssituation mit der variantenreichsten Palette möglicher Behandlungen. Wir befinden uns an der Schnittstelle zwischen fehlender Behandlungsbedürftigkeit, konventionellen herausnehmbaren wie festsitzenden Zahnersatzformen und Implantatlösungen. Moderne prothetische Zahnmedizin zielt auf eine nachhaltige, wissenschaftlich gestützte und möglichst wenig invasive Behandlung ab. Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Prothetische Zahnmedizin und Biomaterialien publizierte dazu im Bundesgesundheitsblatt eine Übersicht (Kern et al. 2011). Darin wird als Ziel moderner Strategien formuliert, eine iatrogene Schädigung so gering wie möglich zu halten. Neben tradierten Ansätzen stehen dabei vorrangig adhäsiv befestigte und implantatgetragene Behandlungsmittel zur Verfügung. Dazu gehört aber auch ein Verzicht auf medizinisch nicht erforderlichen Zahnersatz. Hier kommen also begrenzte Therapieziele ins Spiel.

Prämolarenokklusionen. Wann ist es sinnvoll und möglich verkürzte Zahnreihen unversorgt zu lassen? Im Folgenden soll dabei die bilateral verkürzte Zahnreihe im Vordergrund stehen, wenn auch die Aussagen teilweise auf einseitige Situationen übertragen werden können. Verkürzte Zahnreihen im Sinne der sogenannten „Golden Twenty“ sind epidemiologisch eher selten. Häufig finden sich asymmetrische Situationen mit noch vorhandenen einzelnen Molaren. Entscheidend für die Bewertung sind die in Okklusion stehenden Zähne. Wir wissen heute, dass solange Zahnkontakte im Bereich der Prämolaren und Frontzähne gegeben sind, funktionelle Einschränkungen zwar vorhanden, aber für viele Patienten weniger relevant sind. Sie leben gut damit, geben ein ausreichendes Kauvermögen an und berichten über keine psychosozialen Beeinträchtigungen (Wolfart et al. 2013). Typisch für diese Klientel ist ein mittleres bis höheres Alter. Käyser und seiner Arbeitsgruppe kommt das Verdienst zu, das Konzept der verkürzten Zahnreihe systematisiert und befördert zu haben (Witter et al. 1999, Käyser, Meeuwissen und Meeuwissen 1990, Käyser 1994, Käyser 1990, Käyser 1981). Es ist ein Konzept, das

- Erhaltungs- und Therapieziele nach multiplem Zahnverlust definiert,

- Therapiealternativen eröffnet,

- die Komplexität der Behandlung reduzieren kann,

- aber nicht bei allen Patienten anwendbar ist.

In den Originalpublikationen von Käyser wird das Niveau der vollständigen Prämolarenokklusion als suboptimales Funktionsniveau beschrieben, das für Patienten 40+ geeignet ist. Diese Altersgrenze wird heute eher höher anzusetzen sein. Auch auf die Option noch weiter verkürzter Zahnreihen wird hingewiesen. In der modernen Alterszahnmedizin werden bei hochbetagten Patienten durchaus auch reine Frontzahnokklusionen als akzeptables Funktionsniveau angesehen.

Der Prämolarenokklusion als suboptimales funktionelles Niveau wird eine Reihe potenzieller Risiken zugeschrieben. Dazu gehören okklusale Instabilität, Elongationen, Zahnwanderungen, verstärkte Abnutzung der Zahnhartsubstanzen, Lückenbildungen, Funktionsstörungen und eine Beeinträchtigung der Kaufunktion. In den letzten 20 Jahren ist eine Vielzahl von Publikationen zu verkürzten Zahnreihen erschienen. Grundsätzlich kann man feststellen, dass die Mehrheit der zugrunde liegenden Studien zu einer positiven Evidenz für das Konzept der verkürzten Zahnreihe beiträgt. In Deutschland läuft eine randomisierte kontrollierte Langzeit-Multicenterstudie, deren Ergebnisse die klinische Eignung verkürzter Zahnreihen belegt (Marré et al. 2015, Reissmann et al. 2014, Walter et al. 2018, Walter et al. 2014). In einer Analyse systematischer Reviews zum Konzept der verkürzten Zahnreihe wurden insgesamt neun Reviews bewertet, von denen sieben das Konzept positiv bewerteten (Khan, Chikte and Omar 2017). Die Autoren schlussfolgern, dass aktuell eine Diskrepanz zwischen positiver Evidenz und der Rolle verkürzter Zahnreihen in Ausbildung, Fortbildung und Praxis besteht, die überwunden werden sollte.

