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Im Blick

Tötungsanstalt Grafeneck

 

Die Täter waren Ärzte

Ausgabe 3, 2018

Die folgenden Beiträge über die Rolle der baden-württembergischen Ärzteschaft im Nationalsozialismus erschienen im Ärzteblatt Baden- Württemberg. Das Zahnärzteblatt druckt in dieser Ausgabe die drei Beiträge von Dr. Oliver Erens nach. ZBW

Mit der Enthüllung einer Gedenktafel hat die sich baden- württembergische Ärzteschaft am 18. Januar 2018 vor den Opfern der Tötungsanstalt Grafeneck verneigt und zur Schuld der damaligen Ärzte an den dortigen Verbrechen bekannt.

In Grafeneck (bei Gomadingen im Landkreis Reutlingen) wurden während der nationalsozialistischen Krankenmorde – der sogenannten Aktion T4 – vom nationalsozialistischen Regime 1940 systematisch 10.654 Menschen ermordet. Die Opfer kamen aus 48 Einrichtungen für Behinderte und psychisch Kranke, vor allem aus Bayern, Baden und Württemberg, aber auch aus Hessen und dem heutigen Nordrhein-Westfalen.

Der schriftliche Befehl zum Kranken-Massenmord war äußerst perfide formuliert. Die Befugnisse der Ärzte wurden darin so erweitert, „dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustands der Gnadentod gewährt werden kann“. Klinikärzte wählten jene Menschen aus, die anschließend in grauen Bussen in die Vernichtungsanstalten gebracht wurden, um dort einen qualvollen Tod zu sterben.

In Grafeneck fand diese systematische Ermordung in einer als Duschraum getarnten Gaskammer statt. Der Anstaltsarzt öffnete eigenhändig den Gashahn und ließ Kohlenmonoxid unter Sicht in den Vergasungsraum einströmen, während die Opfer einen qualvollen Tod starben. Diese „rassenhygienischen“ Morde wurden von den Nazis euphemistisch auch als „Euthanasie“ bezeichnet. Sie stellten den Beginn industriell organisierter Massenmorde dar, bei denen später in Konzentrationslagern Zyklon B als todbringendes Gas eingesetzt wurde, das nach wenigen Atemzügen die Zellatmung zum Stillstand bringt.

Der 18. Januar 1940 ist ein historisches Datum, denn an jenem Tag wurde auf direkten Befehl Adolf Hitlers zum ersten Mal der Gashahn in Grafeneck geöffnet. Die Täter waren Ärzte. Der Vorstand der Landesärztekammer Baden- Württemberg versammelte sich daher im Gedenken an die Opfer zum Jahrestag in Grafeneck. Heute betreibt die Samariterstiftung an gleicher Stelle eine diakonische Einrichtung, und eine Gedenkstätte erinnert an die schrecklichen Ereignisse vor 78 Jahren.

Vor Ort mahnte Kammerpräsident Dr. Ulrich Clever die Ärzteschaft zur Erinnerung an die Taten der damaligen Ärzte und deren Opfer. Dass es 1940 Ärzte waren, die Leben nahmen, anstatt es gemäß beruflichem Eid und Ethos zu erhalten, machte die Anwesenden überaus betroffen. Nach Überzeugung von Dr. Clever helfe die aktive Auseinandersetzung mit der Rolle der Ärzteschaft im Nationalsozialismus dabei, die Sensibilität für aktuelle politische Fehlentwicklungen hinsichtlich des Wertes jedes menschlichen Lebens zu erhöhen. Nicht umsonst endet die Gedenktafel der Landesärztekammer Baden- Württemberg in Grafeneck mit den Worten: „Wir mahnen, niemals wieder menschliches Leben für unwert zu erachten.“

Dr. Oliver Erens

 

Historische Aufarbeitung: Rolle der Ärzteschaft damals und heute

 

„Euthanasie“-Verbrechen in Grafeneck

Ausgabe 3, 2018

Dass sich die baden-württembergische Ärzteschaft – vertreten durch ihren Vorstand – in Grafeneck öffentlich zur Schuld der Ärzte an den dortigen „Euthanasie“-Verbrechen bekannte, nötigte dem Reutlinger Landrat Thomas Reumann Respekt ab. Die am historischen Datum enthüllte Gedenktafel am Eingang des Dokumentationszentrums sei „in einer Zeit, in der Ressentiments leider wieder offen geäußert werden und unwidersprochen bleiben, ein starkes Signal“.

Landrat Reumann stellte den rund 45 Teilnehmern auch die eindrucksvolle und erfolgreiche Arbeit sowie die bisherigen Ergebnisse der Inklusionskonferenz in seinem Kreis vor. Dass er dies auf historischem Boden tat, wo 78 Jahre zuvor geistig Behinderte und psychisch Kranke ermordet worden waren, spitzte die Frage von Ärztinnen und Ärzten zu, warum ausgerechnet ihre damaligen Kollegen zu Tätern wurden und welche Lehren aus den Geschehnissen von 1940 (und auch danach) zu ziehen seien.

Ein Ansatz waren die Meldebögen, die die Klinikärzte seinerzeit auszufüllen hatten. Anhand weniger Kriterien sollten sie ihre Patienten vier Gruppen zuordnen. Allein die Zugehörigkeit zu einer davon, so Thomas Stöcke, Leiter der Gedenkstätte Grafeneck, habe den „Gnadentod“ legitimiert: Menschen mit der Diagnose einer psychischen Krankheit wie Schizophrenie oder Epilepsie seien der nationalsozialistischen Willkür ebenso ausgeliefert gewesen wie jene, die seit mindestens fünf Jahren in einer „Anstalt” untergebracht gewesen waren.

Plakate. Zudem habe die NSPropagandamaschine auf Plakaten gezielt jene Kranke als „nutzlose Esser“ geächtet, die nicht produktiv sein konnten. Sie lägen dem Staat und damit jedem einzelnen „Gesunden” nur auf der Tasche. Ob sich auch Ärzte davon überzeugen ließen? Ob sie die Befehle aus Angst vor Sanktionen erfüllten? War als Folge ihres gesellschaftlichen Ansehens weniger Widerstand zu erwarten, wenn sie an den Tötungen mitwirkten? Oder stellten sie, durchdrungen von der NS-Ideologie, den „gesunden Volkskörper“ über das Lebensrecht des Einzelnen?

Angesichts dieser Fragen und der nicht ungeschehen zu machenden Historie sei es gerade die Ärzteschaft, die rechtsgerichteten Meinungen offen entgegentreten müsse, so ein Resümee der Diskussion. Hervorgehoben wurde auch der aktuelle Bezug zu „Wert“ und „Würde“ von behinderten Menschen, beispielsweise vor dem Hintergrund von Präimplantationsdiagnostik und Schwangerschaftsabbrüchen. Der Ökonomisierung des Gesundheitswesens wurde eine klare Absage erteilt: Ärztinnen und Ärzte dürften niemals zu Diagnosen oder Interventionen verleitet werden, die ohne wirtschaftlichen Druck anders ausfielen.

Forschungsprojekt. Auf einen ganz anderen Aspekt machte Dr. Verena Wild-Barth aufmerksam: Das langjährige Mitglied der Vertreterversammlung der Landesärztekammer berichtete eindrucksvoll von Recherchen über den eigenen Onkel, der nachweislich mit 28 Jahren in Grafeneck ermordet worden war. Damit machte die Ärztin allen Anwesenden überdeutlich, dass die schrecklichen Geschehnisse des Jahres 1940 und die 10.654 Opfer der Tötungsanstalt Grafeneck weder räumlich noch zeitlich allzu weit vom hier und jetzt entfernt sind. Unter anderem auch deshalb wird die Landesärztekammer Baden-Württemberg ihr wissenschaftliches Forschungsprojekt zur Kammerhistorie zwischen 1920 und 1960 weiter voranbringen, so Kammerchef Dr. Clever.