Erhaltungsziel verkürzte Zahnreihe. Abbildung 1 zeigt einen typischen Patienten, bei dem das begrenzte Erhaltungsziel verkürzte Zahnreihe als die individuell beste Option angesehen wurde. Er kommt seit Jahren mit der suboptimalen Funktion gut zurecht. Man sieht altersgemäße physiologische Abnutzungen der Zähne. Ob diese durch die Prämolarenokklusion verstärkt worden sind, ist nicht feststellbar. Es ist auffällig, dass der Patient die Molaren im Oberkiefer nicht in der erforderlichen Weise reinigen kann, während die Prämolaren und Frontzähne sich in einem guten Hygienezustand befinden. Diese Molaren werden belassen. Sollte es zu Problemen kommen, ist ihre Entfernung geplant, ohne das langzeitstrategische Ziel des lebenslangen Erhalts einer funktionell ausreichenden Okklusion von zehn okkludierenden Zahnpaaren aufzugeben.

Bei Prämolarenokklusion ist davon auszugehen, dass die Frontzähne teilweise auch Funktionen der Seitenzähne mit übernehmen. Das System passt sich an, die Kaukräfte werden reduziert, sodass letztlich ein stabiler neuer Gleichgewichtszustand entstehen kann. Die Voraussetzungen für den Zahnerhalt im Frontzahnund Prämolarenbereich sind in vielen Fällen ungleich günstiger als im Molarengebiet. Die Gründe dafür liegen zum einen in der Zugänglichkeit und Wurzelanatomie. Zum anderen fallen bei älteren Menschen die Einschränkungen des Sehvermögens und der motorischen Fähigkeiten ins Gewicht.

Prothetischer Aufbau. Neben Situationen, in denen verkürzte Zahnreihen vorhanden sind und lediglich durch präventive und restaurative Maßnahmen stabilisiert werden müssen, gibt es Fälle, in denen eine Prämolarenokklusion bis zum zweiten Prämolaren durch prothetische Therapie wiederhergestellt werden kann. Klassisch ist dabei die Freiendbrücke zum Ersatz des zweiten Prämolaren. Freiendbrücken verschiedener Konstruktion zeigten in Metaanalysen gegenüber Endpfeilerbrücken zwar eine schlechtere Überlebensrate. Sie lag allerdings mit ca. 80 Prozent nur etwa 9 Prozentpunkte niedriger als bei Endpfeilerbrücken über zehn Jahre (Pjetursson et al. 2007). Wesentlich scheinen der Pfeilerzustand und die Pfeilerprognose Einfluss auf die Funktionsdauer von Freiendbrücken zu nehmen. So werden in einer retrospektiven Studie 16- bzw. 18-Jahres-Überlebensraten von 74 Prozent bei vitalen und 52 Prozent bei wurzelkanalbehandelten Pfeilern berichtet (De Backer et al. 2007). Bei verkürzten Zahnreihen haben sich Freiendbrücken zur Verlängerung der Zahnreihe mittelfristig gut bewährt (Sasse et al. 2014). Distalanhänger zum Ersatz des zweiten Prämolaren können empfohlen werden. Der Ersatz erster Molaren wird zurückhaltend gesehen, da er aus funktioneller Sicht weniger Nutzen erbringt. Es ist anzustreben, zwei vitale, stabile, feste Pfeiler heranzuziehen und die Präparation retentiv und substanzschonend vorzunehmen. Diese Maßnahmen sollen den Hauptproblemen der Freiendbrücke, nämlich Dezementierung besonders am anhängerfernen Pfeiler und Fraktur des anhängernahen Pfeilers, entgegenwirken. Ein geeignetes Material in ausreichender Dimensionierung ist essenziell, z. B. eine Nichtedelmetalllegierung mit keramischer (Teil-)Verblendung. Gegebenenfalls sollten anstelle einer zu starken Schwächung der Pfeiler Überdimensionierungen in Kauf genommen werden (Abbildung 2). Allgemeine Regeln für Freiendbrücken finden sich in der S1-Empfehlung „Festsitzender Zahnersatz für zahnbegrenzte Lücken“ (kostenloser Download im Leitlinienbereich unter www.dgzmk.de).

Verkürzte Zahnreihen können auch mit Hilfe von Implantaten wiederhergestellt werden. Diese Therapieform wurde in die Stellungnahme der DGZPW/DGZMK von 2008 zu implantatprothetischen Konzepten zur Ergänzung der verkürzten Zahnreihe aufgenommen (kostenloser Download im Archiv der Stellungnahmen unter www.dgzmk.de). Der Ersatz beider Prämolaren durch Verbundbrücken ist eine Konstruktion, die seltener angezeigt und eher als Mittel der zweiten Wahl anzusehen ist. Hier sollte die Wertigkeit des natürlichen Pfeilers (Eckzahn) sehr kritisch geprüft werden. Starke, feste Pfeiler stellen eine Grundvoraussetzung für eine gute Prognose dar. In der Regel Mittel der ersten Wahl sind Einzelzahnimplantate zum Ersatz eines oder beider Prämolaren (Abbildungen 3 und 4).

Grundsätzlich ist bei Prämolarenokklusionen mit verstärkten Belastungen der Prämolaren und okklusalen Anpassungsvorgängen zu rechnen. Diese Gegebenheiten sollten auch bei der Materialwahl einfließen. Metall- und metallkeramische Okklusalflächen haben sich bewährt. Sehr harte Werkstoffe wie monolithisches Zirkoniumdioxid erscheinen weniger geeignet, zumal bei verkürzten Zahnreihen die Funktion und nicht die sowieso suboptimale Ästhetik im Vordergrund steht.

Herausnehmbare Teilprothesen. Sind verkürzte Zahnreihen als Erhaltungs- und Therapieziel nicht indiziert, sollten die Molaren ersetzt werden. Dazu kommt herausnehmbarer und implantatgetragener Zahnersatz in Frage. Die Studienlage ermöglicht es nicht, die Prognose verschiedener Formen des herausnehmbaren Teilersatzes vergleichend zu bewerten. Relevante Studien sind rar und die Studiendesigns zu heterogen (Moldovan, Rudolph und Luthardt 2016). Außerdem muss beachtet werden, dass die internationale Literatur sich vorwiegend auf gussklammerverankerten Zahnersatz bezieht, während Präzisionsattachments und die in Deutschland bevorzugten Teleskope nur wenig vertreten sind. Grundsätzlich ist es möglich, mit allen drei Varianten Zahnersatz mit ausreichender Funktion und Funktionsdauer zu realisieren. Man sollte dabei bei allen ästhetischen Nachteilen die gussklammerverankerte Prothese nicht aus dem Auge verlieren, die durchaus gute Langzeitergebnisse zeigen kann (Vanzeveren et al. 2003a, Vanzeveren et al. 2003b). Die Modellgussprothese wird in Deutschland wegen ästhetischer Einschränkungen und gefühlt unterdurchschnittlicher Funktionsdauern zunehmend als eher einfache Sozialvariante angesehen. Kürzere Standzeiten gegenüber anderen Therapiemitteln hängen aber sicher auch damit zusammen, dass diese Therapieform hierzulande meist bei ungünstigerer Pfeilerprognose eingesetzt wird und eine Vergleichbarkeit z. B. mit Teleskopen daher nicht gegeben ist.

Bei Teleskopprothesen sollte grundsätzlich zwischen „2-Teleskop-Versorgungen“ und Versorgungen mit Einbeziehung einer größeren Zahl von Restzähnen als Teleskoppfeiler unterschieden werden. Viele Vorteile der Teleskopversorgung, u. a. die günstige Erweiterbarkeit, relativieren sich bei nur zwei Teleskopen. An der Klinik des Autors wird die Indikation derartiger Versorgungen daher streng gestellt: Die Pfeiler sollten vital sein und der Knochenabbau unter 50 Prozent liegen. Es sollte eine größtmögliche Schonung der Zahnhartsubstanz bei der Präparation angestrebt werden, ggf. unter Inkaufnahme von Überkontur. Außerdem ist eine regelmäßige Prüfung der Unterfütterungsbedürftigkeit erforderlich. Die Annahme der günstigeren Prognose bei einer größeren Zahl von Teleskoppfeilern wird durch die Literatur gestützt (Wöstmann et al. 2007). Geschiebeprothesen spielen in Deutschland seit Einführung des Festzuschusssystems eine eher untergeordnete Rolle. Auch sie haben sich allerdings in der Versorgungsrealität durchaus bewährt (Walter et al. 2018).