Dr. Oliver Erens

 

Jagdschloss, Heim für Behinderte, Tötungsanstalt, Gedenkstätte

 

Grafenecks wechselhafte Geschichte

Ausgabe 3, 2018

Schloss Grafeneck war um 1560 als Jagdschloss von den Herzögen von Württemberg errichtet und in den Jahren 1762 bis 1772 zu einem barocken Schloss erweitert worden. 1928 kaufte die Samariterstifung das Schloss und richtete ein Heim für Behinderte ein.

In der Planungsphase der Aktion T4 schlug das Württembergische Innenministerium in Stuttgart, das eng mit der Berliner „T4-Dienststelle“ zusammenwirkte, das Samariterstift Grafeneck vor, da es einen Großteil der Voraussetzungen zum Umbau erfüllte. Die Wahl von Grafeneck als Standort für die erste Tötungsanstalt in Deutschland hatte mehrere Gründe: Das Schlossgelände lag abgeschieden im Wald und war leicht abzuschirmen, da es nur zwei Auffahrten gab. Außerdem diente das Schloss als Verwaltungsgebäude für das Personal, da es Räume zur Arbeit und Unterbringung bot.

Im Oktober 1939 wurde das Schloss daher „für Zwecke des Reiches“ offiziell beschlagnahmt und bis Januar 1940 zielgerichtet in eine Mordanstalt verwandelt: Im Schlossgebäude wurden Wohn- und Verwaltungsräume, ein Standesamt sowie ein Polizeibüro eingerichtet. Auf dem Schlossgelände wurden eine Holzbaracke mit etwa 100 Betten, ein Stellplatz für die grauen Busse, ein Krematoriumsofen und ein Vergasungsschuppen erbaut. Außerdem wurde Personal aus Stuttgart und Berlin rekrutiert: Ärzte, Polizeibeamte, Büroangestellte, Pflege- und Transportpersonal, Wirtschafts- und Hauspersonal sowie Wachmannschaften und Leichenbrenner.

Gedenkstätte. Fünfzig Jahre nach den Morden entstand 1990 die Gedenkstätte Grafeneck als offene Kapelle. Eine Natursteinmauer führt zur Gedenkstätte hin; ein Riss in der Rückwand drückt den Schmerz über das unmenschliche Geschehen aus. Davor ein Altar aus blauem Granit, an seinem Sockel angedeutet: verkrampfte, suchende, stützende Hände. Im Altar eingemeißelt ein schlichtes Kreuz. Die stählernen Träger des Daches erinnern an die Dornenkrone. Das Dach bildet ein Fünfeck. „Du sollst nicht töten.“ (5. Gebot). Von der Gedenkstätte geht der Blick auf die Wiese, wo 1940 das Todesareal war und hinüber zum Kreuz auf dem Friedhof von Grafeneck.

Eine in die Erde eingelassene steinerne Schwelle am Zugang zur Gedenkstätte nennt die Namen der über vierzig baden-wür t tembergischen und bayerischen Einrichtungen und Heime, aus denen Menschen zur Tötung nach Grafeneck gebracht wurden. Ein Gedenkbuch bewahrt, bis heute fortgeschrieben, die Namen von Opfern des Massenmordes.

Nahezu 30.000 Besucher kommen jedes Jahr an die Gedenkstätte; immer wieder sind auch Angehörige der Opfer darunter, mit deren Hilfe die Namensliste bis heute weiter vervollständigt werden kann. Im Jahr 2005 entstand nach zweijähriger Bauzeit das Dokumentationszentrum Gedenkstätte Grafeneck. Als Ort der Information bildet es eine Ergänzung zur Gedenkkapelle.

Es ist die Gleichzeitigkeit von zentraler Gedenkstätte für die Opfer der NS-„Euthanasie“ in Baden- Württemberg und die Existenz des Samariterstifts als einer modernen Einrichtung der Behindertenhilfe und Sozialpsychiatrie, die die Singularität dieses Ortes nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart ausmacht.

Dr. Oliver Erens