Ein Vorteil von Modellguss- und von Geschiebeprothesen besonders in der Alterszahnmedizin ist es, dass der herausnehmbare Zahnersatz nicht zwingend getragen werden muss. Bei der Teleskopprothese ist ein Nichttragen aus ästhetischen und funktionellen Gründen praktisch nicht möglich. Dies kann durchaus beachtenswerte Nachteile haben, bei Pflegebedürftigkeit oder einfach, wenn Patienten mit dem Zahnersatz nicht mehr zurechtkommen. Bei der Diskussion der Differenzialindikationen soll auch das Argument ins Feld geführt werden, dass die parodontalhygienische Situation bei Teleskopprothesen nicht automatisch besser als bei Geschiebe- und Modellgussprothesen sein muss. Aus der Sicht des Autors ist eher das Gegenteil der Fall. Die Realität bei Teleskopen ist, dass zumeist eine subgingivale Kronenrandlage vorliegt, das Außenteleskop mindestens bis paragingival, wenn nicht leicht subgingival reicht und in diesem sensiblen Bereich mehrere Materialschichten übereinander liegen. Dies begünstigt eine erhöhte Plaqueretention. Die bessere Zugänglichkeit ist bei Teleskopen unter Umständen ein Vorteil. Wenn jedoch keine Putzschiene verwendet wird und der Patient noch zu einer guten Mundhygiene befähigt ist, erscheinen die anderen Varianten der Teilprothese günstiger, da die marginale Hygienesituation konstruktiv besser und außerdem eine Führung von Interdentalpflegemitteln gewährleistet ist.

Molarenersatz mit Implantaten. Bei Implantatversorgungen sollte sehr sorgfältig abgewogen werden, ob bis zum ersten oder zweiten Molaren ersetzt wird. Der Ersatz bis zum ersten Molaren ist bei vielen Patienten funktionell und ästhetisch völlig ausreichend. Die Zugänglichkeit für Hygienemaßnahmen ist beim zweiten Molaren häufig ungünstig. Weitere Probleme können das Nutzen-Risiko-Verhältnis negativ beeinflussen, wie z. B. Kreuzbisssituationen.

Fazit

- Eine allgemeingültige Aussage zur Behandlung der ersten Wahl ist nicht möglich.

- Die Entscheidung für oder gegen Molarenersatz ist immer individuell.

- Besteht Unsicherheit bezüglich des Nutzens verschiedener Therapieformen, sollte der weniger invasiven Behandlung der Vorzug gegeben werden.

- Das Konzept der verkürzten Zahnreihe kann zunehmend mit Evidenz belegt werden.

- Dieses Konzept ist ein problemorientierter Ansatz, der zu einem reduzierten Funktionsniveau führt.

- Besondere Bedeutung kommt Prämolaren- und Frontzahnokklusionen in der Alterszahnmedizin zu.

Das Literaturverzeichnis finden Sie hier als PDF zum Download oder kann beim IZZ bestellt werden unter Tel: 0711/222966-14, Fax: 0711/222966-21 oder E-Mail: info@zahnaerzteblatt.de.

Prof. Dr. Michael Walter, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus an der Technischen Universität Dresden

 

ZFZ Winter-Akademie

 

Die Qual der Wahl: Reparieren oder erneuern?

Ausgabe 3, 2018

Was tun mit einer defekten Restauration? Wann lohnt eine Reparatur und wie lange hält sie? Was ist ethisch und ästhetisch vertretbar und was will der Patient? „Es bedarf vieler Abwägungen und trotzdem ist es nicht leicht, die richtige Entscheidung zu treffen.“ ZFZ-Direktor Prof. Dr. Johannes Einwag sprach seinen Kollegen aus der Seele, als er zusammen mit dem ZFZ-Verwaltungsratsvorsitzenden Dr. Eberhard Montigel die 24. ZFZ-Winter-Akademie eröffnete. Fünf Referenten beleuchteten diese Qual der Wahl unter den Aspekten der Langzeitperspektive, der Effektivität und der Betriebswirtschaft mit der Erkenntnis: Einen Königsweg gibt es nicht.

Reparieren oder erneuern? Als Prof. Einwag eine Lösung für sein defektes Smartphone suchte, entschied er, das Entscheidungsdilemma zwischen Reparatur oder Neuanschaffung zum Tagungsthema der Winter-Akademie zu machen, die am 20. Januar in Stuttgart stattfand. Die Qual der Wahl begegnet uns im Alltag an allen Ecken, hat jedoch in der Zahnheilkunde eine deutlich höhere Tragweite: Die Entscheidung ist sehr individuell – um diese jedoch an der einen oder anderen Stelle für die rund 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu vereinfachen, stellten sich fünf Referenten aus Berufspraxis und Hochschule einen ganzen Tag lang der Frage, wann, inwiefern und ob eine Restaurationsreparatur lohnenswert ist. Eines vorweg: Die Referenten waren sich einig: Wenn es um die Frage „Reparatur oder Erneuerung“ geht, gibt es leider keine eindeutige Antwort.

Reparatur gleich Pfusch? Den Auftakt der Fortbildungsveranstaltung bildete Prof. Dr. Diana Wolff mit ihrem Vortrag „Füllungsreparatur – immer noch Pfusch?“. Gleich zu Beginn gab die Professorin für Zahnerhaltung am Universitätsklinikum Tübingen zu bedenken, dass die Diskrepanz zwischen Lehre und Praxis sehr groß sei: Während über 80 Prozent der Dental Schools weltweit das Thema Reparatur lehren, würden jedoch nur rund 30 Prozent der Restaurationen repariert. Neben dem Alter des Patienten seien unter anderem auch schlechte Erfahrungen, Amalgam, Karies, aber auch finanzielle Aspekte Gründe für eine komplette Erneuerung einer Restauration. Eine Reparatur könne aber durchaus in vielen Fällen angezeigt sein: beispielsweise bei größeren marginalen Randspalten, starker Randverfärbung, Sekundärkaries, Randfrakturen und Chipping, Abnutzung oder kleineren Höckerfrakturen. Für eine Reparatur spreche aber vor allem auch die Perspektive des Zahns, der durch eine neue Restauration einen Zahnhartsubstanzverlust erleide. Anhand unterschiedlicher Reparaturbeispiele zeigte Prof. Wolff, wie schnell und unproblematisch einem Patienten geholfen werden kann, ohne dass man hierbei von „Pfusch“ reden muss – und motivierte ihre Kollegenschaft damit zu mehr Reparaturen.

Wenn es an die Zahnwurzel geht, ist die Entscheidung zwischen Reparatur und Erneuerung noch schwieriger. Prof. Dr. Michael Hülsmann, Universität Göttingen, präsentierte in seinem Vortrag „Endo – Revision, Resektion oder Extraktion?“, welche unterschiedlichen Faktoren in der Endodontie bei der Therapieentscheidung eine Rolle spielen. Während bei insuffizienter WKB ohne iatrogene Veränderungen der WK-Morphologie recht eindeutig eine orthograde endodontische Revision und bei einer extraradikulären Infektion, echten Zysten oder Tumoren eine Extraktion angezeigt sei, stelle das Mittelfeld eine Grauzone dar. Wie soll man also bei allem, was dazwischen liegt, vorgehen? Er betonte, dass hier unbedingt von Fall zu Fall individuell entschieden werden müsse, dass eine Revisionsbehandlung jedoch eine rund 10-15 Prozent geringere Erfolgsquote als die Primärbehandlung verzeichne und diese bei bestimmten Indikationen nicht unternommen werden dürfe: zum Beispiel bei nicht ersichtlichen Ursachen des Misserfolges, wenn eine Verbesserung des Zustandes auf orthogradem Weg nicht zu erwarten sei, wenn der Patient die Behandlung ablehne, wenn die vermuteten Risiken größer als der potenzielle Nutzen seien, wenn der Zahn nicht restaurierbar sei oder eine Längsfraktur bestehe.

Eine Option könne auch die Wurzelspitzenresektion sein, so Prof. Hülsmann. Immer wieder betonte er: „Eine Extraktion sollte am Ende der Therapiekette stehen, ist jedoch manchmal sinnvoller als heldenhafte Versuche der Zahnerhaltung am völlig ungeeigneten Zahn.“

Langzeitperspektive. Horst Dieterich, Zahnarzt und Zahntechniker aus Winnenden, beleuchtete das Tagungsthema unter dem Aspekt der Zeit. Sein Vortrag „Mit Patienten alt werden…“ zeigte, wie man am besten mit alternden Restaurationen verfährt, die genau wie der gesamte orale Bereich „durch Abrasion, Trauma oder die Hand des Menschen schnell am Rande des Verfalls“ stünden. Laut seiner Erfahrung stehe die Frage bei seinen Patienten nach der Haltbarkeit einer Restauration an erster Stelle – noch vor dem Thema Ästhetik und den Kosten. Daher betonte er nicht nur die Notwendigkeit der Pflege des oralen Umfeldes, sondern demonstrierte auch Möglichkeiten der Reparatur aus seinem Praxisalltag. Ohne dabei das Thema „Haltbarkeit“ aus den Augen zu verlieren, präsentierte er Arbeitsbeispiele – von der Reparatur von Chipping, Keramikfrakturen, Teleskopversorgungen bis hin zu Implantatversorgungen. Darüber hinaus riet er zu einer professionellen Bilddatenbank und einem regelmäßigen Fotografieren der Patienten und des Zahnstatus.

Prof. Dr. Dr. Ralf Smeets, Geschäftsführender Oberarzt und Leiter der Forschung MKG des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, begeisterte das Publikum mit seinem motivierenden Vortrag „Auch Implantate altern“. „Keine Frage: Unsere Gesellschaft altert. Die Pflege von Implantaten trifft künftig jeden Zahnarzt irgendwann“, eröffnete Smeets seinen Vortrag. Logischerweise werde die Zahnärzteschaft künftig auch mit den höheren Gesundheitsrisiken einer alternden Gesellschaft konfrontiert: Multimorbidität, Diabetes, Osteoporose, Bruxismus, Tabakkonsum und Chemotherapien. In dieser Kombination berge der Erhalt und die Pflege von alternden Implantaten besonders viele Herausforderungen. Wie diese – vor allem unter dem Aspekt des Langzeiterfolges – zu meistern sind, beschrieb er anhand beispielhafter Vorgehensweisen bei unterschiedlichen Risikopatienten. In dem Zusammenhang regte er an, bei Implantaten zwingend auf Qualität zu setzen, da mögliche Abrasionen, die vor allem bei minderwertiger Qualität auftreten, zwangsläufig zu Problemen führen. Neben Titan sei unbedingt auch Zirkondioxid eine gute – wenn nicht sogar die bessere – Wahl. Abgesehen davon seien ebenso wichtig für den Langzeiterfolg eines Implantats: Patientenselektion, Defektauswahl, Breite des Interdentalraums und die Wahl der chirurgischen Technik.

Aufwand und Nutzen. Nicht nur die Frage nach der Erhaltung oder der Erneuerung ist für den Zahnarzt zu beantworten, sondern auch die Frage nach dem Kosten-Nutzen- Verhältnis für Reparatur und Neuanfertigung. Diesem Thema widmete sich Dr. Dr. Alexander Raff, stv. Vorsitzender des GOZ-Ausschusses der LZK BW, in seinem Vortrag „Abrechnung – Reparieren oder erneuern?“. Er verglich die Honorare zwischen Reparatur und Neuanfertigung, GOZ und BEMA. Um die Betriebswirtschaftlichkeit noch besser zu veranschaulichen, errechnete er den Zeitaufwand der einzelnen Positionen, der einem Behandler laut Verfügung gerechnet auf einen Stundenlohn von 240 Euro/Stunde zur Verfügung stehen würde. Bei einer Abrechnung nach der GOZ stehe hier weniger Zeit zur Verfügung als bei einer Abrechnung nach BEMA. Sein trauriges Fazit: Sowohl GOZ als auch BEMA motivieren nicht gerade zur Erhaltung. Erneuerung werde leider besser honoriert als Erhaltung. Kein Wunder also, dass Reparaturmaßnahmen im Durchschnitt weniger als 0,3 Prozent des zahnärztlichen Gesamthonorars ausmachen. Dennoch betonte er: Auch Erhalten kann betriebswirtschaftlich sein. „Wer bewusst erhalten will, muss sein Erhaltungs-Honorar auch nach § 2,1 und 2 GOZ vereinbaren“, so der Stuttgarter. Denn schließlich solle eine zahnärztliche Behandlung eine „Win-Win-Situation“ für Arzt und Patient sein.

hauf@lzk-bw.de